Der Puls Baden-Württembergs während Corona

Gastautor Portrait

Dr. Christoph Müller

Vorsitzender der Geschäftsführung Netze BW

Dr. Christoph Müller ist seit 2013 in der Geschäftsführung der Netze BW GmbH, seit 2015 als ihr Vorsitzender. Seit 2000 war er in diversen Positionen bei der EnBW beschäftigt, zuletzt als Geschäftsführer der EnBW Trading GmbH für Finanzen und Risikomanagement. Begonnen hat er sein Berufsleben 1997 bei PowerGen plc (heute E.ON UK). Nach einem Studium der Volkswirtschaftslehre an der WWU in Münster und einem MBA an der Warwick Business School promovierte er in Wirtschaftswissenschaften an der WWU Münster. Müller bekleidet außerdem Mandate in diversen Aufsichtsgremien.

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04. Juni 2020

Ein interessanter Punkt am Beginn der Corona-Krise für mich war der Umstand, wie gut man die Entwicklungen in Deutschland und speziell in Baden-Württemberg in der Stromnachfrage ablesen konnte. Die Stromnachfrage ist gewissermaßen der Puls eines Landes. Das Funktionieren der Stromversorgung ist zentral für unsere Volkswirtschaft, aber als Kaufmann eines Unternehmens gesprochen, das in der Stromlogistik tätig ist: Das Funktionieren der Volkswirtschaft ist auch zentral für den Absatz unseres Produktes Strom – das führt uns die Corona-Krise sehr deutlich vor Augen.

Der Lockdown und die Stromnachfrage

Mit der Schließung von Schulen, Kindergärten, Geschäften, Restaurants etc. ging ein deutlicher Rückgang der Stromnachfrage einher. Im Vergleich zu einem Durchschnitt des täglichen Stromverbrauchs der vergangenen drei Jahre sank der Stromverbrauch auf fast 80 % des so bestimmten Normalwertes ab (kleiner Hinweis: alle Ausführungen, Daten und Grafiken beziehen sich auf das Netzgebiet der Netze BW GmbH).

Besonders dramatisch war dabei der Einbruch bei den Kunden, deren Verbrauch so groß ist, dass sie direkt an die Hochspannung angeschlossen sind – der Großindustrie. Dieser ging nicht so abrupt wie der allgemeine Stromverbrauch zurück, der ja schon mit Beginn der Kalenderwoche 12 nicht mehr das Niveau der Woche davor hatte, fiel aber doch bis Ende März auf gut 50 % des normalen Niveaus der Vorjahre bzw. des Vormonats.

Auch wenn der Vergleich mit den Vorjahren in der Frühjahrssaison mit all den Feiertagen und entsprechenden Drei- und Viertagewochen schwierig ist – da werden auch die ein oder anderen Werkferien in den Vorjahren dabei gewesen sein –: Das Bild des im Niveau eine Etage tiefer verlaufenden Stromverbrauchs setzte sich dann den ganzen April hindurch fort. Erst mit Beginn des Mais und der langsamen Lockerungen der Corona-Maßnahmen kam auch der Stromverbrauch etwas zurück.

Aber noch immer ist die Stromnachfrage spürbar niedriger als das, was wir für diese Jahreszeit normalerweise erwarten würden – Schulen, Hotels und Gaststätten sind ja immer noch (teilweise) geschlossen oder nur eingeschränkt geöffnet. Die Großindustrie ist seit Anfang Mai wieder näher an ihren normalen Tagesverbrauch herangekommen, hat diesen aber noch nicht wieder erreicht. Wer die weiteren Entwicklungen mitverfolgen möchte, kann dies ganz einfach tun: Auf Twitter veröffentlichen wir in unserem Account @NetzeBW arbeitstäglich unter #PulsBaWü den Stromverbrauch des Vortages und aktualisieren auch die Grafiken dieses Artikels.

Während der Stromverbrauch von Industrie und Gewerbe zurückging, ist der Stromverbrauch der privaten Haushalte gestiegen – modernes Leben bringt offenkundig Stromverbrauch mit sich. Und wenn wir nicht mehr acht Stunden am Tag im Büro arbeiten, sondern zuhause, dann verlagert sich auch der Stromverbrauch. Exemplarisch hier einmal die Verbrauchsdaten eines kleinen Netzabschnitts, in dem ca. 50 Haushalte angeschlossen sind. Diese kommen aus einem Modellprojekt in Oberschwaben, in dem wir gerade unabhängig von Corona mit fernauslesbaren Lastgangzählern alle Ortsnetzstränge messen, die von rund fünfzig Umspannstationen ausgehen.

Wenn man sich die Verläufe ansieht, stellt man fest, dass ein „Corona-Wochentag“ in seinem Verlauf einem „normalen“ Sonntag ähnlicher ist als einem „normalen“ Wochentag. Charakteristisch für einen Sonntag ist der „Doppelhöcker“ mit der Mittags- und der Abendspitze. In normalen Zeiten, zu denen zumindest morgens die meisten Menschen bei der Arbeit oder in der Schule sind, steigt der Stromverbrauch erst nachmittags wieder zur Abendspitze an. Jetzt, wenn alle in Homeoffice, Homeschooling usw. sind, wird auch mittags gekocht. Wobei auch der Corona-Sonntag über einem normalen Sonntag lag: Selbst der kälteste Sonntag vor der Corona-Krise (19. Januar) hatte einen geringeren Tagesstromverbrauch. „#StayHome“ galt eben auch am Wochenende, wir waren alle zuhause und verbrauchten da unseren Strom.

Die Folgen von Corona für die Stromwirtschaft – ein Blick nach vorn

Operativ haben die Stromversorger die Corona-Krise im Griff. Die Stromversorgung ist sicher.

Dr. Christoph Müller

Der geringere Stromverbrauch wird uns noch eine Weile beschäftigen. Allgemein wird von einer Wirtschaftskrise ausgegangen, deren Einschätzung immer epochalere Züge annimmt – der letzte Superlativ, den ich diesbezüglich gelesen habe, war, dass es die schwerste Krise seit Gründung der Bank of England werden wird. Damit muss erwartet werden, dass der Stromverbrauch auch nach vollständiger Aufhebung aller Corona-Einschränkungen nicht so schnell wieder das Vorjahresniveau erreichen wird.

Das hat Folgen, nicht nur für die Stromversorger, sondern auch für die Stromkunden. Wesentliche Teile der Stromrechnung bestehen nämlich aus Fixkostenumlagen. Die Kosten für die Netzinfrastruktur verändern sich zum überwiegenden Teil nicht mit der Strommenge, die über diese Infrastruktur fließt. Der hierfür erlaubte Kostenblock, die sogenannte „Erlösobergrenze“, wird von der Bundesnetzagentur für jeden Netzbetreiber für fünf Jahre festgelegt, die aktuelle Festlegung gilt noch bis 2023. Sinkt die Menge, steigt zwangsläufig das Netzentgelt pro Kilowattstunde.

Ein doppelter Effekt ergibt sich bei der EEG-Umlage. Diese ist die Differenz zwischen den an die EEG-Anlagenbetreiber ausgezahlten Fördersätzen einerseits und dem Vermarktungserlös für diesen EEG-Strom an den Großhandelsmärkten andererseits – eine Summe, die für 2020 auf ca. 24 Mrd. € geschätzt worden ist und die auf alle Endkunden umgelegt wird. Bereits ein sinkender Endkundenabsatz erhöht die spezifische Umlage. Mit der zurückgehenden Stromnachfrage sind aber auch die Marktpreise eingebrochen, was zum einen eine Nachholung für die Mindererlöse im Jahr 2020 notwendig macht – die 24 Mrd. € – werden nicht ausreichen. Und auch bei der Schätzung der Vermarktungserlöse für 2021 wird man die gesunkenen Marktpreise berücksichtigen müssen.

Auf der Vertriebsseite bedeuten die zurückgehenden Stromabsatzmengen vielfältige wirtschaftliche Probleme. In der Regel decken die Stromversorger ihre Absatzmenge vorab ein – damit stehen jetzt teuer beschaffte Mengen in den Büchern, die man nun abverkaufen muss (da Strom nicht speicherbar ist, kann man sie nicht ins Regal stellen). Erst teuer einkaufen und jetzt billig (not-)verkaufen tut weh. Auch die Zahlungsausfälle der Kunden schlagen hier zu – nicht nur wegen des eigentlichen Zahlungsausfalls. Denn die Steuern und Abgaben des nicht-bezahlten Stromverbrauchs sind trotzdem zu entrichten und bleiben am Stromlieferanten hängen.

Operativ haben die Stromversorger die Corona-Krise im Griff. Die Stromversorgung ist sicher. Wirtschaftlich wird die Krise die Branche hingegen noch ordentlich beschäftigen. Für den Stromkunden bedeutet das, nicht auf sinkende Strompreise zu hoffen (es sei denn, es gibt hier einen maßgeblichen politischen Eingriff wie die (Teil-)Überführung der EEG-Finanzierung in den Bundeshaushalt) und ein Auge auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit seines Stromversorgers zu haben. Sollte der nämlich pleitegehen, zahlt man als Kunde ggf. ein oder zwei Monate seine Stromrechnung doppelt.

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