Amandla! Energiewende in Afrika gestalten

Gastautor Portrait

Dr. Franziska Müller

Politikwissenschaftlerin an der Universität Kassel

Dr. Franziska Müller ist Politikwissenschaftlerin an der Universität Kassel und forscht zu Theorien Internationaler Beziehungen, globaler Umweltgovernance, Entwicklungspolitik und postkolonialen Studien. Mit der Nachwuchsgruppe "GLOCALPOWER – funds, tools, and networks for an African energy transition" untersucht sie Governance und politische Ökonomie von Energietransitionen im südlichen Afrika.

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25. Mai 2018

Das Pariser Abkommen und die Sustainable Development Goals haben klimapolitische Geschichte geschrieben. Eine schnelle Transformation der Energiesysteme – speziell im südlichen Afrika – ist auf der Agenda weit oben angesiedelt. Die Begrenzung auf einen Temperaturanstieg unter 2°C avanciert damit zu einem Investitionssignal für Erneuerbare Energien, mit dem die klimapolitische Kluft zwischen Nord- und Südakteuren überwunden werden kann. Für das SDG7 – verlässlichen Zugang zu sauberer Energie – sind allein 308 – 333 Mrd. US$ veranschlagt, die bis 2030 von öffentlichen und privaten Gebern erbracht werden sollen.

620 Millionen Menschen ohne Zugang zum Stromnetz

Dies erscheint dringend notwendig, denn in 37 Staaten Subsahara-Afrikas liegt die Elektrifizierungsrate bislang unter 50%. 620 Millionen Menschen haben keinen gesicherten Zugang zu sauberer Energie und nutzen Energieträger wie Holzkohle und traditionelle Biomasse. Beim Heizen oder Kochen auf Holzkohlebasis werden jedoch lungenschädliche Emissionen freigesetzt, an denen pro Jahr weitaus mehr Menschen sterben, als an Malaria, Aids und Tuberkulose. Gleichzeitig sind viele afrikanische Staaten aber auch durch rasches Wirtschaftswachstum und steigende Konsumbedürfnisse geprägt. Dies wiederum wirkt sich auf den Energiebedarf aus, den der Kraftwerksbestand oft nicht sichern kann. Erneuerbare Energien könnten diese Versorgungslücken decken und zu Energieunabhängigkeit beitragen. Zudem besteht die einmalige Chance, Fehler des globalen Nordens zu vermeiden: Nicht auf ein fossilistisches Wirtschaftsmodell zu setzen, sondern von einem traditionellen Energiemix aus direkt den Sprung zu einem Energiemix aus Sonne, Wind, kleinteiliger Wasserkraft und nachwachsender Biomasse zu bewältigen.

Tatsächlich hat sich seit 2005 die Zahl der Länder im globalen Süden mit Energiewendepolitiken mehr als versechsfacht, und eine Vielzahl grüner Fonds finanziert global-lokale Transitionsvorhaben. Die Mehrzahl der Staaten – so eine aktuelle Studie der Kasseler Forschungsgruppe GLOCALPOWER – hat einen staatszentrierten Policy-Mix gewählt, der sich durch Subventionen, Steuererleichterungen, öffentliche Förderung und infrastrukturellen Ausbau auszeichnet. Zusehends vertrauen Staaten wie Kenia, Uganda oder Rwanda aber auf Marktkräfte und ersetzen Energieeinspeisetarife durch Auktionsinstrumente. Vorbild dafür ist Südafrika, dessen Auktionsinstrument REIPPPP (Renewable Energy Independent Power Producers Procurement Programme) seit 2011 rund hundert Solar- und Windenergieprojekte verwirklichen und insgesamt 6.3 GW in das nationale Energienetz einspeisen konnte. Die durch REIPPPP geförderten Projekte qualifizieren sich nicht nur durch Kosteneffizienz, sondern auch durch sozio-ökonomische Kriterien: Einstellung schwarzen Personals auf allen Managementebenen, Beteiligung kommunaler Akteure, Umsetzung von Sozial- oder Bildungsprojekten am Standort der Anlagen.

Die Beteiligung lokaler Akteure als Herausforderung der Energiewende in Afrika

Die Transformationsprozesse hin zu einer „Green Economy“ sind oft geprägt durch das wachsende Interesse transnationaler Unternehmen und Risikokapitalgeber Energiemärkte in Subsahara-Afrika zu erschließen. Länder im „globalen Süden“ firmieren dabei gleichermaßen als lokale Partner, wie als Ressourcenraum für eine grüne Transformation, bei der entwicklungspolitische und energiewirtschaftliche Logiken und Konzepte aufeinandertreffen. In Ländern wie Kenia, Rwanda oder Südafrika bilden sich lokale Transformationsnetzwerke heraus, in denen Entwicklungsbanken, Investoren, EZ-Agenturen und politische Institutionen Energietransitionen vorantreiben. Ein grüner Energiemix bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Energiearmut wirksam bekämpft wird, dass ein Technologie- und Wissenstransfer stattfindet und dass lokale Akteure z.B. als Shareholder partizipieren können.

Das Beispiel Südafrikas verdeutlicht diese Ambivalenz: REIPPPP kann eine beeindruckende Erfolgsgeschichte vorweisen. Allerdings sind etwa zwei Drittel der Projekte stark durch transnationale Kapitalflüsse geprägt und der Grad lokaler Anteilseigner bewegt sich im Bereich der Minimalanforderungen. Ein Drittel der Projekte verfügt dagegen über einen hohen Grad lokaler Anteilseigner (zwischen 20 und 50%), wird wesentlich durch südafrikanische Banken kreditfinanziert und gleicht energiegenossenschaftlichen Modellen. Der Blick auf die Projektverteilung im Land zeigt zudem, dass aufgrund geophysikalischer Vorzüge die Regionen Western, Northern und Eastern Cape profitieren, während die ärmeren Provinzen KwaZulu-Natal und Mpumalanga nur wenige Solar- und Windkraftwerke aufweisen.

Seit 2011 läuft REIPPPP (Renewable Energy Independent Power Producers Procurement Programme) in Südafrika

Afrikanische Energiewende - hier das Programm aus Südafrika

Die Zahl der Best-practice-Beispiele für eine Energiewende, die ankommt, wächst

Damit bestehen Herausforderungen für eine wirksame und faire Energietransition: Zivilgesellschaftliche Akteure sehen sich nicht adäquat in Transitionsnetzwerke eingebunden und ihre Partizipation ist eingeschränkt. Jenseits einiger „green aid darlings“ bleibt es für viele afrikanische Staaten schwierig, Finanzierungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Wenn sich Politikinstrumente stark an Investoreninteressen orientieren, drohen das demokratisierende Potential Erneuerbarer Energien und die Bekämpfung von Energiearmut übersehen zu werden. Die Folge sind dann Landkonflikte, mangelnder Technologietransfer oder ein Verlust politischer agency.

Damit eine Energietransition möglichst breite Bevölkerungsschichten adressiert und Energiearmut wirksam bekämpfen kann, ist es daher wichtig, Ownership in den Mittelpunkt zu stellen und auch die sozial- und arbeitsmarktpolitischen Aspekte von Energietransitionen zu berücksichtigen. Das zeigen abschließend einige Best-practice-Beispiele: So ermittelt das südafrikanische Green Skills-Programm, wie innerhalb einer extrem fossilistischen Ökonomie Produktionsketten und die mit ihnen verknüpften beruflichen Tätigkeiten im Zuge einer Dekarbonisierung verändert werden können. Das Renewable Energy Festival in Kapstadt ermöglicht eine „Energietransition zum Anfassen“, indem in Workshops kleine Solar- oder Windkraftanlagen selbst gebaut werden. Die ghanaische NGO Abantu qualifiziert gezielt Frauen als Energieingenieurinnen, und die britische NGO Practical Action führt Konsumentenstudien durch: Für eine Energiewende, die ankommt.

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