(K)eine Energiezukunft ohne Bürger:innen?

Gastautor Portrait

Leon Trippel

Co-Founder & Head of Marketing, CoBenefit

Leon Trippel ist Mitgründer von CoBenefit und verantwortet das Business Development und das Marketing des Start-ups. Über mehrere Jahre hat er zusammen mit einer Bürgerenergiegenossenschaften und einem Kommunalverbund an der Energiewende gearbeitet. Während seinem Studium der Wirtschaftsethik und Kulturwissenschaften hat er sich darüber hinaus mit der Akzeptanz von Technologien sowie dem verantwortungsvollen Umgang mit Daten und digitalen Geschäftsmodellen beschäftigt. Kanäle: https://www.linkedin.com/company/cobenefit, https://www.facebook.com/WeCoBenefit, https://www.instagram.com/wecobenefit

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11. Oktober 2021

Die neue Klimaschutzgesetzgebung der Bundesregierung formuliert eine Zielvorstellung für die Infrastruktur der Zukunft: sie soll klimaneutral werden. Doch wie sieht diese Infrastruktur aus? Werden wir bereit sein, die notwenigen Maßnahmen zu ergreifen und werden Bürger:innen diese akzeptieren, kritisch betrachten oder gar ablehnen? In jedem Fall stehen wir einer Transformation gegenüber, die nicht ohne die Beteiligung von Bürger:innen vonstattengehen kann.

Wasserstoff als Allheilmittel?

Ein auf Wasserstoff basierendes Versorgungskonzept wäre erneut stark zentralisiert, was einen Rückschritt zu den Bemühungen der letzten Jahre darstellen würde [...]

Leon Trippel

Mit der Wasserstoffoffensive der Bundesregierung erscheint es beinahe so, als wäre die Universallösung für die Energiewende gefunden worden. Wasserstoff zu erzeugen und gefahrlos zu speichern ist jedoch sehr energieintensiv. Die Elektrolyse von Wasserstoff bietet darüber hinaus kaum Innovationspotenzial, weil sich der chemische Prozess nur sehr beschränkt optimieren lässt. Wasserstoff ist und bleibt ein anspruchsvoller Energieträger. Für die Stabilität einer erneuerbaren Energieversorgung wird dieser von zentraler Bedeutung sein, aber voraussichtlich weniger im privaten Bereich. Ebenso wie Biomethan benötigen wir diesen für industrielle Prozesse, in denen Temperaturniveaus erforderlich sind, welche mit elektrischen Wärmepumpen nicht zu erreichen sind. Um mittelfristig die Klimaschutzziele der Bundesregierung zu erreichen, ist es daher wenig sinnvoll bei Versorgungskonzepten und der Infrastrukturplanung primär auf Wasserstoff zu setzen. Vielmehr wäre es an der Zeit, zunächst die bestehende Infrastruktur zu nutzen und verfügbare Technologien in die Breite zu tragen, um zeitnah eine Einsparung von Treibhausgasemissionen zu realisieren.

Ein auf Wasserstoff basierendes Versorgungskonzept wäre erneut stark zentralisiert, was einen Rückschritt zu den Bemühungen der letzten Jahre darstellen würde, die Energieversorgung dezentraler zu gestalten. Selbstverständlich ist auch der Weg zur dezentralen Energieversorgung mit Erneuerbaren Energien noch ein weiter. Für dezentrale Versorgungskonzepte bedarf es dafür einer erhöhten Automatisierung und Flexibilität der Energieinfrastruktur. Wirklich smarte Netze sind in der Praxis aber bisher noch selten zu finden. Viele Potenziale sowohl auf Seiten der Erzeuger und als auch der Verbraucher bleiben ungenutzt. Synergien durch eine regionale Abstimmung von Erzeugern und Verbrauchern mittels digitaler Technologien werden oftmals nur in Pilotprojekten genutzt. Ohne einen höheren Flexibilitätsgrad im Stromnetz wird es jedoch kaum möglich sein, Deutschland komplett mit Erneuerbaren Energien zu versorgen.

Doch was bedeutet der etwas abstrakte Begriff der Flexibilität für Bürger:innen? Ganz konkret müssen sich Bürger:innen an neue Verhaltensmuster gewöhnen. Zwar können viele Optimierungspotenziale in öffentlichen und kommerziellen Gebäude genutzt werden, ohne dass es einer aktiven Beteiligung von Bürger:innen bedarf. Auf Ebene von Wohngebäuden greift die Transformation jedoch zu weiten Teilen in den Alltag von Bürger:innen ein. Eine steigende Flexibilität von Haushaltsgeräten, Heizungsanlagen oder Elektrofahrzeugen bedeuten für Nutzer:innen gleichzeitig mehr Komplexität im Alltag. Dies kostet psychische Ressourcen. Auch die Umstellung von der Individualmobilität auf öffentliche und geteilte Verkehrskonzepte sorgt bei Bürger:innen für Komplexität und Unsicherheiten. Es gilt daher Bürger:innen bei Transformationsprozessen zu begleiten und diese aktiv miteinzubeziehen, um Vertrauen zu fördern.

Vertrauensförderung statt Fachsimpelei

Vertrauen spielt eine essenzielle Rolle, wenn es um die Akzeptanz neuer Technologien geht. Wie der Smart Meter Rollout in Deutschland gezeigt hat, kommt es weniger auf die technischen Spezifikationen als auch die Aufklärung und die Beteiligung von Bürger:innen an. Die Adaption neuer Technologien findet schließlich im Alltag und nicht auf dem Reißbrett statt. Während Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes zweifelsohne einen hohen Stellenwert besitzen sollten, ist ein auf Details zugespitzter Diskurs wenig zugänglich. Energiewende und Klimaschutz sind gesellschaftliche Transformationsprojekte und so sollten diese auch kommuniziert werden. Technische Detail können von Expert:innen und Watch Dogs diskutiert werden, die sich als fachkundige Bürger:innen in Fachdiskurse einbringen und sich für die Interessen der Zivilgesellschaft einsetzen. Ein solcher Austausch auf Fachebene ist jedoch von der Kommunikation mit der breiten Bevölkerung zu unterscheiden, da diese in der Breite meist nicht über die notwendigen Fachkenntnisse verfügen.

Für Bürger:innen geht es im Kern um den soziologischen Nutzen und das Vertrauen in die jeweilige Lösung sowie den Anbieter oder Vermittler der Lösungen. Hierbei handelt es nicht um einen reinen finanziellen Vorteil, sondern um einen wahrgenommenen Vorteil, der beispielweise im Alltag auftreten kann. Gleichzeitig kann aber auch ein nachhaltigerer Lebensstil im Zuge der Adaption als Vorteil wahrgenommen werden. Wenn Bürger:innen Verhaltensmuster ändern sollen, geht es daher auch darum, diese emotional abzuholen und deren Motivation aufzugreifen. Energiewende und Klimaschutz sind dabei große Handlungsmotive, die sich gezielt ansprechen lassen, um Bürger:innen zu mobilisieren. Technische Details hingegen wecken primär die Aufmerksamkeit einer Gruppe technikinteressierter Bürger:innen.

Digitale Tools für Energiewende und Kilmaschutz

Auf unserer digitalen Plattform versammeln wir Bürger:innen in lokalen Initiativen und erleichtern ihnen die Investitionen in nachhaltige Lösungen.

Leon Trippel

Um die Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen, bedarf es regionaler Energiegemeinschaften, die von lokalen Institutionen unterstützt werden, und digitaler Tools, welche die Koordinierung der verschiedenen Ebenen vereinfachen. Mit CoBenefit wollen wir unter anderem Kommunen, Energie- und Klimaschutzagenturen oder Bürgerinitiativen die Möglichkeit geben, die lokale Bevölkerung über bestehende Kanäle zu mobilisieren. Auf unserer digitalen Plattform versammeln wir Bürger:innen in lokalen Initiativen und erleichtern ihnen die Investitionen in nachhaltige Lösungen. Dabei konzentrieren wir uns auf den Energie-, Gebäude- und Mobilitätssektor. Im Rahmen einer Initiative versuchen wir die Komplexität nachhaltiger Lösungen weitestgehend zu reduzieren und nutzen psychologische Anreize sowie finanzielle Vorteile, um die Motivation von Bürger:innen gezielt anzusprechen. Durch die Mobilisierung von Bürger:innen für Klimaschutzmaßnahmen in Wohngebäuden und alternative Mobilitätskonzepte bringen wir die Transformation der Energieinfrastruktur aus der breiten Bevölkerung heraus voran.

Unsere Dienstleistung lässt sich als Platform as a Service(PaaS) bezeichnen und konzentriert sich auf die digitale Aggregation der Nachfrage für nachhaltige Lösungen. Wir bringen Bürger:innen auf unserer Plattform zusammen, indem wir gezielt mit Organisatoren vor Ort zusammenarbeiten, die als Vertrauensgeber für die Initiativen auftreten. Da Bürger:innen sehen können, wer sich an einer Initiative beteiligt, schaffen wir zusätzlich ein Gemeinschaftsgefühl. Durch die zeitliche Begrenzung der Initiativen setzen wir Anreize, auch Freunden, Bekannte sowie Nachbarn zu motivieren und nutzen Netzwerkeffekte. Außerdem schaffen wir durch visuelle Elemente aus dem Crowdfunding Transparenz über den aktuellen Stand der Initiativen. Um den Zeitaufwand für die Informationsbeschaffung weiter zu reduzieren, kooperieren wir mit Herstellern, Installationspartnern sowie Banken und Versicherungen. Wir bieten Bürger:innen somit langfristig einen One-Stop-Shop für nachhaltige Lösungen. Dabei finanzieren wir uns durch die Vermittlung von Kund:innen an unsere Partnerunternehmen. Für die Organisatoren ist unsere Plattform daher kostenlos. So kann jede Stadt oder Region, unabhängig von Größe und Budget, erfolgreich Klimaschutzinitiativen realisieren.

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