Die Energiewende schafft Versorgungssicherheit

Gastautor Portrait

Juliane Petrich

Politik und Nachhaltigkeit, TÜV-Verband

Juliane Petrich verantwortet beim TÜV-Verband die politische Kommunikation und Nachhaltigkeitsthemen. Zuvor war sie knapp 4 Jahre beim Digitalverband Bitkom beschäftigt, zuletzt als Leiterin für den Bereich Bildung. Vor ihrer Zeit beim Bitkom war Juliane Petrich unter anderem für die Allianz, Lufthansa, Intershop Communications und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung tätig. Sie studierte Kommunikationswissenschaften (M.A.) mit Schwerpunkt politische Kommunikation.

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07. Juni 2022

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist heute nicht mehr nur eine klimapolitische Aufgabe. Durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine rückt auch die Frage der nationalen und europäischen Sicherheit in den Fokus. Deutschland und Europa müssen sich von einseitigen Abhängigkeiten befreien und die Energieversorgung auf robuste Säulen stellen. Der Import von russischem Öl und Gas kann keine Dauerlösung mehr sein. Weg von den Fossilen, hin zu den Erneuerbaren muss das neue Credo sein. Wind- und Sonnenenergie sind der Treibstoff für die ökologische Transformation, indem sie den Energiebedarf für die Erzeugung von Strom und Wärme im Verkehr, in der Industrie oder in privaten Haushalten klimaneutral decken. Notwendig sind dafür neben neuen Windrädern und Solarflächen zusätzliche Energiespeicher und intelligente Netze für die Verteilung der Energie.

Allerdings ist auch bei den Erneuerbaren Energien die Gefahr von Abhängigkeiten groß. Während Deutschland bei Erdgas vor dem Ukraine Krieg zu 55 Prozent von Russland abhängig war, liegt die Abhängigkeit von China bei der Produktion und Lieferung von Solarzellen bei 95 Prozent. Auch bei der Windkraft sieht es ähnlich aus: Hier sind seit der Hochphase im Jahr 2016 mehr als 60.000 Arbeitsplätze abgebaut worden – von 163.000 im Jahr 2016 auf rund 100.000 heute. Im globalen Wettbewerb wurden deutsche und europäische Hersteller längst von China überholt.

Erfolgsfaktoren: Kompetenz in der Produktion - Akzeptanz bei der Bevölkerung

Neben Kompetenzen braucht es Vertrauen und Akzeptanz, daran leidet aktuell vor allem die Windenergie.

Juliane Petrich

Ob es gelingt, diese Technologien künftig wieder verstärkt im eigenen Land bzw. Europa zu produzieren, sich also von riskanten Lieferketten unabhängig zu machen, ist auch eine Frage von Know-how. Notwendig sind dafür qualifizierte Fachkräfte. Das politische Hin und Her beim Ausbau der Erneuerbaren in den vergangenen Jahren, Meldungen von Werksschließungen und Konkursen schreckt junge und berufserfahrene Menschen ab, in diese Branchen einzusteigen. Der schnelle Ausbau ist zwar beschlossen, muss jetzt aber auch konsequent durchgezogen werden. Zudem muss die berufliche und universitäre Ausbildung im Bereich der Erneuerbaren Energien gestärkt und in die berufsbegleitende Weiterbildung investiert werden.

Neben Kompetenzen braucht es Vertrauen und Akzeptanz, daran leidet aktuell vor allem die Windenergie. Für eine breitere Akzeptanz der Windenergie in der Bevölkerung müssen Sicherheitsaspekte bestehender und neuer Anlagen noch stärker berücksichtigt werden – gerade vor dem Hintergrund beschleunigter Planungs- und Genehmigungsverfahren. Und die notwendige Aufhebung von Abstandsregelungen wirft ebenfalls Sicherheitsfragen auf. Immer wieder kommt es zu schweren Windrad-Havarien mit Bränden, abstürzenden Rotorblättern oder abknickenden Türmen. Das ist hochproblematisch, wenn man Windräder näher an Wohnhäuser und Menschen heranbauen will und muss. Es ist deshalb entscheidend, dass das Sicherheitsniveau noch höher ist als bisher. Bundesweit einheitliche Regeln für unabhängige Prüfungen von Windenergieanlagen, kürzere Prüfintervalle und eine Neubewertung der Prüfpunkte sind erforderlich, um für Sicherheit zu sorgen und damit langfristig Vertrauen und Akzeptanz zu sichern.

Sicherheit als Fundament für das Vertrauen in Wasserstoff

Die Transformation Deutschlands in Richtung Klimaneutralität macht uns unabhängiger und widerstandsfähiger.

Juliane Petrich

Sicherheit muss auch beim Ausbau der Infrastruktur für die Versorgung mit Wasserstoff eine zentrale Rolle spielen. Wasserstoff ist für den Klimaschutz und für den Wirtschaftsstandort Deutschland eine große Chance. Wasserstoff kann Strom speichern und damit ein Kernproblem der Energiewende lösen. Und Wasserstoff kann – in Brennstoffzellen – lokal emissionsfrei Fahrzeuge antreiben. Deutschland und Europa haben sich ambitionierte Ziele gesteckt und investieren gerade massiv in den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur. Für den Hochlauf und vor allem die Akzeptanz einer Wasserstoff-Energiewelt spielen Sicherheit und Vertrauen eine maßgebliche Rolle. Deshalb müssen wir alles tun, um die Sicherheit entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Erzeugung über die Speicherung und den Transport bis zur Verwendung von Wasserstoff zu gewährleisten. Unfälle wie die Explosion einer Wasserstoff-Tankstelle in Norwegen brennen sich ins kollektive Gedächtnis ein und müssen unbedingt verhindert werden. Das Tanken von Wasserstoff muss so selbstverständlich sein wie das Tanken von Benzin. Der sichere Betrieb, die Vermeidung von Unfällen und das Beheben von Störfällen sind nicht nur Voraussetzung für das notwendige Vertrauen in die Wasserstofftechnologie. Eine sichere und verlässliche Wasserstoffinfrastruktur verhindert auch Umweltschäden, minimiert Kosten und trägt so zur Wirtschaftlichkeit bei.

Mit einer Wasserstoffwirtschaft als Baustein der Energiewende kann Deutschland wieder führend werden und mit nachhaltigen Technologien „Made in Germany“ globale Standards setzen. Das bedeutet technologisches Spitzenniveau und Sicherheit auf höchstem Level, um Vertrauen zu sichern und eine weltweite Vermarktung unterstützen zu können. Ein aktiver Klimaschutz mit grüner Energie als Basis wäre nicht nur ein wirtschaftlicher Erfolg. Die Transformation Deutschlands in Richtung Klimaneutralität macht uns unabhängiger und widerstandsfähiger. Umso entschlossener müssen Bund und Länder sie gemeinsam vorantreiben.

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