War watt? Die Energiewende und das Anthropozän

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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30. April 2015

Erdgeschichtlich gesehen leben wir im Holozän, der Periode nach der letzten Eiszeit. Forscher meinen, wir Menschen hätten die Erde seit Beginn der Industrialisierung so stark beeinflusst, dass wir nun von einer neuen Epoche sprechen können: dem Anthropozän. Erstmalig in der Erdgeschichte hat eine Spezie, der homo sapiens, entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Planeten genommen. Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert schildert in ihrem Buch „Das sechste Sterben – Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“ detailliert, sachlich und jenseits von apokalyptischen Szenarien, wie wir dabei sind, das Leben auf der Erde fundamental zu verändern und unserer eigenen Gattung die Lebensgrundlagen zu entziehen. Elizabeth Kolberts Buch wurde jetzt mit dem Pulitzer Preis als bestes Sachbuch des Jahres ausgezeichnet.

Wenn wir über die Einzelheiten der Umsetzung der Energiewende wie den Netzausbau, die Klimaabgabe oder die Weiterentwicklung des EEG streiten, tritt das Große und Ganze – der Antrieb und die Notwendigkeit, die Energiewende zu gestalten – in den Hintergrund. Kolberts Buch ruft uns in Erinnerung, dass es in unserer Hand liegt, wie wir die Evolution beeinflussen. Wenn wir weitermachen wie bisher, wird sich das Massensterben in Flora und Fauna so weit fortsetzen, dass wir uns am Ende der Chance des eigenen Überlebens berauben. Es geht auch bei der Energiewende schon lange nicht mehr um Naturschutz, sondern um Menschenschutz. Während wir noch fragen, ob und eine Internalisierung von Gemeinkosten zu gestalten ist, sind für Pavan Sukhdev, einem früheren Manager der Deutschen Bank, Ökonomie und Ökologie schon längst eins geworden. Sukhdev, der Ökonom, fordert, es dürfe nicht länger möglich sein, das Naturkapital der Erde zu ignorieren und zu verschleudern.

In Bezug auf die Energiewende hat der Umweltökonom und UN-Berater Jeffrey Sachs, Leiter des Earth Institute an der New Yorker Columbia University, die Herausforderung wie folgt zusammen gefasst: „Wir stoßen 35 Milliarden Tonnen CO2 in diesem Jahr aus. Im Jahr 2050 dürfen es bei einer sehr viel größeren Weltwirtschaft nur noch 15 Milliarden Tonnen sein. Konkret: Die Wirtschaft wird drei Mal größer sein, aber wir dürfen weniger als die Hälfte an CO2 ausstoßen. Das heißt: Die Kohle muss im Boden bleiben… Die Energie, die wir produzieren, darf die Atmosphäre statt mit aktuell 700 Gramm CO2 pro Kilowattstunde nur noch mit 100 Gramm CO2 pro Kilowattstunde belasten.“  

Auch die Landtagsfraktion der SPD diskutierte gestern über unseren Einfluss auf das Anthropozän und kam einstimmig zu einem Entschluss. Dessen Quintessenz lautet: „Der Strom muss sicher, sauber und bezahlbar sein.“ Unter sauberem Strom versteht die SPD in NRW Strom aus Braunkohlekraftwerken. Wie sauber dieser Strom ist, illustriert nachfolgende Tabelle mit den jährlichen Emissionen aus nur einem (!) der ältesten deutschen Kraftwerke mit Standort in NRW:

Emissionen, Luftschadstoffe, Energiewende

Gleichfalls gestern wurde eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO über die  gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung vorgestellt. Diese Luftverschmutzung kostet die Länder in der europäischen Region jährlich 1,6 Billionen US-Dollar, fast 10% des Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union im Jahr 2013. Für Deutschland belaufen sich die jährlichen Kosten auf 132 Mrd. €. Dass es auch dabei nicht nur um Umwelt-, sondern um Menschenschutz geht, illustrieren die Berechnungen des Umweltbundesamtes. Luftverschmutzung ist das größte umweltbedingte Gesundheitsrisiko und war im Jahr 2012 für ca 600.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herz- und Atemwegserkrankungen, Schlaganfällen und Lungenkrebs verantwortlich. Insgesamt kostet das Deutschland jährlich 557.022 statistische (menschliche) Lebensjahre.

Wer mit Kurt Tucholsky behauptet „Soldaten sind Mörder“, der hat laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts das Recht der freien Meinungsäußerung auf seiner Seite, wer analog schreiben würde „Braunkohleverstromung tötet“, kann sich auf die Statistik berufen. Allein in NRW emittieren die Kraftwerke jährlich zwei Tonnen Quecksilber pro Jahr. Quecksilber ist hoch giftig – auch für Menschen. Das Wissen um die Zusammenhänge über die Energiewende und das Anthropozän wächst, zumindest außerhalb des Sitzungssaals der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag.

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