War watt? Der Konzernumbau von E.on und die Medien

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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03. Dezember 2014

Der Konzernumbau von E.on beschäftigt die Medien und die Netzgemeinde. Am Sonntag hatte der Aufsichtsrat des Konzerns das Konzept des Vorstandes gebilligt den Konzern in zwei Teile aufzuspalten. Bei E.on bleiben die Netze in Deutschland, Schweden, der Türkei und in Ländern der EU sowie die Erneuerbaren, der Service und – ganz wichtig – alle Verbindlichkeiten.  

In einer neuen Gesellschaft werden die Assets der konventionellen Kraftwerke, die Netze in Russland und Brasilien sowie Erdöl- und Erdgasförderung schuldenfrei ausgegliedert. Für die neue Gesellschaft werden Miteigentümer gesucht.  

eonautreil

Die Meldung setzte eine Lawine von Spekulationen in Gang, an der sich nicht nur Hobby- und Berufstwitterer, die Blogger, Politiker und ihre Spin-Doctors beteiligten, sondern ganze Heerscharen von Fachleuten und solchen, die dafür gehalten werden. Und wer noch an die Seriosität unserer Printmedien glaubte, der konnte diesen Glauben in der Berichterstattung über den Konzernumbau von E.on verlieren.  

Völlig losgelöst von den Fakten trieben Leitmedien wie die Tagesschau  und die Süddeutsche Schweine durch den Nachrichtenwald, die nun wieder dahin zurück müssen, wo sie hingehören – in den Stall.  

Spekulationen heißen im Advent bekanntlich Spekulatius.
eonTagesschauNr. 1: E.on gründet mit der Abspaltung der konventionellen Kraftwerke so eine Art Bad Bank. Was ist ein Bad Bank? In eine solche werden Hochrisikopapiere ausgegliedert, um den gesunden Teil der Bank zu schützen. Eine Bad Bank wird Verluste machen, unklar ist bei Gründung nur, wie hoch diese Verluste sein werden. E.on gliedert keine Risiken aus, sondern werthaltige Assets. Der größte Teil der Kraftwerke ist abgeschrieben. Sie werden Gewinne machen. Über die Höhe darf man spekulieren, darüber entscheidet sich der Verkaufspreis. Aber eine Bad Bank? Nur wer ohne wirtschaftliches Vorwissen und gewillt ist, die Fakten zu ignorieren, kann zu einer solchen Einschätzung kommen. Eine Bad Bank würde niemand kaufen, E.on will verkaufen.

Der Spekulatius Nr. 2: E.on will sich aus der Haftung stehlen und sich durch den TrittinEonKonzernumbau von den Rückstellungen für den Rückbau der AKWs und die Endlagerung befreien. Auch das ist, mit Verlaub, dummes Zeug. Die bilanziellen Rückstellungen lassen sich weder beseitigen noch verschieben. Sie sind nach dem Konzernumbau so sicher oder unsicher wie zuvor. Rückstellungen sind bilanzielle Posten, sie sind nicht insolvenzsicher.
(Zu diesem Thema ist zu sagen, dass die Politik nach wie vor zu feige ist, es anzupacken. Wer die Rückstellungen sichern will, muss die Verantwortlichkeiten zwischen den vier Atomkonzernen und dem Staat für den Rückbau und die Endlagerung abschließend und verbindlich klären. Davor und der Demoskopie fürchten sich Merkel, Gabriel und Co. und deshalb bewegt sich in dieser Frage leider nichts.)

Wenn E.on weder aus der Haftung raus, noch eine Bad Bank gründen will, warum baut der Energieriese den Konzern dann um?
E.on steht mit dem Rücken zur Wand, denn derzeit schleppt das Unternehmen  31 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten mit sich rum. Diese Last drückt schwer, zumal die Bonität von E.on nur etwas besser ist als die eines Hartz-IV-Beziehers. Die relative schlechte Bewertung A3 bei Moody bedeutet, dass die Refinanzierung der Schulden für E.on erheblich teurer ist als bei solchen Schuldnern, deren Geschäftmodell die Ratingagenturen vertrauen.  

EonDöschnerNiemand kann einschätzen, wie sich das klassische Geschäftsmodell der konventionellen Energieerzeugung in den nächsten Jahren entwickeln wird. Der Energiemarkt ist hoch regulativ, jeder staatlicher Eingriff kann Milliarden kosten (oder in die Kassen spülen). Noch werden die Kraftwerke gebraucht und lassen sich zusammen mit den anderen Werten zu Geld machen. Das würde E.on helfen, den Schuldenberg abzutragen. Mit den Schulden werden die Netze, die kundennahen Dienstleistungen und die Erneuerbaren Energien bei E.on bleiben. Das sind berechenbare Geschäftsfelder. Auch wenn die Ratingagenturen in einer ersten Reaktion auf den Konzernumbau eher ein schlechteres als ein besseres Rating in Aussicht stellen: Langfristig setzt E.on darauf, dass durch den Umbau wieder Berechenbarkeit in den Geschäftsverlauf einzieht und durch ein besseres Rating honoriert wird. Eine Verbeserung der Refinanzierung um einen Prozentpunkt bringt E.on derzeit 320 Mio. Euro im Jahr. (Mit der Bonität eines Konzerns wie Daimler würde E.on jedes Jahr ca. eine Milliarde Euro bei der Refinanzierng sparen!). Insbesondere für den Ausbau des Geschäftsfeldes Erneuerbare Energien braucht E.on einen leichteren Zugang zum Kapitalmarkt. Wer deutlich höhere Kapitalkosten hat als die Konkurrenz, wird in einem von Investitionen getriebenen Wettbewerb nicht bestehen können.

Der Verkauf der Kraftwerkssparte von E.on wird nicht problemfrei laufen. Bei RWE und E.on erwägt mit dem Staatsfonds Norwegen ein Großinvestor aus ethischen Gründen den Ausstieg. Und die Schwedische Regierung hat angekündigt, dass sie sich von der deutschen Sparte von Vattenfall trennen will und auf Erneuerbare statt auf Braunkohle setzt. Rechtzeitig zum Winterschlussverkauf kommen Großkraftwerke dann im Sonderangebot auf dem Markt. Und wie immer gilt dann: Im Dutzend sind sie noch billiger. E.on geht keinen leichten, aber wohl den richtigen Weg. Vor allem den 60.000 Beschäftigten des Unternehmens ist zu wünschen, dass er in die Zukunft führt.

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  1. Windmüller

    vor 4 Jahren

    Das ist genau das, was mich am Verhalten der großen EVU so wütend macht. Eon zählt zu den größten Windparkbetreibern der Welt. In Roscoe/Texas hat man den zweitgrößten Onshorewindpark der Welt gebaut. Allein im ersten Halbjahr 2014 hat man nur in den USA 214 Mio Dollar in den Bau neuer Windparks investiert. Eon hat vor 4 Jahren im Atomland Frankreich Solarparks im Megawattbereich gebaut. In GB hat man den Offshorepark Scroby Sands gebaut. Selbst auf Sizilien konnte man Windparks errichten.
    Aber in Deutschland geht das natürlich gaaaa nich, da erzählt man Geschichten von Rapunzel und Schneewittchen. Mein Mitleid mit Eon hält sich von daher in bescheidenen Grenzen.

  2. Dominik Pöschel

    vor 4 Jahren

    Es ist egal wie viele Anlagen zu Regenerativen Stromerzeugung ein Deutscher Energieversorger besitzt oder in Zukunft noch bauen lässt. Die POLITISCHE Weichenstellung hier in Deutschland zwingt die EVU`S hier die defizitären Kraftwerke so schnell als möglich los zu werden.

    Man sollte auch immer beachten dass nicht überall in Deutschland Regionen vorhanden sind, wo es genug Wind gibt um Rentabel zu Arbeiten. Es gibt auch viele Bürgerinitiativen die gegen Windräder und Stromtrassen Sturm laufen.

    Wie sagt de Pälzer: "Alles nid so äfach"

    Kein Unternehmen kann es sich auf Dauer leisten defizitäre Kraftwerke in seinem Besitz zu haben und zugleich richtig viel Neues Geld in die neuen Anlagen zur Regenerativen Stromerzeugung zu stecken, bzw. Geldgeber dafür zu finden.

    Wie man sieht hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Wenn man mit dem aktuellen Stand der Energiewende nicht zufrieden ist muss man seinem Unmut in Berlin vor oder im Bundestag Luft verschaffen!!!!

  3. Kilian Rüfer

    vor 4 Jahren

    Sie schreiben: "Die bilanziellen Rückstellungen lassen sich weder beseitigen noch verschieben. Sie sind nach dem Konzernumbau so sicher oder unsicher wie zuvor. Rückstellungen sind bilanzielle Posten, sie sind nicht insolvenzsicher."

    Reichen die Rückstellungen? Was passiert mit dem Betrag oberhalb der Rückstellungen?

    Würde das neue Unternehmen insolvent werden, dann wären 40000 Arbeitsplätze gerettet worden. Die Rückstellungen wären weg und jemand neues kann wieder billig einkaufen. Oder würde dann das alte Unternehmen für den Betrag der Rückstellung aufkommen? Fraglich. Der Schutz des neuen Unternehmens hat also den Wert des Betrages der Rückstellung plus der anderen 20000 Arbeitsplätze. Wie Sie sicherlich gemerkt haben bin ich für einen sukzessiven Ausstieg aus der Kohle. Mir erscheint es so, als hätte diese Konstellation dafür keine Erleichterung gebracht.

  4. DEZ Moderator, Hubertus Grass

    vor 4 Jahren

    Danke für Ihren Beitrag:
    Sie fragen: "Reichen die Rückstellungen? Was passiert mit dem Betrag oberhalb der Rückstellungen?"

    Die Höhe der Kosten für Rückbau und Endlagerung können nur geschätzt werden. Die vier Konzerne in Deutschland haben Rückstellungen in Höhe von ca. 36 Mrd. Euro gebildet, im internationalen Vergleich ist das zwar viel. Greenpeace z. B. fordert eine zusätzliche Risikorücklage von 10 bis 33 Milliarden €. http://www.foes.de/pdf/2012-GP-Rueckstellungen-Folien.pdf

    Es liegt in der verqueren Logik des Systems der atomaren Stromerzeugung, dass sie sich den sonst gültigen Mechanismen des Wirtschaftssystems entzieht. Das beginnt bei der Freistellung von der gewerblichen Haftpflicht, über die jeder Frisör verfügen muss, bevor er Haare schneiden darf.

    Für Kosten, die in 100, 800 oder 2000 Jahren entstehen, wird sich kein Verursacher mehr finden und in Haftung nehmen lassen. Daher wäre m.E. jetzt der richtige Zeitpunkt, parallel zum Ausstieg einen finanziellen und rechtlichen Rahmen zu schaffen, der die Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten regelt, um Rückbau, Zwischen- und Endlagerung nach menschlichem Ermessen sauber zu regeln. Alle Fehler der Vergangenheit, als Politik und Gesellschaft euphorisiert von den Möglichkeiten der nuklearen Energieversorgung waren, können wir nicht mehr einfangen - wir werden sie nachfolgenden Generationen vererben.

    Zu Ihrem anderen Hinweise auf den sukzessiven Ausstieg aus der Kohle: Es ist Aufgabe der Politik, dafür die Weichen zu stellen. Eon kämpft um seine wirtschaftliche Zukunft.

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