Globaler Energiewende-Index: Deutschland schwach

Gastautor Portrait

Christiane Schatzmann

EnBW Energie Baden-Württemberg AG

Christiane Schatzmann-Felden studierte Politikwissenschaften in Bonn und absolvierte danach ein Zeitungsvolontariat. Anschließend arbeitete sie u.a. als Pressereferentin im Bundesministerium für Verkehr und als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag. Seit 2001 kümmert sie sich in der Berliner Hauptstadtrepräsentanz der EnBW als Projektleiterin um Kommunikationsformen rund um die Energiepolitik.

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25. April 2018
Composing mit Windrädern, Sonnenkollektoren und Strommasten
Foto: Eisenhans/stock.adobe.com

Lange Zeit galt die deutsche Energiewende als Vorbild und Musterbeispiel für andere Länder. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) brachte Deutschland den Ausbau alternativer Energien erfolgreich voran, setzte sich national und international für das Erreichen der vereinbarten CO2– Senkungsziele ein und trug damit zugleich maßgeblich zur Weiterentwicklung der erneuerbaren Technologien bei.

Dieses Bild hat sich nun gewandelt, die Realität sieht anders aus. Auf der Weltliste der besten Energiewende-Länder kommt Deutschland gerade einmal auf Platz 16. Selbst innerhalb Europas kommt die deutsche Energiewende noch nicht einmal unter die Top Ten. Ermittelt hat das die Unternehmensberatung McKinsey & Company, die zusammen mit dem Weltwirtschaftsforum (WEF) den Status der Energiewende in 114 Ländern anhand von 40 Indikatoren fortlaufend untersucht.

Beim Klimaschutz auf Rang 61

Der Index zeigt: Deutschland steht vor größeren energiewirtschaftlichen Herausforderungen als viele andere Länder. Besonders deutlich wird dies mit Blick auf den Indikator „Struktur des Energiesystems“. Hier belegt Deutschland Platz 110 von 114. Das liegt vor allem an Deutschlands Abhängigkeit vom Kohlestrom: Dessen Anteil beträgt immer noch 42% – auch weil er seit der Entscheidung zum Kernenergieausstieg einen hohen Beitrag zur Grundlastversorgung leistet. In der Kategorie „Umwelt- und Klimaschutz“ kommt Deutschland weltweit nur auf Platz 61 – hauptsächlich wegen seines hohen CO2-Ausstoßes.

Globaler Energiewende-Index: Ländervergleich nach Hauptkategorien

Dieser Ländervergleich zeigt, dass Deutschland viel aufzuholen hat, wenn es um die Erreichung seiner Klimaziele geht

McKinsey Energiewende-Index 2018

Länder wie Dänemark oder Großbritannien sind beim Thema Strommix einen anderen Weg gegangen. Seit 1990 haben sie ihre Kohleabhängigkeit kontinuierlich und mit großem Erfolg reduziert – Dänemark von 91 % auf 28 % und Großbritannien von 65 % auf 9 %. Gleichzeitig erhöhten sie die Anteile flexibler Erzeugung durch Gas und Wasserkraft – sei es durch die Ausnutzung natürlicher Gegebenheiten oder – wie im Fall Großbritannien – über die Einführung eines Kapazitätsmarkts, der den Erhalt und Neubau von flexiblen Kraftwerken gezielt fördert.

Dieser Ländervergleich zeigt, dass Deutschland viel aufzuholen hat, wenn es um die Erreichung seiner Klimaziele geht – und nicht nur dort, wie die neusten Ergebnisse aus dem Energiewende-Index für Deutschland belegen. Anhand dieses Energiewende-Index betrachtet McKinsey seit 2012 alle sechs Monate den Status der Energiewende in Deutschland entlang der drei Dimensionen des energiewirtschaftlichen Dreiecks: Klima- und Umweltschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Innerhalb dieser Dimensionen werden insgesamt 14 Indikatoren analysiert und aktuell daraufhin bewertet, inwieweit sie ihre für 2020 geplanten Zielwerte im geplanten Zeitverlauf der Energiewende erreicht haben.

Energiewende-Index Deutschland: die Indikatoren im Überblick

Die aktuelle Entwicklung des Energiewende-Index zeigt: Nur fünf der 14 Kennzahlen werden in ihrer Zielerreichung als „realistisch“ eingestuft: In den Bereichen Strom aus Erneuerbaren Energien, Arbeitsplätze in stromintensiven Industrien, Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien, gesicherte Reservemarge sowie Ausfall der Stromversorgung. Für acht Indikatoren ist die Zielerreichung „unrealistisch“: CO2-Ausstoß, Primärenergie- und Stromverbrauch, Kosten für Netzeingriffe, Haushalts- und Industriestrompreise, EEG-Umlage sowie Ausbau Transportnetze. Nur leichten Anpassungsbedarf hat Deutschland im Bereich „Interkonnektorkapazität“. Dieser neu eingeführte Indikator misst Deutschlands grenzüberschreitende Stromübertragungskapazität. Der neu eingeführte Indikator Sektorkopplung, für den bislang kein Ziel formuliert ist, bleibt vorerst ohne Kategoriezuordnung.

Was Deutschland von anderen Ländern lernen kann

Angesichts dieser unbefriedigenden Energiewendebilanz stellen die Verfasser der Studie die Frage, ob Deutschland im internationalen Vergleich lernen kann, wie die Ziele schneller zu erreichen sind. Die Antwort der Autoren lautet „grundsätzlich ja“. Aus den oben erwähnten Vorbildern würden sich – unter Berücksichtigung der spezifischen deutschen Situation – zwei Handlungsempfehlungen ableiten lassen:

  1. Deutschland sollte eine geeignete Balance finden zwischen dem politisch gewollten Kernkraftausstieg, einem möglichen Kohleausstieg und dem Erreichen seiner Energiewende-Ziele. Ein Kohleausstieg würde die deutsche CO2-Bilanz fraglos aufbessern, sich jedoch negativ auf die Wirtschaftlichkeit und, je nach Ausgestaltung, auch auf die Versorgungssicherheit auswirken. Flankierende Maßnahmen wie zum Beispiel die Einführung von Kapazitätszahlungen oder -märkten nach dem Vorbild Großbritanniens könnten helfen, die Versorgungssicherheit weiter zu gewährleisten.
  2. Deutschland muss seine Energiewendekosten in den Griff bekommen. Schon heute wird mit einer weiteren Verteuerung in Höhe von 15 Mrd. € gerechnet, was sich insbesondere in hohen Strompreisen niederschlägt. Hauptverantwortlich hierfür ist der hohe Anteil an Steuern und Umlagen für Privatkunden und kleinere Industrieunternehmen: Mit 54 % bzw. 45 % Abgaben auf den Strompreis ist Deutschland Spitzenreiter in Europa. Die hohen Energiekosten belasten nicht nur Verbraucher und Mittelstand, sondern erschweren auch die anstehende Sektorkopplung, also die Elektrifizierung der Sektoren Wärmeerzeugung und Verkehr. Eine Überarbeitung des derzeitigen Systems – voraussichtlich durch eine Umverteilung der Kosten – sollte daher schon bald ganz oben auf der politischen Agenda stehen.

Die Transformation braucht klare Ziele und Transparenz

Um beide Handlungsfelder effektiv anzugehen, brauche Deutschland als Erstes ein neues Ziel für den Übergang von einer kohleabhängigen hin zu einer CO2– ärmeren und flexibleren Stromversorgung. Die Transformation des Energiesystems könne nur gelingen mit klar formulierten, langfristig angelegten Zielen und ebenso konkreten wie konsequenten Maßnahmen zu ihrer Umsetzung. Ein transparenter Fahrplan zur Zielerreichung schaffe zudem Planungssicherheit und Handlungsorientierung für Industrie und Verbraucher, Versorger und Investoren. Die neue Legislaturperiode biete jetzt die Chance, die Weichen neu zu stellen, damit Deutschland wieder zum Vorbild für die Energiewende-Initiativen der Welt werden könne – so das Fazit der Studie.

Die Ergebnisse sowohl des neuen Global Energy Transition Index als auch des aktuellen Energiewende-Index Deutschland 2020 können Sie in unserer Energiebibliothekherunterladen.

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