War Watt­­­? Globale Energiewende – Deutschland rettet die Welt

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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24. September 2015

Deutschland rettet die Welt. Hier geht es mal nicht um die Flüchtlingspolitik, sondern wir bleiben unserem Thema Energiewende treu. Wenn im Dezember in Paris die Staats- und Regierungschef der Welt zusammen kommen, um über ein globales Abkommen für den Klimaschutz beraten, verhandeln sie über die Rettung der Welt, wie wir sie kennen. Denn ohne Klimaschutz, da besteht seit mehr als 30 Jahren Einigkeit in Wissenschaft und Forschung, wird die Welt in wenigen Jahrzehnten eine völlig andere sein: Weitgehend eisfrei, mit einem signifikant höheren Meeresspiegel, sich ausbreitenden Wüsten, einer Häufung und Verstärkung von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Monsterstürmen. In Paris kann die Welt gerettet werden, denn die deutsche Energiewende hat diese Option eröffnet.

Die deutsche Energiewende hat eine lange Geschichte. Die Internetpräsenz Globale Energiewendewww.energiewende.de hat sich mit Fug und Recht das Freiburger Öko-Institut gesichert, denn hier beginnt 1980 die Geschichte der Energiewende mit einer Studie. Einen ersten Meilenstein in der Umsetzung markiert das erste Stromeinspeisegesetz von 1990, im Jahr 2000 kommt das EEG, das fälschlicherweise oft als der Beginn der Energiewende verstanden wird. 2010 dann die Wende der Wende und 2011 nach Fukushima wenden sich CDU/CSU und FDP erneut: 32 Jahre lang hatten sich diese Parteien gegen die Energiewende gestemmt, hatten im Verbund mit den Energiekonzernen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen gekämpft und im März 2011 dann noch einsehen müssen: „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ (Victor Hugo).

Globale Energiewende: Es geht nur noch um das Wie

„Germany – the Green Superpower“ übertitelte die New York Times einen Beitrag von Thomas. L. Friedman über die Entwicklung der Energieversorgung in Deutschland. Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung eröffnet dabei einen völlig anderen Blickwinkel. Der größte Erfolg der deutschen Energiewende, so Fücks, sei gewesen, dass sie die chinesische Solarindustrie angeschoben habe. Deutschland, so seine These, habe mit der Energiewende den Massenmarkt und damit die rapiden sinkenden Produktionskosten erst ermöglicht.

Die Zahlen geben Fücks Recht. 2015 werden 18.000 MW Solarleistung in China ans Netz gehen, in Deutschland vielleicht ein Zehntel davon. Weltweit liegt die jährliche PV-Produktion derzeit bei 50 GW, bis 2019 wird sie nach Einschätzungen von Analysten auf 80 GW steigen. Und die Produzenten aus China haben die Nase vorn. Nicht nur in China hat „the german Energiewende“ die Welt verändert. Die heutige Zeit führt Beispiele für den Ausbau der Erneuerbaren Energien aus Brasilien, Indien, Marokko und Saudi Arabien an. Dirk Messner, Chef des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, frohlockt: Heute gehe es nicht mehr darum, ob sich die Energiewende weltweit durchsetzt. Es geht nur noch um das Wie und das Wann.Globale Energiewende

Deutschland macht Wind für die globale Energiewende

Auch der heutige Markt für Windenergie wäre ohne die deutsche Energiewende ein völlig anderer. Dänemark gebührt mehr noch als Deutschland der Ruf eines Vorreiters , aber der dänische Markt ist zu klein und die Lage Dänemarks zu günstig für die Windenergie, als dass von hier aus ein Push für die globale Entwicklung der Windkraft hätte kommen können. Anders in Deutschland: Im Jahr 2000 produzierten unsere WK-Anlagen 40% der globalen Windenergieleistung. 2006 lag der europäische Anteil an der Windenergie bei über 70%. Deutschland hat bei der neu installierten Leistung jetzt nicht mehr ersten Platz inne. Der globale Leistungszuwachs lag GWEC zu folge im letzten Jahr bei insgesamt 51.477 Megawatt. Deutschland liegt mit 5.300 MW dabei auf Platz 2, allerdings sehr weit abgeschlagen hinter China. Mit knapp 23.400 Megawatt und einem Anteil am gesamten Zubau 2014 in Höhe von 45 Prozent steht die Volksrepublik China unangefochten auf Platz eins. Bei der kumulierten Gesamtleitung, wo wir das Ranking über viele Jahre anführten, sind wir hinter China und den USA auf Platz 3 abgerutscht.

Arbeitsplätze durch die Energiewende: Ärgern oder freuen?

Deutschland hat bisher, so schätzt Agora Energiewende, 100 Mrd. Euro für die Energiewende aufgebracht. Als wirtschaftlichen Gegenwert haben wir eine neue, vielfältige Industrie gewonnen. 2013 belief sich die Bruttobeschäftigung in der Branche der Erneuerbaren Energien auf 371.400 Personen. Aber hier hat die auch politisch verursachte Krise der Solarindustrie mittlerweile für einen deutlichen Rückgang gesorgt, so dass eifrige Kritiker der Energiewende wie der Journalist der Welt, Daniel Wetzel, schon darüber philosophierten, dass das grüne Jobwunder in sich zusammen fällt.

Globale Energiewende
Langsam aber stetig: Der Anteil der Erneuerbaren in China wächst. Nach 2012 sogar schneller als die Kohle.

Sollen wir uns jetzt darüber ärgern, dass wir die Solarindustrie über die Einspeisevergütung aufgebaut und gepäppelt haben und die Mehrzahl der Jobs mittlerweile nach China abgewandert sind? Oder ist es nicht auch ein Grund zur Freude, dass wir der Welt den Zugang zum preiswerten Strom aus den Erneuerbaren Energien und damit die zentrale Strategie zur CO2-Rduktion ermöglicht haben? Sicher ist: Ohne die deutsche Energiewende hätten wir die Chance, das 2°-Ziel einzuhalten schon längst verspielt. Sicher ist: Ohne die deutsche Energiewende wäre der Weltklimagipfel in Paris zum Scheitern verurteilt. Einer, der sich ganz sicher ist, ist Prof. Klaus Töpfer, Ex-Umweltminister und ehemals Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Er nennt die deutsche Energiewende „das erfolgreichste Entwicklungsprojekt aller Zeiten“.

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  1. Windmüller

    vor 3 Jahren

    Der Artikel könnte den Eindruck erwecken, wir Deutschen seien der gute Ökostrom Riese, und andere Länder müssten erst aufwachen. Es ist schon fast so, dass wir aufpassen müssen, nicht von anderen Ländern überholt zu werden. Siemens ist heute noch die größte Offshore Schmiede der Welt. Doch es ziehen Wolken am Himmel auf. Mitsubishi Heavy Industries und Vestas haben ein Joint Venture gegründet, welches sehr gut gestartet ist. Gamesa aus Spanien und der Atomkonzern Areva aus Frankreich bauen demnächst ebenfalls Offshoreturbinen. Der Solarzubau ist heute in Japan wesentlich höher, als bei uns. In den USA gehen praktisch nur neue Ökostromanlagen oder Gaskraftwerke ans Netz. In China ist der Zubau an PV höher, als der Zubau neuer Kernkraftwerke. Es weht überall der wind of change. Traurigerweise wird nur in Deutschland aus der Energiewende so ein ideologischer Gipskrieg gemacht.

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