Quartier Franklin: Die Schnittstellen der Energiewende finden

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist
19. April 2018
Schnittstellen der Enerigeiwende

Die Solarbundesliga ist der Klassiker.  Diese Hitliste zeigt die Städte an, welche Kommunen am meisten Sonnenstrom ernten. Ähnliche Statistiken gibt es für die Windenergie. Bei der Bioenergie machte das Bioenergiedorf Jühnde schon früh Schlagzeilen und zog Besucher aus aller Welt an. Ob Sonne, Wind, Bioenergie oder Wasserkraft: An manchen Orten konzentrieren sich die Highlights der Energiewende. Nirgends aber lässt sich die ganze Herausforderung der Energiewende an einem Ort bestaunen und untersuchen. Bei der Siedlung Franklin soll das anders werden. Hier geht es nicht nur um Wärme, Erzeugung, Erneuerbare, Verbrauch, Mobilität, sondern um die Schnittstellen der Energiewende. Um den Übergang von gestern nach übermorgen.

Volle Digitalisierung voraus

Auf 144 Hektar entsteht in Mannheim ein (fast) komplett neuer Stadtteil für 9.000 Menschen. Franklin, ein ehemaliges Gelände der US-Army, ist der Traum aller Planer, denn hier werden bis in die Mitte der kommenden zwanziger Jahre nicht nur Gebäude aller Art – vom Einfamilienhaus bis zum Einkaufscenter – neu gebaut, sondern auch die komplette Infrastruktur. Einen Teil davon wird man sehen: Straßen, Grünanlagen, Schulen, Geschäfte etc. Der andere, smarte Teil wird nicht direkt ins Auge fallen:

  • Eine Netzleitwarte für die Energieflüsse des neuen Stadtteils. Bei der Wärmeversorgung wird die Fernwärme aus den Mannheimer Kraftwerken kombiniert mit Beimischstationen, in die Wärmepumpen einspeisen, sowie Pufferspeichern.
  • Zur Wärmeversorgung soll auch Power-to-Heat beitragen. Das ergibt ökonomisch nur deshalb Sinn, weil der Strom in diesem Forschungsvorhaben (Franklin wird bis Ende 2020 als Reallabor innerhalb des Forschungs- und Demonstrationsprojekts C/sells genutzt) von den sonst fälligen Abgaben befreit ist.
  • Smartmeter, die hochauflösendes Echtzeit-Metering und das Energiemanagement möglich machen. So können das Angebot aus den PV-Anlagen vor Ort und der Bedarf gesteuert werden.
  • Teil des Energiemanagements wird die bi-direktionale Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität.

Suche nach den richtigen Schnittstellen

Smart soll aber nicht nur die Energie werden. Wirtschaft, Lernen, Verwalten, Gesundheit, Wohnen – für alle Bereiche in Franklin haben die Planer den Anspruch, intelligente, das heißt digitale Lösungen zu entwickeln. Für den Mannheimer Versorger MVV  ist Franklin damit ein willkommenes Freilandlabor. Nirgends sonst lässt sich Sektorkopplung von Wärme, Strom und Mobilität vom Baubeginn an in einer solchen Größenordnung planen. Auch die geplante Transparenz der gesamten Energieflüsse wird Franklin zu einer Besonderheit machen.

Kein Wunder, dass das neue Quartier Teil des zellulären Energiesystems von C/sells ist. Das Projekt C/sells gehört zur bundesweiten Initiative „Schaufenster Intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“, mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie untersucht, wie eine sichere, wirtschaftliche und ökologische Energieversorgung auf der Grundlage vorwiegend von Wind und Sonne gestaltet werden kann.

Wird Franklin zum Vorzeigequartier des 21. Jahrhunderts? Den Eindruck hat man nicht. Zum einen sind beim derzeitigen Planungsstand noch viel zu viele Fragen offen. Zum anderen stehen höchste Standards, Energie-Autarkie und ein CO2-freies Leben, die vollständige Dekarbonisierung im Kleinen, nicht oben auf der Agenda der Planer. Franklin wird eingebunden in die bestehenden Systeme der Energieversorgung. Genutzt wird die Abwärme aus den Mannheimer Kohlekraftwerken am Rhein.

Die Abwärmeleistung von 1,5 GWh aus den vier Blöcken könnte ohne Probleme die gesamte neue Siedlung versorgen. Die MVV hat auf diese scheinbare einfache und derzeit wohl kostengünstigste Lösung verzichtet. Der Anspruch in Franklin ist ein anderer. Die Kombination von Abwärme aus bestehenden Kraftwerken mit Wärme aus Erneuerbaren Energien ist technisch nicht state of the art.

Schnittstellen der Energiewende

Höchste Standards sind nicht das Ziel

Der Fokus liegt auf anderen Aspekten. Wie müssen die Schnittstellen für die Energiewende, der Übergang vom fossilen zum erneuerbaren Zeitalter gestaltet werden? Welche Daten braucht man, um der die Energieversorgung zu optimieren? Was ist wirtschaftlich machbar – wo müssen wir Altes einsetzen, weil Neues noch nicht wirtschaftlich ist? Wie lässt sich das Nutzerverhalten so beeinflussen, dass es zur Netzstabilität beiträgt?

Diese Fragen werden an eine Nutzergruppe gestellt, die aus sich heraus keine höchsten ökologischen Standards anstrebt. In Franklin werden Menschen wohnen, von denen sich die meisten kein Null- und Plus-Energiehaus leisten können.

Statt eines Konzeptes, das auf die individuelle Mobilität verzichtet, setzt man in Franklin darauf, die Vielfalt bestehender Ansprüche mit einander zu kombinieren. Der ÖPNV-Benutzer soll – nach Anbindung des Quartiers – ebenso zu seinem Recht kommen wie der Pkw-Nutzer oder der Auto-Teiler und der Fahrradfahrer. Und statt eines extra angelegten Grüngürtels zur Abschirmung des Lärms vom Verkehr der Bundesstraße sehen die Planer dort eine Gewerbegebiet vor. Franklin wird, das darf man jetzt schon sagen, städtebaulich kein besonderes Highlight.

Wenn alles gut läuft, wird man in Franklin aber darüber erfahren, wie die Energiewendezukunft in einer komplexen Gesellschaft funktionieren könnte. An welchen (digitalen?) Schräubchen man drehen muss? Lässt sich das Nutzerverhalten möglichst einfach steuern? Wie man schrittweise von der CO2-reichen Gegenwart in die CO2-freie Zukunft gelangt? Und das zu vertretbaren Preisen. So, dass niemand die Lust an der Energiewende verliert.

Beitrag als Ergebnis einer Bloggertour

Ich habe Franklin im Rahmen einer Bloggertour gemeinsam mit Dr. Katja Reisswig von Technewable, Thorsten Zoerner vom Blog Stromhaltig und Andreas Kühl, Betreiber des Blogs energynet, besucht. Eingeladen zur Tour hatte die Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg e. V..

Hier geht es zu den Tourberichten von Andreas Kühl  und von Katja Reisswig. 

Abgesehen von den Bloggerkollegen war das Umweltministerium Baden-Württemberg mit der für das Projekt zuständigen Referentin sowie Robin Engelhardt von der Elektroauto-Vermietung Stuttgart mit von der Partie. Auch die Teslas, mit denen wir unterwegs waren, taugen nicht als Symbole einer dekarbonisierten Zukunft. Viel zu schwer. Zu schnell. Viel zu teuer. Spaß gemacht hat das Fahren mit ihnen trotzdem. Und wahrscheinlich markiert auch der Tesla technologisch nur eine der Schnittstellen zur mobilen Zukunft.

Tesla-Vermieter Robin Engelhardt hat bei uns im Blog schon einmal seinen Blick auf die Entwicklungen auf dem globalen Fahrzeugmarkt formuliert. Zur Lektüre nachdrücklich empfohlen.

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