Die Akzeptanz des Energiesystems in Frankreich und Deutschland im Vergleich

Gastautor Portrait

Christoph Rat-Fischer

Seniorberater, Gründer von Synappcity

M.A in EU‐Arbeit und Deutsch‐Französischer Zusammenarbeit und Diplom der Politikwissenschaft des Instituts für Politikwissenschaften Straßburgs. Mit seiner doppelten Staatsbürgerschaft ist Christoph Rat-Fischer seit Beginn seiner Karriere auf beiden Seiten des Rheins gleichermaßen aktiv. 2016 gründete er die Beratungsagentur SynappCity – Urban Change Strategies, um Kommunen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen seine Expertise bei der Entwicklung von lokalen Projekten und Strategien anzubieten. Er ist u.a. Gutachter für die französische Forschungsagentur Agence Nationale de la Recherche.

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26. September 2018
Flaggen von Frankreich und Deutschland vor einer Starße mit Windrädern im Hintergrund

Akzeptanz und Energie: ein bekanntes Forschungsobjekt

Anteil und Entwicklung der erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung in Deutschland und Frankreich
Anteil und Entwicklung der erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung

Grafik: TUCK Projekt “Citizens in Transition“

In demokratischen Gesellschaften ist Akzeptanz von besonderer Bedeutung und die Umsetzung von Energieprojekten erfordert immer stärker die Einbeziehung der Gesellschaft. In der Forschung wird dieses Thema, insbesondere im Kontext der Energiewende, eingehend untersucht.

Tatsächlich ruft die Energieversorgung als technisches Unterfangen häufig heftige Reaktionen hervor, weil sie Landschaft und Alltag spürbar verändert. Energietechnologien polarisieren und finden Gegner wie Befürworter, deren Meinung sich in der Projektplanung niederschlägt.

Energie in Frankreich und Deutschland: ein komplexer Vergleich

Frankreich und Deutschland miteinander zu vergleichen, stellt immer eine besondere Herausforderung dar. Trotz ihrer besonderen Beziehung zueinander, sind die französische und die deutsche Gesellschaft sehr unterschiedlich, oft sind sie sich sogar fremd.

Ein zentralistischer Wohlfahrtsstaat auf der linken Rheinseite und eine föderale Republik, die auf soziale Marktwirtschaft vertraut, auf der anderen Seite des Rheins sorgen für erhebliche Unterschiede. Klima, Geographie, Geschichte und kulturelle Erfahrungen führen ebenfalls zu Wahrnehmungen, Organisationsformen, Erwartungen oder Sorgen, die sorgfältig berücksichtigt werden müssen um Vergleiche zu ermöglichen.

Entgegengesetzte Versorgungsphilosophien

Durchschnittliche Ausgabe der Privathaushalte für Energie im Jahr 2015 in Frankreich und Deutschland
Durchschnittliche Ausgabe der Privathaushalte für Energie im Jahr 2015

Grafik: TUCK Projekt “Citizens in Transition“

Die Ausrichtung der Energiepolitik könnte gegensätzlicher kaum sein, von der Netzinfrastruktur hin bis zu den Tarifen: Frankreich plant zentral und setzt auf Großprojekte, während Deutschland dezentrale Initiativen fördert. An den Strommärkten stehen über 800 Stromversorger in Deutschland einem französischem Staatsunternehmen mit wenig Konkurrenz gegenüber. Französischer Atomstrom und große Wasserkraftwerke sorgen für niedrige Strompreise, Sozialtarife und für über 1% des Staatshaushalts durch Dividendenausschüttungen. Die geplante Reduzierung der Atomkraft um 25% der nationalen Stromerzeugung, würde die Abschaltung von mehr Atomkraftwerken erfordern als der komplette deutsche Atomausstieg.

So scheitern viele französische Beobachter daran, die deutsche Energiewende zu verstehen, weil sie das Modell Electricité de France auf die vier großen Stromversorger in Deutschland anzuwenden versuchen. Dabei wird die Rolle übersehen, die Stadtwerke und Einzelakteure (von Privatpersonen bis hin zu Landwirtschaftsverbänden) in der deutschen Energiewende spielen. Auch die Tatsache, dass die deutsche Bundesregierung keine Beteiligung an Energieversorgern hält, bleibt im französisch-deutschen Vergleich häufig unberücksichtigt.

Als Beispiel für unauffällige Unterschiede mit großer Wirkung seien die Heizsysteme in privaten Haushalten angeführt. In Frankreich wird überwiegend mit  Strom geheizt, dementsprechend hat der Strompreis eine spürbare Auswirkung auf die Lebensqualität. Soziale Stromtarife für schwächere  Einkommensgruppen sind hier sehr wichtig. In Deutschland hingegen wird Strom deutlich seltener zum Heizen verwendet als in Frankreich. So erklärt sich, dass obwohl der Strompreis in Deutschland im Jahr 2015 fast doppelt so hoch ausfiel wie in Frankreich, die durchschnittlichen Ausgaben von Privathaushalten für Energie in beiden Ländern fast gleich waren.

Allerdings muss diese Aussage regional differenziert betrachtet werden, da Frankreich von sehr unterschiedlichen Klimazonen durchzogen wird.

"Citizens in Transition", ein erster Schritt zum binationalen Forschungsansatz

Umfrageergebnis zum Verständnis der Energiewende aus deutscher und aus französischer Perspektive
Verständnis der Energiewende aus deutscher und aus französischer Perspektive

Grafik: TUCK Projekt “Citizens in Transition“

SynappCity (Karlsruhe) erhielt 2016 zusammen mit dem Wuppertal Institut, mit Algorus Consulting (Paris), mit der Universität Straßburg und mit dem Kleinunternehmer Romain Nouvel eine Förderung der TUCK Stiftung aus Paris, um die Erwartungen und die Akzeptanz der Bürger gegenüber Technologien der Energiewende zu untersuchen.

Der Fokus wurde auf zwei repräsentative und polarisierende Technologien gelegt, in denen das Team bereits eigene Erfahrungen und eine hinreichende Menge an Publikationen erarbeitet hatte: Windkraftanlagen und Smart Meter.

Zur Ergänzung der Literaturrecherche wurde ein binationaler Workshop im Europarat in Straßburg durchgeführt, zu dem projekterfahrene Experten aus Forschung, Unternehmen und Bürgerorganisationen beider Länder anreisten, um gemeinsam markante Fragestellungen und Lösungsansätze zu diskutieren.

Erste Erkenntnisse zu Akzeptanz und Erwartungen im deutsch-französischen Vergleich

  • Auch in Frankreich steht mit der “Transition énergétique“ eine Energiewende auf der Tagesordnung.
  • Diese französische Energiewende sieht die Bekämpfung des Klimawandels im Fokus ohne jedoch einen kompletten Atomausstieg anzustreben.
  • Die Akzeptanzwerte für Technologien der Energiewende sind in beiden Ländern vergleichbar.
  • Bedenken werden in beiden Gesellschaften ähnlich formuliert, wobei in Frankreich insbesondere der Landschaftsschutz für sehr starken Widerstand gegen die Windkraft sorgt.
  • Bürgerinitiativen gibt es in beiden Ländern, sowohl für als auch gegen den Ausbau von erneuerbaren Energien.
  • Großprojekte und vermeintlich „technokratische“ Vorhaben (wie die Pflichtinstallation von Linky Smart Meter in Frankreich) schüren Ängste und Opposition.
  • Akzeptanz kann durch strukturierte Ansätze gefördert werden, wie Information, Moderation und Partizipation.

Frankreich und Deutschland können noch viel voneinander lernen, um komplexe Lösungen für eine demokratische Energiewende zu entwickeln und die Bevölkerung partizipativ in Transformationsprozessen einzubeziehen. Weitere Forschungsprojekte bleiben gefragt, um solche Erkenntnisse auszubauen und so zur erfolgreichen Gestaltung dieses gesellschaftlichen Wandels beizutragen.

Der vollständige Projektbericht kann auf der Webseite des Projekts entnommen werden.

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