Über 50 Prozent Erneuerbare: Was bedeutet das für das Übertragungsnetz?

Gastautor Portrait

Patrick Wajant

TransnetBW GmbH

Patrick Wajant ist Diplom-Ingenieur der Elektro- und Informationstechnik und seit 2010 in der TransnetBW-Systemführung. Er ist Mitglied in mehreren nationalen und internationalen Arbeits- und Projektgruppen der europäischen Übertragungsnetzbetreiber mit besonderem Fokus auf Netzsicherheitsanalysen und Betriebsplanungsprozessen.

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09. April 2018

Bis zu 65 Prozent erneuerbare Erzeugung bis 2030? Die Zielsetzung der Großen Koalition ist eine echte Herausforderung – auch für das Übertragungsnetz. Die Energiewende hat die Energielandschaft in kürzester Zeit enorm verändert. Und gerade bei uns in der Hauptschaltleitung spüren wir diese Veränderungen jeden Tag. Das heutige Übertragungsnetz hat noch nicht die Transportkapazität, um die großen Strommengen, die vor allem in den großen Windparks im Norden erzeugt werden, dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden – in den verbrauchsstarken Süden. Hinzu kommt, dass die Erzeugung immer stärker von Wind und Sonne abhängt und daher unbeständig ist. Wir als Übertragungsnetzbetreiber müssen unser Übertragungsnetz fit für die Zukunft machen. Mit den großen Gleichstromprojekten Ultranet und SuedLink und mehreren Wechselstromprojekten in Baden-Württemberg arbeitet die TransnetBW mit Hochdruck an diesem Ziel.

Wachsende Zahl von Netzengpässen im Übertragungsnetz

Bis es soweit ist, stehen wir Systemführungsingenieure tagtäglich vor der Aufgabe, die wachsende Zahl von Netzengpässen zu beheben. In einem ersten Schritt geschieht das durch netzbezogene Maßnahmen. Dabei steuern wir die Lastflüsse so, dass Spitzenbelastungen vermieden werden. Reicht das nicht aus, müssen wir in den Markt eingreifen und machen „Redispatch“: Wir weisen Kraftwerke an, ihre Erzeugung anzupassen. Ohne diese Eingriffe in die Lastflüsse und in die Erzeugung könnten wir die Stabilität des Stromversorgungssystems nicht gewährleisten.

Mit dem schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien nehmen diese Eingriffe stetig zu. Allein im Netz der TransnetBW waren im Jahr 2017 an 314 Tagen Eingriffe der Systemführung notwendig. Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht, denn auch untertägig steigen Anzahl und der Umfang der Eingriffe.

Auswirkungen auf die Systemführung

Als Systemführungsingenieur hat man also alle Hände voll zu tun. Die Eingriffe ins Stromnetz nehmen inzwischen einen beträchtlichen Teil der Arbeitszeit der drei 24/7-Arbeitsplätze in der Hauptschaltleitung in Wendlingen in Anspruch. Wir analysieren anhand aktuellster Prognosen die Situation in der eigenen Regelzone und übergreifend im europäischen Verbundnetz. Je nach Bedarf bereiten wir die notwendigen Gegenmaßnahmen vor und stimmen uns mit den benachbarten deutschen und europäischen Übertragungsnetzbetreibern, den Verteilnetzbetreibern und natürlich den Kraftwerksbetreibern ab. Erneuerbare sind volatil und haben Vorrang bei der Einspeisung – da müssen wir im Echtzeitbetrieb permanent nachsteuern.

Von wendlingen aus wird das Übertragungsnetz in Baden-Württemberg rund um die Uhr gesteuert.
Beheben die wachsende Zahl von Netzengpässen: Systemführungsingenieure der TransnetBW arbeiten in der 2017 in Wendlingen eingeweihten Hauptschaltleitung des Unternehmens. Von hier wird das Übertragungsnetz in Baden-Württemberg rund um die Uhr gesteuert.

Uns allen ist klar: Zurzeit hält der Netzausbau nicht mit dem rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien mit. Dabei ringen wir für jedes Projekt im notwendigen Netzausbau nach Kräften um Akzeptanz und Zustimmung. Und die Folgen dieser ungleichen Geschwindigkeiten? Noch mehr Engpässe, noch mehr Redispatch und noch höhere Kosten für die Endverbraucher. Die Anforderungen an die Systemführung werden in den kommenden Jahren jedenfalls weiter steigen. Vor diesem Hintergrund haben wir bei Bau der neuen Hauptschaltleitung in Wendlingen bereits zwei zusätzliche 24/7-Arbeitsplätze vorbereitet, um handlungsfähig zu bleiben.

Neue Rollen in der Energiewende

Der Ausbau der Erneuerbaren benötigt einen gleichziehenden Ausbau des Übertragungsnetz.
Als regional tätiger Übertragungsnetzbetreiber plant und realisiert TransnetBW Netzausbaumaßnahmen, um mit dem rasanten Ausbau der erneuerbaren Schritt zu halten.

Und was können wir außerdem tun? Die TransnetBW arbeitet gemeinsam mit den anderen deutschen Übertragungsnetzbetreibern an einer Vielzahl von Werkzeugen, um die Herausforderungen der kommenden Jahre zu bewältigen. Hierzu gehört die flächendeckende Einführung eines Leiterseil-Temperatur-Monitorings, um das Bestandsnetz besser auslasten zu können. Ein weiteres wichtiges Beispiel ist die Implementierung des „Redispatch-Ermittlungsservers und Redispatch-Abrufservers“. Dieser sogenannte RESRAS soll automatisiert einen volkswirtschaftlich optimalen Redispatch errechnen und die dazugehörigen Fahrpläne an die Kraftwerksbetreiber schicken. Doch so etwas schafft nur übergangsweise Abhilfe. Für eine nachhaltige Lösung brauchen wir den Netzausbau.

Unser Netz ist sehr sicher. Weil uns bewusst ist, welch große Verantwortung wir für Wirtschaft und Gesellschaft tragen. Um ihr gerecht zu werden, betrachten wir auch die Möglichkeit eines Blackouts und üben regelmäßig den Wiederaufbau des Netzes. Und auch hier müssen wir mit fortschreitender Energiewende vieles ganz neu denken. Bisher haben die großen Kraftwerke den Wiederaufbau gestemmt. Künftig würde eine wachsende Zahl an kleinen Einspeisern den Netzwiederaufbau nach einem Blackout deutlich komplexer machen.

Die Herausforderungen sind groß und nehmen stetig zu. Neben neuen technischen Lösungen ist auch die enge Zusammenarbeit mit allen Übertragungs- und Verteilernetzen wesentlich für die Aufrechterhaltung eines sicheren und stabilen Stromversorgungssystems. Die zentrale Stellschraube wird aber der bedarfsgerechte und zügige Netzausbau sein.

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  1. Windmüller

    vor 7 Monaten

    Was im Artikel steht, ist ja alles richtig. Nur denke ich, dass in Deutschland so manche Probleme hausgemacht sind. Vor Jahren sollten smart Zähler eingeführt werden. Wer am Wochenende oder in der Nacht Strom nutzte, profitierte davon. Das wurde wieder gekippt. Wir E Autofahrer können flexibel laden. Bei meinem Zoe kann ich im Bordcomputer eingeben, wann ich laden möchte.Auch wenn ich eine Wärmepumpe nutze, muss ich ja nicht zwingend zu festen Zeiten den Strom nutzen. Hier wäre viel mehr Flexibilität möglich. Man will es anscheinend nicht.

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