Energiewende aktuell: Auch der Strom muss digital werden

Gastautor Portrait

Ulrich Dietz

GFT Technologies AG

Ulrich Dietz ist ein echter Entrepreneur - im Alter von nur 19 Jahren gründete er sein erstes Unternehmen. 1987 startete er die GFT Technologies AG und ist bis heute als CEO an ihrer Spitze tätig. Darüber hinaus ist er aktives und engagiertes Mitglied in einer Reihe von Ausschüssen und Komitees, die Start-ups unterstützen und Deutschland als einen wesentlichen internationalen Standort für IT-Innovationen fördern. Im Jahr 2011 wurde Dietz als "Entrepreneur des Jahres" ausgezeichnet.

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25. Februar 2015
GFT-CEO Ulrich Dietz

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche schreitet sehr dynamisch voran. Diese Entwicklung ist nur zum Teil auf betriebswirtschaftlich begründetes Effizienzstreben zurückzuführen. Viel wichtiger scheint mir: Die Menschen entscheiden sich für diese Angebote, weil diese im Alltag ungeahnte Vorteile bringen. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass man das verfügbare Weltwissen in der Hosentasche tragen und jederzeit abrufen kann? Die Digitalisierung führt aber auch zu Brüchen, ganze Branchen werden umgekrempelt. Leidvoll erfährt dies im Moment die Medienwirtschaft, die Finanzbranche steht als nächstes vor ähnlichen Herausforderungen. Die Verbreitung der neuen Kommunikationsmittel bietet gleichzeitig enorme Chancen. Neue Geschäftsmodelle entstehen jeden Tag und machen den Branchen, die sich nicht schnell wandeln und anpassen „Beine“, zum Vorteil für den Kunden. Startups gründen sich wie aus dem Nichts und machen altgedienten Weltkonzernen in atemberaubender Geschwindigkeit nie dagewesenen Wettbewerb.

StrommastFür die Energiewirtschaft ist die Digitalisierung ein unabdingbarer Baustein, um die Herausforderungen zu meistern, die sich aus dem Jahrhundertprojekt der Energiewende ergeben. Nur wenn das Stromnetz zum Smart Grid wird und die Verbraucher ihr Nutzungsverhalten mit einem Smart Home effizienter gestalten, kann sie gelingen. Diese neuen Prozesse lassen sich nur mit digitalisierten Kommunikationssystemen organisieren. Die Energiewirtschaft scheint hier die ersten Weichenstellungen getroffen zu haben, noch aber sind wichtige Bausteine erst in Ansätzen erkennbar. Ein Beispiel dafür sind flexible Preismodelle mit stundengenauen Tarifen. Die Idee des Smart Grid basiert zentral auf der Annahme, den Kunden durch hohe oder niedrige Strompreise zu motivieren, sein Verbrauchsverhalten an die wetterabhängige Erzeugungslage anzupassen.

EnBW-Ladestation car2goBesonders deutlich wird diese komplexe Gemengelage aus volatiler Erzeugung und individuellem Verbrauch in der Elektromobilität. Die Idee, dass Millionen Fahrzeuge durch bidirektionales Laden als eine einzige große Batterie fungieren können, ist charmant, denn der regenerativen Energieerzeugung mangelt es vor allem an einem: Speicherkapazitäten. Der Besitzer eines Elektroautos muss also motiviert werden, das Smart Grid über seine beabsichtigte Fahrleistung zu informieren, so dass errechnet werden kann, welcher Teil der Speicherkapazität seines E-Autos für die Netzstabilität nutzbar ist. Ein finanzieller Anreiz, der den Elektromobilisten bei günstiger Wetterlage für die Offshore-Windparks (Strompreis niedrig) zum Laden und bei Bewölkung mit Flaute (Strompreis hoch) zur teilweisen Bereitstellung seines Fahrstroms anregt, ist dafür die Voraussetzung. Der durchschnittliche Verbraucher ist in der Regel phlegmatisch, aber immer preissensibel: Nur über Preismodelle mit Echtzeittarifen lässt sich eine effektive Lastverschiebung durch Änderung des Kundenverhaltens im großen Maßstab erreichen. Um diese umzusetzen, ist eine Echtzeitkommunikation auf der Basis leistungsfähiger IT-Infrastruktur unverzichtbar.

Bisher aber sind solche Szenarien über Forschungsprojekte nicht hinausgekommen. Ob innovative Startups, die sich direkt an der Strombörse mit günstiger Energie versorgen, derartige Geschäftsmodelle verwirklichen oder die großen Energieversorger flexibel genug sind, um dies ihren Bestandskunden anzubieten, ist derzeit völlig offen. Noch ist die Marktposition der Energieversorger generell ungebrochen, aber bei der Erzeugung, die bisher durch großtechnische Anlagen inzwischen jedoch von Millionen Eigenheimbesitzern mit ihren Solaranlagen organisiert wird, ist das Geschäft schon fragil geworden. Mit der Erzeugung ist kein Geld mehr zu verdienen, so das neue Credo der EVUs. Abzuwarten bleibt daher, ob die klassischen Stromunternehmen ausreichend Innovationskraft mobilisieren, um in diesem dynamischen Umfeld ihre Position zu behaupten.

Mit der Plattform CODE_n CONNECT schafft GFT ein Umfeld, in dem Innovationen möglich werden und sich präsentieren können. Startups und Unternehmen sollen voneinander profitieren, indem sie aufeinander zugehen und miteinander arbeiten. Wir fördern Innovationen die Chancen der Digitalisierung nutzen. Solide Unternehmens- und dynamische Startup-Kulturen kommen zusammen. Wir bei GFT haben damit begonnen, weil wir die Chancen nutzen wollen und bei der Gestaltung neuer Märkte und Angebote mit dabei sein werden. Die Energiewirtschaft befindet sich meiner Meinung nach in einer ähnlichen Lage. Aufbruch nach vorne und das Verlassen der Komfortzone ist angesagt.


Veranstaltungstipp der Redaktion:
Besuchen Sie CODE_n auf der CeBIT vom 16. bis 20. März 2015 in Hannover und tauschen Sie sich mit 50 internationalen, smarten Startups hautnah vor Ort aus. In diesem Jahr dreht sich alles um die Digitalisierung der Wirtschaft – im Speziellen rund ums „Internet of Things“ (#IoT). Mehr zum CODE_n-Contest auf der CeBIT und zu #FutureMobility, #SmartCitiy, #DigitalLife und #industrie40 bald hier im Blog.

CODE_n Contest 2015

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  1. Windmüller

    vor 3 Jahren

    Alles schön und gut, das Problem ist nur, dass die Stromkonzerne das alles gar nicht wollen. Die smarte Energienutzung ist ein wichtiger Baustein der Energiewende. Was spricht dagegen, Wärmepumpen ganz gezielt als Lastsenke einzusetzen, wenn viel Wind- oder Solarsatrom im Netz ist ? Der Bundesverband Wärmepumpe hat hier gute Vorschläge gemacht. Aber offenbar will man Möglichkeiten gar nicht nutzen, um im zweiten Schritt zu erklären, die Energiewende scheitere an fehlenden Speichern.

  2. Dominik Pöschel

    vor 3 Jahren

    Zunächst möchte ich klarstellen dass es ohne die großen EVU´s die Energiewende in Deutschland gar nicht geben würde!!!! Die großen EVU´s haben die meisten Kunden in Deutschland und haben in Ihren Strompreisen die Energiewende umgesetzt und dafür bis jetzt nur Hohn und Spott erhalten und die Unzufriedenheit der Kunden abgefangen aufgrund der hohen Strompreise. Um es auf den Punkt zu bringen die großen EVU´s stehen am Pranger und werden verunglimpft für die sichere und günstige Stromversorgung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. DAS MACHT MAN SICH HIER VIEL ZU EINFACH!!!!!!
    Jetzt muss man mal Ehrlich sein ich bin in den 70zigern geboren. Weder meine Eltern noch die Großeltern oder sonst irgendjemand hat über Strom gemeckert!!! Heutzutage meint man gerade das Gegenteil sei der Fall gewesen!!!
    UND NOCHMAL: Schon vor Fukushima gab es die sichere Energiewende die die EVU´s mit dem sicheren Atomausstieg umsetzten wollten.
    Und eines ist auch klar: Ich werde zukünftig bestimmt nicht mein Leben nach der Menge des gerade erzeugtem oder sich im Netz befindlichen Strom ausrichten. Energieeffizienz kann auch anderst umgesetzt und erreicht werden. Wieviele Daten von privat Personen sollen noch ins Netz gestellt und für jeden der sich damit auskennt abschöpfbar sein??? Das ist viel höher zu priorisieren als die Digitalisierung der Energiewende in den Himmel zu loben!!!!

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