Debattenabend: Plan zum Kohleausstieg?

Gastautor Portrait

Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
20. Juni 2016
Sie diskutierten über einen Plan zum Kohleausstieg
Die Referenten des Abends mit dem Sprecher des Vorstands der Stiftung, Holger Schäfer, und dem Moderator des Abends, Hubertus Grass.

Früher sei man davon ausgegangen, dass der Klimaschutz und die Verknappung der fossilen Energien parallel laufen. Franz Untersteller, Minister für Umwelt und Energie in Baden-Württemberg, gestand die Fehleinschätzung offen ein. Heute sei klar, dass der größte Teil der bekannten Kohlereserven unter der Erde bleiben müsse. Anders lasse sich das Ziel der Weltgemeinschaft, den Temperaturanstieg unter 2 Grad, möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen, nicht einhalten. Das Statement des grünen Ministers eröffnete eine faktenreiche Debatte, zu der die Stiftung Energie & Klimaschutz unter dem Titel: „Wie viel Kohle können wir uns noch leisten?“ nach Stuttgart eingeladen hatte.

Untersteller fordert nationalen Plan zum Kohleausstieg

Sie diskutierten über einen Plan zum Kohleausstieg
Die Referenten des Abends mit dem Sprecher des Vorstands der Stiftung, Holger Schäfer, und dem Moderator des Abends, Hubertus Grass.

Leider, so Untersteller, müsse man eine weitere Hoffnung abschreiben: Der europäische Emissionshandel bringe nicht die gewünschten Ergebnisse. Und die Interessen in Europa liefen weiter auseinander, um die nötigen Korrekturen am System vorzunehmen. Deshalb käme man an einer nationalen Strategie nicht vorbei. „Wir brauchen einen Plan für einen verantwortungsvollen Ausstieg aus der Kohle, möglichst im Konsens mit den Betroffenen.“

Dass ein Ausstieg aus der Kohle funktionieren werde, können er nicht sehen. Dr. Rüdiger Schwarz, Geschäftsführer der geotec Rohstoffe GmbH, konnte sich dem Optimismus des Ministers nicht anschließen und wies unter anderem darauf hin, dass Dunkelflauten – Tage ohne nennenswerte Erträge bei Wind- und Sonnenstrom – im Jahresverlauf mehrfach auftreten. Wenn 2022 das letzte AKW vom Netz gegangen sei, verbliebe nur noch die Kohle als grundlastfähiger Energieträger, der preiswert und in hinreichender Menge zur Verfügung stehen würde. Versorgungssicherheit sei ein hohes Gut, so Dr. Schwarz. Das Ausland schaue sehr genau auf die deutsche Energiewende. Die schon jetzt sehr hohen Kosten des Projekts würden es nicht zur Nachahmung empfehlen. Mit dem Ausbau der Netze und dem Aufbau von Speicherkapazitäten kämen weitere finanzielle Belastungen hinzu, die die deutsche Energiewende unattraktiv machen würde.

Null Emissionen im Stromsektor

„Wir sind nicht mehr alleine mit der Energiewende, sondern das ist eine weltweite Bewegung“ stellte Dr. Gerd Rosenkranz von Agora Energiewende fest. Die Rolle des Vorreiters der Energiewende habe Deutschland ohnehin schon abgegeben. Die Aufgabe bleibe aber gigantisch: Bis zum Jahr 2050 müssen die CO2-Emissionen weltweit um 95 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden. Deutschland dürfe analog bis zur Mitte des Jahrhunderts nur noch 62,5 Millionen Tonnen CO2 emittieren. Das sei heute die Emissionsbelastung aus der Landwirtschaft.  Daher sei die Frage „Wie viel Kohle können wir uns noch leisten?“ klar zu beantworten. “Im Stromsektor werden wir auf null CO2-Emissionen gehen müssen“. Dank des günstigen Sonnen- und Windstroms sei das aber kein wirkliches Problem. Und weil der Stromsektor mit der Wärme und dem Verkehr verzahnt werden müsse, käme da ein „gigantisches Investitionsprogramm für die Volkswirtschaften“ ins Rollen.

Ähnlich wie der grüne Minister bewertete auch Gerd Rosenkranz den Kohleausstieg weniger als  nationales Problem, sondern eher als eines der betroffenen Regionen. Daher messe der von Agora erarbeitete Plan zum Kohleausstieg dem Strukturwandel in den Bergbauregionen besonderes Gewicht bei. Der Agora-Plan schlägt deshalb vor, dass der Ausstieg mit einem Strukturwandelfonds von jährlich 250 Millionen Euro begleitet wird. Über die Verwendung dieser Gelder sollen die betroffenen Länder selbst entscheiden.

Kein Plan zum Kohleausstieg: Alle warten ab, was passiert

„Auch unsere Kohlekraftwerke sind nicht wirtschaftlich.“ Georg-Nikolaus Stamatelopoulos, Leiter Erzeugung Betrieb bei der EnBW, würde gerne das ein oder andere Kraftwerk stillegen. Aber südlich der Main-Linie, wo die meisten Kraftwerke der EnBW stehen, werden die Kraftwerke des Unternehmens als „systemrelevant“ eingestuft. Sie sind gemäß Bundesnetzagentur für die Netzstabilität und die Versorgungssicherheit unverzichtbar. Heute liege die Netzreserve bei sieben Gigawatt, den Reservebedarf im Jahr 2021 schätzt die EnBW auf ca. 11 Gigawatt.

Die Überkapazitäten in der Erzeugung würden so lange nicht verschwinden, so lange die Marktteilnehmer die Hoffnung haben, einen finanziellen Ausgleich für die Abschaltung zu erhalten. Der Markt in Deutschland, so der Energiemanager, sei von den Unsicherheiten der Regulierung geprägt: „Jeder wartet ab, was passiert.“ Wie der Kohleausstieg im Detail funktionieren könne, zeigte Stamatelopoulos am Beispiel des Heizkraftwerks Stuttgart-Gaisburg auf. Man brauche „nur“ die gesetzliche Klarheit bei der KWK-Novelle, dann werde das bestehende Kohlekraftwerk durch ein KWK-Gaskraftwerk mit einer Leistung von 260 Megawatt ersetzt. 60.000 Tonnen CO2 würden dann in der Region Stuttgart eingespart.

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Präsentation von Dr. Rüdiger Schwarz, geschäftsführender Gesellschafter der geotec Rohstoffe GmbH Berlin und Vorsitzender der Landesfachkommission Rohstoffpolitik des Landesverbandes Berlin-Brandenburg  

Präsentation von Dr. Gerd Rosenkranz, Leiter Grundsatzfragen Agora Energiewende

Präsentation von Dr.-Ing. Georg-Nikolaus Stamatelopoulos, Leiter Erzeugung Betrieb der EnBW Energie Baden-Württemberg AG.

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Der nächste Debattenabend der Stiftung Energie & Klimaschutz findet am 20. Juli in Stuttgart unter dem Titel „Wie viel Akzeptanz verträgt die Energiewende?“ statt.

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