Erdgas: Mehr notwendiges Übel als Wunschenergie – zumindest politisch

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Dr. Heiko Lohmann

Gastautor
26. Juli 2016

Vielleicht muss ich es vorwegschicken: Ich lebe davon, dass ich über den Erdgasmarkt in Deutschland schreibe, je länger Erdgas verwendet wird, desto länger kann auch ich bei meinen angestammten Leisten bleiben. Aber die Position für Erdgas im Energiemix in Deutschland ist gefährdet und dies gilt sowohl für die Stromerzeugung, den Wärmemarkt und den Verkehrssektor (wo Erdgas ohnehin nur eine zu vernachlässigende Rolle spielt). Aus Sicht der Politik – und einiger maßgeblicher deutscher und europäischer Think Tanks, die diese Politik unterstützen – gibt es zwei wesentliche Gründe, warum eine Verdrängung von Erdgas zumindest mittelfristig eine rationale Strategie ist. Erdgas ist fossil und Erdgas kommt aus Russland!

Erdgas ist fossil!

Im Grunde seit dem G7 Gipfel in Elmau im Sommer letzten Jahres und spätestens seit der Konferenz der Nationen in Paris im Dezember 2015 hat der Begriff „Dekarbonisierung“ Karriere gemacht. Seitdem ist nach meiner Wahrnehmung auch die deutsche politische Diskussion viel stärker davon geprägt, „Energiewende“ nicht auf die Beglückung der Nation mit Windrädern und Solaranlagen zu reduzieren, sondern strategisch die Reduktion der Treibhausgasemissionen auch in den Sektoren Wärme und Verkehr – ja sogar der Landwirtschaft – in den Vordergrund zu rücken. Dies kann aber nur funktionieren, wenn im Verkehr und im Wärmesektor fossile Energien ersetzt werden. Und Erdgas ist nun mal wie Öl und Kohl eine fossile Energie und damit im Rahmen einer Dekarbonisierungsstrategie ein Auslaufmodell. Die Zukunft für den Wärmemarkt liegt im Dreiklang Energieeffizienz, erneuerbare Energien und strombasierte Technologien. Patrick Graichen, der Direktor des Think Tanks Agora Energiewende hat es Anfang des Jahres die Vision auf den Punkt gebracht: „Wir wollen den Verkehrssektor und den Wärmesektor elektrifizieren und müssen deshalb den Strommarkt dekarbonisieren. Diese strategische Vision findet sich übrigens schon im Weißbuch des Bundeswirtschaftministeriums zum Strommarktdesign vom Juli des vergangenen Jahres. Ich rate seitdem der Gaswirtschaft, dieses Konzept ernst zu nehmen.

LohmannSektorkopplungs-Konzept (Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Ein Strommarkt für die Energiewende, S. 90)

Vertreter der Gaswirtschaft argumentieren, ein solcher Umbau des Wärmemarktes sei viel zu teuer und technisch nicht machbar – allein der Flächenbedarf für Wind- und Solaranlagen für eine komplette strombasierte Wärmeerzeugung kille das Konzept. Mit optimierten erdgasbasierten System und ergänzenden Maßnahmen ließe sich viel kostengünstiger ein erheblicher Teil der angestrebten CO2-Reduzierung erreichen. Dazu gibt es mit den Sanierungsfahrplänen der Brancheninitiative Zukunft Erdgas ausanalysierte Konzepte, deren politische Durchschlagkraft allerdings bisher nicht zu erkennen ist. Zudem argumentieren Verfechter einer Dekarbonisierung, die Strategie alte Heizsysteme durch moderne Erdgastechnologien zu ersetzten führe zu Lock-In Effekten, die eine langfristige Zielerreichung gefährden. Deshalb finden sich denn in dem noch nicht verabschiedeten Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung Forderungen wie ein Verzicht auf fossile Heizsysteme bei Neuinstallationen ab 2030 und ein Ende für die Austauschförderung fossiler Heizungen ab 2020 (!! Also in vier Jahren). Sollte die nächste Bundesregierung den Klimaschutzplan ernst nehmen, wird man über eine Erhöhung der Steuern auf Heizöl und Erdgas und eine Senkung der Abgaben auf den Strom für Wärmepumpen ernsthaft diskutieren.

Erdgas ist aus Russland

Öffentlich eher unbemerkt haben sich Verfechter einer Dekarbonisierungsstrategie auch in die Debatte um Nord Stream 2 „eingeklinkt“. Agora Energiewende gehört mit zu den Auftraggebern einer Studie, die zu dem Ergebnis kommt, ein großes neues Infrastrukturprojekt wie Nord Stream 2 sei völlig unnötig, wenn die europäischen Ziele zur Steigerung der Energieeffizienz ernst genommen werden und mehr Strom auch im Wärmesektor verwendet wird. Das Bundesumweltministerium hat mit ähnlichen Argumenten in einer Stellungnahme zum Gas-Netzentwicklungsplan 2016 deutliche Zweifel an der Angemessenheit eines Netzausbaus, der Nord Stream 2 berücksichtigt, angemeldet.

Ein Ende für Erdgas?

Ob und wie schnell Erdgas tatsächlich aus dem Wärmemarkt gedrängt wird, muss man sehen. Man darf nicht vergessen, der Anteil beträgt 50 Prozent und der Umbau wird in erster Linie über die Neuinstallation von Heizungen stattfinden. Die Frage wird sein, welche Kosten und Eingriffe in die Entscheidungsfreiheit die Gesellschaft am Ende zu tragen bereit ist. Zukunft Erdgas hat eine Zahl von 50.000 Euro je Haushalt in die Welt gesetzt, eine starke Ansage! Die Branche wird durch effiziente Produktgestaltung und Widerstand gegen direkte Belastungen gegenhalten. Und sie wird verstärkt versuchen synthetisches Erdgas (Power-to-Gas) als Ergänzung einzubinden. Aber auch dabei sind noch viele Fragen offen. Der Engländer würde sagen: „It remains un uphill battle for natural gas“.

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