Erdgas: Mehr notwendiges Übel als Wunschenergie – zumindest politisch

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Dr. Heiko Lohmann

Gastautor

Dr. Heiko Lohmann ist promovierter Volkswirt. Er ist seit 1996 in der Energiewirtschaft tätig und auf den Gassektor spezialisiert. Von 1996 bis 2001 hat er als Berater bei der Unternehmensberatung LBD-Beratungsgesellschaft, mbH, Berlin sich vor allem mit Gasbeschaffung und Marktanalysen beschäftigt. Von 2001 bis 2003 war er Deutschandkorrespondent von Heren Energy. Seit Mai 2003 ist Herr Lohmann freier Journalist und Berater. Er ist Autor des monatlichen Informationsdienstes energate Gasmarkt sowie Autor des Buches: The German Path to Natural Gas Liberalisation, Oxford Institute of Energy Studies, September 2006 und der Studie: The German Gas Market post 2005: Development of real competition, Oxford Institute of Energy Studies, September 2009.

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26. Juli 2016

Vielleicht muss ich es vorwegschicken: Ich lebe davon, dass ich über den Erdgasmarkt in Deutschland schreibe, je länger Erdgas verwendet wird, desto länger kann auch ich bei meinen angestammten Leisten bleiben. Aber die Position für Erdgas im Energiemix in Deutschland ist gefährdet und dies gilt sowohl für die Stromerzeugung, den Wärmemarkt und den Verkehrssektor (wo Erdgas ohnehin nur eine zu vernachlässigende Rolle spielt). Aus Sicht der Politik – und einiger maßgeblicher deutscher und europäischer Think Tanks, die diese Politik unterstützen – gibt es zwei wesentliche Gründe, warum eine Verdrängung von Erdgas zumindest mittelfristig eine rationale Strategie ist. Erdgas ist fossil und Erdgas kommt aus Russland!

Erdgas ist fossil!

Im Grunde seit dem G7 Gipfel in Elmau im Sommer letzten Jahres und spätestens seit der Konferenz der Nationen in Paris im Dezember 2015 hat der Begriff „Dekarbonisierung“ Karriere gemacht. Seitdem ist nach meiner Wahrnehmung auch die deutsche politische Diskussion viel stärker davon geprägt, „Energiewende“ nicht auf die Beglückung der Nation mit Windrädern und Solaranlagen zu reduzieren, sondern strategisch die Reduktion der Treibhausgasemissionen auch in den Sektoren Wärme und Verkehr – ja sogar der Landwirtschaft – in den Vordergrund zu rücken. Dies kann aber nur funktionieren, wenn im Verkehr und im Wärmesektor fossile Energien ersetzt werden. Und Erdgas ist nun mal wie Öl und Kohl eine fossile Energie und damit im Rahmen einer Dekarbonisierungsstrategie ein Auslaufmodell. Die Zukunft für den Wärmemarkt liegt im Dreiklang Energieeffizienz, erneuerbare Energien und strombasierte Technologien. Patrick Graichen, der Direktor des Think Tanks Agora Energiewende hat es Anfang des Jahres die Vision auf den Punkt gebracht: „Wir wollen den Verkehrssektor und den Wärmesektor elektrifizieren und müssen deshalb den Strommarkt dekarbonisieren. Diese strategische Vision findet sich übrigens schon im Weißbuch des Bundeswirtschaftministeriums zum Strommarktdesign vom Juli des vergangenen Jahres. Ich rate seitdem der Gaswirtschaft, dieses Konzept ernst zu nehmen.

LohmannSektorkopplungs-Konzept (Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Ein Strommarkt für die Energiewende, S. 90)

Vertreter der Gaswirtschaft argumentieren, ein solcher Umbau des Wärmemarktes sei viel zu teuer und technisch nicht machbar – allein der Flächenbedarf für Wind- und Solaranlagen für eine komplette strombasierte Wärmeerzeugung kille das Konzept. Mit optimierten erdgasbasierten System und ergänzenden Maßnahmen ließe sich viel kostengünstiger ein erheblicher Teil der angestrebten CO2-Reduzierung erreichen. Dazu gibt es mit den Sanierungsfahrplänen der Brancheninitiative Zukunft Erdgas ausanalysierte Konzepte, deren politische Durchschlagkraft allerdings bisher nicht zu erkennen ist. Zudem argumentieren Verfechter einer Dekarbonisierung, die Strategie alte Heizsysteme durch moderne Erdgastechnologien zu ersetzten führe zu Lock-In Effekten, die eine langfristige Zielerreichung gefährden. Deshalb finden sich denn in dem noch nicht verabschiedeten Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung Forderungen wie ein Verzicht auf fossile Heizsysteme bei Neuinstallationen ab 2030 und ein Ende für die Austauschförderung fossiler Heizungen ab 2020 (!! Also in vier Jahren). Sollte die nächste Bundesregierung den Klimaschutzplan ernst nehmen, wird man über eine Erhöhung der Steuern auf Heizöl und Erdgas und eine Senkung der Abgaben auf den Strom für Wärmepumpen ernsthaft diskutieren.

Erdgas ist aus Russland

Öffentlich eher unbemerkt haben sich Verfechter einer Dekarbonisierungsstrategie auch in die Debatte um Nord Stream 2 „eingeklinkt“. Agora Energiewende gehört mit zu den Auftraggebern einer Studie, die zu dem Ergebnis kommt, ein großes neues Infrastrukturprojekt wie Nord Stream 2 sei völlig unnötig, wenn die europäischen Ziele zur Steigerung der Energieeffizienz ernst genommen werden und mehr Strom auch im Wärmesektor verwendet wird. Das Bundesumweltministerium hat mit ähnlichen Argumenten in einer Stellungnahme zum Gas-Netzentwicklungsplan 2016 deutliche Zweifel an der Angemessenheit eines Netzausbaus, der Nord Stream 2 berücksichtigt, angemeldet.

Ein Ende für Erdgas?

Ob und wie schnell Erdgas tatsächlich aus dem Wärmemarkt gedrängt wird, muss man sehen. Man darf nicht vergessen, der Anteil beträgt 50 Prozent und der Umbau wird in erster Linie über die Neuinstallation von Heizungen stattfinden. Die Frage wird sein, welche Kosten und Eingriffe in die Entscheidungsfreiheit die Gesellschaft am Ende zu tragen bereit ist. Zukunft Erdgas hat eine Zahl von 50.000 Euro je Haushalt in die Welt gesetzt, eine starke Ansage! Die Branche wird durch effiziente Produktgestaltung und Widerstand gegen direkte Belastungen gegenhalten. Und sie wird verstärkt versuchen synthetisches Erdgas (Power-to-Gas) als Ergänzung einzubinden. Aber auch dabei sind noch viele Fragen offen. Der Engländer würde sagen: „It remains un uphill battle for natural gas“.

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  1. Joachim Mutter

    vor 2 Wochen

    Hallo Herr Dr. Lohmann,

    ich bin vollkommen ihrer Meinung, dass man Erdgas früher oder später ersetzten muss. Womit ich aber überhaupt nicht einverstanden bin, ist die Art und Weise wie man das für den Wärmesektor machen will.
    Realität ist doch folgendes:
    Gesamtzahl Wohngebäude in Dutschland: ca. 19,5 Millionen (Stand 2022).
    Struktur: Ca. 13 Mio. Einfamilienhäuser, der Rest Zwei- und Mehrfamilienhäuser.
    Alterstruktur: Dreiviertel aller Gebäude sind älter als 33 Jahre, die Hälfte älter als 53 Jahre. Nur etwa ein Viertel ist aus dem Jahr 2000 oder jünger.

    Sprich wir müssen uns verstärkt um den Altbestand kümmern. Und wenn wir im Mehrfamilienbereich im Altbestand sind, dann wird die Luft sehr dünn. Förderungstechnisch als auch physikalisch.
    Im städtischen Bereich kann es häufig zu Problemen bei dem Aufstellort der Ausseneinheit kommen. Ab 3 Wohnungen muss die Trinkwasserschutzverordnung erfüllt(>55C) werden, Fußbodenheizung ist meist nicht möglich, also müssen spezielle Niedertemperatur Heizkörper her, die teuer und auch mit 40-50° anzufahren sind, ja das geht mit neueren Wärmepumpen, schlägt aber auf den Verbrauch der dann bei COP Werten von 2 liegt.
    Geht man in den Bereich >3 Wohnungen, wurden in den 2010 Jahren bei Sanierungen häufig Wohnraumstationen eingebaut, die nur von 80° heißem Wasser von einer zentralen Gas oder Öltherme angefahren werden, diese sind unmöglich per Wärmepumpe zu betreiben. Heute gibt es diese Stationen mit Durchlauferhitzer, die die Basistemeperatur von 34-38 auf Warmwassertemperatur anheben können, da reden wir aber von 15 kW pro Wohneinheit, was mit unseren alten Energienetzen meist nicht möglich ist.
    Oder man ist hier dezentral aufgestellt und hat Wohnungstherme, auch hier wird es sehr schwierig bis unmöglich Wärmepumpen zu verwenden.
    Was erschwerend hinzu kommt, die Investitionskosten sind nur zum Teil auf den Mietzins umlegbar und verteuern den eh knappen Mietraum noch weiter.

    Bis 2026 oder 2027 (<100000) müssen Städte eine Wärmeplanung vorlegen, in unserer Kleinstadt- ländlich geprägten Umgebung in der Pfalz erwartet aber nicht wirklich jemand zielführende Ergebnisse, allerdings lasse ich mich hier überraschen.
    In Pirmasens hätte die Verlängerung einer Fernwäremversorgung in ein Haus nahe dem Stadtkern für 100m ca. 27.000 € gekostet. Ein zur Sanierung geplantes Bauobjekt in Pirmasens wurde von den Stadtwerken mit einem Hausanschluss von max. 40A beziffert, für 18 Wohneinheiten! Alleine die elektr. Anschlussleistung für einer oder mehrere Wärmepumpe(n) für ein solches Objekt würde das schon (fast) überschreiten.
    In Zweibrücken ergab eine Nachfrage bei einem Objekt mit 4 Wohnungen, dass der Hausanschluss mit 30A ausgeführt ist und auf Nachfrage max. 2 * 11kW für Wallboxen möglich wären und da wird es schon eng wenn 2 KFZ laden und noch 1-2 Herdplatten an sind, geschweige denn nochmal 15-20 kW für eine Wärmepumpe bereitzustellen.

    Kurz gesagt, die Wärmerevolution im Wohnbereich scheitert schlicht an der Realität. Keine Stadt hat unnötig Geld herumliegen um für einen geeigneten Netzausbau zu sorgen.
    Wasserstoff im Heizbereich wäre eine Alternative, aber die wird vom Bund nur stiefmüttrerlich behandelt. Auf der anderen Seite hegt man bei der MVV den Plan, das Erdgasnetzt bis 2035 rückzubauen, mir erschließt sich das alles nicht. Es hilft ja nichts, von roten Rosen zu träumen und noch nichtmal Gänseblümchen auf der Wise zu haben ist die Wirklichkeit.

    mit freundlichen Grüßen
    Joachim Mutter

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