Nord Stream 2 stärkt europäische Versorgungssicherheit

Gastautor Portrait

Jens D. Müller

Nord Stream 2 AG
29. Juni 2016

Die aktuelle Versorgung Europas mit Gas sollte auf den ersten Blick kein Anlass zur Beunruhigung sein. Das Angebot scheint mehr als ausreichend: Gas erreicht die EU aus vielen Regionen per Pipeline oder Schiff, die Preise sind nach Angaben der IEA auch in den nächsten zwei bis drei Jahren niedrig. Auch der Umschlag an den Gashandelsplätzen wächst, die Bemühungen der Europäischen Union (EU) um grenzüberschreitende Interkonnektoren wirken der Fragmentierung der europäischen Strom und Gasmärkte entgegen – ein gemeinsamer Erfolg von europäischen Gasunternehmen und der Politik. Gleichzeitig darf allerdings die langfristige Versorgung nicht aus dem Blickfeld verschwinden.

Langfristig steigt der Importbedarf

Energieexperten warnen unisono davor, dass die Eigenproduktion von Erdgas in Europa künftig stark zurückgehen wird. Bereits innerhalb der nächsten 20 Jahre geht man von knapp 100 Milliarden Kubikmeter pro Jahr weniger Förderung in der EU aus. Allein auf die zur Neige gehenden Reserven in den Niederlanden, die auch in Deutschland einen großen Teil des Verbrauchs ausmachen, entfallen dabei rund 40 Mrd. m3. Die Nordseeförderung aus Großbritannien und Norwegen ist bei steigendem Kostendruck ebenfalls rückläufig. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutieren darüber, wie stark der Gasverbrauch in den nächsten Jahren noch steigen wird. Übereinstimmung besteht dahingehend, dass zusätzliches Erdgas importiert werden muss, um die Mindermengen zu kompensieren.

Mehr Import-Optionen, mehr Sicherheit

Gebraucht werden dafür neue Infrastrukturprojekte, die zusätzliche Lieferungen von russischem Erdgas und LNG vom Weltmarkt ermöglichen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung haben sich Energie-Unternehmen aus Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich, Deutschland und Russland dazu entschieden, in neue Infrastruktur zu investieren, das Nord Stream 2-Projekt.

Nord Stream 2 stärkt in puncto Versorgungssicherheit über den direkten Zugang zu den weltweit größten und bereits entwickelten Gasreserven nicht nur den Standort Deutschland, sondern auch die Energieversorgung in der gesamten EU. Rund ein Drittel des wachsenden Transportbedarfs könnte die Pipeline abdecken. Das durch die Nord Stream 2 transportierte Erdgas erreicht Downstream europäische Handelsplätze, von denen zukünftig immer mehr Kunden innerhalb der EU beliefert werden können. Die Gas-Hubs in verschiedenen Mitgliedstaaten gerade in Mittel- und Osteuropa können dadurch ausgebaut und Handelsplätze besser angebunden werden, wodurch sich Preis-Niveaus und Liquidität auf ein mit Westeuropa vergleichbares Level bewegen. Denn die Abnehmer erhalten durch den Ausbau der Infrastruktur mehr Auswahl, welche Quelle und welchen Transportweg sie wählen. Daher bedeuten neue Leitungskapazitäten durch Nord Stream 2 keinen Weg in die Abhängigkeit, sondern erhöhen sehr wohl den vielerorts bereits existierenden Wettbewerb.

Mögliche Routen für Nord Stream 2 (Quelle Nord stream 2)
Mögliche Routen für Nord Stream 2 (Quelle: Nord Stream 2)

 

Ein diversifizierter Gasmarkt

Die aktuelle Debatte um Nord Stream 2 ist diesbezüglich oftmals ein Ausdruck der Bemühungen verschiedener Energieanbieter, Infrastrukturbetreiber und ihrer staatlichen Eigentümer, sich im Angesicht des steigenden Wettbewerbs (besser) zu positionieren.

Die oft in diesem Rahmen als Schlagwort bemühte Diversifizierung der europäischen Gasversorgung hingegen ist bereits zu einem hohen Grad gewährleistet und ihre weitere Entwicklung auf sehr gutem Weg. Der Ausbau von LNG-Kapazitäten, eine Reihe von Interkonnektor-Pipelines und Reverse-Flow-Kapazitäten auf vielen Transportrouten haben die Optionen vieler Länder bereits grundlegend erweitert. Diese „stille Revolution“ ist eine positive Entwicklung, und zusätzliche Importprojekte wie Nord Stream 2 fördern die Diversifizierung weiter.

Auch das Narrativ einer einseitigen energiewirtschaftlichen Abhängigkeit Europas von Gas aus Russland ist daher mit dem Positionierungsbestreben einzelner Wettbewerber zu verstehen.

Nord Stream 2 wird den Anteil russischen Erdgases an den Gasimporten in der EU nicht signifikant beeinflussen, da das zusätzliche russische Erdgas wiederum nur zu einem Teil den unbestreitbar wachsenden Importbedarf der EU ausmacht und auch andere Exporteure zusätzliche Mengen nach Europa verkaufen werden. Am gesamten Primärenergieverbrauch der EU hält Erdgas aus Russland lediglich einen Anteil von 6 Prozent.

Russland auf der anderen Seite ist vom Gasexport in die EU -bei einem aktuellen Exportanteil von 60 Prozent- durchaus abhängig. Die starke Interdependenz aus beinahe 5 Jahrzehnten Russisch-Westeuropäischer Zusammenarbeit im Gassektor und die wirtschaftliche Situation im Land begünstigt zudem die ohnehin vorhandene Entwicklung hin zu einer stärkeren Ausrichtung auf Kundenbedürfnisse. Sichtbar wird dies beispielsweise an der verstärkten Vermarktung von Gas über Auktionen – und eben an der Ausrichtung auf neue Importprojekte wie Nord Stream 2, die auf die europäischen Ziele für sichere Energieversorgung einzahlen.

Die Anlandestation von Nord Stream in Deutschland befindet sich am Energiestandort Lubminer Heide in der Nähe von Greifswald. Das 12 Hektar große Gelände umfasst auch die Übernahmestation der Nord Stream-Anschlussleitungen OPAL und NEL. Im Eingangsbereich der Anlandestation sind Ausdehnungsbögen eingebaut, um eine eventuelle Ausdehnung der Pipeline auszugleichen. Daran schließen sich Sicherheitsabsperrventile und die Molch-Empfangsschleusen an. Das russische Erdgas wird auf der Übernahmestation in die anschließenden Leitungsstränge von OPAL und NEL eingespeist und für den Weitertransport im europäischen Fernleitungssystem vorbereitet.
Nord Stream 2 soll die bestehende Nord-Stream-Pipeline um zwei weitere Leitungsstränge entlang der Ostsee-Trasse ergänzen. (Quelle: Nord Stream 2)

Gas zur Dekarbonisierung braucht sichere und wettbewerbsfähige Versorgung

Mit dem Nord Stream 2-Projekt investieren europäische Energie-Unternehmen dabei nicht nur in einen Beitrag zur langfristigen Versorgungssicherheit der EU sondern auch in einen Lösungsansatz für Europas Klimaziele. Denn in der Dekarbonisierung führt an dem saubersten fossilen Brennstoff Erdgas kein Weg vorbei. Um die CO2-Emissionen bis 2030 um 40 Prozent zu senken reicht ein größerer Anteil erneuerbarer Energien in einzelnen EU-Mitgliederstaaten nicht aus. Vor allem die Energiegewinnung aus Kohlekraft muss auf ein Minimum reduziert werden. Würde man die gesamte über Nord Stream 2 transportierbare Gasmenge von 55 Mrd. m3 dazu nutzen Kohle in der Stromerzeugung zu ersetzen, würde dies die CO2-Emissionen in diesem Bereich um 14 Prozent verringern. Dieser Aspekt sollte ebenfalls stärker ins Blickfeld gerückt werden.

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