Der Rückbau der Atomanlagen

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist
05. September 2014
Hubertus Grass Autor

Es war eine sehr deutliche Mehrheit: Mit 513 Ja-, 79 Nein-Stimmen sowie 8 Enthaltungen stimmte der Deutsche Bundestag am 30. Juni 2011 für einen schrittweisen Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft. Union, FDP, SPD und Grüne votierten gemeinsam mehrheitlich für eine entsprechende Änderung des Atomgesetzes, die vorsieht, dass die sieben ältesten AKWs, die nach der Atomkatastrophe von Fukushima zunächst vorläufig abgeschaltet worden waren, nicht mehr ans Netz gehen sollen. Der Rückbau der Atomanlagen gewann mit dem Ausstiegsbeschluss an Brisanz, doch das Thema ist wesentlich älter.

Als erstes deutsches AKW wurde das Versuchskernkraftwerk Großwelzheim rückgebaut. 1969 in Betrieb genommen und schon 1971 wieder stillgelegt, begann man Anfang der 90er Jahren mit dem Rückbau, der 1998 abgeschlossen wurde.(c) Andy Ridder, Enbw Kernkraftwerk Obrigheim
Bereits abgeschlossen wurde der Rückbau auch an den Standorten Kahl und Niederaichbach; im „sicheren Einschluss“ befinden sich Hamm-Uentrop und Lingen. An anderen Standorten wie z. B. in Greifswald, Gundremmingen A und Jülich laufen derzeit die Arbeiten. Wieder andere wie Biblis A und B befinden sich in sog. Nachbetriebsphase, in der unter anderem der Rückbau geplant wird. Neun Reaktoren sind in Deutschland noch am Netz, deren maximale Laufzeit zwischen 2015 (Grafenrheinfeld, Bayern) und 2022 (Neckarwestheim II, Baden-Württemberg, und Isar 2 Bayern) endet.

Wie aufwändig der Rückbau ist, lässt sich in Lubmin bei Greifswald besichtigen, wo ein Druckwasserreaktor russischer Bauart seit 1995 zerlegt wird. Ebenso viele Personen wie für die technischen Tätigkeiten werden dort gebraucht, um die gesetzlichen Anforderungen zu überwachen, den Schriftwechsel mit den Aufsichtsbehörden zu führen und die Arbeitsschritte zu dokumentieren. Der Rückbau einer kerntechnischen Anlage erfolgt nach genauen Vorgaben und unter staatlicher Überwachung. In geradezu extremer Form ist der Umgang mit den dabei anfallenden radioaktiven Abfällen abhängig von politischen Entscheidungen. Gebraucht wird sowohl ein Endlager für hochradioaktive Abfälle als auch ein Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle, denn Schacht Konrad, ein Bauvorhaben des Bundesamtes für Strahlenschutzes (BfS), wird wohl nicht vor 2022 in Betrieb gehen. Die seit Jahrzehnten laufende Suche nach einem Standort für ein atomares Endlager und die Jahrzehnte, die bis zur Fertigstellung dieses öffentlichen Bauvorhabens noch ins Land ziehen werden, zeigen, wie sehr die Betreiber der AKWs auf die Vorgaben aus Politik und Verwaltung bei Rückbau und Endlagerung angewiesen sind.

Was kostet der Rückbau und wer zahlt?
Laut einer Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little kommen auf die vier Nuklear1KleinKernkraftwerk-Betreiber E.on, RWE, EnBW und Vattenfall im günstigsten Fall Kosten in Höhe von 18 Mrd. € für die Demontage und die Entsorgung der 17 westdeutschen Kernkraftwerke zu. Für die Aufwendungen des Rückbaus, die Zwischen- und Endlagerungen konnten die Unternehmen in der Betriebszeit der Anlagen steuerfreie Rückstellungen bilden, deren Höhe sich auf ca. 35 Mrd. € beläuft. Eine Studie im Auftrag von Greenpeace schätzt den Gesamtaufwand auf 44 Mrd. €. (Zum Vergleich: Der französische Atomkonzern EdF hat für seine 55 Anlagen Rückstellungen für Rückbau und Endlagerung in Höhe von 2,3 Mrd. € gebildet.)

Eines ist klar: Die Energiewende braucht auch einen sicheren Rückbau der Kernkraftanlagen. Hier im Energiewende-Blog wollen wir das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Daher werden hier in den nächsten Tagen wieder Experten Gastbeiträge veröffentlichen und Zahlen, Daten und Fakten in Infografiken aufbereitet.

Wir hoffen wie immer auf Ihre engagierte und sachliche Beteiligung an der Diskussion.
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Update: Die Augsburger Allgemeine mit einem Feature über Biblis nach der Abschaltung

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Der Rückbau der Kernkraftwerke ist Teil der Energiewende
Bisher erschienen:
Atomkraft weltweit auf dem Rückzug, Rebecca Harms (MdeP)
Anforderungen für die Stilllegung, Wolfgang Neumann (Intac GmbH)
Die atomrechtliche Aufsicht beim Abbau (Umweltministerium Baden-Württemberg)
>>Der Rückbau der Atomanlagen, Hubertus Grass

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