Erdgas kann mehr – vom Paradox der Energiewende

Gastautor Portrait

Oliver Hill

Verbundnetz Gas AG

Oliver F. Hill ist Generalbevollmächtigter Handel und Direktor Gasverkauf Deutschland bei der Verbundnetz Gas AG. Seit 1996 war er in verschiedenen Positionen bei der VNG tätig. Der gelernte Bank- und Diplomkaufmann verantwortete unter anderem die Bereiche Beteiligungen, Mergers & Acquisitions, Geschäftsentwicklung Westeuropa sowie Strategie und Konzernentwicklung und leitet heute den Gasverkauf Deutschland. Darüber hinaus war und ist er Geschäftsführer verschiedener Gesellschaften der VNG-Gruppe und seit 2015 Generalbevollmächtigter des Vorstandsressorts Handel der VNG.

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22. Juni 2016

Das Bundeskabinett hat am 18. Mai 2016 eine Anreizprämie zum Kauf von Elektroautos und Hybridfahrzeugen beschlossen und will so die Energiewende „auf die Straße bringen“. Wenn wir uns aber anschauen, wie in Deutschland Strom produziert wird, stellen wir fest, dass der Anteil der Erneuerbaren Energien zwar steigt, der Kohleanteil jedoch unverändert hoch ist. Was ist das für eine „Energiewende“, wenn der Strom für saubere Autos noch immer zum großen Teil aus Kohle gewonnen wird? Warum ist das so? Und was bedeutet das aus Sicht eines Erdgas-Importeurs und -versorgers wie VNG?

Anteil der Energieträger an Stromerzeugung in Deutschland: Stagnation des Erdgasmarktes seit 2009.
Anteil der Energieträger an der Stromerzeugung in Deutschland.

 

Situation auf Erdgasmarkt sorgt für „Energiewende paradox“

Der Reihe nach: Seit die USA von Erdgasimporten weitestgehend unabhängig sind, hat sich nicht nur der weltweite Erdgas- und LNG-Markt drastisch verändert. Das amerikanische Erdgas verdrängt dort zunehmend die Kohle, was auf dem europäischen Markt die Kohlepreise drückt. In Verbindung mit den sehr niedrigen Preisen für CO2-Zertifikate ist nun hierzulande die Stromerzeugung in Kohlekraftwerken deutlich günstiger als die Erzeugung auf Erdgasbasis. Unter diesen Umständen können selbst die modernsten und effizientesten Gaskraftwerke mit Wirkungsgraden von 60 % nicht mehr mit Braunkohlekraftwerken mit elektrischen Wirkungsgraden von gerade einmal 30 % konkurrieren. Das führte auch dazu, dass 2015 die spezifischen CO2-Emissionen in Deutschland erstmalig wieder höher waren als im Vorjahr und sogar über denen der USA lagen.

Wir als Erdgasimporteur und -versorger nennen das „Energiewende paradox“. Denn Erdgas kann die Schwankungen bei der Erzeugung mit Wind und Sonne am besten ausgleichen und ist effizienter und sauberer als alle anderen fossilen Energieträger. Großbritannien und Frankreich haben einen Mindestpreis für CO2 eingeführt, in Großbritannien wird sogar eine Zusatzsteuer für Kohlekraftwerke erhoben und Erdgas damit eine größere Rolle im Energiemix eingeräumt. Erdgas bietet die besten Voraussetzungen für das Erreichen der Klimaschutzziele. Besonders in Deutschland könnte Erdgas Seite an Seite mit den Erneuerbaren die Stromproduktion anführen, die CO2-Emissionen reduzieren helfen und beim Ausgleich der Schwankungen in der Verfügbarkeit Erneuerbarer Energien einen wichtigen Beitrag leisten.

Versorgungs- braucht Investitionssicherheit

Auch um die Versorgungssicherheit muss sich niemand sorgen. Es ist noch genügend Erdgas für viele Jahrzehnte vorhanden. Deutschland verfügt über die größten Speicherkapazitäten in der EU, ist über das europäische Pipelinenetz mit den bedeutenden Lieferländern für Erdgas (Norwegen, Niederlande und Russland) bestens verbunden und hat auch Zugang zu bestehenden und zukünftigen LNG-Terminals. Langfristige und diversifizierte Lieferverträge für Pipelinegas bilden das Rückgrat der Versorgungssicherheit Deutschlands. Sie garantieren eine Versorgung mit Erdgas, unabhängig von globalen Preisschwankungen im Erdgasmarkt. Damit das so bleibt, bedarf es allerdings politischer Rückendeckung. Die Branche braucht Investitionssicherheit und eine hohe Investitionskraft, denn die Förderung und der Import von Erdgas sind nach wie vor aufwendig und von Langfristigkeit geprägt.

Als Unternehmensgruppe, die in der gesamten Wertschöpfungskette der deutschen und europäischen Erdgaswirtschaft aktiv ist, konzentrieren wir uns auf die Geschäftsbereiche Exploration & Produktion, Handel und Dienstleistung, Transport und Speicherung.

Die Erdgaswirtschaft ist international. So auch ihre Marktteilnehmer wie die VNG-Gruppe im europäischen Erdgasmarkt.
Die VNG-Gruppe im europäischen Erdgasmarkt.

Wir setzen auf Diversifizierung und langfristig gute Beziehungen zu unseren Geschäftspartnern in beide Richtungen der Wertschöpfungskette, weil wir davon überzeugt sind, dass Erdgas die Energie in eine klimafreundliche Zukunft ist.

Erdgas-Verbundsystem bietet Brücke in dekarbonisierte Zukunft

In Kombination mit den Erneuerbaren Energien bietet Erdgas Chancen, wie wir sukzessive den CO2-Ausstoß verringern und dem beim Klimagipfel COP 21 formulierten Ziel deutlich näherkommen können. Die Potenziale liegen z. B. im Bereich Transport und Logistik, wo Erdgas und LNG saubere Kraftstoffalternativen darstellen und sie liegen auch in der bereits vorhandenen Infrastruktur, die sowohl für Bioerdgas, synthetisches Erdgas und mit Power-to-Gas sogar als Stromspeicher genutzt werden kann. So bietet das Erdgas-Verbundsystem von heute die Brücke in eine dekarbonisierte Zukunft.

Das Rückgrat des deutschen Erdgasmarktes: Das Fernleitungsnetz, gezeigt am Beispiel der ONTRAS Gastransport GmbH, einem Unternehmen der VNG-Gruppe.
Das Fernleitungsnetz der ONTRAS Gastransport GmbH, einem Unternehmen der VNG-Gruppe.

Europa schaut auf die deutsche Meinung aber die deutsche Politik hält sich derzeit zurück mit einer Positionierung. Wir wissen: Erdgas kann mehr! Deshalb engagieren wir uns weiterhin auf allen Ebenen für diesen Energieträger und für eine realistische und klimafreundliche Energiepolitik.

Diskutieren Sie mit

  1. Werner Rundel

    vor 2 Jahren

    Auch bei der Verbrennung von Erdgas wird viel zu viel CO2 emittiert. Wir schöpfen die Windstrommöglichkeiten in Süddeutschland nur marginal aus. Die Algorithmen des Windaufkommens, der Leitungsengpässe und des Strombedarfs zeigen, dass mit einer deutlich höheren Windstromernte in Süddeutschland, insbesondere in B.-W. mit der vorhandenen Infrastruktur sehr große Mengen CO2 - bereits mit dem derzeitigen Stromnetz - eingespart werden könnten. Die neuesten Windenergieanlagen mit 140m-Rotoren und 160m Nabenhöhe bringen (durch ausführliche Messreihen bestätigt) auch da in Schwachwindzonen und über Wälder über 10Mio kWh pro Jahr. Der saubere, klimaneutrale Windstrom kann mit diesen Anlagen auch in B.-W mit knapp 7Ct/kWh erzeugt werden. Ein solch großes Potential wurde bisher nicht für möglich gehalten, deshalb müssen zukunftsweisende Aussagen/Grafiken angepasst werden.
    Aus Klimaschutzgründen muss es unser Ziel sein, so schnell wie möglich unter 2t CO2/a/p zu kommen, spätestens 2030 wäre auch ein Unterschreiten einer Tonne CO2 pro Person und Jahr möglich. Nur dann haben wir eine Chance, z. B. die Starkregenfälle, Wüstenausdehnungen (mit Migrationswellen und kriegerischen Auseinandersetzungen) und das große Abschmelzen von Eis noch auf ein hoffentlich erträgliches Maß zu begrenzen. Kohle sollte gerecht besteuert (Umweltfolgekosten in den Strompreis monetarisiert) werden. Der Einsatz von Erdgas muss möglichst bald auf Lastspitzen begrenzt werden - mit entsprechend angemessener höherer Bezahlung.

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