Warum uns die Elektromobilität wertvolle Zeit schenkt

Gastautor Portrait

Timo Sillober

EnBW Energie Baden-Württemberg AG

Timo Sillober verantwortet innerhalb des Vertriebs der EnBW Energie Baden-Württemberg AG das Produkt- und Angebotsmanagement sowie das Themenfeld Digitalisierung. Der gebürtige Österreicher war vor seinem Wechsel in die Energiewirtschaft für den Vodafone Konzern tätig, zuletzt als Mitglied der Geschäftsleitung von Vodafone Deutschland und dort zuständig für den Bereich Transformation & Digital. Vor seiner Zeit bei Vodafone arbeitete Timo Sillober seit 2002 in verschiedenen Führungspositionen bei der Siemens AG. Er hat Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert.

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17. Oktober 2016

Die Themen Elektromobilität und Elektrofahrzeuge erreichen aktuell immer mehr Menschen. Auch viele Firmen nehmen die Elektromobilität vermehrt auf ihre Agenda. Allerdings drehen sich die Diskussionen meist um die Herausforderungen der Ladeinfrastruktur, die Entwicklungen rund um die Batteriekapazität oder die Ladezeiten bei Langstreckenfahrten. Ich denke, es ist an der Zeit, die Perspektive zu wechseln und über die Kundenerfahrung mit E-Autos nachzudenken und darüber, wie E-Autos unser Leben leichter machen werden.

Es ist wichtig, sich darauf einzustellen, was für Kunden wirklich zählt. Ich glaube fest daran, dass das wertvollste Gut für uns heute „Zeit“ darstellt, da diese begrenzt ist und “noch” nicht erweitert werden kann. Fast alle erfolgreichen Produkte, die neu auf den Markt gebracht werden, haben diese knappe Ressource im Fokus – es geht um Zeit und Geschwindigkeit (denken Sie an Smartphones oder digitale Dienstleistungen wie Airbnb oder Uber).

Neue Generation von Elektrofahrzeugen

Die nächste Generation von Elektrofahrzeugen wird Batteriekapazitäten von 150-200 kWh haben und damit Reichweiten von mehr als 500 km ermöglichen. Die von Menschen durchschnittlich am Tag zurückgelegte Strecke beträgt ca. 46 km. Bezogen auf die durchschnittlich am Stück zurückgelegte Strecke sind es sogar nur 12,3 km. Außerdem müssen wir beachten, dass die nächste Generation von Elektroautos auf das schnellere und komfortablere Induktionsladen ausgelegt sein wird.

Exkurs: Wie funktioniert eigentlich eine Induktionsladestation?

Grafik InduktionsladenAngenommen, Ihr Auto steht in Ihrer Garage (privat oder gemeinsam genutzt). Durch einen einmaligen Invest wird diese Garage mit der Induktionsladestation ausgestattet. Wenn Sie nun nach Hause kommen und Ihr Auto in der Garage parken, beginnt der Ladevorgang automatisch, damit Sie am nächsten Tag in ein vollständig aufgeladenes Auto steigen. Das Gleiche passiert während Sie einkaufen, in einer öffentlichen Garage parken oder während Sie arbeiten. Durch die relativ langen Standzeiten der Elektrofahrzeuge an diesen Plätzen können die Autos mit geringer Ladeleistung und Lastspitzenoptimierung (Virtuelles Kraftwerk) langsam aufgeladen werden, sodass wir in Zukunft im Alltag in einem “always charged” Elektrofahrzeug unterwegs sein werden. In den wenigen Situationen, wenn wir wirklich mehr als 300-400 km unterwegs sind, müssen wir die Schnellladeinfrastruktur an Autobahnen und Fernstraßen nutzen. Aber wie oft kommt dies in Ihrem Alltag vor? Durchschnittlich ist das nur ca. drei bis vier mal im Jahr der Fall. Als Ergebnis der „always charged“ Elektrofahrzeuge werden die Tankstellen, wie wir sie heute kennen, nach und nach aus urbanen Gebieten verschwinden (voraussichtlich ganz, wenn Autos autonom fahren).

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Ein Elektroauto tankt an einer Ladesäule: Mit der nächsten Generation von E-Autos, die auf das schnellere und komfortablere Induktionsladen ausgelegt sein werden, wird der Ladevorgang deutlich einfacher und zeitsparender.

 

Dank Elektromobilität sparen Sie vor allem eins: Zeit

Kommen wir zurück zum ursprünglichen Thema: Zeit. Ein Benzinfahrzeug benötigt durchschnittlich alle 500 km eine neue Tankfüllung (Annahme: acht Liter pro 100 km bei 50 Liter-Tank). Der Tankvorgang dauert inklusive Zahlung ca. 10 bis 15 min; dabei haben wir den Anfahrtsweg zur Tankstelle noch nicht mit eingerechnet. Als Ergebnis, basierend auf einer Reichweite von 10.000 km pro Jahr, verbringen Sie jährlich bis zu fünf Stunden Ihrer Lebenszeit damit, Ihr Auto zu betanken – wahrscheinlich nicht die bestmögliche Zeitausgestaltung. Mit einem Elektrofahrzeug verbringen Sie nur auf langen Strecken Zeit an der Ladesäule. Bei fünf vollen Ladungen mit einer 300 kW Schnellladestation sind dies jährlich nur ca. 2,5 h.

Ein weiterer Vorteil von Elektromobilität: Man spart Zeit.

Sie sparen also jedes Jahr mehr als die Hälfte Ihrer kostbaren Zeit, die Sie auf kalten, schmutzigen und hässlichen Tankstellen verbracht haben und zusätzlich noch mindestens 15 mal schmutzige und nach Benzin riechende Hände. Es wird also Zeit, sich auf das Nutzenerlebnis der E-Mobilität vorzubereiten und die eingesparte Zeit bei einem Abendessen mit Freunden oder Familie zu genießen.

[Anm. der Redaktion: Dieser Beitrag ist parallel in englischer Sprache im Blog von CODE_n erschienen.]

Diskutieren Sie mit

  1. Windmüller

    vor 2 Jahren

    Ich bin zwar Elektrotechniker von Beruf, aber beim Lesen des Artikels sind mir doch Fragen geblieben.
    Da soll es Schnellladestationen geben, mit 300 KW Ladeleistung. Da wird in abgelegenen Dörfern aber die Beleuchtung flackern, wenn man das mal eben aus dem Netz zieht. Zudem machen die leistungsstarken Batterien mit 150 bis 200 Kwh Speicherfähigkeit nur Sinn, wenn ich den Strom zu lastschwachen Zeiten nutze. Hier muss erst mal smart metering eingeführt sein, bevor man an solche Projekte geht.

  2. Timo Sillober

    vor 2 Jahren

    Hallo Herr Windmüller,
    absolut 300 kW wird nicht flächendeckend möglich sein, aber die Idee eines „always charged“ Zustandes bedingt auch, dass 300 kW nur an Achsen benötigt wird. Ansonsten werden die Fahrzeuge lastoptimiert mit niedrigerer Leistung geladen. Das bedingt, genau wie Sie schreiben, die Intelligenz im Netz für die steuerbaren Lasten, weshalb wir parallel hieran arbeiten (virtuelles Kraftwerk und intelligente Messsysteme). Da beides im Aufbau Zeit benötigt, laufen diese Aktivitäten parallel und ergänzen sich.
    Viele Grüße,
    Timo Sillober

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  3. Ludwig Merz

    vor 2 Jahren

    Sehr geehrter Herr Sillober,
    Gerne würde ich Ihrem Artikel vollständig zustimmen, was Sie schreiben ist auch richtig und wichtig zu erwähnen.
    Nur leider vergessen Sie einen entscheidenden Punkt: In Deutschland (und auch international) sind mehr als die Hälfte aller in Städten lebenden Autofahrer Laternenparker, das heißt sie nutzen einen freien Parkplatz in der Umgebung.
    Solange für diese Fahrer noch keine Lösung gefunden ist, bleibt der wichtigste Vorteil von Elektromobilität, die Möglichkeit Standzeiten zum Laden zu nutzen, dieser Gruppe verwehrt.
    Natürlich wäre induktives Laden hier eine ideale Lösung. Aber auch bis dahin bräuchte man Ladestationen mit mehr Ladepunkten um eben genau jenen Fahrern einen freien Ladeplatz über Nacht zu garantieren. Ansonsten müssen sie -Stand heute- regelmäßig (alle 1-3 Tage, je nach Fahrprofil) eine Schnellladestation nutzen und verlieren dabei wertvolle Zeit, anstatt diese zu gewinnen. Damit wird für Laternenparker aus dem Vorteil schnell ein entscheidender Nachteil und solange es hier keine Lösung gibt ist für diese Gruppe die Nutzung von Elektrofahrzeugen leider extrem unattraktiv.
    Denn für Fahrer ohne eigenen Stellplatz gilt: 5h Tankdauer pro Jahr versus 1 Stunde Ladedauer pro Woche oder 50 Stunden pro Jahr (40 km pro Tag, das heißt zwei bis drei Mal pro Woche nachladen). Die Anfahrt zu der Ladestation nicht mit eingerechnet.
    Warum also nicht erst einmal Laternenparker in den Fokus nehmen und eine für sie geeignete öffentliche Ladeinfrastruktur in den Städten schaffen? Zum Beispiel Ladesäulen mit 6-10 Ladepunkten "Schuko", damit sie am Abend immer einen freien Parkplatz mit Ladenpunkt finden können. In einem zweiten Schritt kann das gerne kabellos erfolgen, aber bis die OEMs sich hier fahrzeugseitig auf eine Technologie geeinigt haben braucht es eine Zwischenlösung mit Kabel. Damit ist die Zeitersparnis kaum geringer und alle von ihnen genannten Punkte sind günstig realisierbar. Und Laden beim Einkauf ist gar nicht mehr nötig.

  4. Timo Sillober

    vor 2 Jahren

    Hallo Herr Merz,
    der Punkt ist absolut korrekt und Stand heute haben Sie absolut recht. Und auch hier lohnt es sich, wie Sie auch schreiben, die Kundenreise genauer anzusehen. Eine Möglichkeit sind in der Tat Laternen, wie beispielsweise die EnBW Smight. Aber auch hier gilt, die Fahrzeuge sind regelmäßig in Parkräumen, an denen das Laden über längere Zeit möglich ist, bspw. Parkgaragen bei Einkauf, Unternehmensparkplätze etc. Diese Parkräume eignen sich auch hervorragend für induktives Laden und müssen hierzu flächendeckend ausgebaut werden.Gerade in Parkgaragen ist die Integration von Laden im urbanen Raum relevant und macht die Reise für den Kunden aufwandslos.
    Insofern wird es für diese Kundengruppe eine Kombination aus beiden werden. Aber das Gros der Fahrzeuge wird sich dann zukünftig in einem „always charged“ Modus befinden.
    Viele Grüße,
    Timo Sillober

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  5. Bosecker

    vor 2 Jahren

    Das sehen sie ja extrem Rosig! Ist auch eine schöne Zukunfts Utopi . Dazu müste aber erst einmal die nötige Infrastrucktur erstellt werden. Und wer soll das bezahlen ? Eigentlich diejenigen die Danach auch daran Verdienen die Stromkonzerne. Hat das ihre Chefetage mal durchgerechnet ?! Wenn ja was würde es denn Kosten flächendeckend ein Induktionsladenetz incl. Laternenparker zu erstellen? Und ein schnelladenetz an Autobahnen.? Induktionsladestellen an Ampeln währen auch sinnvoll. Wie wollen sie das dann messen und abrechnen mit denn Autofahrern. Gibt es dafür schon einen gemeinsamen Standard zu Abrechnung , für Ladesysteme und so weiter?! Ich glaube nicht das sich das für eine AG rechnet geschweige denn das jemand im Konzern bereit ist eine auf Jahrzehnte angelegte Investition in dieser Dimension zu tätigen. Hier wird wie immer der Ruf nach dem Staat der die Investitionen für die Infrastrucktur erbringen soll kommen. Und der Staat wird wie schon bei der Ökostrom Umlage und beim Netzleitungsbau dem Bürger in die Tasche greifen. Die folgenden Gewinne nach Erbringung der Investitionen werden dann natürlich wieder die Stromkonzerne abschöpfen. Ihre Vision ist schön wenn sie die Umsetzung selbst bezahlen können und danach noch ein Gewinn rausspringt bitte nur zu. Das dies nicht so sein wird ist jedem klar der Rechnen kann. Ich würde mich sehr freuen wenn Sie mir das Gegenteil anhand realistischer Zahlen beweisen könnten, und verbleibe amüsiert und In Erwartung Ihrer Zahlen.

  6. Timo Sillober

    vor 2 Jahren

    Lieber Herr Bosecker,
    natürlich ist der Aufbau der Infrastruktur mit erheblichen Kosten verbunden. Das ist vollkommen korrekt und auch völlig normal bei einem Technologiesprung.
    Ihre Frage nach den Kosten würde ich gerne versuchen aus zweierlei Sicht zu betrachten.
    Zum einen wird bereits heute Ladeinfrastruktur privatwirtschaftlich errichtet. So kann man in der Presse bereits lesen, dass große Parkhäuser Ladeinfrastruktur errichten, auch Einkaufsketten und Automobilkonzerne. Ebenso bilden sich Konsortien zur Errichtung entlang der Achsen etc. Ja ganze Industriefonds beschäftigen sich damit, in diese Finanzierung einzusteigen als langfristige Infrastruktur-Investition. Insofern erfolgt diese Errichtung im Wesentlichen privatwirtschaftlich finanziert (Tesla hat das bspw. eindrucksvoll gezeigt).
    Was sich auch zeigt, diese Konsortien und Anbieter sind nicht notwendigerweise Energiekonzerne, sondern hier haben sich in einigen Ländern völlig neue Spieler etabliert, siehe beispielsweise bei unseren Nachbarn in den Niederlanden.
    Zu dem Thema messen und abrechnen werden sich Autos relativ kurzfristig an der Ladesäule selbstständig anmelden können, durch Zertifikatsaustausch (wie Ihr iPhone im Netz). Das entsprechende Standardisierungs-Regelwerk ist bereits in der finalen Phase. Somit wird das technisch Standard und kein Problem.
    Gewiss gibt es darüber hinaus einen weiteren Ausbaubedarf an Leitungskapazität im Hintergrund, der aber im Zuge der Energiewende unumgänglich ist, denn nur so ist die Dekarbonisierung erreichbar. Gestatten Sie mir aber auch einen Hinweis, wer trägt denn heute die Kosten der externen Effekte der Verbrennungsmotoren, Luftverschmutzung Klimaerwärmung etc. diese sind erwiesenermaßen um Dimensionen höher und vor allem langfristig und quasi unumkehrbar.
    Viele Grüße,
    Timo Sillober

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  7. Lothar Kohler

    vor 1 Jahr

    Hallo Herr Sillober,
    Ich habe die Diskussion verfolgt, für mich stellt sich derzeit die Frage wie die "Häuslebauer"ihre Garagen und Abstellplätze für die Zukunft (E- Mobil) vorbereiten sollen. Ich habe derzeit im Neubau meiner Tochter eine Zuleitung von 5x6 Quadrat und einer Datenleitung von der Garage und Abstellplatz zum
    Zählerschrank vorgesehen.
    Vor einiger Zeit habe ich den Artikel der Fa.SEW (Neudorf) über das induktive Laden gelesen.
    Ich sehe diese Ladetechnik als zukunftsweisend, daher werde ich meiner Tochter zu gegebener Zeit
    dieses Ladeverfahren empfehlen.
    Viele Grüße aus Philippsburg,
    Lothar Kohler

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