Wege zu einer Vollversorgung mit Erneuerbarem Strom

Gastautor Portrait

Jörg Ebel

IBC Solar AG

Jörg Marius Ebel ist Jurist und hat in Düsseldorf, Münster und Hamburg Politik, Soziologie und Rechtswissenschaften studiert. Nach Stationen als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Büroleiter leitet er als Head of Public Affairs das Berliner Office der IBC SOLAR AG. Ebel ist außerdem Mitglied im Vorstand des BSW Solar.

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09. Juli 2014

Bei der Vermeidung von CO2 setzt Deutschland vor allem auf den Umbau der Stromversorgung. Wegen der Defizite bei der Vermeidung von CO2 im Wärme- und im Verkehrssektor sind hier größere Anstrengungen als bisher erforderlich, das Ziel muss eine Vollversorgung mit Strom aus Erneuerbaren Quellen sein.

Natürlich ist der Weg zu einem solchen Ziel mit Herausforderungen verbunden. Neben den technischen Fragen vor allem im Bereich der Versorgungssicherheit ist dafür ein funktionierendes Marktsystem erforderlich. Das bestehende Marktsystem ist zentralistisch organisiert, an wenigen Akteuren orientiert und auf große Erzeugungseinheiten mit Brennstoffkosten ausgerichtet. Ein von Erneuerbaren Energien dominiertes System ist dagegen dezentral, hat eine Vielzahl an Akteuren und muss die Anlagekosten refinanzieren. Die Bundesregierung will mit dem neuen EEG die Erneuerbaren Energien in das bestehende System und den bestehenden Markt integrieren. Die Integration des Systems, das wir zukünftig brauchen, in das System, das wir ablösen wollen, ist allerdings wenig überzeugend. Stattdessen brauchen wir Instrumente, die es ermöglichen, dass sich ein eigener Preis sowie ein eigener Markt für Erneuerbare Energien bilden. Ein Markt, damit Erneuerbare Energien gehandelt und nicht verramscht werden.  

Zertifizierter Ökostrom statt Graustrom
Bis heute leistet sich Deutschland die volkswirtschaftliche Vergeudung von Erneuerbarem Strom. EE-Strom ist aus zwei Gründen besonders werthaltig: Er wurde mit besonderen Kosten erzeugt, vor allem aber ist er CO2-frei. Dieser Wert muss sich im Preis ausdrücken. Das ist aberSolarBaum nicht der Fall, weil es gar keinen echten EE-Strom gibt. Bislang wird EE-Strom eingesammelt, mit Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken vermischt und via Strombörse als Graustrom gehandelt.

Um einen eigenen Preis für EE-Strom zu bilden, braucht es Zertifikate, die nach einem einheitlichen Standard ähnlich dem Biosiegel die Qualität des CO2-freien Stroms gewährleisten. Und es braucht ein eigenes Produkt Ökostrom an der Strombörse und im Großhandel. Dies würde bei der Beschaffung Anreize geben, mehr EE-Strom einzukaufen. Immerhin gibt es von der Bahn bis zum Stadtwerk zahlreiche Markteilnehmer, für die Ökostrom einen eigenen Wert hat. Gleichzeitig würde ein derartiges Produkt die Grundlage für einen Markt schaffen, in dem vorrangig mit EE-Strom gehandelt wird. Ein weiterer Effekt: Die durchschnittlichen Großhandelspreise könnten sich stabilisieren, die EEG-Umlage würde mithin entlastet.

CO2-Preise müssen Kosten wiedergeben
Wenn sich ein Preis für EE-Strom bildet, könnte dies in der Merit Order insbesondere Kohlekraftwerke begünstigen, weil diese über lächerlich niedrige CO2-Preise subventioniert sind und dadurch der Markt verzerrt ist. Es ist heute sehr viel teurer, eine Tonne Hausmüll bei der Müllabfuhr entsorgen zu lassen, als mit einer Tonne CO2 das Klima zu belasten. Es ist, auch angesichts steigender Kosten zur Beseitigung der Folgen von Klimaschäden, sehr fraglich, wie lange sich diese Subventionen noch rechtfertigen lassen. Um die konventionellen Überkapazitäten abzubauen, ist daher ein CO2-Preis erforderlich, der einigermaßen realistisch die tatsächlichen Kosten abbildet.

Dezentralisierung des Marktes
Eine besondere Stärke von Erneuerbaren Energien liegt in der verbrauchernahen Erzeugung. Hier zeigt sich eine weitere Schwäche des Konzeptes, die Erneuerbaren Energien in das bestehende System integrieren zu wollen. Da das bestehende System zentral ist, kann es mit dieser Stärke nichts anfangen. Folgerichtig wurde mit dem Grünstromprivileg das letzte Instrument, mit dem verbrauchernahe Erzeugung gestärkt wird, abgeschafft.
Es ist notwendig, genau den umgekehrten Weg zu gehen und den Verbrauch nahe an der Erzeugung auszubauen. Dazu gibt es mit den Konzepten der Nahstromversorgung, Mietermodellen und anderen  sehr konkrete Modelle, die es – mit der im EEG vorgesehenen – Verordnung umzusetzen gilt.

Eigenverbrauch kommt
Das Verlangen nach Autarkie und die gerade in diesem Segment boomenden Innovationen machen den Eigenverbrauch gegenwärtig zum wichtigsten Trend der Transformation des Energiesystems. Durch allerlei bürokratische Hürden und Abgaben wird man diesen Trend schlimmstenfalls verzögern, aufzuhalten ist er nicht. Kann eine an Nachhaltigkeit orientierte Strategie diese Entwicklung ignorieren?
Das einzige gegen den Eigenverbrauch vorgetragene Argument, die Verteilungsgerechtigkeit der Systemkosten, ist kraftlos, weil sich dieser Problem anders lösen lässt. Zu dem werden sich das Bundesverfassungsgericht und 2017 die EU-Kommission mit dem Eigenverbrauchsbehinderungsmechanismus auseinander. Statt weiter auf dieses bereits vor dem Start erschöpfte Pferd zu setzen, wäre es sinnvoller zu überlegen, wie man alle Nutznießer des Stromsystems angemessen an dessen Kosten beteiligt. Denn die Vorteile des Eigenverbrauchs liegen auf der Hand. Der Eigenverbrauch vermeidet Kosten auf der Ebene des Netzausbaus und gibt den Verbrauchern die Möglichkeit, sich systemdienlich zu verhalten.

Ausgleichmechanismus verändern
Der größte Teil EE-Strom ist auch heute noch EEG-Strom. Deswegen wäre eine Preisbildung, die diesen Strom nicht berücksichtigt, wenig sinnvoll. Ansatzpunkt kann dabei die eigentlich überfällige Novelle des Ausgleichmechanismus sein, also der Methode, mit der geregelt wird, wie EE-Strom vermarktet wird.

Mastklein2009, als die entsprechende Ausgleichmechanismusverordnung konzipiert wurde, hatte EE-Strom einen sehr viel geringeren Anteil an der gesamten Stromerzeugung in Deutschland. EE-Strom ist aber mittlerweile dominierend im System. Wegen des  Volumens muss die Vermarktung an der Strombörse wertbewusst erfolgen. Das leistet der Ausgleichmechanismus nicht. Die Ausgleichmechanismusverordnung schafft ein System des „transport & forget“, weil es keinen Anreiz für eine werthaltige Vermarktung des EE-Stroms setzt.

An Stelle dieses risikofreien Systems brauchen wir mehr Markt. Die Beteiligten müssen sich um eine möglichst werthaltige Vermarktung bemühen oder Abschläge hinnehmen.

Wer in die Zukunft will, sollte nicht rückwärts gehen
Der Versuch, die Technologie der Zukunft in das System von gestern zu integrieren, muss scheitern.  Auf dem Weg zu einer Vollversorgung mit 100 % Erneuerbaren Energien brauchen wir einen  Markt, der diesen Namen auch verdient.
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Der Internetauftritt von IBC Solar
Infografik zum EEG 2014
Bundesverband Solarwirtschaft
Studie des Fraunhofer ISE über das Energiesystem 2050

Diskutieren Sie mit

  1. Reiner Heußner

    vor 4 Jahren

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass die vorgestellten Maßnahmen dazu führen, einen Marktplatz von angemessener Größe für die Erneuerbaren zu schaffen, denn:
    - Öko-Enthusiasten, ob privat oder betrieblich, haben sich bereits eingedeckt.
    - Öko-Energie tritt im Überfluss immer geballt auf, eine Anpassung des Verbrauchs an die Erzeugung ist aufwändig.
    - es soll Dritten auferlegt werden, einen Markt zu organisieren. Warum machen das die Erzeuger (als Genossen oder in einer GmbH) nicht selbst?
    Die so genannte "Dezentralisierung des Marktes" vergisst, dass wir mehrheitlich in Ballungszentren wohnen und dort auch der größte Verbrauch abgerufen wird. Und die Verbrauchskurven laufen beim Wind völlig unabhängig von der regenerativen Erzeugung.

  2. Windmüller

    vor 4 Jahren

    Herr Heußner - das Problem ist doch, dass die Politik das ganze Thema ad absurdum führt. Vor Jahren hat man schon die Selbstvermarktung propagiert. Dann wurde genau das wieder über den Haufen geworfen. Wir haben doch das Kuriosum, dass es Ökostromanbieter gibt ( EWS Schönau, Lichtblick, Naturstrom AG oder Greenpeace Energy ), welche gern hier erzeugten Ökostrom vermarkten würden. Nach der EEG Reform muss der Ökostrom an der Börse abgeliefert werden, und die Versorger im nächsten Schritt am besten norwegische Wasserkraft wieder neu zukaufen müssen.
    Warum vergisst die Dezentralisierung, dass wir in Ballungszentren leben ?
    Man erzeugt heute Strom in Großkraftwerken, leitet die Abwärme über Kühltürme ab, und liefert den Strom. Warum in Zukunft nicht kleine denzentrale BHKW, die Strom UND Wärme liefern ? Darüber kann ich auch Strom- und Wärmenutzung zeitlich entkoppeln. Nahe Lippstadt /NRW gibt es eine große Klinik. Man hat dort ein 2 MW BHKW installiert, und speichert die Wärme in riesigen Pufferspeichern. Am Wochenende, wenn weniger Strom gebraucht wird, läuft das BHKW nicht, und man bedient sich mit der Wärme aus den Speichern. Mit Hilfe der BHKW kann man auch volatile erneuerbare Energien besser grundlastfähig machen.
    Nur - es gibt viele interessierte Gruppen, die die Energiewende mit Wucht scheitern lassen wollen.

  3. Erich Görgens

    vor 4 Jahren

    Herr Windmüller, ich bin sicher das Erneurbare Energie mehr Vorteile hat als nukleare- oder fossile Energie, aber sie hat eben auch noch große Nachteile bei der Herstellung der Anlage und/oder der Anwendung bzw. Entsorgung. Außerdem benötigt sie Speichertechnologie, was sie auch unattraktiv macht. Daher sehe ich sie nicht als zukünftige Lösung unserer Probleme.
    Zukünftige Energie-Systeme müssen völlig umweltfreundlich, ständig und überall verfügbar sein. Das alles ist nachweisbar möglich, wenn potenzielle- statt kinetische- Energie zur Anwendung kommt. Und genau das glauben Politik und Wirtschaft noch lange verhindern zu können, damit die Geschäfte wie gewohnt "ungestört" weiter laufen können.
    Ob der äußere Wettbewerb da noch lange stillhält....?

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