Versorgungssicherheitsverträge im Strommarkt

Gastautor Portrait

Prof. Dr. Felix Höffler

Universität Köln

Felix Höffler ist seit 2011 Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität zu Köln sowie Direktor für Grundlagenforschung am Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln. Er promovierte 1999 an der Universität Basel und der London School of Economics. 2007 erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Regulierungsökonomik an der WHU - Otto Beisheim School of Management in Koblenz / Vallendar. Herr Höffler beschäftigt sich mit Fragen der angewandten Industrieökonomik, vor allem im Bereich der regulierten Netze.

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16. April 2014

Kapazitätsmechanismen versuchen, das Problem der Unterfinanzierung von (Grenz-) Kraftwerken zu überwinden, indem sie zusätzliche Anreize für Investitionen in Kraftwerke schaffen. In der Literatur wird eine Vielzahl von Varianten diskutiert, und auch in der Praxis werden unterschiedliche Mechanismen verwendet.

Die Versorgungssicherheitsverträge stellen eine Ergänzung der bestehenden Märkte dar. Ein entsprechendes Marktdesign ermöglicht eine effiziente Bereitstellung der benötigten Kapazität, ohne bestehende Märkte zu verzerren. Neben der Versorgungssicherheit werden auch das Potenzial zur Ausübung von Marktmacht auf dem Strommarkt in Knappheitssituationen und das Preisrisiko von Stromkäufern und Stromerzeugern adressiert.

EnBW Solarpark Leibertingen

Bei einem Kapazitätsmechanismus bestehend aus so genannten Versorgungssicherheitsverträgen (reliability options) wird die gesamte benötigte und gesicherte Erzeugungsleistung ermittelt, die für das gewünschte Niveau an Versorgungssicherheit erforderlich ist. Die ermittelte Kapazität wird dann mit einem Vorlauf von etwa 5-7 Jahren in Form einer Auktion beschafft. Eine zentrale Koordinationsstelle tritt dabei in der Auktion als einziger Nachfrager auf. Anbieter in der Auktion sind vor allem Kraftwerksbetreiber, die sowohl mit Bestandsanlagen als auch mit geplanten Neuanlagen bieten. Neben Kraftwerken können aber auch Potenziale zur Nachfrageflexibilisierung in der Auktion teilnehmen. In der Auktion stellt sich ein Preis ein, den die Anbieter dann als Kapazitätszahlung erhalten. Versorgungssicherheitsverträge schaffen somit einen Markt für Versorgungssicherheit, auf dem der Bedarf an sicherer Leistung in einer Auktion von Anbietern sicherer Leistung bereitgestellt und vergütet wird.

Reduzierte Risiken für Investoren

Für die Anbieter von Versorgungssicherheit ergeben sich aus der Auktion sichere Einnahmen, die zur Finanzierung ihrer Investition beitragen. Zusätzlich gilt, dass sie unverändert einen starken Anreiz haben, in Knappheitssituationen, in denen die Strompreise hoch sind, Strom anzubieten.

Absicherung der Stromnachfrager

Gleichzeitig werden die Nachfrager durch sogenannte Verfügbarkeitsoptionen gegen Preisspitzen abgesichert. Dies funktioniert folgendermaßen: Teilnehmer am Versorgungssicherheitsmarkt, also Anbieter von sicherer Leistung, müssen Verfügbarkeitsoptionen ausgeben. Die Verfügbarkeitsoptionen haben einen vorab von einer zentralen Koordinationsstelle administrativ festgelegten Ausübungspreis. Wenn der Stromspotmarktpreis den Ausübungspreis überschreitet, sind die Anbieter von Leistung verpflichtet, die Differenz zwischen Stromspotmarktpreis und Ausübungspreis an die zentrale Koordinationsstelle zu zahlen. Die zentrale Koordinationsstelle leitet diese Zahlungen an die Stromnachfrager weiter.

Damit sind erstens die Endkunden gegen hohe Preise in Knappheitssituationen, konkret gegen Preise oberhalb des Ausübungspreises, abgesichert. Zweitens wird das Potenzial zur Ausübung von Marktmacht beschränkt, das bei einer preisunelastischen Nachfrage gerade in Knappheitssituationen unvermeidlich vorhanden ist. Stromerzeuger haben keinen Anreiz, durch Mengenzurückhaltung die Preise über den Ausübungspreis hinaus zu erhöhen.

Eine große Herausforderung der Versorgungssicherheitsverträge liegt darin, dass ihre Implementierung aufwändig ist. Der Mechanismus ist nicht als Antwort für Profitabilitätsprobleme bestehender Kraftwerke in Situationen von Überkapazitäten gedacht, sondern als langfristige Lösung vor allem für Märkte mit einem hohen Anteil Erneuerbarer Energien.

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Weiterelesen im Netz – die komplette Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI):

http://www.ewi.uni-koeln.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/Studien/Politik_und_Gesellschaft/2012/EWI_Studie_Strommarktdesign_Endbericht_April_2012.pdf

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Anmerkung der Redaktion: Wir werden an dieser Stelle weitere Vorschläge zur Ausgestaltung eines künftigen Marktdesigns vorstellen. Einen Überblick über die derzeit diskutierten Modelle gibt es auf der Seite der Energieagentur NRW:

Geltende Regelungen zur Winterreserve und Reservekraftwerksverordnung – Auf dem Weg zur strategischen Reserve?“, Peter Franke,  Vizepräsident der Bundesnetzagentur (BNetzA)

Entwicklungspfade der Energiewende im  Strommarkt als Grundlage der Diskussion zu Kapazitätsmechanismen“, Frank Peter, prognos AG

 Vorschlag für ein Marktintegrationsmodell für die Erneuerbaren Energien im Strommarkt“, Prof. Dr. Georg Erdmann, Institut für Energietechnik (TU Berlin)

 Das Modell eines fokussierter Kapazitätsmarktes“, Ben Schlemmermeier, Geschäftsführer LBD

  Weiterentwicklung des Energiemarktdesigns zum zukunftsfähigen integrierten Energiemarktdesign“, Dr.-Ing. Michael Ritzau, Geschäftsführer der BET GmbH Aachen

Diskutieren Sie mit

  1. Dirk Kaiser

    vor 4 Jahren

    Kapazitätsmärkte: Kraftwerke, die wegen der Vorangeinspeisung der Erneuerbaren unwirtschaftlich werden, dürfen nicht sterben, sondern müssen mit Zusätzlichen Zahlungen künstlich am Leben gehalten werden, weil sie für die Netzstabilität wichtig sind...
    Auch die Kapazitätsmärkte werden ihren Niederschlag in den Stromrechnungen der Kunden finden. Ein weiterer Kostenbestandteil, der allein auf die Energiewende zurückzuführen ist.
    .

  2. Hubertus Grass

    vor 4 Jahren

    Ist es nicht so, dass früher ältere Kraftwerke sich dadurch bezahlt machten, weil Energie in der Spitzenlast exorbitante Preise erzielt hat?
    Durch die Erneuerbaren sind die Lastspitzen vor allem an heissen Tagen weg gefallen - sie werden solar gedeckt - und die Preise auf dem Strommarkt sind insgesamt stark gesunken.
    Fragen:
    Musste das Vorhalten der Kapazitäten nicht immer schon vom Kunden bezahlt werden?
    Ändert sich nur der Mechanismus, wie diese Kosten auf die jeweiligen Verbrauchsgruppen umgelegt werden?

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  3. Dirk Kaiser

    vor 4 Jahren

    "Musste das Vorhalten der Kapazitäten nicht immer schon vom Kunden bezahlt werden?"
    ***
    Handelsgeführte Kraftwerke erhalten ausschließlich eine Vergütung pro erzeugter MWh und nicht für den Standby-Betrieb. Natürlich existier(t)en für Spitzenlast am Spotmarkt höhere Preise und die Kraftwerke mußten in diesen wenigen Einsatzzeiten (Betriebsstunden) Ihr Geld verdienen. Schafften sie auch das nicht, wurden sie stillgelegt... ganz einfaches marktwirtschaftliches Prinzip. Heute haben wir im Vergleich zu früher zusätzlich über 60 GW Erneuerbare (das entspricht dem durchschnittlichen Leistungsbedarf Deutschlands), die wir hoch subventionieren. Eigentlich haben wir diese Kapazitäten aufgebaut um Kohle- und Kernkraftwerke zu ersetzen... tatsächlich werden aber nur wenige Kohlekraftwerke stillgelegt... Andere werden wir jetzt zusätzlich dafür bezahlen, dass sie nicht stillgelegt werden - Eneregiewende wirkt!

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  4. Dirk Kaiser

    vor 4 Jahren

    "Ist es nicht so, dass früher ältere Kraftwerke sich dadurch bezahlt machten, weil Energie in der Spitzenlast exorbitante Preise erzielt hat?"
    ****
    Im Schnitt war unser Haushaltskundenstrompreis - troz "exorbitanter Preise" und trotz der bösen Profitgierigen Energieversorger- nur halb so teuer! Inzwischen ist der Strom an der Börse - dank Erneuerbarer - so billig, dass wir sogar Preise von bis zu minus (!!!) 500 Euro /MWh an der Börse erreichen. Also wenn das nicht für die Erneuerbaren spricht, nicht wahr?
    Heute wird Deutschlands Strombedarf schon zu 23% (wenn man mal die Geschenke ans Ausland vernachlässigt. Wir haben Börsenpreise von derzeit um die 30 Euro /MWh. Der Stromkunde darf dazu für jede MWh zusätzlich 62 Euro bezahlen, um damit 23% des deutschen Strombedarfs zu decken - also mehr als doppelt soviel, wie der Strom kostet!
    .

    "Durch die Erneuerbaren sind die Lastspitzen vor allem an heissen Tagen weg gefallen – sie werden solar gedeckt – "
    ***
    An wievielen Tagen passiert das denn so im Jahr( transparency.eex.com)? Und wie ist der Gesamteffekt, wenn man zudem berücksichtigt, dass wir an sonnen- ud windreichen Tagen oftmals Geld ans Ausland bezahlen, damit dieses unseren EE-Strom abnimmt? Und wer muss für diese Kosten aufkommen?

    "... nd die Preise auf dem Strommarkt sind insgesamt stark gesunken."
    ****
    Jepp aber zum Glück für die Erneuerbaren steigt ja die EEG-Umlage um genau den Betrag, um den der Börsenpreis sinkt... also alles in Butter am Subventionstropf - der Stromkunde ist der Dumme, der das alles bezahlen muss.

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  5. Windmüller

    vor 4 Jahren

    Kanada hat bei der deutschen Windschmiede Enercon 126 Anlagen der E82 Und E101 Klasse geordert. das sind mal eben 265 Mio €.
    Was Kanada schon in Wind- und Solarnutzung gesteckt hat, dafür hätten die Kanadier schon einen Candu Reaktor bauen können.
    Warum investieren die Kanadier so viel Geld in Zappelstrom, wenn sie auch richtigen Strom bekommen könnten ??

  6. Dirk Kaiser

    vor 4 Jahren

    Dann lassen Sie uns doch gemeinsam dafür eintreten, dass wir in Deutschland denselben Energiemis anstreben, wie in Kanda - einverstanden?

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  7. Dirk Kaiser

    vor 4 Jahren

    Übrigens hat Kanada gerade das Know-How der 30 MW-CCS-Pilotanlage, die Vattenfall in der Lausitz seit 2011 betrieben hat, erworben - Ist Kanada damit immer noch ein leuchtendes Vorbild für Deutschland?
    .

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  8. Dirk Kaiser

    vor 4 Jahren

    Herr Wagner, vielleicht sollten Sie, nach Ihrem so langen Arbeitstag tatsächlich nicht mehr posten, wenn DAS dabei herauskommt. Ruhen Sie sich doch erstmal aus und überlegen Sie, WAS Sie da von sich geben...
    Ihr Beitrag enthält wieder einmal jede Menge unbelegte Behauptungen und Unterstellungen, beispielhaft dafür:

    " Der Privathaushalt zahlt "denen" ja mit dem hohen Strompreis ein gutes Leben."
    ***
    Nur 25% des Haushaltskundenstrompreises sind das Ergebnis unternehmerischer Entscheidungen, der Energieverorger, des Rest ist staatlich induziert (EEG-Umlage, Öhosteuer usw.) oder staatlich reguliert (Netzentgelte)
    .
    "wenn "denen" was nicht passt, dann wird halt der Staat, also der Steuerzahler, der eigentlich auch der Stromkunde ist, verklagt"
    **
    In einer modernen Welt, wo nicht der Glaube über dem Gesetz steht, muss man schon eine rechtliche Grundlage haben, um mit einer Klage eine Chance auf Erfolg zu haben. Sie wollen denen, die Ihnen persönlich aus persönlichen Befindlichkeiten heraus ein Dorn im Auge sind, die Wahrnehmung ihrer Rechte verweigern... Rechtsbeugung und Rechtsverletzung ist in Ihren Augen in Ordnung, wenn es die in Ihren Augen "Richtigen" trifft - Sie wollen den Rechtsstaat abschaffen!
    .
    Für die Anschubfinanzierung der Kernenergie (das Öko-Institut benennt 54 Mrd Euro) wurden die deutschen Stromkunden über ein halbes Jahrhundert mit 30% Grundlaststrom zu bezahlbaren Preisen belohnt. Und die Endlagerung ist damit auch bereits bezahlt (§21b AtG) Für die Erneurbaren haben wir bis jetzt bereits über 100 Mrd. Euro bezahlt (und das nur an EEG-Umlage, ohne sonstige Energiewendekosten wie Deindustrialisierung, Arbeitsplatzabbau Kapitalvernichtung) und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.
    .

  9. Dirk Kaiser

    vor 4 Jahren

    "Fehlt nur noch ein leistungsfähiger Speicher und die g e f a h r l o s e Stromerzeugung wäre perfekt."
    ******
    Was immer man auch als gefahrlos ansieht:
    Was findet man denn z.B. über Cadmium: Toxisch, krebserzeugend Kategorie 1, erbgutschädigend, chronische Schädigungen von Niere, Leber, Knochenmark und Herz-Kreislaufsystem, „prioritär gefährlich“ nach Wasserrahmenrichtlinie. Cadmiumverbindungen vergiften Gewässer, werden von Pflanzen aufgenommen und reichern sich in der Nahrungskette an. Zudem liegen die Cadmiumwerte in der Nierenrinde des durchschnittlichen Europäers mittleren Alters bereits knapp unterhalb des kritischen Bereichs, an dem Funktionsstörungen in der Niere auftreten können.

    (Quelle: Hillenbrand, T.; Marscheider-Weidemann, F.; Strauch, M.; Heitmann, K.: Forschungsvorhaben “Emissionsminderung für prioritäre und prioritäre gefährliche Stoffe der Wasserrahmenrichtlinie” )
    .
    DieEU-Kommission wollte mit ihrer sogenannten RoHS-Richtlinie die industrielle Verwendung giftiger Schwermetalle wie Quecksilber oder eben Cadmium zum Schutz von Mensch und Umwelt komplett untersagen. Sie machte dann für die Solarbranche aber doch eine Ausnahme.
    Bei der unabhängigen Initiative "Lobbycontrol" findet man auch die Ausgaben von First Solar im Jahre 2009 für Lobbyarbeit in Brüssel (zwischen 100 000 und 150 000 Euro). Laut "Lobbycontrol" ist nicht auszuschließen, dass First Solar "im Kampf gegen das Kadmium-Verbot "mit problematischen Mitteln vorgegangen ist."
    .

  10. Dirk Kaiser

    vor 4 Jahren

    "Eon hat z.B. die Isarwasserkraftwerke an Österreich verscherbelt und nun klagen sie das AKW Isar I ein. Das ist nicht nur "rotzfrech" sondern auch unverschämt."
    ***
    Ich dachte, E.ON ist in Ihren Augen ein Konzern, der aus reiner Profitgier "über Leichen geht"? Jetzt verscherbeln (verschenken?) die einfach so Anteile an Wasserkradftwerken?
    .
    Wieder beweisen Sie, wie "tief" Sie im Thema stecken... was heraus kommt, sind nichts als peinliche Phrasen!
    E.ON hat die Assets an die österreichische Verbund abgegeben und im Tausch dafür Anteile an einem Joint Venture mit der Sabanci-Famile in der Türkei bekommen. Hier geht es wohl um die Errichtung und den Betrieb von Kohlekraftwerken (überall außer in Deutschland ist das nämlich noch erlaubt - ja sogar erwünscht!)

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