Startups als Frischzellenkur für die Energiewende?

Gastautor Portrait

Anja Ebert

Gastautor

Ein Berliner Kindl mit brandenburgischen Wurzeln, von Ende 2005 bis März 2015 als Kommunikatorin für die EnBW in Süddeutschland aktiv. Zuletzt als stellvertretende Konzernpressesprecherin auch viel in der Onlinewelt aktiv - stets angetrieben davon, die komplexe Energiewirtschaft einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Mein Credo: Komplex muss nicht kompliziert sein! Als begeisterte Hobbyfotografin zusätzlich mit dem Blick für starke Perspektiven gesegnet – auch davon hat die Energiewende reichlich.

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24. Februar 2015
EnBW Innovationscampus

Startups und die Energiewirtschaft – nur ein vorläufiger Trend oder steckt da doch mehr dahinter? Mit enormen Ehrgeiz, einer festen Vision und einer problemorientierten Herangehensweise erfinden Startups „altbewährte“ Geschäftsmodelle immer öfter grundlegend neu und krempeln so ganze Branchen weltweit um. Erfindergeist ist in Deutschland freilich kein Fremdwort – leben wir doch in einem Land, in dem bereits zahlreiche Innovationen erfolgreich geschaffen wurden. Der Buchdruck, das Telefon oder das elektrische Licht waren bahnbrechende Veränderungen und Technologieentwicklungen, die unsere Gesellschaft sprichwörtlich ankurbelten. Doch warum tun wir Deutschen uns gerade mit der Digitalisierung eigentlich so schwer?! Das Internet, mit der Möglichkeit zur Vernetzung, bietet uns allen – jederzeit und überall – ganz neue Chancen, um spannende, revolutionäre Dienstleistungen und digitale Produkte zu entwickeln und damit erfolgreich zu werden.

Die Digitalisierung schreitet allgegenwärtig voran – das „Internet der Dinge“ läutet dabei die vierte Stufe der industriellen Revolution ein.
MIT Technology Review, Business Report

Vier Stufen der industriellen Revolution
Quelle: Bosch (http://www.bosch-presse.de/presseforum/details.htm?txtID=7089&locale=de)

Die Vernetzung ist ein allumfassender Trend, der alle Lebensbereiche betrifft oder zukünftig betreffen wird. Bis 2020 werden Prognosen des MIT Technology Review zufolge 26 Milliarden Dinge im Internet vernetzt sein. Bereits heute kommuniziert gefühlt fast alles untereinander – die Heizung mit der Smart-Home-App oder gar der Schuh mit der Health-Anwendung. Doch dabei wird es nicht bleiben. Die vierte Stufe der industriellen Revolution ist mit dem „Internet der Dinge“ eingeläutet.

Den Begriff vom „Internet of Things“ (kurz: IoT) hat übrigens der britische Technikpionier Kevin Ashton 1999 geprägt. Die Definition hat sich seither nicht wesentlich geändert. So sei das Internet für die Informationsbeschaffung fast vollständig von Menschen abhängig – in Zukunft aber können die Dinge selbst Daten eingeben. Über die physische Welt wird gleichsam ein Netz gelegt, das die Datenfülle der smarten Dinge und allgegenwärtigen Sensoren verknüpft und verarbeitet. Gerade für die starke deutsche Wirtschaft mit ihrem breit aufgestellten Mittelstand und den großen Weltkonzernen bietet die Vernetzung enorme geschäftliche Chancen, aber natürlich auch Risiken.

Das Risiko der disruptiven Innovation.
Eine disruptive Technologie ist eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein Produkt oder eine Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt. Neue Märkte entstehen für etablierte Anbieter in der Regel unerwartet und sind für sie, besonders auf Grund ihres zunächst kleinen Volumens oder Kundensegments, uninteressant. Sie können im Zeitverlauf ein starkes Wachstum aufweisen und vorhandene Märkte bzw. Produkte oder Dienstleistungen komplett oder teilweise verdrängen.

Unsere Welt, wie wir sie heute kennen, wird in ein paar Jahren komplett vernetzt sein. Bisher „unvorstellbare“ Märkte können durch disruptive Innovationen entstehen. „Denken Sie an Armbanduhren, mit denen man im Notfall Hilfe rufen kann, Puppen in Kinderzimmern, die die Atemluft testen, Wände, die Bildschirme sind, Fensterscheiben, die Energie erzeugen, fälschungssichere Medikamente, Produkte, die wissen, wie man sie zusammenbauen muss, Maschinen, die Wartungsingenieure rufen und vieles mehr. Die Möglichkeiten sind unendlich – es ist allein unserer Phantasie überlassen, was wir damit machen“, so Prof. Elgar Fleisch im Interview bei Siemens.

Für die Zusammenarbeit mit Startups müssen Unternehmen eine Open Innovation Kultur etablieren.
EnBW-Ladestation car2goEnergieunternehmen wie die EnBW erhoffen sich von den neuen Partnerschaften einen großen Mehrwert und sehen sie als wichtigen Erfolgsfaktor zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit an. Neue Zukunftsfelder wie Energiemanagement, virtuelle Kraftwerke, Elektromobilität, Smart Home  oder Smart Grid bringen zusätzliche Herausforderungen mit sich. Der Anteil der energiewirtschaftlichen Kompetenz wird kleiner, andere Kompetenzen – gerade im IT-Bereich – dagegen werden erfolgskritisch. Mehr denn je wird eine Mischung aus internem Know-how, externer Expertise zur Unterstützung oder Auslagerung einzelner Komponenten und festen Partnern notwendig. Alleine wird es definitiv nicht gehen. Die Zusammenarbeit mit Startups treibt die Innovationen. Zusätzlich zum Engagement von innen heraus, gilt es eine Open-Innovation-Kultur  zu etablieren. Dazu gehört es auch, die Startup-Szene regelmäßig zu screenen. Grundsätzlich erwächst aus einer Kooperation eine Win-Win-Situation für beide Seiten, denn gerade große Dinosaurier schätzen die besonderen Fähigkeiten von Startups. Für die jungen Gründer ist es andererseits sehr wertvoll, wenn sich ein Unternehmen mit großem Kundenstamm für ihre Ideen öffnet und ihnen Raum gibt, Komponenten oder gar eigene Produkte zu vermarkten. Voraussetzung ist: Die Teams müssen sich weiterhin entfalten können. Wenn beide Welten zusammenkommen, können die Geschäftsfelder der Zukunft gemeinsam gebaut werden.

Das Tempo der Digitalisierung verursacht ein Dilemma
Ja, es existiert ein Risiko zwischen strategischer Reife und operativer Agilität: Die Welt dreht sich weiter und wartet nicht bis eine Unternehmensstrategie fertig oder eine neue Geschäftseinheit aufgebaut ist. Die Reaktionsfähigkeit und Geschwindigkeit ist aber erfolgsentscheidend. Dies gilt in fast allen Dimensionen einer Organisation – also für die Fähigkeiten neue Partnerschaften einzugehen, vom Kunden aus zu denken oder die IT als Enabler für das Geschäft zu positionieren. Hier können Partnerschaften mit Startups von unschätzbarem Wert sein. Junge Entrepreneure arbeiten im Vergleich zu großen Unternehmen nach anderen Denkmustern und unterliegen nicht den gängigen Konzernstandards. „Alles Leben ist Problemlösen“, brachte es schon der Philisoph Karl Popper auf den Punkt. Startups hinterfragen ALLES und JEDEN – sind dabei agiler, kreativer und schneller. Sie suchen aktiv nach Problemen – je anspruchsvoller die Herausforderung, desto größer die Motivation.

Die 50 international vielversprechendsten IoT-Startups rund um #SmartCity, #DigitalLife, #FutureMobility und #Industrie40 gibt’s beim CODE_n Contest auf der CeBIT.
CODE_n ist eine globale Innovationsplattform für digitale Pioniere und führende Unternehmen. 2011 wurde CODE_n von der GFT Group initiiert. Mit den Elementen CONTEST, CULTURE, CONNECT und SPACES bietet CODE_n ein besonderes Ökosystem, das Unternehmen und innovative Persönlichkeiten miteinander vernetzt und die Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle so unterstützt. CODE_n steht übrigens für „Code of the New“ – also für die DNA der Innovation. CODE_n wird 2015 zum vierten Mal den CODE_n Award auf der CeBIT vergeben. Der Wettbewerb steht in diesem Jahr unter dem Motto „Into The Internet of Things“. Unter den 50 Finalisten sind auch einige interessante Startups, die digitale Ideen aus der Energiewelt mitbringen. Wir sind schon gespannt und haben vorab bei den Gründerinnen und Gründern für euch nachgefragt – die Vorstellung folgt in den nächsten Tagen und Wochen via Interviews, hier im Energiewende-Blog.

CODE_n Contest 2015

Eine frische Briese von außen wird nicht ausreichen – es geht um eine grundsätzliche Frischzellenkur, um die Herausforderungen der Digitalisierung als Chancen zu meistern.
Eines ist klar, es geht bei der Digitalisierung schon lange nicht mehr um ein „Ob“, sondern lediglich um ein „Wie“. Die digitale Welt ist längst Realität geworden – auch die Energiewirtschaft mit ihren Geschäftsmodellen befindet sich mittendrin. Smartes digitales Denken, ständiges Hinterfragen und intelligentes Handeln/Agieren wird zur Grundvoraussetzung. In Clayton Christensens „Innovator’s Dilemma“ wird deutlich, dass sich Unternehmen selten selbst disruptiv hinterfragen – denn interne Kanibalisierung passt nicht zur deutschen Unternehmenskultur. Und genau da lauert die Gefahr – denken Sie nur an den Fahrdienst Uber oder ans soziale Wohnungsportal Airbnb. Das Taxi- und das Hotelgewerbe stecken dank zweier Startup-Ideen aus dem Silicon Valley bereits mitten im disruptiven Wandel – getrieben von außen. Ich schließe deshalb mit einem Zitat von William Arthur Ward: “The pessimist complains about the wind; the optimist expects it to change; the realist adjusts the sails.” Zeit, die Segel zu setzen! Nicht nur für die Energiewirtschaft.

PS: Mein Buchtipp für alle Interessierten, die die Startup-Mentalität und das, was u.a. aus dem Silicon Valley auf uns zukommt, besser verstehen wollen: „Silicon Valley“ von Christoph Keese


Gründerinnen und Gründer aus Baden-Württemberg gesucht: Werden Sie mit Ihrem Startup #DigitalEnergist und begleiten Sie die EnBW am 18. März 2015 zur CeBIT in die Halle von CODE_n: www.enbw.com/digitalenergists

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  1. Andreas

    vor 4 Jahren

    startups machen den "alten" und großen Konzernen Beine, denn sie müssen beweglicher sein und näher am Kunden, um lebensfähig zu sein. Daher ist der Blick auf die aktuelle Entwicklung junger Unternehmen enorm wichtig.

  2. Dominik Pöschel

    vor 4 Jahren

    Wenn man sich die vorherigen Revolutionen anschaut, stellt sich die Frage, ob die technische Aufrüstung der Automation ausreicht, um von einer Revolution zu sprechen. Das ist eine Frage, die man eigentlich erst in ein paar Jahren beantworten kann. Die Argumente dafür sind, dass die Vernetzung, die die neue Kommunikation mit sich bringt, nicht einfach nur Produktionsprozesse weiter automatisiert, sondern die eigentliche Produktionssteuerung ablöst. Nicht nur die einzelne Maschine weiß, was sie tun soll, sondern die Fabrik “weiß” was sie tun soll: welche Produkte wurden bestellt, wie viel Zeit wurde das letzte Mal für die Produktion verwendet; über die Cloud kann sie Informationen über den Verkehr einholen und abschätzen, ob die Zulieferer pünktlich sein werden, oder ob man vielleicht doch noch was anderes vorschieben sollte.
    Dieses aktive Nutzen und in-Beziehung-setzen vorhandener Daten macht Systeme lernfähig, ohne dass sie von einem Menschen angetrieben werden müssten. Das Internet der Dinge könnte durchaus revolutionär werden und man sollte es in der Tat nicht einfach nur als ein technisches Update ansehen.
    Bleibt nur die Frage: Was machen denn dann die vielen Menschen wenn alles vollautomatisiert läuft??? Wie viele Arbeitnehmer sind überhaupt notwendig falls die Vernetzung nicht funktioniert??
    Vielleicht wissen ja irgendwann die Maschinen darauf eine Antwort fragt sich nur ob wir dass dann auch noch glauben......

  3. Alexander Majonek

    vor 4 Jahren

    Die Frage ob sich der Mensch mit zunehmender Automatisierung selbst abschafft, ist sehr spannend und in gewisser Form auch berechtigt. Dem kann man jedoch positiv entgegen setzen, dass die reine Produktion (also der herabwürdigende Teil der Arbeit ohne Automatisierung) bisher überwiegend von Maschinen übernommen wurde bzw. sich im Zuge der Globalisierung verlagert hat (leider nicht abgeschafft, wenngleich die betroffenen es nicht als negativ empfunden haben ). Die Produktionsplanung bei der "Fabrik" als Konglomerat aller Maschinen zu sehen wäre m.E. nach die nächste Stufe der vernetzten Produktion, weil hier im Bereich Predictive Analytics noch viel mehr passieren muss. Nur nach der Supply Chain zu schauen ist eine Sache, tatsächlich muss nach dem lokalen und globalen Markt geschaut werden wenn Produktion geplant wird - andernfalls verstößt man gegen Prinzipien, die es längt gibt, Just-in-time etc. Zusammengefasst muss also die "Fabrik" nicht nur vernetzt ihre Maschinen lasten-optimiert steuern können, sondern die eigene Produktion an die Marktbegebenheiten anpassen und da fehlt es noch an zuverlässigen Indikatoren, die über das Jetzt hinaus gehen.

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