Dezentral und bürgernah: Mieterstrom als Baustein für eine urbane Energiewende

Gastautor Portrait

Lena Cielejewski

Mitgründerin und Gesellschafterin prosumergy

Lena Cielejewski ist Mitgründerin von prosumergy, einem Mieterstrom-Anbieter. Das Start-Up aus Kassel setzt deutschlandweit Mieterstrom-Projekte um, war Teil des Climate-KIC Accelerators und konnte mit dem Konzept einige Preise gewinnen. Ihr Studium führte Sie vom Ruhrpott über England und die USA schließlich nach Kassel, wo sie sich auch privat für Nachhaltigkeit engagiert beim Repair Café.

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30. Januar 2017
prosumergy - ein junges Startup aus Kassel entwickelt Mieterstrom-Lösungen
prosumergy - ein junges Startup aus Kassel entwickelt Mieterstrom-Lösungen

Energiewendebeschleuniger – ja, die brauchen wir jetzt. Technische Neuerungen, Geschäftsmodellinnovationen, alles wichtig. Doch Nachholbedarf besteht vor allem gesellschaftlich. Über Erfolg der Energiewende entscheidet ganz wesentlich der Bürger. Und solange viele Menschen die EEG-Umlage als Gradmesser für die Kosten der Energiewende auf sich selbst abgewälzt sehen (was natürlich nicht korrekt ist), jedoch für sich selbst keine Teilhabemöglichkeit erkennen, steht die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz auf der Kippe. Ein Baustein, der dem entgegenwirken kann, ist Mieterstrom.

Seit Erreichen der Netzparität können sich stolze Eigenheimbesitzer am Eigenverbrauch erfreuen – ganz wunderbar, wie ich aus meiner eigenen Familie weiß. Doch wie kommt die Energiewende in die Stadt? Hier ist kein Platz für einen Windpark. Ganz offensichtlich liegt ein riesiges Potential brach in Form von ungenutzten Dächern. Doch unter diesen wohnen Menschen, denen ihr Dach über’m Kopf nicht gehört. Somit landen wir wie auch bei energetischen Sanierungen beim Vermieter-Mieter-Dilemma, da einer in etwas investiert, wovon zunächst einmal der andere profitiert. Bei Mieterstrom ist das Tolle, dass keine Mieterhöhung droht, da der Vorteil nicht primär in Einsparungen von Energie liegt. Nein, eine Photovoltaikanlage erzeugt Strom, der verkauft wird – im Gebäude – an die eigenen privaten oder gewerblichen Mieter und natürlich auch an Nutzer von Eigentumswohnungen. Die Hürden, die diesem Szenario noch im Weg stehen, räumen Mieterstrom-Anbieter wie wir von prosumergy aus dem Weg. Denn der Betreiber der Solaranlage, der den Solarstrom nicht ins

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Netz einspeist, sondern vor Ort verkauft, wird automatisch zum Energieversorgungsunternehmen. Und welcher Vermieter möchte schon die gleichen Pflichten wie ein Energieriese auf sich nehmen? Es braucht daher unbedingt Dienstleister, die durch ihr Angebot die Energiewende in die Stadt bringen.

Wie wichtig ist Mieterstrom für die Energiewende?

Schätzungsweise können bis zu 90 GWp auf den Dächern von Mehrparteienimmobilien installiert werden. Ein Blick in die deutschen Großstädte, die augenscheinlich von Mehrfamilienhäusern geprägt sind, zeigt, dass dort 25 Millionen Menschen leben, dort jedoch nur rund 1,8 GWp PV-Leistung installiert ist. Technisch gesehen ist dort also noch viel Luft nach oben in Sachen Ausbau, aber das Potential liegt vor allem in der Dezentralität und Bürgernähe von Mieterstrom.

Mieterstrom als Akzeptanztreiber

Alle sind sich einig: Die Energiewende wird nicht technisch scheitern, muss aber vor allem noch gesellschaftliche Hürden nehmen. Mit Mieterstrom können die Menschen endlich die Anlagen selbst sehen, den Strom vom eigenen Dach nutzen und sich vielleicht sogar finanziell – insbesondere über eine Bürgerenergiegenossenschaft – an der Solaranlage beteiligen. Das Idealbild ist der mündige Stromverbraucher, der Prosumer, der seinen eigenen Stromverbrauch kennt und weiß, was ihn die Kilowattstunde kostet. Wenn der solare Mieterstrom dann auch noch günstig angeboten werden kann, ist ein wichtiger Schritt für die Akzeptanz der Energiewende getan. Denn machen wir uns nichts vor: Es geht auch um monetäre Vorteile. Das schwingt deutlich mit in der Kritik, dass jeder durch die Zahlung der EEG-Umlage den ohnehin schon begüterten Eigenheimbesitzern die Photovoltaikanlage finanziert. Daher wartet prosumergy gespannt auf die Mieterstromverordnung, die zu einer Gleichstellung von Mieterstrom- und Eigenversorgungsmodellen im Hinblick auf die EEG-Umlage führen könnte.

Von der Strom- zur Energiewende

Bisher ist vor allem eine Stromwende zu beobachten und erst zaghaft wird an der Sektorkopplung gearbeitet. Mit mehr und mehr Elektroautos auf den Straßen und der Einbindung von Wärmepumpen und Speichertechnologien hat Mieterstrom das Potential, urbanen Lebensräume weniger abhängig vom Umland zu machen. Die Menschen auf dem Land haben die Kraftwerke und Leitungen vor der Nase, während die dort erzeugte Energie natürlich auch in der Stadt verbraucht wird. Daher kann Mieterstrom auch einen Beitrag zur solidarischen Lastenteilung leisten. Wir werden also weitermachen, die politischen Rahmenbedingungen geschickt im Sinne der Energiewende zu nutzen.

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  1. M.Schäfer

    vor 1 Jahr

    Das Potential ist riesig, nur scheut man sich eine weitere Subvention aufzulegen, die die EEG-Umlage weiter nach oben treibt. Aber es bleibt die Hoffnung, dass es unter Frau Zypries mit den Erneuerbaren wieder etwas mehr nach oben geht als unter Herrn Gabriel. Die Verordnung wird kommen, wir sind gespannt wie sie am Ende aussieht.
    M.Schäfer
    www.innostrom.de

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Dezentral und bürgernah: Mieterstrom als Baustein für eine urbane Energiewende
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