Was kostet keine Energiewende?

Gastautor Portrait

Kilian Rüfer

Sustainment, Vorsitzender des Energieblogger e.V

Der gelernte Mediengestalter und Ingenieur für erneuerbare Energien bloggt zu Energiewende und Klima-Kommunikation. Seit 2005 betreibt er die auf die Kommunikation für Nachhaltigkeit spezialisierte Agentur SUSTAINMENT©, die exklusiv für nachhaltige Unternehmen und Projekte tätig ist. Als Vorsitzender des Energieblogger e.V. setzt er sich für eine schnelle Wende hin zu 100% erneuerbaren Energien und Gestaltungsspielräume für kleine und mittelständische Unternehmen ein.

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27. Februar 2017
Kilian Rüfer, Energieblogger

Klimaschutz ist wie das Aufhören mit dem Rauchen. Die Ansichten des Arztes, der
Krankenkasse, des Rauchers, des Tabakhändlers und die des Tabaksteuer-Verwalters
unterscheiden sich sehr. Ähnlich widersprüchlich sind die Ansichten vom Nutzen und von
den Kosten der Energiewende. In einer folgenschweren Diskussion muss man sich klar
machen, wessen Interesse sich hinter welcher Argumentation verbergen könnte.

Aus meiner Sicht ist ein beschleunigter Umstieg auf erneuerbare Energien alternativlos. Es
geht um die Zukunft von uns allen. Und diese sollten alle mitgestalten dürfen und können.
Entsprechend empört mich, dass 80 Prozent des Zubaus erneuerbarer Elektrizität nur mit
oder durch wenige Großunternehmen umgesetzt werden kann. Auch zu diesem Detail gibt
es sehr unterschiedliche Ansichten.
Um in der Flut aus Fakten und Argumentationen klar sehen zu können, muss zwischen dem
volkswirtschaftlichen Interesse ganzer Länder und den betriebswirtschaftlichen Interessen
einzelner Branchen und Marktteilnehmer unterschieden werden. Zu oft wird ein
Einzelinteresse als Gesamtinteresse dargestellt.

Was die Energiewende der Gesellschaft bringt

Was wissen wir über Kosten und Nutzen der Energiewende für die Gesellschaft?
Seit dem Jahr 2006 wissen wir, dass der noch immer lahme Klimaschutz durch die
fortschreitenden Klimafolgen volkswirtschaftlich teurer wird, als es ein beschleunigter und
damit effizienterer Klimaschutz wäre.

Mit der notwendig zügigen Umstellung auf erneuerbare Energie könnten die Klima-Risiken
begrenzt werden. Zu den Risiken gehören mittelfristig erhebliche Belastungen für die
Wirtschaft und den Wohlstand. Nicht ohne Grund sind Währungshüter alarmiert und warnen
teilweise sogar vor einer dauerhaften Wirtschaftskrise , die mit dem sich derzeit
abzeichnenden verspäteten Klimaschutz einhergehen könne. Aus dem gleichen Grund
ziehen immer mehr kapitalstarke Investoren das von ihnen verwaltete Geld aus fossilen
Energien ab. In Fragen der nationalen Sicherheit werden gewaltsame Konflikte als
mögliches Klima-Risiko ebenso ernst genommen.

Wenn die im Jahr 2010 proklamierten Energiewende-Ziele der Bundesregierung umgesetzt
werden, dann wäre das nahezu erneuerbare Stromsystem wahrscheinlich billiger als seinWas kostet keine Energiewende?
fossiles Pendant. Eine Berechnung des Öko-Instituts ergab, dass das gesamte Stromsystem auf Basis erneuerbarer Energien im Jahr 2050 etwa 64 Milliarden Euro koste und die Gesamtkosten für ein fossiles Stromsystem im Durchschnitt von zwölf Szenarien bei 67 Milliarden Euro lägen. Wie viel kostet es davor in den anderen 32 Jahren? Noch spannender wäre die Kostenentwicklung in einem ausreichend schnellen Szenario.

60 Milliarden Euro für den Import fossiler Rohstoffe

Die Agentur für Erneuerbare Energien macht auf Zahlen der WHO aufmerksam: Im Jahr
2015 kostete allein der Import fossiler Rohstoffe knapp 60 Milliarden Euro. Dies seien
wertmäßig rund 6 Prozent der Gesamt-Einfuhren gewesen. Das ist nicht nur viel Geld,
sondern auch eine große Abhängigkeit. Das Wohl unserer Wirtschaft und unseres
Wohlstandes ist auf ein zerbrechliches Fundament geopolitischer Entwicklungen gebaut
worden. Robuste Industriepolitik würde Länder vom Energie-Ressourcen-Import und von
atomarer/-fossiler Energie unabhängig machen. Diese Sicherung kommt skurrilerweise
insbesondere dann zum Tragen, wenn die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 bis 2
Grad nicht gelingen sollte. Auch wenn die mittelfristigen volkswirtschaftlichen Vorteile eindeutig für ehrgeizigen Klimaschutz sprechen, können kurzfristige Nachteile für einzelne Interessengruppen nicht verschwiegen werden.

Was kostet die Energiewende? Gegenfrage: Für wen?

Wissen Sie, was Sie essen, wenn Sie die Liste der Inhaltsstoffe industriell verarbeiteter
Lebensmittel lesen? Ähnlich ist es mit Energiepreisen. Was durch welche Abgabe gefördert
wird, ist extrem undurchsichtig.
Beispielsweise verraten die auf der Stromrechnung gekennzeichnete EEG-Umlage sowie
die Netzentgelte nicht, wofür das Geld verwendet wird. Wer weiß, für wen er welche
„Privilegien“ mitfinanziert? Wer weiß, was nötige Entgelte sind und wo sich überhöhte
Renditen eingeschlichen haben? Wer weiß, dass er wegen niedriger Börsen-Strompreise
viel mehr EEG-Umlage zahlen muss und wer von diesen niedrigen Börsen-Strompreisen
profitiert?

Würde der Preis an der Börse steigen, dann könnte man mit Strom etwas verdienen, und die Stromrechnung wäre für Verbraucher niedriger. Gelingen kann dies durch einen Kohleaustieg, der den jetzt schon überflüssigen Stromüberschuss verknappen würde. Betreiber und Anteilseigner stillgelegter Kraftwerke hingegen, die eh schon weniger als geplant erwirtschaften, würden zusehen müssen, wie ihre getätigte Fehl-Investition in ihr Kraftwerk gänzlich verpufft. Ähnliche Interessenkonflikte gibt es bei den Themen Verkehr und Wärme. Ich wüsste gerne, ob und wie man Leute für einen ehrgeizigen Klimaschutz gewinnen kann, wenn sie dadurch kurzfristig betriebswirtschaftliche Nachteile erleiden und definitiv viel ändern müssen – im Kopf und in der Praxis.
Ehrgeizig wäre ein beschleunigter, sektorenübergreifender, gesamtsystemischer Wechsel hin zu erneuerbaren Energien inklusive eines Wandels in der Landwirtschaft. Noch aber begnügen sich Entscheidungsträger mit mehr Schein als Sein und lavieren ungesteuert in eine Zukunft, die kein Mensch hinnehmen mag, wenn er die Folgen nicht verdrängt.

Diskutieren Sie mit

  1. Stephan Schlichting

    vor 1 Jahr

    Toller Beitrag!

  2. Windmüller

    vor 1 Jahr

    Hervorragend geschriebener Artikel. Natürlich kann und muss man über die Energiekosten reden. Man muss aber auch mal ehrlich beim Namen nennen, was wir heute für Kosten haben. Wir geben in 11 Jahren 1000 Milliarden Euro für den Import von Kohle, Öl und Gas aus, ohne mit der Wimper zu zucken.Aber die Energiewende macht uns arm ? Im Persichen Golf haben die USA seit 50 Jahren einen Flottenverband mit Flugzeugträger stationiert, um den Zugang zum Öl zu sichern. Das hat bislang gigantenhafte Summen verschlungen. Hat man diese Kosten auf den Preis an der Tankstelle umgelegt ? Natürlich nicht. Der Braunkohlebagger von RWE ist von der EEG Umlage befreit, dafür zahlt er Rest entsprechend mehr EEG Umlage. Wenn man bei dem ganzen Thema auch nur mal halbwegs ehrlich wäre, würde man eingestehen, dass erneuerbare Energien am Ende ökonomischer sind.

  3. Gerd Alsheimer

    vor 1 Jahr

    Ein gewisser Rundumschlag, der sich leicht im Diffusen verliert. Schade, denn der Ansatz ist total richtig! Ehrlich benennen, was was kostet und welche Interessen wohinter sich verbergen. Dazu wäre natürlich noch zu benennen: Wir alle verbrauchen viel zu viel Energie, Rohstoffe und Material. Eine Wende des Konsums ist aber zwingend erforderlich, um eine wirkliche Energiewende zu schaffen, denn dieser Konsum kann alleine durch erneuerbare Energien wohl nicht gedeckt werden.

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