Hartz IV für Kraftwerke

Gastautor Portrait

Niels Schulz

Enerlytics

Niels Schulz ist seit 2011 Herausgeber von Kraftwerke Invest. Der vierteljährlich erscheinende Newsletter gibt einen professionellen Überblick über den Zubau konventioneller Kraftwerkskapazitäten in Deutschland. Auch hauptberuflich arbeitet Niels Schulz seit vielen Jahren in der Energiewirtschaft. Nach seiner Ausbildung bei den Stadtwerken Husum und anschließendem Studium der Informationswirtschaft in Köln hat er sechs Jahre im Büro für Energiewirtschaft und technische Planung in Aachen, BET, als Information-Professional gearbeitet. Seit 2011 ist er Angestellter der Stadtwerke Solingen, anfangs als Analyst, seit 2013 als Portfoliomanager.

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16. November 2015
Hartz IV für Kraftwerke

Vergangene Woche hat das Bundeskabinett laut Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel die „größte Reform des Strommarktes seit der Liberalisierung der Energiemärkte in den 90er Jahren“ beschlossen und den „Strommarkt fit für das 21. Jahrhundert“ gemacht. Bezüglich der verabschiedeten Sicherheitsbereitschaft, die aus acht Braunkohleblöcken besteht, sollten die Aussagen des Ministers – nämlich dass es „kein Hartz IV für Kraftwerke“ geben wird und dass nur Kraftwerke berücksichtigt worden sind, die noch nicht zur Stilllegung vorgesehen waren – noch einmal genauer beleuchtet werden.

Hartz IV für Kraftwerke

Es fällt auf, dass die Überführung mit einem relativ jungen Kraftwerk beginnt, nämlich Buschhaus der Firma Mibrag. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der letzte verbliebene Tagebau des Helmstedter Reviers (Schöningen Süd) das Kraftwerk sowieso nur noch bis voraussichtlich 2017 mit Braunkohle versorgen kann.
In den darauf folgenden Jahren werden RWE Kraftwerke mit einem Alter zwischen 47 und 52 Jahren und die beiden jüngeren Blöcke F und E von Vattenfall in Jänschwalde in die Sicherheitsbereitschaft überführt. Die Blöcke F und E sind übrigens die neuesten von insgesamt sechs Blöcken am Standort.
Zum Kraftwerk Jänschwalde lässt sich anmerken, dass der Tagebau dort voraussichtlich bis 2019 ebenfalls ausgekohlt ist, dass Vattenfall seine Braunkohlesparte lieber heute als morgen verkaufen will und dass die Realisierung des geplanten Tagebaus Jänschwalde-Nord unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen noch völlig offen ist.
Wenn man nun noch in der aktuellen Kraftwerksstilllegungsanzeigenliste der Bundesnetzagentur nachschaut und das Durchschnittsalter kürzlich endgültig stillgelegter Kohlekraftwerke wie zum Beispiel Mumsdorf, Walsum 7 , Herne 2, GKM 3 und 4, Scholven D, E und F und Knepper C berechnet, liegt das typische Renteneintrittsalter von Kohlekraftwerken bei ungefähr 47 Jahren – also ziemlich genau dem Alter der RWE-Blöcke in Frimmersdorf, Niederaußem und Neurath, bevor sie für vier weitere Jahre in Bereitschaft gehen.
Die vereinbarte Sicherheitsbereitschaft durch Braunkohlekraftwerke, die 2018 übrigens erneut „evaluiert“ werden soll, ist so überflüssig wie ein „Hosenträger zusätzlich zum Gürtel“ und mit 1,6 Mrd. Euro sehr teuer erkauft. Dass diese Vereinbarung Teil der größten Reform seit der Liberalisierung des Strommarktes sein soll, kann man glauben – muss man aber nicht.

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Anmerkung der Redaktion:
Der Autor ist langjähriger professioneller Beobachter des Kraftwerkemarktes und Herausgeber des Branchennewsletters „Kraftwerke Invest“, einem Marktmonitor für den deutschen Kraftwerkesektor. Zusätzlich betreibt er die Seite „Enerlytics“ mit Informationen für die deutsche Energiewirtschaft.

 

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  1. Windmüller

    vor 3 Jahren

    Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf. Ich verstehe auch nicht, weshalb Braunkohleblöcke, welche in ihrer Lastgangfähigkeit recht träge sind, als Reserve dienen sollen. Es würde mir eher einleuchten, wenn GuD Kraftwerke diese Rolle übernehmen würden.

  2. Klaus

    vor 3 Jahren

    Hallo Windmüller,
    es ist noch viel schlimmer. Die Braunkohlekraftwerke erhalten gemäß Vereinbarung ZEHN Tage Vorlaufzeit zum Hochfahren. Eine Reaktionszeit, die am kurzfristigen wettergesteuerten Strommarkt völlig an der Realität vorbei geht. Experten halten es daher für sehr wahrscheinlich, dass die Braunkohlekraftwerke in der Sicherheitsbereitschaft niemals nachgefragt werden. Nicht arbeiten - trotzdem Geld bekommen - Hartz IV halt.

  3. Windmüller

    vor 3 Jahren

    Hallo Klaus !
    Die Geschichte mit den Braunkohlekraftwerken wundert mich überhaupt nicht, ich rege mich auch nicht darüber auf. Das ist halt so in Deutschland. Vor 30 Jahren haben diese Absurditäten angefangen. Da hat man das Riesenwindrad Growian gebaut. Als Dänen und Niederländer Windräder der 50 KW Klasse bauten, mussten die Deutschen ein Windrad mit 3000 KW bauen. Vor dem Bau wuuste man schon, dass die Anlage drei Monate läuft, und danach Schrott ist, weil die Lager die Lasten gar nicht bewältigen konnten. Die Flügel waren seinerzeit noch aus Stahl ( Verbundwerkstoffe waren noch nicht so weit ) Trotzdem baute man die Anlage für 75 Mio DM. Es kam, wie es kommen musste. Fünf Jahre später erklärte RWE auf einer Aktionärsversammlung, man habe Growian gebraucht, um Atomkraftgegnern, Bäumeumarmern und Gänseblümchenpflückern visuell darzulegen, dass man mit Wind keinen Strom erzeugen kann. Hierfür hat man 75 Mio DM sehenden Auges in den Sand gesetzt. Da sind die Geschichten mit Hartz IV für Braunkohleblöcke, oder die Geschichte von Nachtspeicherheizungen als Stromspeicher nur einer Fortführung dieser Logik.

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  4. David Bruchmann

    vor 3 Jahren

    Nun, wenn die Geschichte mit dem 3000KW Windrad war ist, dann hätten Aktionäre doch eigentlich Grund gegen RWE zu klagen, Gezielte Fehlinformation kombiniert mit unverantwortlichen Ausgaben, das kennen wir doch von ExxonMobile aus USA.

  5. Windmüller

    vor 3 Jahren

    Hallo David Bruchmann
    Bei wikipedia kann man die Historie der Growian Anlage auch noch mal nachverfolgen.

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  6. David Bruchmann

    vor 3 Jahren

    Hallo WIndmüller,
    vielen Dank für die Information,
    ich habe den Artikel unter https://de.wikipedia.org/wiki/Growian gefunden.
    Rechtlich dürften sämtliche Unverschämtheiten zu Growian wahscheinlich verjährt sein, allerdings hoffe ich, daß Anleger bei aktuelleren Projekten genauer hinschauen und bei gezielter Verschwendung und Falschinformation auch mal die Gerichte bemühen. Es ist längst überfällig, daß man zu Energie und Klimawandel ungestraft Lügen kann, und womöglich mit diesen Lügen auf Kosten Anderer auch noch Geld verdienen kann.

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