Wer zahlt die Energiewende und was kostet sie uns?

Gastautor Portrait

Margot Fritz

Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg

Seit 2007 ist Margot Fritz für die EnBW kommunikativ tätig. Für die EnBW-Stiftung Energie & Klimaschutz Baden Württemberg verantwortet sie Marketing und Kommunikation, kümmert sich neben dem Internetauftritt und den verschiedenen Social-Media-Kanälen der Stiftung auch um Stiftungsprojekte. Hier im Blog wird sie über Veranstaltungen der Stiftung berichten.

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29. Juli 2014

Diese und weitere grundlegende Fragen wurden von der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg beim Debattenabend am 23. Juni 2014 in Stuttgart zur Diskussion gestellt. Nachdem die Referenten ihre Positionen vorgestellt haben, ergab sich eine angeregte Debatte, an der auch das Publikum eigene Sichtweisen und Fragen einbringen konnte.


Teilnehmer der Diskussion waren Prof. Dr.-Ing. Martin Faulstich (Vorsitzender des Sachverständigenrats für Umweltfragen, SRU, der Bundesregierung), Andreas Jung (MdB, Vorsitzender des Parlamentarischen Beirats für nachhaltige Entwicklung – Beauftragter für Klimaschutz der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag), Dr. Hubertus Bardt (stellv. Leiter Wissenschaftsbereich Wirtschafts- u. Sozialpolitik, Leiter Kompetenzfeld Umwelt, Energie, Ressourcen, Institut der deutschen Wirtschaft e.V., Köln) und Thomas Kusterer (Mitglied des Vorstands der EnBW Energie Baden-Württemberg AG).

Maßvoll hohe Energiepreise sind das richtige Incentive, um die Energiewende voran zu treiben.
Langfristig ist für den Vorsitzenden des Sachverständigenrats für Umweltfragen Prof. Martin Faulstich die Energiewende „die preiswerteste und nachhaltigste Energieform“, sie werde den „Industriestandort Deutschland nachhaltig stärken und nicht schwächen“. Die Kosten, so Prof. Faulstich sind nicht das entscheidende Problem der Energiewende: „Wir geben fast 100 Mrd. Euro aus für den Import von Kohle, Öl und Gas. Die EEG Umlage kostet 22 Mrd. Euro. Das relativiert die Kosten ein Stück.“ Die Frage, wer das alles bezahlen soll, könne man auch umdrehen: „Wer verdient daran?“. Dabei seien „maßvoll hohe Energiepreise das richtige Incentive, um die Energiewende voran zu treiben.“

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— Moderiert wurde der Debattenabend von Dr. Wieland Backes (Mitte) —

Die Aufgabe muss sein, den Weg zur vollständigen Versorgung so effizient wie möglich gestalten.
Der Konstanzer Bundestagsabgeordnete Andreas Jung sieht sehr wohl Alternativen zum Ausbau der Erneuerbaren Energien, „aber sie würden uns Innovationschancen, Nerven und auch Geld kosten“.

Ebenso wie Prof. Faulstich sieht auch Jung ein „Glaubwürdigkeitsproblem“, wenn mit der Zunahme regenerativ erzeugter Energie auch der CO2-Ausstoß steigt. Hier fordert Jung eine strukturelle Reform: „Das ineffiziente Kohlekraftwerke sich lohnen, effiziente Gaskraftwerke aber nicht, das muss falsch sein, deshalb müssen wir das ändern“, so Jung.

„Es kann sein, dass sich die Energiewende einmal rechnet. Zunächst aber haben wir es mit erheblichen Investitionen zu tun.“
Nüchtern und pragmatisch analysierte Dr. Huberts Bardt bei dem Debatten-Abend die Kostenfragen der Energiewende. Wie schwierig es ist, das Energiesystem umzustellen, mache, wie der Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft erklärte, schon die zeitliche Dimension deutlich: „Die Energiewende braucht 40 Jahre. Das sind in politischen Dimensionen zehn Legislaturperioden, das ist einmal DDR.“ Für die Energiebranche sei das „die Laufzeit eines klassischen Kraftwerks“. Für das Weltklima spiele es keine Rolle, ob wir in Deutschland einmal 80 oder 90 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen. Entscheidend sei zu zeigen, dass die Energiewende in einem Industrieland funktioniert und günstiger ist als andere Energieversorgungssysteme. „Die Welt schaut auf uns“, so Bardt, „ein Vorbild sind wir nur, wenn wir zeigen, dass es funktioniert.“

Verbraucher und Unternehmen braucht eine sichere Versorgung mit Strom – jede Sekunde. Für gesicherte Leistung wird aktuell aber nicht bezahlt.
Die Kosten der Energiewende spürt ein Energieversorger wie die EnBW Baden-Württemberg AG hautnah. Vor wenigen Wochen hat das Unternehmen in Karlsruhe, wie Vorstandsmitglied und CFO Thomas Kusterer in der Diskussion ausführte, das „weltweit effizienteste“ Kohlekraftwerk in Betrieb genommen. Noch bevor das Kraftwerk am Netz war, sei jedoch klar gewesen, dass der Neubau „die Investitionen nie wird erwirtschaften können“. „Wir stellen fest, dass das klassische Geschäftsmodell des Energieunternehmens so nicht mehr funktioniert“, so Kusterer, „das gilt nicht nur bei einem Großunternehmen, sondern auch bei einem Stadtwerk“.

Er sei „felsenfest überzeugt“, so Kusterer, dass wir mit der Energiewende auf dem richtigen Weg sind. Es führe kein Weg vorbei an einem System, das nachhaltig sei auf der Basis erneuerbarer Energien. Die entscheidende Frage sei aber, ob wir ein System haben, das stabil genug ist, um die Versorgungssicherheit zu garantieren: „Ein Unternehmen braucht eine sichere Versorgung mit Strom – jede Sekunde.“ Er ist überzeugt, „dass wir konventionelle Erzeugungsanlagen noch länger im Netz haben werden. Wir werden sie als Backup-Kapazität für dezentrale fluktuierende erneuerbare Energien benötigen“. Die EnBW stelle 70 Prozent der „gesicherten Leistung in Baden-Württemberg, für gesicherte Leistung wird aber aktuell nichts bezahlt“. Mit diesen Anlagen mache man deshalb „jedes Jahr einen zweistelligen Millionenverlust“. Das, so Kusterer, könne nicht nachhaltig sein. Vielmehr müsse über den Wert von Backup-Kapazitäten im Gesamtsystem diskutiert werden.  

Im Laufe der Diskussion wurde mehrfach herausgestellt, dass die Energiewende nicht nur eine Stromwende ist, sondern auf viele weitere Bereiche direkte Auswirkungen hat. Eine der zentrale Rollen hierbei spielt der Emissionshandel. Die Energiewende wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen und sie wird mit weiteren Kosten und Investitionen verbunden sein. Die Frage der tatsächlichen Kosten kann aus heutiger Sicht noch nicht abschließend beantwortet werden. Umso wichtiger ist, dass sie in gut durchdachten Schritten erfolgt, um den Industriestandort Deutschland nachhaltig zu stärken anstatt zu schwächen. Die Welt schaut interessiert auf die Entwicklung in Deutschland. Wenn die Energiewende hier gelingt, wird sie einen Vorbildcharakter entfalten und global große Chancen eröffnen.
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Redaktioneller Hinweis:
Infografik zum EEG 2014

 

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  1. Windmüller

    vor 4 Jahren

    Man kann Prof. Faulstich nur zustimmen. Ich denke auch, dass Deutschland aus der Energiewende gestärkt hervorgehen wird.

  2. Erich Görgens

    vor 4 Jahren

    Hallo Herr Windmüller, ich kann mir das nicht so vorstellen wie Sie. Die aktuelle Situation lässt sicher viel Übereinstimmung mit Ihnen zu. Frage wird aber sein, wie die Situation sich verändert. Da hat Herr Professor Faulstich von mir schon andere Informationen erhalten, die er offensichtlich (warum auch immer), nicht nutzt.
    Also gut Herr Windmüller, Deutschland hat nichts, was seine Mitbewerber nicht auch hätten. Der Glaube daran das es dennoch so sein könnte, hilft nicht wirklich.
    Eins ist aber sicher, die Zukunft wird dem gehören, der sich dazu befähigt hat (dazu gehört mehr als das gesund Beten).

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  3. Windmüller

    vor 4 Jahren

    Hallo Herr Görgens - die Energiewende geschieht nicht von allein, das ist ein gutes Stück Arbeit. Trotzdem bleibe ich dabei, dass uns die Energiewende am Ende zum Gewinner machen wird. In den nächsten 30 Jahren wird der globale Energiebedarf deutlich zunehmen. Und die steigende Nachfrage wird wohl mit Sicherheit zu steigenden Preisen führen. Ökoenergien sorgen für Unabhängigkeit und Preisstabilität. Und wenn andere Länder ihre alten Atommeiler eretzen müssen ( USA, GB oder auch Frankreich ), dann haben wir unsere Hausaufgaben bereits gemacht.

  4. Erich Görgens

    vor 4 Jahren

    Danke Herr Windmüller, Sie haben Recht. Meine Beitrag ist die Lösung aller Umwelt- und Energieprobleme und das ist keine Witz. Kein Wissenschaftler, Konzernlenker oder Politiker kann das widerlegen und trotzdem tun die ihr Bestes, die Sache kaltzustellen. Potenzielle Energie kann überall, jeder Zeit und völlig umweltfreundlich die schädliche, teure und knappe kinetische Energie ersetzen. Unsere Entscheidungsträger mögen das nicht, es würde ihre gewohnte Geschäftstätigkeit stören. Lieber muten sie der Allgemeinheit "Unzumutbares" zu.
    Hier ist der Beweis für die Machbarkeit:
    Millionenfach zeigen täglich Aufzüge mit Gegengewicht, dass sie im Idealfall 100% von ~105% kinetischer Energie einsparen können, weil sie potenzielle Energie nutzen und so das gleiche Ergebnis erzielen. Das ist unwiderlegbar "Stand von Wissenschaft und Technik". PE-Drive kann so u.a. Kraftwerke versorgen und erstmals E-Autos "autark" machen. Warum schweigen alle Entscheidungsträger, die haufenweise darüber bzw. zu diesem Sachverhalt informiert wurden..? Wo sind unsere Professoren, Konzernlenker und Politiker...? Wann fordern wir die Wende wirklich und setzen unsere Ressourcen zu unserem Vorteil ein..?
    Mit dieser Erkenntnis, wirken alle Diskussionen um die Energiewende als großes Versteckspiel der Entscheidungsträger gegenüber der missbrauchten (wehrlosen...?) Masse.

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