Biogas für die Zukunft fit machen

Gastautor Portrait

Jörg Dürr-Pucher und Dimitri Vedel

Bodensee-Stiftung

Jörg Dürr-Pucher ist Präsident der Bodensee-Stiftung, ein national und international tätiger Natur- und Umweltschutzverband mit Sitz in Radolfzell am Bodensee und Geschäftsführer der Clean Energy GmbH, einem Beratungsunternehmen für Erneuerbare Energien. Er setzt sich seit über 30 Jahren haupt- und ehrenamtlich für die Energiewende und den Klimaschutz ein. Dimitri Vedel, Diplom Forstwirt (Uni), ist Projektleiter bei der Bodensee-Stiftung im Bereich Erneuerbare Energien. Thematische Schwerpunkte sind die Steigerung der Akzeptanz für die Energiewende und Möglichkeiten einer aktiven Bürgerbeteiligung. Er ist beteiligt an der Realisierung von zahlreichen Bioenergiedörfern im süddeutschen Raum.

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29. Juli 2016
Bioenergie vom Bodensee

Mit der beschlossenen EEG-Novelle wird sich für die Biogas-Branche einiges ändern. Biogas ist keine Nischentechnologie mehr, sondern muss sich wie Solar- und Windstrom in bundesweiten Ausschreibungen beweisen. Es gilt, Klimaschutz, Systemdienlichkeit, Ökologie und Wirtschaftlichkeit zu verbinden.

Die Tatsache, dass sich Biogas nun in Ausschreibungen beweisen muss, kann dazu führen, dass wichtige qualitative Aspekte wie der Einsatz von Reststoffen, die häufig weniger Gasertrag bringen als die gängigen Substrate, wie Mais oder Zuckerrübe, genauso wenig zum Einsatz kommen wie ökologisch positive Dauerkulturen z.B. die Pflanzenart Durchwachsene Silphie, die kurz vor dem Durchbruch steht. Schwierig wird das Rennen auch für die kleinen und mittleren Anlagen, die von der betriebswirtschaftlichen Ausgangsposition viel schlechter dastehen, als große Anlagen.

Derzeit keine Perspektive für Nahwärmenetze

Sigmar Gabriel hat Biogas auf dem Altar der notwendigen Einsparungen bei der EEG-Umlage geopfert. Kein Zubau von Biogasanlagen wäre vielleicht noch konsensfähig gewesen. Jetzt werden aber auch viele Bestandsanlagen schon in wenigen Jahren wegbrechen. Das wird auch dazu führen, dass nur noch 2016 bis 2018 einige Nahwärmenetze gebaut werden. Danach ist die EEG-Restlaufzeit für die Investoren zu kurz. Wir werden dafür kämpfen, dass bei den Ausschreibungen nicht nur groß und billig zählt, sondern zeigen, dass auch intelligente Ansätze mit Einsatz von Reststoffen, Dauerkulturen, Wärmenutzung und saisonaler Verschiebung der Energieproduktion in den sonnenarmen Winter konkurrenzfähig sind. Nur so können landwirtschaftliche Biogasanlagen überleben und ländliche Räume gestärkt werden.

Das leicht erhöhte Ausschreibungsvolumen von 200 MW pro Jahr für Bioenergieanlagen soll für Anlagen, die nach dem Ende der EEG-Förderung weiter produzieren wollen, eine Option sein, am Strommarkt teilzunehmen. Zwei Drittel dieser Anlagen, die vor dem Jahr 2002 gebaut wurden und von der Regelung profitieren können, haben im Durchschnitt eine installierte elektrische Leistung, die kleiner als 70 kW el ist. Der Rest dieser Anlagen überschreitet in den seltensten Fällen eine installierte Leistung von 500 kW el.

Für die Anlagenbetreiber mag die neue Regelung eine Perspektive sein, die es ihnen erlauben wird, ihre Anlage erstmal weiter zu betreiben. In wieweit dies mit der Vorgabe von Gebotshöchstpreisen von 16,90 Cent/KWh auch wirtschaftlich sein mag, wird sich noch zeigen.

Bankenfinanzierung fraglich

Für Anlagen mit einer Leistung oberhalb von 150 kW el , die bis dato nur Strom bereitgestellt und keine zusätzliche Einnahmen z. B. mit einem Wärmekonzept generiert haben, wird der Betrieb zunehmend schwieriger. Diesen Anlagen droht ein mögliches Ende noch vor den 20 Jahren EEG-Laufzeit. Keine Bank finanziert im Jahr 17 der EEG-Laufzeit einen neuen Motor für das BHKW. Für die angestrebte Energiewende ist der Wegfall jeder Erneuerbaren Energieanlage, die flexibel Strom und Wärme erzeugen kann, ein schmerzhafter Verlust, der vermieden werden sollte.

Bodensee-Stiftung engagiert sich für Biogas

Die Bodensee-Stiftung arbeitet bereits seit vielen Jahren für eine nachhaltige Nutzung von Biogas. Sie sensibilisiert Betreiber sowie Bürgerinnen und Bürger und klärt über die Bedeutung von Biogas und Bioenergie für die Energiewende auf. Landwirtschaftlichen Betrieben stellt sie weiterführende Informationen zur Verfügung, die ihnen helfen können, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen und ihre Energieproduktion zu steigern, z. B. mit alternativen Wildpflanzen oder der konsequenten Nutzung der Abwärme für Bioenergiedörfer.

Da eine Wärmenutzung in Form einer Nahwärmeversorgung als einfachstes Bindeglied zwischen den Bürgern und den Biogasbetreibern, zum Beispiel mit einer Genossenschaft, nicht immer möglich ist (Lage der Biogasanlage, verstreute Siedlung), müssen neue Wege gefunden werden, Anlagenbetreibern eine Zukunftsperspektive zu bieten und gleichzeitig die Bürger für die umweltverträgliche Biogasproduktion und deren Bedeutung zu gewinnen. Das ist nicht nur ein Thema für Deutschland, sondern zunehmend eine internationale Herausforderung.

In diesem Kontext arbeitet die Bodensee-Stiftung – durch das Seen-Netzwerk Living Lakes global bestens vernetzt –  mit Partnern aus Griechenland, Großbritannien, Frankreich und Belgien zusammen. Sie wird von der EU finanziell gefördert. Mit dem Horizon 2020-Projekt „ISABEL“ (Triggerng Energy communities through SociaL Innovation) soll das Verständnis für die Biogasproduktion von einer rein landwirtschaftlichen Betreiberform hin zu einem gemeinschaftlichen Produktionssystem mit verschiedenen Stakeholdergruppen (Biogasanlagenbetreiber, Kommune, Gemeinschaft) untersucht werden. Wichtig ist der Fokus auf die soziale Dimension, die bereits bei der Biogas-Produktion beginnen kann. Und nicht allein Biogasprodukte wie Wärme, Strom oder Gärreste können für Bürger, beteiligte landwirtschaftliche Betriebe oder Unternehmen attraktiv sein. Auch die eigentliche Energieproduktion kann als finanzielle Anlage für Bürger von großem Interesse sein, wie es seit Jahren Bürgerenergien im Bereich Solar oder Windkraft dokumentieren.

Biogasanlagen

Bürgerbeteiligung als neue Option

Für die existierenden Biogasanlagen, die mit reduzierten Einnahmen in Folge der EEG Novellierung rechnen müssen, kann die Bürgerbeteiligung an der Anlage eine neue Option darstellen, den eigenen Fortbestand des Betriebes zu sichern. Auch in Baden-Württemberg gibt es erste Genossenschaften, die neben dem Nahwärmenetz auch Eigentümer der Biogasanlage sind, die von Landwirten betrieben wird.

Umdenken erforderlich

Dies erfordert von den landwirtschaftlichen Betrieben ein Umdenken. Betriebe müssen sich mehr als bisher öffnen und eine Teilhabe in betriebliche Entscheidungsprozesse zulassen. Dies kann auch ein Wechsel im Anbau von Energiepflanzen nach sich ziehen und ökologische Kriterien stärker gewichten. Finanzielle Einbußen, in Folge einer reduzierten Gasausbeute oder geringere Vergütungsätze, werden mit der finanziellen Beteiligung genauso kompensiert, wie die Akzeptanz für die Produktion gesteigert wird.

Die beteiligten Bürger haben ein Interesse an einem optimalen Betrieb und zeigen ein gesteigertes Engagement, die vielfältigen Produkte aus einer Biogasanlage auch selbst zu nutzen.

Dies darf aber kein rein theoretisches Modell bleiben und kann perspektivisch eine ergänzende Option für den Fortbestand von einer größtmöglichen Anzahl an Biogasanlagen sein. Die Politik muss ihrerseits die Rahmenbedingungen und die technischen Voraussetzungen schaffen, um eine Bürgerbeteiligung rechtlich möglich zu machen und um Biogasprodukte, auch Strom, in einem dezentralen Kontext nutzen zu können. Mit der Beteiligung an Ausschreibungen für Bestandsanlagen mag ein erster Schritt für den Fortbestand derjenigen Anlagen getan worden zu sein, die in nächster Zukunft aus der EEG-Förderung fallen werden. Für den Großteil der Anlagen, der nach 2005 gebaut wurde und die jährlich installierte Leistung von 500 MW überschreitet, sind die ersten vorgeschlagenen 200 MW jedoch eher bescheiden.

Mit einem hohen Maß an Akzeptanz in der Bevölkerung für die Biogasproduktion und die neuen umfassenden, gemeinschaftlichen Beteiligungsmöglichkeiten an der Produktion von Biogas, kann ein Beitrag geleistet werden, damit das in der Vergangenheit investierte Geld für die Biogasanlage auch in Zukunft ihren wirtschaftlich und ökologisch nachhaltigen Beitrag zur Energiewende leistet.

Weitere Links zum Horizon-2020-Projekt: Twitter: @isbabel_project, Facebook, LinkedIn

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  1. Uwe Buchholtz

    vor 2 Jahren

    Ich halte Biogas für sinnvoll, wenn organische Abfälle verarbeitet werden.
    Photovoltaik ist wesentlich effektiver als Photosynthese .
    Wobei ich nichts gegen Photosynthese habe, die brauchen wir um Lebensmittel zu erzeugen .
    Wenn die Lebensmittel verarbeitet werden, können die Abfälle zu Biogas verarbeitet werden.
    Aber Pflanzen anzubauen, um Energie zu erzeugen, ist ein Irrweg, den wir schnellstens verlassen sollten .
    Wenn wir ein Stück Land über haben, sollten wir da PV Anlagen hinstellen, wobei wir aber zuerst Dächer nutzen sollten.

  2. Winfried Vees

    vor 11 Monaten

    PV ist eine tolle Sache! Wir betreiben selbst einen Park.
    Aber: Energie zu speichern ist eine aufwendige Sache, deswegen haben die Pflanzen vor vielen
    Jahrmillionen den aufwendigen Weg über die PS gewählt. Weil eben ein lebendiger Organismus nicht nur hin und wieder Energie braucht.....
    Ich halte PV im Winter für einen Irrweg ;-) und Wärme gibts es auch nicht!
    Und .. kommt jetzt nicht mit PtG oä. Das geht mit Biogas deutlich besser!
    Naja -!
    Wir brauchen alle EE!

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