Wie Berlin zum Leitmarkt für urbane Mobilität werden kann

Gastautor Portrait

Andreas Venus

McKinsey & Company
06. September 2016
Technologischer Wandel bei der Urbanen Mobilität

Stärker als je zuvor zieht es Menschen im 21. Jahrhundert in die Städte. Sie sind kulturelle Kraftzentren, Motor der wirtschaftlichen Entwicklung und Labors für unser zukünftiges Zusammenleben. Schon heute stehen die 600 weltweit größten Städte für mehr als 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung – eine Entwicklung, die sich weiter verstärken wird. Der verfügbare Raum in Großstädten wird jedoch immer knapper. Eine stärkere Verbreitung von Elektroantrieben und vernetzten Fahrzeugen sowie ein verändertes Nutzerverhalten bieten nun die Chance, urbane Mobilität neu zu denken – und so Stau, Lärm und Verschmutzung zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern.

Neue Arbeitsplätze durch urbane Mobilität

Mit den neuen Formen der urbanen Mobilität wie Carsharing, E-Hailing (also App-basierte Mobilitätsangebote) und der intelligenten Verknüpfung von Pkw, Fahrrad und öffentlichem Urbane Mobilität am Beispiel Berlin. Eine Studie von McKinseyPersonennahverkehr verbindet sich gleichzeitig ein signifikantes Wertschöpfungspotenzial. McKinsey hat dieses Potenzial in der Studie „Wachstumsfeld urbane Mobilität: Wie Berlin wirtschaftlich profitieren kann“ für die Hauptstadt untersucht. Das Ergebnis: Bis 2030 können durch urbane Mobilität bis zu 14.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstehen. Dies zeigen Berechnungen in einem „progressiven Szenario“, das von einem hohen Disruptionsgrad ausgeht. Das bedeutet: Wenn die vier prägenden globalen Trends „App-basierte Mobilitätsangebote“, „Elektrifizierung des Antriebsstrangs“, „Connectivity“ und „automatisiertes Fahren“ den Massenmarkt erreichen, wird dies bis 2030 zu einschneidenden Veränderungen in der urbanen Mobilität führen.

Bereits heute spielt die urbane Mobilität in Berlin im Arbeitsmarkt eine Rolle. Zurzeit sind rund 75.000 Menschen, rund 6% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Bereich beschäftigt. Knapp die Hälfte dieser Arbeitsplätze finden sich in Mobilitätsunternehmen – beispielsweise im Bereich Produktion oder Anbieter für Kartendaten sowie im ÖPNV, vor allem bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Die restlichen Arbeitsplätze stammen etwa zu gleichen Teilen aus Unternehmen, die Mobilität „ausführen“ (z.B. Taxifahrer), und aus Unternehmen, die mittelbar mit Mobilität zu tun haben wie Autowerkstätten und Tankstellen.

Arbeitsplätze: In der Summe werden es mehr

Die meisten neuen Arbeitsplätze werden in dem progressiven Szenario in Mobilitätsunternehmen entstehen, die die veränderten Kundenbedürfnisse befriedigen. Als direkter Effekt ergeben sich 9.000 Arbeitsplätze, durch einen Multiplikatoreffekt kommen weitere 5.000 Arbeitsplätze hinzu, wenn durch den Zugewinn an Jobs z.B. die Konsumausgaben in Berlin steigen. Damit beläuft sich das Potenzial rein rechnerisch auf ca. 1.000 zusätzliche Arbeitsplätze pro Jahr bis 2030. Darüber hinaus könnten außerhalb von Berlin noch einmal 8.000 Arbeitsplätze, etwa bei Zulieferern, neu entstehen. Diesem Arbeitsplatzpotenzial steht eine mögliche Verdrängung von Arbeitsplätzen bei Händlern und Taxifahrern gegenüber, die im progressiven Szenario durch starke Modalmixverschiebungen vom Taxi zu Carsharing und E-Hailing unter Druck geraten.

Berlin hat eine der größten Carsharing-Flotten in Europa

Berlin besitzt gute Voraussetzungen, zum Leitmarkt für urbane Mobilität in Deutschland oder gar Europa zu werden. Schon heute ist urbane Mobilität in Berlin mit seinen ca. 3,5 Mio. Einwohnern von großer Vielfalt geprägt. Durchschnittlich legt jeder Berliner 3,5 Wege pro Tag zurück und verbringt dabei etwa 80 Minuten im Verkehr. Der Anteil der Fußwege ist dabei in Berlin fast so hoch wie der Anteil der mit einem Auto zurückgelegten Wege. Über eine Mio. Berliner haben ein eigenes Auto, zusätzlich gibt es ca. 2.900 Carsharing-Fahrzeuge (einer der größten Fahrzeugflotten in Europa) und rund 7.600 Taxis bei ca. 18.000 Taxifahrern. Im Jahr 2014 verzeichneten die BVG 978 Mio. Fahrgäste. Rund 13% der Wege werden mit dem Fahrrad zurückgelegt. Ungefähr jeder sechste Erwerbstätige in Berlin hat seinen Wohnsitz nicht in der Hauptstadt und ist daher in besonderem Maße auf die Nutzung von Verkehrsmitteln angewiesen.

Insbesondere drei Erfolgsfaktoren im Fokus

Damit Berlin das Arbeitsplatzpotenzial durch urbane Mobilität erschließen kann, sollte sich die Stadt in den kommenden Jahren auf drei Erfolgsfaktoren konzentrieren:

  • Leitmarkt für urbane Multimodalität: Schon heute ist Berlin mit Brandenburg neben Baden-Württemberg, Niedersachen und Bayern/Sachsen eines von vier bundesweiten „Schaufenstern für Elektromobilität“. Auf dieser Basis könnte sich die Hauptstadt als Vorreiter für urbane Mobilität etablieren, indem alle Verkehrsträger sinnvoll miteinander verknüpft werden. Beispielsweise könnten Carsharing-Zentren an Knotenpunkten für Pendler gefördert, neue Buchungs- und Bezahlsysteme verkehrsmittelübergreifend eingeführt oder Pilotbezirke für neue Technologien wie z.B. autonomes Fahren geschaffen werden.
  • Start-upKultur: Berlin gilt als eine der wichtigsten Start-up-Metropolen in Europa. Der Schwerpunkt der Gründerszene liegt bislang auf dem Bereich E-Commerce. Um die lebendige und aktive Gründungskultur in der Stadt auch für die Entwicklung neuer Angebote rund um das Thema urbane Mobilität zu nutzen, sollte Berlin Gründer in diesem Bereich insbesondere bei den entscheidenden Faktoren Vernetzung und Finanzierung unterstützen. Denkbar ist beispielsweise die Einrichtung eines Gründercampus und eines Start-up-Fonds mit dem Schwerpunkt Mobilität.
  • Talent: Um sich als Leitmarkt zu positionieren, benötigt Berlin Fachkräfte für neue Mobilitätsangebote – z.B. IT-Entwickler, Elektroingenieure oder Spezialisten zur Datenanalyse. Die Hauptstadt ist schon heute attraktiv für solche Spitzenkräfte, hat aber noch größeres Potenzial: Um die Zahl der Absolventen aus naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen zu erhöhen, könnten Berliner Hochschulen vermehrt Studiengänge auf Englisch anbieten – so würde die Stadt für ausländische Studierende noch attraktiver. Denkbar wären auch spezielle Förderprogramme für Praktika oder Forschung im Bereich Mobilität – auch für ausländische Gründer.

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