In der 51. Folge des Podcasts zur Energiezukunft spricht Ulrich Janischka mit Viviane Raddatz über den europäischen Emissionshandel. Die Politikwissenschaftlerin ist seit 2008 beim WWF Deutschland tätig und leitet dort seit 2021 den Bereich Klimaschutz und Energiepolitik. Aktuell führt sie die Klima-Allianz Deutschland interimsweise. Ihre Arbeit verbindet langjährige Erfahrung in der Klimapolitik mit Fragen der Energiewende und der klimafreundlichen Transformation der Wirtschaft. Gemeinsam diskutieren sie, wie sich wirksamer Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und soziale Gerechtigkeit miteinander verbinden lassen. 

Emissionshandel einfach erklärt: Wie CO₂-Zertifikate Investitionen lenken

Der Emissionshandel funktioniert nach dem Prinzip „Cap and Trade“: Eine sinkende Obergrenze begrenzt die zulässigen Emissionen. Unternehmen handeln die verfügbaren Zertifikate. Wer weniger CO₂ ausstößt, benötigt weniger Emissionsrechte. 

Die diskutierte Lockerung dieses Systems sieht Raddatz kritisch. Länger gewährte kostenlose Zertifikate und eine langsamere Verknappung könnten Investitionsanreize schwächen. Besonders problematisch wäre das für Unternehmen, die bereits auf klimafreundliche Technologien gesetzt und mit höheren CO₂-Kosten gerechnet haben. 

EU-Emissionshandel und Industrie: Klimaschutz als Wettbewerbsfaktor

Klimaschutz ist für Raddatz nicht nur eine Kostenfrage. Auch verschleppte Modernisierung kann zum Wettbewerbsnachteil werden, wenn Unternehmen andernorts bereits in zukunftsfähige Produktionsweisen investieren. Unterstützung müsse deshalb mit konkreten Dekarbonisierungsschritten verbunden sein. 

CO₂-Bepreisung ist zudem kein europäischer Sonderweg: Auch China und etwa Kalifornien nutzen Emissionshandelssysteme. Der europäische CO₂-Grenzausgleich CBAM soll bei bestimmten Importen Unterschiede in der Bepreisung ausgleichen und europäische Unternehmen vor Wettbewerbsnachteilen schützen. 

ETS 2 für Gebäude und Verkehr: Was sich ab 2028 ändert

Der ETS 2 soll ab 2028 insbesondere die Emissionen aus Gebäuden und Straßenverkehr senken. Zertifikate erwerben die Unternehmen, die Brennstoffe in Verkehr bringen. Über die Preise können die Kosten dennoch bei Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen. 

Damit stellt sich eine soziale Kernfrage: Wer kann tatsächlich umsteigen? Nicht jeder Haushalt kann eine Wärmepumpe oder ein Elektroauto finanzieren. Mieterinnen und Mieter entscheiden meist nicht über ihre Heizung, tragen aber deren laufende Kosten mit. 

Klimageld und Förderung: Wie der CO₂-Preis sozial gerecht wird

Raddatz plädiert deshalb für eine Kombination aus Investitionsförderung und gezielter Entlastung. Ein sozial gestaffeltes Klimageld und Mittel aus dem europäischen Klima-Sozialfonds könnten besonders Haushalte mit kleinen Einkommen unterstützen. Förderung müsse auch Menschen erreichen, die kaum eigene Investitionsmöglichkeiten haben. 

Dabei besteht ein Zielkonflikt: Niedrigere CO₂-Preise entlasten kurzfristig, können aber zugleich die Einnahmen für Förderung und Ausgleich verringern. Entscheidend sei deshalb ein abgestimmter Instrumentenmix, der Emissionen reduziert und den Umstieg bezahlbar macht. 

CO₂-Entnahme und negative Emissionen: Ergänzung statt Ersatz

Internationale Klimaschutzgutschriften und negative Emissionen sind für Raddatz unterschiedliche Ansätze. Bei Gutschriften aus dem Ausland fordert sie verlässliche Qualitätsstandards. Bei der CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre kommt es insbesondere auf die dauerhafte Speicherung an. 

Natürliche Senken wie Wälder geraten durch Hitze und Brände unter Druck; technische Verfahren benötigen viel Energie und sind teuer. Dennoch hält Raddatz Investitionen in beide Ansätze für notwendig. Ihr Appell bleibt: weniger neue Zieldebatten, mehr konkrete Umsetzung. 

Ihr Lesetipp: „12 Jahre Europäischer Emissionshandel in Deutschland“, besonders die anschauliche Darstellung ihrer früheren WWF-Kollegin Juliette de Grandpré. 

Die aktuellen Folgen des Podcasts