Sie spielen eine zentrale Rolle in der Natur – und gehören gleichzeitig zu den am stärksten gefährdeten Insekten. Zum Welttag der Bienen am 20. Mai sprechen wir mit NABU-Expertin Laura Breitkreuz über die Probleme der Imkerei, Pestizide und wie sich die faszinierende Vielfalt von 600 Bienen-Arten erhalten lässt 

Wie steht es aktuell um die Lage der Bienen in Deutschland und den Nachbarländern?

Die Lage ist seit Jahren besorgniserregend. Bienen gehören zu den Insektengruppen, die besonders stark unter Druck geraten sind. Rund 600 Bienenarten gibt es in Deutschland – und ein Großteil von ihnen gilt inzwischen als gefährdet oder ist regional bereits verschwunden. 

Aus welchemn Grund sind Bienen besonders betroffen?

Gemeine Sandbiene / Foto: NABU

Bienen sind abhängig von Blühpflanzen. Ohne sie gibt es weder Pollen noch Nektar, von denen sich die meisten Bienenarten ausschließlich ernähren und die sie an ihre Larven verfüttern. Andere Insektengruppen können oft auf zusätzliche Nahrungsquellen ausweichen und sind deshalb weniger stark von Blühpflanzen abhängig. Dass Bienen heute als besonders gefährdet gelten, hat noch einen weiteren Grund: Über sie wissen wir vergleichsweise viel. Gemeinsam mit den Schmetterlingen gehören sie zu den am besten erforschten Insektengruppen – deshalb lassen sich ihre Rückgänge besonders gut beobachten. 

Warum gibt es so wenig Blühpflanzen?

Die intensive Landwirtschaft spielt dabei eine zentrale Rolle, vor allem weil sie mehr als die Hälfte der Fläche in Deutschland ausmacht – etwa durch den Einsatz von Herbiziden, durch die viele Wildpflanzen verschwinden. Hinzu kommen Flächenversiegelung durch Siedlungen und Straßen sowie die Folgen des Klimawandels. Steigende Temperaturen und zunehmende Trockenheit setzen heimischen Blühpflanzen außerdem zu – und damit auch den Bienen, die auf sie angewiesen sind. 

Finden Insekten wärmeres Wetter nicht super?

Es gibt durchaus Bienenarten, die von wärmeren Temperaturen profitieren. Ein Beispiel ist die blauschwarze Holzbiene, die ursprünglich eher in südlichen Regionen heimisch war und sich inzwischen auch in Deutschland immer weiter ausbreitet. Für viele andere Arten wird der Klimawandel jedoch zum Problem: Durch zunehmende Trockenheit produzieren Pflanzen weniger Nektar, sodass den Bienen wichtige Nahrungsquellen fehlen und sich ihre Larven schlechter entwickeln können. Viele heimische Arten sind zudem an kalte Winter angepasst und überstehen selbst extreme Kälte erstaunlich gut. Feuchtwarme Bedingungen hingegen begünstigen die Ausbreitung von Parasiten, Pilzen und Schimmel – und können den Bienen zusetzen. 

Wie überwintern Bienen?

Grundsätzlich müssen wir zwischen Wildbienen und den domestizierten Honigbienen unterscheiden. Honigbienen überwintern in Stöcken und  Imker*innen kümmern sich um sie. Nur ein kleiner Teil der weltweiten Bienenarten lebt in Völkern zusammen. Wildbienen sind oft Einzelgänger. Das Weibchen legt Eier und Pollenvorräte ins Nest und die Larven ernähren sich dann von den Vorräten. Die Überwinterung erfolgt je nach Art als Larve, Puppe oder fertige Biene.  

Zählen Hummeln auch zu den Wildbienen?

Ja, Hummeln sind Wildbienen, in Deutschland kommen etwa 45 Arten vor. Hummeln sind eine der wenigen Wildbienenarten, die in Staaten zusammenleben. Im Herbst stirbt fast das ganze Volk, nur die Jungköniginnen überleben einzeln und gründen im Frühjahr neue Staaten.  

Wie stark unterscheiden sich die 600 Bienenarten?

Die Unterschiede sind enorm. Die blauschwarze Holzbiene zum Beispiel ist ein richtig dicker Brummer. Dann gibt es total kleine Arten, die zum Beispiel in kleinen Stängeln nisten und die man kaum sieht. Die meisten dieser Arten sind auf bestimmte Sorten von Pollen und Nektar angewiesen. Aus diesem Grund ist Vielfalt so wichtig zum Überleben der Bienen.  

Die Hobby-Imkerei breitet sich vor allem in Städten aus. Es gibt also immer mehr Honigbienen, die oft gezielt gezüchtet werden. Was hat das für Folgen? 

Foto: Paul-Langrock.de

Die Entwicklung hat Vor- und Nachteile. Natürlich freuen wir uns über jede Person, die sich mit der Natur beschäftigt und Insekten liebt. Die Haltung von Honigbienen ist aber nicht automatisch Naturschutz. Wenn ich einen Bienenstock dort hinstelle, wo es ohnehin nicht genug Blühpflanzen gibt, bekommen die Wildbienen Konkurrenz bei den ohnehin knappen Nahrungsressourcen. Der erste Schritt sollte also sein, erstmal einen naturnahen Lebensraum zu schaffen, sodass ganzjährig genug Blütenvorräte vorhanden sind.  

Welchen ökologischen Nutzen haben Honigbienen?

Sie sorgen wie andere Insekten auch für die Bestäubung von Pflanzen. Viele davon sind darauf angewiesen, dass Pollen von einer Blüte zur nächsten getragen werden. Erst dadurch können Früchte, Samen und neue Pflanzen entstehen. Wenn sich Pflanzen nicht mehr vermehren, finden auch bestimmte Tiere keine Nahrung mehr. Ganze Ökosysteme könnten so kollabieren. Auch für den Menschen hätte das spürbare Auswirkungen. Wenn Obst- und Gemüsepflanzen mit der Hand bestäubt werden müssten, würden sich die Lebensmittelpreise extrem verteuern.

Was können einzelne Menschen auf Balkonen oder in Gärten tun, um den Bienen zu helfen?

Die Blühpflanzen sollten so ausgewählt sein, dass vom Frühjahr bis in den Herbst immer irgendwo etwas blüht – und nicht nur wenige Wochen im Hochsommer.

Laura Breitkreuz

Das Wichtigste ist Nahrung in Form von heimischen Blühpflanzen. Darunter versteht man Pflanzenarten, die natürlicherweise bei uns vorkommen und den Bedürfnisse der Tiere entsprechen. Was viele nicht wissen: Beliebte Blumen wie Geranien, Flieder, Petunien und Forsythien gehören nicht dazu. Die Blühpflanzen sollten so ausgewählt sein, dass vom Frühjahr bis in den Herbst immer irgendwo etwas blüht – und nicht nur wenige Wochen im Hochsommer. Ebenso wichtig sind geeignete Nistmöglichkeiten. Oft hilfreicher als klassische Bienenhotels sind naturnahe Lebensräume mit Totholz, offenen Bodenstellen, keinen Pestiziden und kleinen Wasserflächen. Dort finden etwa Mauerbienen Sand und Wasser, um ihre Nester zu bauen und der Großteil der Bienen in Deutschland nistet nicht in Hohlräumen, wie den Nisthilfen, sondern baut ihre Brutkammern im Boden. Entscheidend sind vielfältige, naturbelassene Gärten, in denen Bienen Nahrung, Rückzug und Nistplätze zugleich finden. 

Welche Möglichkeiten hat die Politik, um den Bienen zu helfen?

Das erste ist eine Agrarwende hin zu naturverträgliche Landwirtschaft, die fördert und unterstützt. Nachhaltiger Anbau muss sich lohnen für die Menschen mit landwirtschaftlichen Betrieben. Und wir brauchen weitere Vorgaben für Pestizide. Nach wie vor bringen wir zu viel Toxizität auf die Felder. Außerdem müssen geschädigte Naturflächen wieder in einen besseren ökologischen Zustand gebracht werden – so wie es die EU-Wiederherstellungsverordnung von 2025 vorsieht, die derzeit in deutsches Recht umgesetzt wird. In Artikel 10 geht es ganz konkret um die Wiederherstellung von Bestäuber-Populationen.  

Zum Ende noch ein kleiner Schuss Zuversicht: Was spricht dafür, dass sich die Situation von Bienen und Insekten verbessert?

Ich bin eine optimistische Person und hoffe, dass sich der Trend umkehren lässt. Aber vielleicht muss es dafür erst noch schlimmer werden. Positiv ist, dass sich immer Menschen für das Thema interessieren. Als ich vor 25 Jahren angefangen habe, mich mit Insekten zu beschäftigen, wurde ich oft gefragt, warum ich mich ausgerechnet mit so winzigen Tieren befasse. Mittlerweile verstehen viel mehr Leute, wie zentral die Rolle von Insekten für Mensch und Natur ist.  

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