Zirkuläres Bauen: Die Klimakrise wird auf der Baustelle entschieden

Dominik Campanella

Mitgründer und Geschäftsführer Concular

Dominik Campanella ist Mitgründer und Geschäftsführer von Concular mit Sitz in Berlin — Europas größtem B2B-Marktplatz für wiederverwendete Bauprodukte. Sein Team begleitet Bauherren, Planungsbüros und Abrissunternehmen über den gesamten Re-Use-Prozess: Bestandsaufnahme nach DIN SPEC 91484, Bauteilbewertung, Vermarktung und Wiedereinbau. Campanella ist Convenor der europäischen Normungsgruppe CEN/TC 350/SC 1/WG 8 zu Pre-Deconstruction Audits, in der Fachleute aus 13 EU-Mitgliedstaaten an einer harmonisierten Methodik arbeiten. Er hat die Normen DIN SPEC 91484 und 91525 mitentwickelt und engagiert sich seit über zehn Jahren für die Standardisierung des zirkulären Bauens.

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25. Juni 2026
Foto: shutterstock.com

Das Bauwesen ist weltweit für rund 40 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich. Etwa die Hälfte davon entsteht nicht beim Heizen oder Wohnen, sondern schon bei der Herstellung der Materialien — Zement, Stahl, Glas. In Deutschland stammen zusätzlich rund 60 Prozent des gesamten Abfallaufkommens aus dem Bausektor (Umweltbundesamt 2022). Wer über Klimaschutz spricht, muss über Bauen sprechen. 

Und im Bau passiert etwas, das in kaum einer anderen Branche denkbar wäre: Weniger als ein Prozent aller Bauteile aus Abrissen wird tatsächlich wiederverwendet. Der Rest wird zerkleinert, landet als Schotter unterStraßen oder auf Deponien. Stahlträger, Glaswände, Holzbalken, Innentüren, Fenster — fast alles, was die alte Substanz ausmacht, wird vernichtet. Obwohl viele dieser Bauteile technisch noch 30, 50 oder 100 Jahre Lebensdauer hätten. 

Bauen wir zum Wegwerfen?

Besonders absurd wird das, wenn man sich ansieht, wie kurz Gebäude heute überhaupt genutzt werden. Supermärkte und Discounter werden in Deutschland regelmäßig nach 10 bis 15 Jahren wieder abgerissen, weil sichSortimente, Logistik oder Standortstrategien ändern. Bürogebäude erreichen oft keine 30 Jahre, bevor sie entkernt oder weggerissen werden. Was als Architektur geplant war, hat in der Praxis die Halbwertszeit einesKonsumprodukts. 

An jedem dieser Endpunkte verlieren wir genau das, was wir am dringendsten brauchen: bezahlbare Baustoffe und einen niedrigen CO₂-Fußabdruck. Die Energie, die im Stahlträger eines Bürohauses steckt — die sogenannte „graue Energie“ — ist auch nach 30 Jahren noch drin. Wir werfen sie nur weg. 

Die Lösung ist nicht kompliziert. Sie heißt zirkuläres Bauen: Bauteile aus Abrissen so wieder einsetzen, dass sie ein zweites Leben bekommen. Backsteine aus dem alten Industriebau als Fassade des neuen Wohnhauses. Stahlträger aus dem stillgelegten Kraftwerk im neuen Logistikzentrum. Glaswände aus dem Frankfurter Bürogebäude im Berliner Neubau. 

Technisch ist das längst möglich. Es passiert trotzdem nicht. Warum? 

Warum jede Wiederverwendung heute bei Null anfängt

Wer ein neues Bauteil einbaut, schaut ins Datenblatt: Tragfähigkeit, Brandschutz, CE-Kennzeichnung, Herstellergarantie. Versicherung und Bank wissen, woran sie sind. Wer ein gebrauchtes Bauteil einbauen will, beginntbei Null. Ist es noch tragfähig? Wer haftet, wenn es versagt? Welche Prüfungen sind nötig? Wer trägt die Gutachterkosten? 

Diese Fragen werden heute in jedem einzelnen Projekt neu beantwortet. Das ist teuer, langsam und für Bauherren so abschreckend, dass sie lieber neu kaufen. Das ist kein Marktversagen. Das ist ein Regulierungsvakuum. 

Zwei Normen, ein Wendepunkt

Genau hier setzen zwei deutsche Normen an, die in den letzten Jahren entstanden sind: 

  • Die DIN SPEC 91484 legt fest, wie Bauteile vor dem Rückbau systematisch erfasst werden — ein sogenannter Pre-Deconstruction Audit (PDA), also eine Bestandsaufnahme, bevor die Bagger anrollen. Was ist da? In welchem Zustand? Was lässt sich wiederverwenden? 
  • Die DIN SPEC 91525 legt fest, wie diese Bauteile anschließend bewertet werden — nach einheitlichen Kriterien, vergleichbar mit dem Datenblatt eines neuen Produkts. 

Zwei nüchterne Normentexte — und doch genau das, was im Bau heute am meisten fehlt. Erst wenn Architekturbüros, Versicherer, Banken und Bauämter dieselbe Sprache für ein wiedergewonnes Bauteil sprechen, wirdWiederverwendung zur Routine. Aus Sondergutachten werden Standardverfahren. Aus Heldenprojekten wird Marktbreite. 

Ein Beispiel aus der Praxis: Glastrennwände aus einem Frankfurter Bürogebäude wurden ausgebaut, geprüft, dokumentiert und in einem Berliner Neubau wieder eingesetzt. 95 Prozent weniger CO₂, 25 Prozent geringereKosten — verglichen mit Neuware. Möglich war das nur, weil Zustand und Eigenschaften der Wände nach klaren Kriterien festgehalten werden konnten. Ohne Standard hätte kein Planer die Verantwortung für den Einbauübernommen. 

Vom deutschen Standard ins europäische Gesetz

Standards entfalten ihre volle Wirkung erst, wenn sie über Landesgrenzen hinaus gelten. Im europäischen Normungskomitee CEN/TC 350/SC 1/WG 8 arbeiten derzeit Fachleute aus 13 EU-Mitgliedstaaten daran, die deutsche PDA-Methodik europaweit zu harmonisieren. 

Und hier kommt die große Klammer: Mit dem Circular Economy Act, den die EU-Kommission für das dritte Quartal 2026 angekündigt hat, bekommt Europa erstmals ein Gesetz, das Kreislaufwirtschaft als Industriepolitikversteht — einen einheitlichen Markt für Sekundärrohstoffe, klare Regeln, wann etwas „Abfall“ und wann es „Produkt“ ist. Voraussichtlich wird der CEA Pre-Deconstruction Audits europaweit verpflichtend machen. Das wäreein Kipppunkt: Erstmals müsste vor jedem größeren Abriss geprüft werden, was wiederverwendet werden kann — bevor der Bagger anrollt. 

Wie kann zirkuläres Bauen gelingen?

Zirkuläres Bauen scheitert nicht an Technik. Es scheitert oder gelingt an einer gemeinsamen Sprache. Standards wie DIN SPEC 91484 und 91525 sind diese Sprache. Sie machen aus Sondergutachten Routineverfahren, aus Pilotprojekten Marktbreite, aus Misstrauen Risikobewertung. 

Damit der Übergang gelingt, braucht es drei Dinge: eine Politik, die Normen als Klimainfrastruktur begreift. Öffentliche Auftraggeber, die wiederverwendete Bauteile bevorzugen. Und einen Circular Economy Act, der Pre-Deconstruction Audits europaweit verbindlich macht. 

Die Technik ist da. Die Standards sind da. Die Klimakrise wird auf der Baustelle entschieden — und wir haben die Werkzeuge, um sie dort zu gewinnen. 

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