Die dezentrale Energiewende braucht neue Wege der Finanzierung – und junge Menschen, die sie vorantreiben. Nathanael Meyer, Gründer von Valueverde, hat eine digitale Plattform geschaffen, die Bürgerenergiegenossenschaften ins 21. Jahrhundert katapultiert. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt er, warum Genossenschaften das unterschätzte Vehikel für die Transformation unserer Wirtschaft sind, wie eine Nudelfabrik zum Gründungsort wurde und warum er nicht will, dass BlackRock die deutschen Stromnetze besitzt.
Dieses Redaktionsinterview mit unserem Gast Nathanael Meyer führte Melanie Peschel.
Genossenschaften müssen sichtbarer werden, es muss einfacher sein Anteile zu zeichnen.
Was macht Valueverde und was war der Auslöser für die Gründung?
Der Anfang war tatsächlich meine Erkenntnis aus der politischen Arbeit, dass wir ein immenses Problem in der kommunalen Energiewende-Finanzierung haben. Ich habe mit Stadtwerken gesprochen, war bei einem Fondsmanager angestellt und habe dann überlegt, ob man einen Fonds aufbauen kann – ging nicht. Aber das Problem, dass wir die kommunale Energiewende nicht finanzieren können, hat mich nicht losgelassen.
Dann sind Energiegenossenschaften bei mir aufgetaucht und niemand in meinem Freundeskreis kannte das Konzept. Dabei sind das alles Leute, die bei Fridays for Future aktiv sind, bei den Grünen, im Klima- und Nachhaltigkeitsumfeld wirken. Was alle geeint hat, war dass es alle richtig gut fanden, als ich erzählt habe, was Genossenschaften machen. Da war für mich klar: Genossenschaften müssen sichtbarer werden, es muss einfacher sein Anteile zu zeichnen. Es muss genauso sexy sein, wie es heutzutage ist, Aktien über Trade Republic zu handeln – nur für einen deutlich besseren Zweck und mit deutlich mehr Impact.
Und das war Anfang 2025?
Ja, tatsächlich erst Anfang 2025! Wir haben im November und Dezember 2024 mit Stadtwerken gesprochen, haben Mitte Januar 2025 entschieden, das wird nichts und sind auf Energiegenossenschaften gegangen. Und dann hatten wir auch ein wenig Glück: Wir haben festgestellt, dass es seit dem 1. Januar 2025 überhaupt erst möglich ist, digital Anteile zu zeichnen. Das war völlig neu und dann war uns auch klar, warum es so etwas wie valueverde noch nicht gab.
Das war eine ziemlich perfekte Fügung.
Total! Wir haben Mitte Januar einen Offsite-Termin gemacht – in Zeitz, in einer alten Nudelfabrik – und haben dort die Probleme mit Stadtwerken thematisiert und Genossenschaften als Lösung festgelegt. Eine Woche später haben wir gesehen: Es geht auch alles rechtlich. Hätten wir das letztes Jahr entdeckt, hätten wir es vielleicht als Sackgasse abgestempelt.
Also wurde Valueverde quasi in einer Nudelfabrik gegründet – Steve Jobs hatte seine Garage, ihr habt die Nudelfabrik.
Genau! In einer Nudelfabrik, die Idee für Genossenschaften.
Was macht ihr heute konkret?
Wir haben eine Art Trade Republic für Bürgerenergiegenossenschaften gebaut. Du kannst digital Mitglied werden, direkt Anteile zeichnen, siehst alle wichtigen Informationen transparent und vergleichbar. Mittlerweile sind wir live mit siebzehn Genossenschaften und es kommen stetig neue hinzu.
Dabei ist auch wichtig zu sagen, dass wir nicht jede aufnehmen – sondern im Vorfeld die Genossenschaften prüfen. Für alle, die wir listen, machen wir dazu die wichtigsten Kennzahlen transparent. Zum Beispiel die CO2-Einsparung, die historischen Ausschüttungen (seit 2019) fragen wir ab, und auch die einzelnen Projekte werden transparent dargestellt.
Wir arbeiten auch mit Kooperationspartnern zusammen, um die Genossenschaften stärker zu distribuieren. Das Ziel ist, dass man bei jeder Bank und Finanzplattform auch Genossenschaften als Anlagemöglichkeit hat.
Bild: valueverde
Bürgerenergiegenossenschaften gibt es ja schon seit circa 2010. Warum sind sie so in ihrer Bubble geblieben?
Das ist genau einer der Knackpunkte. Viele Genossenschaften waren lange sehr lokal verwurzelt, haben vielleicht eine Solaranlage, einen Supermarkt oder einzelne Projekte vor Ort und waren stark auf ihre bestehenden Mitgliederkreise fokussiert. Die Kommunikation lief vor allem lokal und direkt. Aber die Welt hat sich verändert: Menschen sind mobiler, ziehen vom Land in die Stadt. Ich komme aus dem tiefsten bayerischen Land, da gibt’s auch eine Energiegenossenschaft – aber ich hätte das nie mitbekommen, weil ich nie geguckt hätte, ob es eine gibt. Diese Nicht-Sichtbarkeit außerhalb ihres direkten Kreises führt dazu, dass viele potenzielle Mitglieder – insbesondere jüngere, digital-affine – einfach daran vorbeilaufen.
Was zeichnet die Pionier-Genossenschaften aus, die bei euch schon dabei sind?
Lust auf Wachstum und Mut, neue Wege zu gehen! Das sind Genossenschaften, die nicht mehr nur drei Prozent der erneuerbaren Energieerzeugung in der Hand haben wollen, sondern 15 bis 20 Prozent der Stromerzeugung. Denn klar ist, dass wenn wir wirklich dezentrale Energiewende wollen, müssen sich Genossenschaften der Zeit anpassen. Sie müssen digitaler werden, mobiler, die veränderten Arten, wie Menschen heute agieren, annehmen. Und dann können wir es schaffen, dass künftig ein erheblicher Teil der Energieerzeugung in der Hand der Menschen ist und sie davon profitieren.
Ihr habt ja auch interessante demografische Daten. Wer nutzt eure Plattform?
Wir haben einen Durchschnitt von 35 Jahren bei den Zeichnenden, einen Median von 33 Jahren. Das zeigt uns klar, dass Genossenschaften interessant sind für alle Altersgruppen, wenn man sie richtig präsentiert! Allerdings haben wir deutlich mehr Männer – etwa 75 Prozent der Zeichnungen stammen von Männern, wie es leider bei fast allen Investitionsthemen ist.
Was braucht es denn, damit eine Genossenschaft wirklich hip wird? Reicht Digitalisierung allein?
Nein, Digitalisierung ist der erste Schritt, aber es geht auch um Darstellung und Aufbereitung. Viele Genossenschaften sind auf ihrer klassischen Website nicht besonders modern unterwegs. Hier geht es dann auch um Zielgruppenansprache und ein durch Neo-Broker und Banken verändertes Investitionsverhalten.
Und ganz wichtig: Es geht auch darum, einfach zu erklären. Du hast Impact, lokal, regional, tust was Gutes und hast noch Profit davon. Es ist wie eine Aktie, nur mit mehr Wirkung, lokaler und mit aktivem Geldfluss zu Projekten – nicht nur, dass ich eine Aktie von einem anderen abkaufe.
Was wird bei euch konkret nachgefragt?
Produkte wie Sparpläne werden aktiv nachgefragt. Viele haben nicht 100 oder 250 Euro auf einmal, sondern würden jeden Monat 20 oder 25 Euro investieren. Das ist für uns auch ein wichtiger Punkt, hier geht es ja um Zugänglichkeit und wer kann überhaupt dabei sein. Mit Sparplänen schaffen wir die Möglichkeit für noch mehr Menschen, sich bei Energiegenossenschaften zu beteiligen.
Warum habt ihr euch bewusst gegen Nachrangdarlehen entschieden, wie sie viele Crowdinvesting-Plattformen anbieten?
Weil Nachrangdarlehen super riskant sind, hohe Ausfallrisiken haben und am Ende eine Mischung aus Eigenkapital und Fremdkapital darstellen. Investorinnen und Investoren tragen im Zweifel eigenkapitalähnliche Risiken, erhalten aber nur eine klassische Fremdkapitalverzinsung. Für Privatinvestorinnen und -investoren halte ich dieses Risiko-Ertrags-Verhältnis für wenig sinnvoll.
Wenn Menschen in Energie gehen, will ich, dass sie Eigentum haben. Mit einem Anteil an der Genossenschaft habe ich Eigentum am Unternehmen, an den Anlagen. Ich habe ein Stimm- und Kontrollrecht – und es ist klares Eigenkapital, keine komplizierte und riskante Mischform, die viele Privatpersonen schwer einschätzen können.
Am Ende ist ein Anteil wie eine Aktie, während ein Nachrangdarlehen weder eine „richtige“ Anleihe noch eine „Aktie“ ist – sondern eine Mischform.
Was sind die größten Widerstände, auf die ihr stoßt?
Trägheit in den Köpfen. Wir haben tatsächlich Genossen erlebt, die den Sinn und Mehrwert von Digitalisierung grundsätzlich nicht verstehen. Das ist das Extrembeispiel der Trägheit. Andererseits gibt es super viele innovative Menschen in Genossenschaften, die Bock auf Veränderung haben und die gewinnen wir.
Das andere große Thema ist Kundengewinnung und Partnerschaften. Viele haben Genossenschaften gar nicht am Schirm und wissen auch nicht, wie groß und wichtig sie für den wirtschaftlichen Standort Deutschland sind. Man denkt an Kleinprojekte, ehrenamtlich, hobbyartig, vereinsähnlich. Dabei haben allein Energiegenossenschaften einen Jahresumsatz von über zwei Milliarden Euro zusammen. Genossenschaften allgemein stehen für einen erheblichen Teil der deutschen Wirtschaftsleistung und sie beschäftigen über 1 Million Angestellte.
Liegt euer Schwerpunkt bei Stromerzeugung oder auch bei Wärmenetzen?
Strom ist noch dominant, aber Wärme kommt immer mehr – seit zwei, drei Jahren. Die Chemnitzer Genossenschaft, die wir an Bord haben, hat ein Nahwärmenetz in Raschau und baut aktuell ein zweites dazu. Wärme ist deutlich kapitalintensiver als eine Solaranlage auf dem Dach, aber insbesondere für kleinere Kommunen super wichtig und wertvoll – auch im Zuge der Wärmewende
Sprung ins Jahr 2030: Was wünschst du dir von der Landschaft der Energiegenossenschaften in Deutschland?
Mehr Anteil an der Stromerzeugung! Von drei auf zehn Prozent wäre schon gut, alles darüber noch besser. Es geht darum, dass die Menschen vor Ort sehen: Hier wird Strom erzeugt, hier kann ich beteiligt sein, hier entsteht Wachstum. Mein Wunsch für 2030 ist, dass Infrastruktur stärker in Bürgerhand bleibt und dass Genossenschaften ein sichtbarer, relevanter Teil dieser Energiewelt sind. Ich will, dass die Energiewende so gestaltet wird, dass die Menschen dabei sind. Es gibt derzeit viele Modelle, die diskutiert werden, wie man große internationale Investoren stärker an der kommunalen Energiewende und den Stadtwerken beteiligen kann. Unter anderem hat die LBBW vor kurzem einen Fonds verkündet. Für die Finanzierung kann das sinnvoll sein, aber ich glaube nicht, dass es für mich als Endkunden besser wird – wenn auch die Renditeerwartungen von z.B. BlackRock von mir als Stromkunde erfüllt werden müssen. Genossenschaften können hier die notwendige Finanzierungslücke schließen und gleichzeitig ist es echte Bürgerbeteiligung.
Eine letzte Frage: Du hast dich regelrecht in Genossenschaften verliebt, oder?
*(lacht)* Total! Mit jeder Genossenschaft mehr, verliebe ich mich noch ein Stück weiter. Es ist auch das Thema Kreislaufwirtschaft: Wie schaffe ich eine Wirtschaft, die für die Menschen ist, aber auch wachsen kann – nicht um jeden Preis und nicht nur, um Gewinne zu erwirtschaften, sondern auch dem Gemeinwohl zu dienen?
Wir haben das Vehikel, über das wir die ganze Zeit überlegen, wie wir die Wirtschaft transformieren können. Es ist da! Wir übersehen es nur, weil sie vielleicht nicht die große Lobby haben, wie E.ON oder andere Konzerne. Genossenschaften gibt es in allen Bereichen und die gesamte Gesellschaft hat etwas davon. Ich bin echt ein Fan von Genossenschaften.
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