Plötzlich dreht sich die Stimmung und die Massen bewegen sich. Gesellschaftliche Trends sind eine Chance im Kampf gegen die Erderwärmung. Ein Plädoyer für mehr Zuversicht.
Forschende haben weltweit insgesamt 16 Kipppunkte ausgemacht, die sich zum Teil auf unheilvolle Weise aufschaukeln.
Wie Kipppunkte das Klima retten
Schaukelst Du gern auf einem Stuhl?
Dann ahnst du bestimmt, was passiert, wenn du dich immer weiter nach hinten lehnst. Zunächst fühlt sich deine Position noch stabil an. Doch wenn du einen bestimmten Punkt überschritten hast, fällt der Stuhl und reißt dich mit. Am Tischtuch festhalten bringt nichts mehr. Gegenmaßnahmen sind wirkungslos, wenn der Kipppunkt überschritten ist.
Kipppunkte spielen in unserer Welt eine wichtige Rolle. Fachleute bezeichnen sie als Schwellenwerte, an denen ein System durch eine winzige Änderung abrupt umschlägt und sich unumkehrbar verändert. Im Leben begegnen wir ganz verschiedenen Kipppunkten. Wenn Bäume umfallen, Seiltänzer stürzen oder Gebäude zusammensacken, dann können Kipppunkte den Ausschlag gegeben haben.
Wer sich mit dem Klimawandel befasst, dem ist das Wort sicher schon begegnet. Denn auch, wenn es auf der Erde zu warm wird, sind bestimmte Folgen nicht mehr rückgängig zu machen. Das Abschmelzen des Festlandeises in der Antarktis führt zu einem unumkehrbaren Anstieg des Meeresspiegels. Das Auftauen des Permafrostbodens in Sibirien setzt große Mengen Treibhausgas frei und beschleunigt den Klimawandel. Und wenn die Ozeane wärmer werden, sterben die Korallen, was wiederum die Nahrungsketten im Meer zerstört. Forschende haben weltweit insgesamt 16 Kipppunkte ausgemacht, die sich zum Teil auf unheilvolle Weise aufschaukeln. Aktuell besteht die Gefahr, dass fünf davon überschritten werden.
Das ist ziemlich frustrierend, denn es zeigt, wie dringend die Erderwärmung begrenzt werden muss. Doch die Widerstände sind groß: Der US-Präsident ignoriert den Klimawandel, Putin führt lieber Krieg, die EU rudert beim Green Deal zurück und es wachsen die Zweifel, dass grüner Wasserstoff die Industrieproduktion rechtzeitig klimaneutral machen kann. Es gibt für Klimaschützer:innen also genug Gründe, den Mut zu verlieren.
Im Gegensatz zu den bösen Klimakipppunkten kommen soziale Kipppunkte oft wie unerwartet lieber Besuch.
Turbo für mehr Klimaschutz
Zeit also für einen Perspektivwechsel. Denn bei genauem Hinsehen gibt es handfeste Gründe für mehr Zuversicht. Und auch hier spielen Kipppunkte eine wichtige Rolle. Obwohl der Begriff negativ besetzt ist, steuern Kippunkte auch positive Trends. Schon seit Jahren gehen Forschende davon aus, dass bestimmte Entwicklungen am Finanzmarkt, im Städtebau oder bei staatlichen Förderungen soziale Kipppunkte auslösen können, die als Turbo für mehr Klimaschutz wirken.
Im Gegensatz zu den bösen Klimakipppunkten kommen soziale Kipppunkte oft wie unerwartet lieber Besuch. Oft haben sie nichts mit neuen Fakten zu tun. Eher mit plötzlichen gesellschaftlichen Entwicklungen. Als sich 2018 die durch Greta Thunberg angestoßene Welle von Klimastreiks weltweit ausbreitet, waren die Ursachen der Erderwärmung längst erforscht und im Grunde war jedem vernünftigen Menschen klar, was zu tun ist. Eine Massenbewegung entstand aber erst, als sich eine Teenagerin neben ein selbstgemaltes Schild vor ihre Schule setzte. Geheimnisvoll wie der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Tornado auslösen kann.
Es sind Ereignisse wie dieses, mit denen sich die Komplexitätsforschung auseinandersetzt. Die Disziplin untersucht Systeme, die aus vielen miteinander vernetzten Teilen bestehen und deren Zusammenspiel zu neuen Verhaltensmustern führt.
Der britische Klimaforscher Tim Lenton von der Universität Exeter befasst sich intensiv mit dem Thema und setzt einen Fokus auf positive Kipppunkte. In seinem neuen Buch „Positive Tipping Points“ hat er Fälle zusammengetragen, die zeigen, wie gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen die Abkehr von fossilen Energieträgern vorantreiben. Es sind Beispiele, die Mut machen und die zeigen, dass sich auch verfahrene Situationen plötzlich zum Besseren wenden können. Und das nicht erst seit gestern.
Wenn es nur genug Kipppunkte gibt, kann es mit der weltweiten Energiewende plötzlich sehr schnell gehen.
Aha-Effekt in Norwegen
Als einen frühen Beleg führt Lenton den Durchbruch der Elektromobilität in Norwegen an. Daran hatte die Popgruppe „Aha“ einen wichtigen Anteil. Die Boomer unter uns erinnern sich bestimmt: Die norwegischen Musiker waren Ende der 1980er Jahre total berühmt. Bandmitglied Morten Harket nutzte seine Popularität auf persönliche Weise. In einem zum Elektroauto umgebauten Fiat Panda fuhr er 1989 mit dem Vertreter einer Umweltorganisation durch Oslo auf der Busspur, weigerte sich, Parkgebühren oder Maut zu zahlen und ignorierte Strafzettel. Das Auto wurde beschlagnahmt und sollte versteigert werden. Da das ulkige Gefährt sonst niemand haben wollte, kaufte es die Band wieder zurück und machte weiter.
Irgendwann gab die norwegische Regierung dem wachsenden öffentlichen Druck nach. Bereits in den 1990er Jahren führte das Land erste Anreize für Elektroautos ein: keine Mautgebühren mehr, kostenlose Parkplätze und Zugang zu Busspuren. Die symbolisch gemeinten Maßnahmen entwickelten sich zu einem massiven Förderprogramm. Heute fahren mehr als 80 Prozent aller Neuwagen des Landes elektrisch. Ein Anteil, von dem Deutschland noch weit entfernt ist.
Lenton ist überzeugt, dass eine motivierte Minderheit die Mehrheit mitziehen kann, wenn sie auf positive Rückkopplungseffekte setzt. In seinem Buch beschreibt der Professor, wie es möglich war, dass Großbritannien innerhalb weniger Jahre den Kohleausstieg schaffte. Im Jahr 2012 trug der fossile Brennstoff noch mit 38 Prozent zur Stromerzeugung bei. Dann führte die Regierung CO2-Abgaben ein, die rasch anstiegen und Kohlekraftwerke unrentabel machten. Jetzt setzten Energieversorger auf Erdgas und forcierten zugleich den Bau von Wind- und Solarparks. Im Jahr 2019, also nur sieben Jahre später, war der Kohleausstieg vollzogen. Sozialen Rückenwind bekam die Entwicklung von der Protesten der Umweltbewegung Extinction Rebellion, die damals in Großbritannien die Innenstädte prägten. Ähnliche Effekte sieht Lenton auch in anderen Weltregionen, wo Photovoltaik und Windkraft massiv ausgebaut werden. Er ist überzeugt: Wenn es nur genug Kipppunkte gibt, kann es mit der weltweiten Energiewende plötzlich sehr schnell gehen.
Klimaschutz mit Kimono
Manchmal genügt eine gute Idee, um einen Schritt weiterzukommen. So, wie die japanische Kampagne „Cool Biz“ vor 20 Jahren. Damals wollte die Regierung die hohen Kosten für Klimaanlagen senken, die während der heißen Sommer enorme Mengen Strom schluckten. Sie warb deshalb für eine neue Kleiderordnung in den Büros. Mit durchschlagendem Erfolg. Statt Schlips und Anzug setzte sich damals auch in konservativen Unternehmen leichte Bürokleidung durch, sogar der traditionelle Kimono tauchte wieder auf. Schon im ersten Jahr wurde ein Million Tonnen CO₂ eingespart.
Wer einmal anfängt zu suchen, der findet immer mehr Beispiele, die zeigen, wie soziale Kipppunkte für Erfolge im Klimaschutz stehen. Sogar mit Hilfe einer Krankheitswelle. So brachte die Covid-Pandemie in Paris und anderen Metropolen den Durchbruch fürs Radfahren. Viele Menschen stiegen damals um, weil das Infektionsrisiko geringer war als in geschlossenen Fahrzeugen. Die Pariser Verwaltung nutzte die Gunst der Stunde und baute das Radwegenetz massiv aus. Heute sind die großen Straßen im Zentrum der französischen Hauptstadt kaum wieder zu erkennen. Wo früher Autos die Verkehrswege hoffnungslos verstopften, flitzen heute Tausende Velos umher.
Kipppunkt Finanzmarkt
Die Grazer Komplexitätsforscherin Ilona Otto unterstreicht, dass gesellschaftlicher Wandel nicht gleichmäßig voranschreitet. Danach gelingt es zunächst Minderheiten, immer mehr Menschen zu überzeugen. Sobald eine kritische Masse erreicht ist, genügt ein kleiner Anstoß, um gewaltige Dynamik zu entfachen.
In einer Studie mit anderen Wissenschaftlern hat sie errechnet, auf welchen gesellschaftlichen Feldern soziale Kipppunkte, dem Klima am meisten nützen würden. Die wirksamsten Effekte lassen sich demnach auf den weltweiten Finanzmärkten finden. Wenn nur neun Prozent der Investoren ihr Geld nicht mehr in fossile Brennstoffe lenkten, sondern in grüne Projekte, könnte das in wenigen Tagen den gesamten Finanzmarkt zum Kippen bringen, so eine Simulation. Die Studie weist auf ein weiteres wichtiges Feld hin: Bildung. Denn je mehr Leute die Folgen des Klimawandels kennen, desto wahrscheinlicher wird ein gesellschaftlicher Wandel.
Indien ist beispielsweise gerade dabei, einen positiven Kipppunkt zu überschreiten. Dort steigt der Ausbau erneuerbarer Energie explosionsartig an. Von Januar bis September 2025 wurden Photovoltaik und Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 34 Gigawatt neu installiert. Umgerechnet ungefähr so viel wie sechs Kernkraftwerke.
Eine grundlegende Veränderung hat es offenbar in der Einstellung der Entscheidungsträger im Land gegeben. Das belegt eine Umfrage unter Unternehmenschefs. Danach unterstützen 99 Prozent der befragten Führungskräfte einen Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbarer Energie. 84 Prozent von ihnen wollen das Ziel in den kommenden zehn Jahren erreichen. Ähnlich fällt das Ergebnis in anderen Wachstumsstaaten wie Indonesien oder Brasilien aus.
Natürlich dürfen die Beispiele nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg in eine klimaneutrale Welt noch lang ist und mehr Anstrengung erfordert. Er ist aber nach wie vor möglich – und könnte plötzlich ganz schnell gehen.
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