Wie Müllberge die Philippinen begraben

Felix Notheis

Student

Felix Notheis studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der AKAD University und war als Energie-Reporter der Stiftung Energie & Klimaschutz in Südostasien unterwegs. In seinen Beiträgen beleuchtet er Umwelt- und Energiethemen in den Philippinen, Thailand und Vietnam und berichtet über Müllprobleme und informelle Recyclingstrukturen, die Waldbrandgefahr während der „Burning Season“ sowie die Smog-Krise und den Aufstieg der Elektromobilität vor Ort.

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08. Juli 2026

Die Szene kennt jeder: Man kauft schnell etwas auf dem Wochenmarkt oder holt sich einen Döner um die Ecke. Am Ende bekommt man eine dünne Plastiktüte in die Hand gedrückt – meistens ganz selbstverständlich und oft kostenlos. Praktisch ist sie ja. Kurz benutzt, zu Hause ausgepackt, und danach landet sie im Müll. In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern sehen wir die Folgen unseres Konsums nur selten direkt. Ein großer Teil des Mülls verschwindet aus unserem Blickfeld – und nicht selten auch aus unserem Land. Allein die Bundesrepublik Deutschland exportierte im Jahr 2023 rund 158.000 Tonnen Kunststoffabfälle nach Asien. Während in Europa Mülltrennung und Recyclinganlagen den Abfall verwalten, landen große Mengen Kunststoff in Ländern, deren Entsorgungssysteme oft bereits überlastet sind. Wer schon einmal in Südostasien unterwegs war, weiß, dass der Konsum von Plastik und Plastiktüten hier um ein Vielfaches höher ist.

Die Kombination aus lokalem Konsum und importierten Abfällen bringt viele Länder an ihre Grenzen. Die Philippinen gehören zu den Staaten, in denen diese Entwicklung besonders sichtbar wird. Müll ist hier nicht nur ein Umweltproblem – er prägt ganze Stadtviertel und entscheidet für viele Menschen über ihre Lebensrealität.

Abfallentsorgung in den Philippinnen

Eine funktionierende Abfallentsorgung ist in vielen Regionen der Philippinen nur eingeschränkt vorhanden. Besonders in ärmeren Regionen gibt es oft keine regelmäßige Müllabfuhr. Ein Beispiel dafür ist Port Barton, ein kleines Dorf im Norden der Insel Palawan. Die Region ist für ihre traumhaften Strände bekannt und wird in den letzten Jahren zunehmend von Touristen entdeckt. Doch in den Straßen zeigt sich auch ein Problem, das viele Orte des Landes betrifft: der Umgang mit Abfall.

Wo keine öffentliche Müllentsorgung existiert, müssen die Menschen selbst Wege finden, ihren Müll loszuwerden. Und je begrenzter die finanziellen Möglichkeiten sind, desto einfacher fallen diese Lösungen aus – allerdings häufig mit Folgen für Mensch und Umwelt. Wer durch die Straßen kleiner philippinischer Dörfer geht, bemerkt oft einen beißenden Geruch in der Luft. Immer wieder steigen kleine Rauchschwaden auf, und ganze Straßen können von grauen Nebelfahnen durchzogen sein. Viele Haushalte verbrennen ihren Müll direkt auf dem eigenen Grundstück. Plastik, Papier, Pappe und organische Abfälle landen gemeinsam im Feuer. Dabei entstehen giftige Gase, die sowohl für die Umwelt als auch für die Gesundheit der Menschen schädlich sind.

Zwar ist das Verbrennen von Hausmüll auf den Philippinen grundsätzlich verboten, doch in vielen Regionen fehlen Alternativen. Manche Bewohner vergraben ihren Müll im Boden, um ihn zumindest aus dem Alltag verschwinden zu lassen. Kurz gesagt: Die Philippinen stehen vor enormen Herausforderungen im Bereich der Abfallwirtschaft. Dort, wo staatliche oder privat organisierte Müllentsorgung existiert, landet der Abfall häufig auf riesigen Deponien. Wie stark ganze Gemeinschaften von diesen Müllbergen abhängig werden können, zeigt das wohl bekannteste Beispiel des Landes: Smokey Mountain in Manila.

Smokey Mountain – wenn staatliche Strukturen versagen

In der philippinischen Hauptstadt Metro Manila wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren der sogenannte Smokey Mountain zum Sinnbild der nationalen Müllkrise. Die damals größte Mülldeponie des Landes erhielt ihren Namen durch die riesigen Müllberge, die sich aufgrund entstehender Gase immer wieder selbst entzündeten. Zu dieser Zeit lebten Tausende Menschen direkt auf der Deponie. Viele von ihnen arbeiteten in einer informellen Recyclingwirtschaft: Männer, Frauen und Kinder durchsuchten den Müll nach verwertbaren Materialien wie Metall, Glas oder Plastik, um diese anschließend weiterzuverkaufen. Für zahlreiche Familien war dies die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Als die Deponie 1990 offiziell geschlossen und Teile der Bevölkerung umgesiedelt wurden, zeigte sich, dass das eigentliche Problem nicht allein im Müll lag. Armut, fehlende Stadtplanung und mangelnde Arbeitsmöglichkeiten verhinderten eine nachhaltige Lösung.

Heute ist die ehemalige Deponie längst geschlossen, doch die Spuren dieser Zeit sind weiterhin sichtbar. Der gesamte Stadtbezirk rund um den ehemaligen Smokey Mountain ist von Armut geprägt. Viele Menschen leben in einfachen Holzhütten, unter Brücken oder in engen Gassen.

Wer es mit harter Arbeit schafft, dem Slum zu entkommen, kann sich oft gerade einmal eine kleine Wohnung in einem nahegelegenen Wohnkomplex leisten. Die Mieten liegen dort bei etwa 40 Euro pro Monat. Mitten in diesem Stadtviertel erhebt sich ein großer grüner Hügel. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein kleiner Park. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar: Unter der dichten Vegetation aus Bäumen und Pflanzen verbirgt sich die ehemalige Mülldeponie. Der gesamte Hügel besteht aus Müll. Einige wenige Menschen leben noch heute auf dem ehemaligen Smokey Mountain. Manche bauen dort sogar Gemüse oder andere Pflanzen an. Die größte Mülldeponie des Landes ist hier zwar längst Geschichte – doch nur etwa einen Kilometer weiter südlich zeigt sich ein kleiner Teil der damaligen informellen Recyclingwirtschaft: im Slum Happyland, einem der größten Armenviertel Manilas.

Leben vom Müll – Alltag in Happyland

In Happyland leben schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Menschen auf engstem Raum in unmittelbarer Nähe zum Hafen von Metro Manila. Früh am Morgen treffen hier Lastwagen mit Abfällen aus der Metropole ein. Sobald die LKWs ankommen, beginnt für viele Bewohner die tägliche Arbeit: Der Müll wird zunächst grob vorsortiert. Aus Essensresten – häufig von großen Fast-Food-Ketten wie Jollibee, das auf den Philippinen besonders für seine Chicken-Gerichte bekannt ist – entsteht ein Gericht, das Pagpag genannt wird. Dabei werden weggeworfene Lebensmittelreste zu einer wiederverwerteten Mahlzeit verarbeitet. Neben Essensresten werden auch Plastik, Glas und Metall aus dem Müll herausgesucht. Andere Bewohner übernehmen anschließend die Weiterverarbeitung. So werden beispielsweise Schraubverschlüsse von Plastikflaschen entfernt, um die Materialien besser trennen und später für wenige Pesos weiterverkaufen zu können. Für viele Menschen ist diese Arbeit die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen – oft unter schwierigen hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen.Die wirtschaftlichen Verhältnisse im Viertel sind entsprechend gering. Fünf Liter Leitungswasser kosten etwa 20 Pesos, umgerechnet rund 30 Cent. Auch drei Stunden Zugang zu einem WLAN-Netz kosten denselben Betrag. Viele Familien leben von wenigen Pesos am Tag.

Die scheiternde Abfallwirtschaft führt jedoch nicht nur zu informellen Recyclingstrukturen. Immer wieder zeigen Berichte, dass auch Mülldeponien selbst zu einer tödlichen Bedrohung werden können.

Menschenleben unter Lawinen voller Müll

Wie gefährlich das Leben in unmittelbarer Nähe großer Deponien sein kann, zeigen immer wieder tragische Unglücke von Mülllawinen auf überfüllten Deponien. Anfang 2026 führte eine solche Mülllawine in der philippinischen Stadt Cebu nach starken Regenfällen zu mehreren Todesopfern und Vermissten. Die enormen Müllmengen werden häufig auf Deponien gelagert, die nur unzureichend gesichert sind. Besonders während der Regenzeit können die instabilen Abfallberge ins Rutschen geraten und ganze Wohnbereiche unter sich begraben. Hinzu kommt, dass die Philippinen regelmäßig von schweren Taifunen betroffen sind. Allein im Jahr 2025 trafen rund 20 starke Taifune auf das Land. Die Kombination aus extremen Niederschlägen und riesigen Müllmengen erhöht das Risiko solcher Katastrophen erheblich. Solche Ereignisse verdeutlichen die strukturellen Probleme der Abfallwirtschaft auf den Philippinen.

Globales Problem – Und nun?

Auch wenn Deutschland nur geringe Mengen Plastikabfälle direkt auf die Philippinen exportiert, stellt sich grundsätzlich die Frage, wie sinnvoll Abfallexporte in ärmere Regionen der Welt überhaupt sind. Die Müllproblematik in Ländern wie den Philippinen lässt sich sicherlich nicht einfach lösen. Was aber jeder Einzelne tun kann, ist unnötige Plastikabfälle zu vermeiden – zum Beispiel auf die dünne Plastiktüte beim Dönerladen des Vertrauens zu verzichten.

Denn am Ende stellt sich eine einfache Frage: Ist es fair, dass unsere Kunststoffabfälle – oder eine Plastiktüte, die wir vielleicht nur fünf Minuten genutzt haben – in Länder verschifft werden, die ohnehin schon mit ihren eigenen Müllbergen kämpfen?

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