Strompreiszonen in Deutschland: Antreiber der Energiewende oder vermeidbares Risiko?
Christoph Maurer
Geschäftsführer von Consentec
Er ist Geschäftsführer von Consentec, einem renommierten Beratungsunternehmen für energie- und netzwirtschaftliche Fragen. Der frühere Wissenschaftler setzt auf regionale Preise als Anreizsystem, um Engpässe im Netz auszugleichen. Strompreiszonen würden für Haushalte und kleine Unternehmen nur geringe Effekte haben, könnten aber bei energieintensiven Unternehmen Mehrkosten verursachen, die kompensiert werden könnten. Der Netzausbau ist für ihn entscheidend, um erneuerbaren Strom effizient zu nutzen. Steigende Kosten würden einen vollständigen Ausbau auf weitere Sicht aber unmöglich machen. Regionale Preissignale könnten helfen, die Engpässe zu bewirtschaften Erfahrungen aus Norwegen und Schweden zeigen, dass Strompreiszonen bei internen Engpässen sinnvoll und flexibel einsetzbar sind.
Jan-Stefan Roell
Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handels-kammertags (BWIHK)
Er ist Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) lehnt regionale Strompreiszonen ab, da sie Strom für süddeutsche Unternehmen verteuern, wichtige Industrieregionen schwächen und ohnehin unnötig würden, wenn der Netzausbau abgeschlossen ist. Er fordert stattdessen Solidarität. Einheitliche Strompreise und Netzentgelte sind für Roell Ausdruck des föderalen Ausgleichs und unterstützen das gemeinsame Ziel der CO₂-Reduktion. Vorrang hat für ihn der schnelle Ausbau der Stromnetze, der Abbau bürokratischer Hürden bei der Eigennutzung von Strom sowie die Nutzung von Überschüssen zur Erzeugung von grünem Wasserstoff. Staatliche Eingriffe sind für Roell nur bei Marktversagen sinnvoll.
Stromnetzausbau kommt nur schleppend voran
Windstrom aus dem Norden kommt oft nicht im Süden an, weil der Netzausbau zu schleppend vorangeht. Dadurch entstehen jedes Jahr Milliardenkosten. Zonen mit unterschiedlichen Strompreisen könnten ein Ausweg sein. Doch die Lösung ist umstritten. Wir fragen zwei Experten.
Christoph Maurer
hat Diplomabschlüsse in Elektrotechnik und Wirtschaft und promovierte an der RWTH Aachen, wo er im Anschluss mehrere Jahre forschte. Zu seinen Spezialgebieten gehören Energiemarkt und Netze sowie die Integration erneuerbarer Energien. In seiner Funktion bei Consentec berät er Ministerien, Behörden, Netzbetreiber und Energieversorger.
Jan-Stefan Roell
studierte Elektrotechnik und promovierte anschließend in Betriebswirtschaftslehre. Seine Karriere begann er 1982 beim Berater McKinsey, bevor er 1985 in die Industrie wechselte. 1992 übernahm Roell die Leitung des Prüfmaschinenherstellers Zwick, den er als Geschäftsführer und Aufsichtsrat prägte. Als BWIHK-Präsident vertritt er die Interessen von mehr als 650.000 Unternehmen in Südwestdeutschland. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Energiethemen.
Hier die ausführlichen Antworten:
Stromnetzausbau ist ein Schlüssel für die Energiewende
Welche Ziele hat ein zeitgemäßes Strompreissystem?
Roell:
Ein zeitgemäßes Strompreissystem sollte drei Punkte erfüllen: Es muss zunächst die Versorgung sicherstellen sowie die Bezahlbarkeit für Unternehmen und Haus-halte gewährleisten. Der dritte Punkt bezieht sich auf die Qualität: Das Preissystem muss dazu beitragen, dass das Netz zuverlässig funktioniert.
Maurer:
Preise sollten Anreize setzen, das gilt für Strom genauso wie für andere Güter. Bei niedrigen oder negativen Preisen lohnt es sich für Verbraucher, mehr Strom zu kaufen. Hohe Preise geben einen Anreiz, den Verbrauch zu senken. Diese Logik gilt umgekehrt auch für die Erzeugung. In Deutschland greift dieser Mechanismus jedoch nicht immer, weil der Strompreis regionale Wertunterschiede nur unzureichend abbildet. Fehlt in bestimmten Gebieten aufgrund von Netzengpässen die Transportkapazität, verknappt sich das Gut – und diese Knappheit sollte sich folgerichtig im Preis widerspiegeln.
Wie würden sich Strompreiszonen in Deutschland auf regionale Unternehmen und Haushalte auswirken?
Roell:
Strompreiszonen würden dazu führen, dass der Preis im Süden höher ist als im Norden, wo derzeit massenhaft Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird. Das schädigt die Hauptindustrieregionen Bayern und Baden-Württemberg und damit die deutsche Wirtschaft im Ganzen. Was unnötig ist, denn ich bin überzeugt, dass die Unterschiede zwischen den Regionen ohnehin wegfallen, wenn unser Übertragungsnetz fertig ausgebaut ist. Ich rechne damit, dass Südlink spätestens Anfang der 2030er Jahre den Betrieb aufnehmen wird. Die Zeit bis dahin können wir mit dem aktuellen System überbrücken. Übrigens bin ich auch dafür, die Netzentgelte in Deutschland weiter zu harmonisieren. Sie sind im Moment im Norden höher, weil dort mehr Windkraftanlagen ans Netz angeschlossen werden.
Maurer:
Strompreiszonen würden sich auf Verbrauchsseite unterschiedlich auswirken. Bei starkem Wind lägen die Großhandelspreise im Norden niedriger als im Süden. Studien zeigen, dass diese Unterschiede im Jahresdurchschnitt bei etwa einem Cent pro Kilowattstunde liegen würden. Da der Großhandelspreis für Haushalte und kleinere Unternehmen nur rund ein Drittel der gesamten Stromkosten ausmacht, wäre die Auswirkung insgesamt gering.
Anders sieht es für energieintensive Unternehmen aus, die bei Netzentgelten und anderen Preisbestandteilen Rabatte erhalten und hauptsächlich den Großhandelspreis zahlen. Für diesen Kreis könnte man die durch Strompreiszonen entstehenden Mehrkosten aber kompensieren. So ließen sich Redispatch-Kosten vermeiden, die 2023 bei mehr als drei Milliarden Euro lagen. Sie entstehen, wenn im Norden Windkraftanlagen abgeregelt werden müssen und Betreiber dafür entschädigt werden, während im Süden zeitgleich Spitzenlastkraftwerke einspringen. Strompreiszonen würden das System insgesamt günstiger machen, da die Kompensation der Unternehmen günstiger wäre als die Redispatch-Kosten.
Wie wichtig ist es, dass Strompreise regionale Unterschiede widerspiegeln?
Roell:
Das halte ich nicht für entscheidend. Wir sind ein solidarisches Land, in dem finanzstärkere Regionen die finanzschwächeren unterstützen. Derzeit stehen wir am Energiemarkt vor der Situation, dass Strom über größere Distanzen transportiert werden muss, was zu steigenden Netzkosten führt. Diese Herausforderung müssen wir gemeinsam bewältigen, denn es liegt in unserem gemeinsamen Interesse, den CO₂-Ausstoß zu reduzieren. Dieses Solidarprinzip sollte sich folgerichtig in einem einheitlichen Strompreis und einheitlichen Netzentgelten wider-spiegeln.
Maurer:
Stromengpässe werden in Zukunft häufiger vorkommen, da E-Autos, Wärme-pumpen und Speicher den Verbrauch und die Einspeisung kurzfristig stark verändern. Fehlende Leistung kann zwar am Intraday-Markt nachgekauft werden, doch unklar ist oft, ob sie auch transportiert werden kann. Regionale Preisunterschiede könnten hier helfen: Sie signalisieren den Akteuren, dass Strom nicht in Engpassregionen transportiert werden kann, sodass passende Maßnahmen lokal ausgelöst werden.
Wie bewerten Sie die Rolle von Netzausbau und erneuerbaren Energien im Zusammenhang mit Strompreisen in Deutschland?
Roell:
Mit dem wachsenden Anteil von Wind- und Solarstrom muss der Netzausbau Vorrang haben. Andernfalls sind wir gezwungen, teuren Strom aus den Nachbarländern zu importieren, gleichzeitig eigene Anlagen abzuregeln, weil Leitungen fehlen. Beides müssen wir auch noch bezahlen – etwa im Rahmen des sogenannten Redispatch. Diese Herausforderungen lassen sich schrittweise bewältigen, unter anderem indem wir beginnen, überschüssigen Strom zur Erzeugung von grünem Wasserstoff zu nutzen. Dafür müssen auf europäischer Ebene noch zentrale Weichen richtig gestellt werden. Derzeit verengen wir die Diskussion stark auf Strom. Tatsächlich benötigen wir jedoch – insbesondere für bestimmte Industrieprozesse – auch Moleküle. Ohne grünen Wasserstoff wird es nicht gehen.
Maurer:
Der Ausbau der Netze ist entscheidend, um erneuerbaren Strom überhaupt sinnvoll nutzen zu können. Aber auch teuer. Laut Übertragungsnetzbetreibern wird sich die Summe auf mindestens 300 Milliarden Euro belaufen, wahrscheinlich wird es mehr. Und die gleiche Summe kommt nochmal für die Verteilnetze hinzu. Die Ausbaukosten steigen deutlich schneller als die Inflationsrate, denn Netze werden weltweit erweitert und modernisiert. Das heißt, Kabel und Betriebsmittel sind entsprechend knapp und teuer. Wir müssen also abwägen, wo wir die Netze bei uns zuerst ausbauen und wie flexibel wir das gestalten können. Klar ist: In bestimmten Fällen wird es weiter Engpässe geben. Alles andere ist unbezahlbar. Regionale Preise sind eine Möglichkeit, diese Engpässe sinnvoll zu bewirtschaften.
Wie betrachten Sie die Erfahrungen von europäischen Ländern, die Strom-preiszonen eingeführt haben?
Roell:
Ich habe mir die Erfahrungen aus Norwegen und Italien angeschaut. Dort finde ich nichts, was uns motivieren sollte, Strompreiszonen einzuführen. Als Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag sehen wir die Erfahrungen in anderen Ländern sogar eher negativ. Wir würden uns in der aktuellen Situation keinen Gefallen tun.
Maurer:
In Norwegen gibt es seit langem Strompreiszonen. Das System ist flexibel, und Verbraucher reagieren dank dynamischer Tarife auf die Preissignale. Italien hatte lange ein Mischsystem, das wenig sinnvoll war und derzeit überarbeitet wird. In Schweden gibt es ebenfalls regionale Preise, da es zu internen Netzengpässe kommt. Sie führen dort zu den größten Preisunterschieden in ganz Europa.
Welche Rolle spielen Gerechtigkeitsaspekte im Strompreissystem?
Roell:
Gerechtigkeit ist ein zentraler Bestandteil unseres föderalen Systems, wie auch der Länderfinanzausgleich zeigt. Bayern war früher ein strukturschwaches Land, hat sich erfolgreich entwickelt und ist schließlich zum Nettozahler geworden. Dieser Solidaritätsgedanke verbietet es, regional unterschiedliche Strompreise einzuführen, nur weil der Netzausbau zu langsam vorankommt und wir den Strom nicht schnell genug von der Erzeugung zu den Verbrauchern transportieren können.
Maurer:
Das ist ein wichtiger Aspekt. Aber bevor wir darüber reden, sollten wir erstmal das Preissystem so aufstellen, dass es die richtigen Signale vermittelt. Dann können wir uns darüber unterhalten, ob wir die Verteilungswirkungen ausgleichen müssen.
Wie sollte die Politik Regionen unterstützen, die durch das jeweils geltende Preissystem stärker belastet sind?
Roell:
Wenn einheitliche Strompreise und Netzentgelte gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen, muss der Staat nicht mehr eingreifen. Das sollte er ohnehin nur an den Stellen tun, wo ein Marktversagen vorliegt. Was die Märkte regeln können, sollen sie regeln. Aber verschiedene Strompreiszonen zu schaffen und dann nach staatlicher Unterstützung rufen, das macht keinen Sinn.
Maurer:
Die Politik sollte nicht direkt in Preissysteme eingreifen, um Verteilungswirkungen zu steuern. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass ein Preissystem Anreize setzt, um Systemkosten zu minimieren. Anschließend lassen sich gezielt Ausgleichsmechanismen für stärker belastete Regionen schaffen.
Welche Alternativen zu Strompreiszonen halten Sie für sinnvoll, um die Energiewende erfolgreich und fair zu gestalten?
Roell:
Wir müssen uns intensiver damit befassen, wie Menschen und Unternehmen den Strom, den sie selbst erzeugen, optimal nutzen können. In diesem Bereich sind wir derzeit durch bürokratische Regelungen stark eingeschränkt. Produziere ich heute auf dem Dach meiner Fabrik Strom, kann ich ihn nicht ohne Weiteres in einem benachbarten Werk nutzen oder weiterverkaufen. Ein zweiter zentraler Punkt ist der Netzausbau: Je leistungsfähiger unser Übertragungsnetz ist, desto einfacher lässt sich Strom von der Erzeugung zur Verbrauchsstelle transportieren. Drittens gibt es eine Reihe weiterer Maßnahmen, um die Energiewende erfolgreich zu gestalten und den CO₂-Ausstoß weltweit zu senken. Dabei müssen wir uns fragen, wo wir pro investiertem Euro die größte CO₂-Einsparung erzielen. Derzeit verengen wir den Blick noch zu stark auf Europa und auf unser eigenes Land.
Maurer:
In den USA gibt es ein komplexes System. Es besteht aus Tausenden Netzknoten, für die jeweils ein eigener Preis berechnet wird. Das hat Vor- und Nachteile. Im Kern ist das eine ähnliche Lösung wie die bei uns diskutierte mit Preiszonen, nur noch weitergehend. Eine weitere Möglichkeit sind dynamische Netzentgelte. Dabei kommt das Preissignal nicht aus dem Markt, sondern wird regulatorisch verordnet, um Erzeugung und Verbrauch kurzfristig auszugleichen. Der Vorteil ist die möglicherweise höhere Akzeptanz. Der Nachteil: Nicht alle Probleme lassen sich damit lösen.
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