Vom Betroffenen zum Vorreiter? Aktuelle Energiesituation und Zukunftsvision
In der internationalen Debatte über die Energiewende dominieren häufig die Perspektiven des Globalen Nordens: grüne Technologien, Wasserstoff, E-Mobilität, Pariser-Klimaziele. Doch in vielen Ländern des Globalen Südens stellt sich die Frage nicht nur nach der Art der Energiequelle, sondern viel grundlegender nach der Gewährleistung eines gerechten Energiezugangs sowie einer gerechten Finanzierung. Burkina Faso steht exemplarisch für diese strukturelle Herausforderung.
Ein rein technischer Blick auf Energie greift zu kurz. Die Debatte um Energieversorgung und -gerechtigkeit ist untrennbar mit politischen und historischen Kontexten verknüpft. Energiearmut stellt dabei keineswegs einen naturgegebenen Zustand dar, sondern ist Ausdruck struktureller Ungleichheiten, die sich aus kolonialen Kontinuitäten, asymmetrischen Handelsbeziehungen und institutionellen Abhängigkeiten herausgebildet haben und bis in die Gegenwart fortwirken. In diesem Sinne ist der eingeschränkte Zugang zu Energie in Burkina Faso weniger Resultat technischer Defizite im Land als vielmehr Manifestation persistenter globaler Machtverhältnisse, die nationale Handlungsspielräume in der Gestaltung einer souveräner Energiepolitik einschränken.
„Energiearmut“ als Symptom einer strukturellen Ungleichheit
Nach Angaben der Agence Burkinabè de l’Électrification Rurale (ABER) hatten 2022 lediglich rund 19 % der ländlichen Bevölkerung Zugang zu Strom. Landesweit liegt die Elektrifizierungsquote bei etwa 30 % – mit deutlichen Disparitäten zwischen Stadt und Land (ABER 2022).
Die Ursachen:
- hohe Kosten für Netzerweiterung in dünn besiedelten Regionen,
- starke Abhängigkeit von importiertem Diesel und fossilen Brennstoffen
- unzureichende Investitionen in die Energieinfrastruktur
Gleichzeitig hat die Nutzung traditioneller Biomasse (Holz, Holzkohle) negative Folgen: gesundheitliche Belastungen, fortschreitende Entwaldung und Landdegradierung.
Stromausfälle gehören in vielen Regionen in Burkina Faso zum Alltag, selbst in urbanen Zentren wie der Hauptstadt Ouagadougou. Die Strompreise zählen zu den höchsten in Westafrika, während gleichzeitig ein Großteil der Energie importiert wird. Betroffen sind besonders kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die das wirtschaftliche Rückgrat des Landes bilden. Sie tragen etwa 60 % zum BIP bei und stellen rund 70 % der Arbeitsplätze – doch ohne stabile Energieversorgung bleiben ihre Potenziale systematisch eingeschränkt (Inoussa et al., 2018).
Der eingeschränkte Zugang zu Energie ist kein isoliertes Phänomen, sondern Folge historisch gewachsener Abhängigkeiten, die in vielen Formen fortbestehen, sei es durch den Import teurer fossiler Brennstoffe, die Konditionen internationaler Entwicklungszusammenarbeit oder die fehlende technologische Eigenständigkeit bei der praktischen Umsetzung von Energielösungen.
Energieeffizienz: Lösung für die strukturellen Herausforderungen?
Angesichts der Energieengpässe erscheint die Förderung von Energieeffizienz als naheliegender Hebel. Doch auch hier zeigt sich, wie stark lokale Handlungsmöglichkeiten durch systemische Hürden eingeschränkt sind. Eine Untersuchung der burkinischen Handelskammer belegt, dass Unternehmen vor allem an fehlendem Wissen über Einsparpotenziale, einem Mangel an verlässlichen Anbietern und hohen Kosten der Informationsbeschaffung scheitern. Hinzu kommen unternehmensinterne Faktoren wie Größe, Alter und Standort, die maßgeblich über Investitionsentscheidungen bestimmen (Inoussa et al., 2018).
Die Vorstellung, Energieeffizienz sei lediglich eine Frage der richtigen Technologie oder des guten Willens, greift zu kurz. Es braucht Zugang zu Wissen, Infrastruktur, Finanzierung – und vor allem: politische Selbstbestimmung. Denn solange zentrale Technologien, Expertise und Fördermittel von außen abhängig sind, bleibt die Frage, für wen diese Effizienzgewinne tatsächlich wirken.
Graphik: LowCarbonPower, 2023: Elektrizität in Burkina Faso im Jahr 202, https://lowcarbonpower.org/de/region/Burkina_Faso
Graphik: LowCarbonPower, 2023: Gesamtproduktion der elektrischen Energie
in Burkina Faso
Politische Ambitionen und die Fallstricke der Entwicklungszusammenarbeit
Die Regierung Burkina Fasos hat im Rahmen des nationalen Entwicklungsplans PNDES ambitionierte Ziele formuliert: Verbesserung des Zugangs zu Energiedienstleistungen, Stärkung der Energieeffizienz, Förderung erneuerbarer Energien. So zeigt beispielsweise die Gründung nationaler Institutionen wie der L’Agence Nationale des Energies Renouvables et de l’Efficacité (ANEREE) den politischen Willen zu erneuerbaren Energien.
Doch zwischen Plan und Realität bleiben die strukturelle Herausforderungen, nicht zuletzt, weil viele Energie-Programme durch internationale Geber bestimmt werden. In der Praxis bedeutet das: Die nationale Energiestrategie ist eingebettet in geopolitische Interessen globaler Mächte, Ausschreibungen westlicher Technologieanbieter und kapitalgetriebene Logiken. Was als „Partnerschaft“ etikettiert wird, reproduziert häufig neokoloniale Abhängigkeiten und blockiert lokale und eigenständige Innovationspotenziale (Faso, n.d.).
Erneuerbare Energien: Potenziale ja, aber für wen?
Burkina Faso verfügt über ein großes Potenzial für erneuerbare Energien, insbesondere im Bereich der Solarenergie. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass viele Straßen in und umstädtische Gebiete bereits vollständig mit Solarlaternen ausgestattet sind.
Dezentral organisierte Photovoltaiksysteme und Mikronetze könnten auch in ländlichen Regionen den Energiezugang stärken. Doch auch hier lohnt ein kritischer Blick: Wer liefert die Technologie? Wer profitiert wirtschaftlich vom Ausbau? Und wie nachhaltig ist das Ganze wirklich, wenn die eingesetzten Batteriespeicher (häufig aus dem Ausland importiert) schwer recycelbar sind und keine lokale Wertschöpfung erzeugen? Auch die viel gelobten Lithium-Ionen-Batterien sind keine Allheilmittel, sondern bringen neue Rohstoffabhängigkeiten mit sich, beispielsweise im Kobalt- und Lithiumabbau, der selbst oft unter ökologisch wie sozial fragwürdigen Bedingungen stattfindet (Zoma, 2024; Zagare et al., n.d.)
Klimagerechtigkeit bedeutet nicht nur CO₂-Vermeidung, sondern auch die Frage: Wie können Technologien so eingesetzt werden, dass sie lokale Bedürfnisse priorisieren und nicht lediglich den Export grüner Lösungen ausländischer Unternehmen in den Markt befördern?
Energiespeicher: Innovations-Potenzial oder neue Abhängigkeit?
Speicherlösungen sind ein zentraler Bestandteil einer dezentralen Energiezukunft, da sie Sonnenenergie auch abends nutzbar machen, die Netzstabilität verbessern und Versorgungssicherheit schaffen. In ländlichen Elektrifizierungsprojekten zeigen sie bereits Wirkung: Licht, Kühlung, wirtschaftliche Aktivitäten sind möglich geworden, wo zuvor Dunkelheit herrschte (Zoma, 2024).
Doch auch hier gilt: Nachhaltigkeit ist keine rein technische Frage. Die hohen Anschaffungskosten, fehlende Wartungskompetenz, kurze Lebenszyklen (v. a. bei Blei-Säure-Batterien) und mangelnde Recyclingsysteme werfen erhebliche Fragen auf. Hinzu kommt: Wer kontrolliert die Verbreitung und den Zugang zu diesen Systemen? Wie können lokale Reparatur- und Produktionskapazitäten aufgebaut werden?
Solange diese Technologien nicht in lokale Kontexte eingebettet und von der Bevölkerung selbst getragen werden, bleiben sie oberflächliche Lösungen mit begrenzter Transformationskraft.
Von der Energiekrise zur Energie-Souveränität
Die Transformation der burkinischen Energieversorgung darf nicht nur als technische Aufgabe begriffen werden, sondern sollte als Frage der gerechten Machtverteilung Einzug in globale Klimadebatten finden. Die Vorstellung, Burkina Faso könne die Erfolgsmodelle Europas oder Chinas übernehmen, ignoriert historische Ungleichgewichte. Es braucht Raum für eigenständige, kontextgerechte Lösungen, getragen von lokalen Akteur*innen, unterstützt von solidarischen, nicht-dominierenden Partnerschaften.
Viele Länder des Globalen Südens, wie Burkina Faso, tragen kaum zur Erderhitzung bei, leiden jedoch am stärksten unter den Folgen des Klimawandels. Verantwortlich dafür sind vor allem die Industriestaaten, die historisch den Großteil der Treibhausgasemissionen verursachten und daher eine besondere Verantwortung bei der Anpassung an den Klimawandel tragen. Auch innerhalb einzelner Länder zeigen sich deutliche Unterschiede: Wohlhabende Gruppen verursachen den größten Teil der Emissionen, während ärmere Menschen stärker unter den sozialen und ökologischen Folgen leiden. Für eine nachhaltige und gerechte Energiewende ist es deshalb entscheidend, Armut zu bekämpfen und den Klimaschutz mit sozialer Gerechtigkeit sowie fairen Partnerschaften zu verbinden (Dörre, 2025).
Entscheidend ist, Burkina Fasos eigenständigen Weg unter Berücksichtigung seiner spezifischen Bedingungen zu unterstützen – nicht nur als betroffenes Land, sondern als potenziellen Vorreiter für lokale Anpassungsstrategien und Innovationen, von denen auch Industrieländer und der Globale Norden lernen können. Eine gerechte und nachhaltige Energiewende gelingt nur, wenn Burkina Faso als gleichwertiger Partner verstanden wird. Dafür braucht es keine technische „Hilfe“ von außen, sondern eine gezielte Stärkung der lokalen Entscheidungsmacht: durch den Ausbau von Bildungsangeboten, einen gerechten Zugang zu Fördermitteln, Kontrolle über eigene Energiesysteme sowie eine kritische Reflexion globaler Machtverhältnisse und Narrative in der Energiepolitik.
Quellen
Dörre, K. (2025). Klimaungerechtigkeit: Nur wer die Armut bekämpft, kann die Erderhitzung stoppen. Lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung, 31.
Faso, B. Sous thème 2 Energies renouvelables et Applications. Transition énergétique et défi sécuritaire en Afrique de l’Ouest, quelle contribution de la recherche pour une résilience réussie, 32.
INOUSSA, T., IDRISSA, K., & ROUKIATOU, N. (2018). Efficacite energetique au Burkina Faso: une analyse des determinants de l’adhesion des entreprises1. La revue des énergies durables de la CEDEAO (ESEJ), 31.
VI, L. D. F., & VI, L. D. P. (2022). 2.3. 1. Ministère de l’Environnement, de l’Energie, de l’Eau et de l’Assainissement……
ZAGARE, W. O. S., & TRAORE, K. L’ENSEIGNEMENT-APPRENTISSAGE DE L’ENERGIE SOLAIRE: QUELS DEFIS POUR LA PROMOTION DES ENERGIES RENOUVELABLES AU BURKINA FASO.
Zoma, V. (2024). Energy challenges in Burkina Faso: Overcoming obstacles through innovation. International Journal of Ecology and Environmental Sciences, 6(4), 8-15.
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