Indigene bei Strategiemeetings
Es ist strukturell kaum möglich, anders als in Zahlen und Renditen zu denken.
Viele indigene Bevölkerungen sind es gewohnt, in ihren Entscheidungen über Generationen hinweg zu denken. Die Haudenosaunee z. B. verfolgen hierbei das Sieben-Generationen-Prinzip: Sie stellen sich bei grundlegenden Entscheidungen die Frage, wie diese die nächsten sieben Generationen beeinflussen.
In unserer Gesellschaft haben wir uns weit davon entfernt. Würde eine akademisch hervorragend ausgebildete Angehörige der Haudenosaunee an Strategiemeetings von Großkonzernen teilnehmen, würde sie vermutlich aufgrund der Kurzsichtigkeit unserer Denkweise die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Moderne Unternehmen sind oft gezwungen, quartalsweise zu denken, nicht generationsweise. Es ist strukturell kaum möglich, anders als in Zahlen und Renditen zu denken – selbst wenn wir klimafreundlich sein wollen, lebt unsere Wirtschaft davon, mehr zu erschaffen, mehr zu konsumieren.
Systemtransformation statt Rebound-Effekt
Wie kann unsere Organisation so handeln, dass sie das langfristige Wohl der Menschen und der Natur als ihre eigentliche Aufgabe versteht?
Dies führt zu einem Phänomen, das im technologielastigen Nachhaltigkeitsdiskurs oft übersehen wird: der Rebound-Effekt. Dieser zeigt, dass Prozessoptimierungen oder Effizienzsteigerungen in einem wachstumsorientierten Wirtschaftssystem oft durch zusätzlichen Konsum wieder aufgehoben werden.
Bei E-Autos, die für eine nachhaltige Zukunft unerlässlich sind, zeigt sich dies anschaulich: Sie nehmen zwar einen steigenden Marktanteil ein, werden aber aus Profitabilität größer und schwerer und ersetzen ältere Autos deutlich früher als nötig. Laut der IEA (International Energy Agency) machten 2023 in Europa SUVs über 70 % der neuen Elektroautos aus, und das liegt definitiv nicht daran, dass die Autobahnen durch Forstwege ersetzt wurden.
Um dennoch dem Druck der Öffentlichkeit – aber auch den eigenen Werten – gerecht zu werden, zeigt sich ein spannender Trend: Wir behalten das „Business-as-usual“-Szenario bei, indem wir Wachstum in grünes Wachstum übersetzen. Psychologisch ist es vollkommen verständlich, an einem System festzuhalten, das uns über Jahrhunderte Wohlstand und Gesundheit brachte. Solche tiefgreifenden Veränderungen erzeugen existentielle Unsicherheiten und Verlustängste.
Allerdings zeigt der Weltklimarat (IPCC) sehr deutlich, dass dieser Weg nicht genügt und es Systemtransformationen braucht – also grundlegende Veränderungen darin, wie wir zusammenarbeiten, gemeinsam leben und Politik machen, damit Klimaschutz nicht Ausnahme, sondern zur Normalität wird – genauso wie Urlaubstage heute.
Organisationen neu denken
Eine Organisation wird dann zum echten Klimapionier, wenn sie Klimaschutz konsequent in ihre Strukturen integriert und zugleich über ihre eigenen Grenzen hinaus wirkt...
Wie Maja Göpel mit ihrem Buchtitel treffend formuliert, müssen wir „unsere Welt neu denken“. Das bedeutet auch, neben individuellem Verhalten und staatlichen Regeln, Organisationen neu zu denken. Dazu zählen nicht nur Unternehmen, sondern auch Krankenhäuser, Schulen, Verwaltungen oder Universitäten.
Viele Organisationen bemühen sich um Nachhaltigkeit, doch oft bleiben die Maßnahmen auf das eigene Haus beschränkt: bessere Dämmung, klimaneutrale Produkte, CO₂-Einsparung. Das Sieben-Generationen-Prinzip erinnert uns daran, weiter zu denken:
Wie kann unsere Organisation so handeln, dass sie das langfristige Wohl der Menschen und der Natur als ihre eigentliche Aufgabe versteht – und wirtschaftlichen Gewinn nur als ein notwendiges Werkzeug, nicht als Ziel?
Im Moment ist das noch visionäre Zukunftsmusik – doch wenn wir die ersten Schritte gehen, können wir dieser Vision eine reale Chance geben. Im Folgenden werde ich drei wiederkehrende Phasen erläutern, die dabei helfen, die richtige Strategie zu entfalten:
Das Umfeld – Orientierung im System
Zunächst muss sich eine Organisation bewusst machen, wo sie steht und wie das Thema Systemtransformation für Klimaschutz im Umfeld wahrgenommen wird. Das kann die lokale Kommune, das Land, aber auch die Branche sein.
Beispiele:
- Andere Organisationen: Besteht Interesse an Kooperationen für nachhaltige Initiativen oder dominiert Konkurrenz und Einzelkämpfertum?
- Politische Regularien: Werden klimaschützende Geschäftsmodelle unterstützt oder durch Überbürokratisierung behindert?
- Lobbyismus und Machtverteilungen: Gibt es Möglichkeiten, mit der Politik in Kontakt zu treten, oder dominieren klimaschädliche Großkonzerne die Lobbylandschaft?
Die Organisation als Klimapionier – Innere Strukturen verstehen
In der zweiten Phase geht es um den Blick nach innen. Dazu gehört die Einstellung der Führungsebene, genauso wie das Mitarbeiterverhalten oder Weiterbildungsangebote.
Beispiele:
- Motivation: Sehr entscheidend ist es, ob es sogenannte Change Agents gibt – also engagierte Mitarbeitende, die das Thema voranbringen und andere mitreißen können?
- Management: Ist Klimaschutz im Management durch klare Regeln, Zielgrößen und Prozesse verankert?
- Geschäftsmodell: Inwiefern ist das Geschäftsmodell mit Klimaschutz vereinbar und wie könnte es sich dahingehend weiterentwickeln?
Die Synthese – Gemeinsam wirken
Bei der Synthese geht es darum, die Erkenntnisse aus der Umfeld- und Organisationsanalyse zu verbinden. Eine Organisation wird dann zum echten Klimapionier, wenn sie Klimaschutz konsequent in ihre Strukturen integriert und zugleich über ihre eigenen Grenzen hinaus wirkt, indem sie Allianzen und Lernnetzwerke mit anderen Akteuren aufbaut.
Beispiele:
- Kulturwandel: Wird Klimaschutz in die Struktur und Identität der Organisation eingebettet – z. B. durch Weiterbildungen, Leitbilder oder transparente Kommunikation – erweitert das Gefühl von Sinn, was Motivation und Zusammenhalt stärkt.
- Allianzbildung: Schließen sich Unternehmen mit ähnlichen Werten zusammen, können sie Wissen, Ressourcen und Sichtbarkeit bündeln – etwa durch gemeinsame Nachhaltigkeitsinitiativen, Beschaffungsrichtlinien oder Branchenbündnisse.
- Wissenstransfer: Strukturierter Austausch mit Forschung, Verwaltung und Zivilgesellschaft verbessert den positiven Beitrag und senkt Kosten, weil erfolgreiche Lösungen geteilt statt neu erfunden werden.
Kontinuierliches Klimaengagement als Selbstverständlichkeit
Das Modell fordert uns auf, einen Schritt zurückzutreten und [...] die Arbeitswelt grundlegend neu zu denken und Wachstum als universelles Paradigma zu hinterfragen.
So entsteht ein kontinuierlicher Kreislauf: Durch Zusammenarbeit wächst Einfluss und Sichtbarkeit – und mit ihr die Fähigkeit, politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen mitzugestalten. Diese Veränderungen wirken auf die Organisation zurück, stärken ihre Position und eröffnen neue Formen der Kooperation. So kann Klimaschutz Schritt für Schritt Teil der Identität einer Organisation werden – verankert in Strukturen, Routinen und Kultur.
Das Modell fordert uns auf, einen Schritt zurückzutreten und – trotz oder gerade wegen der vielen Herausforderungen – die Arbeitswelt grundlegend neu zu denken und Wachstum als universelles Paradigma zu hinterfragen.
Wie einst Menschen dafür kämpften, dass Kinderarbeit abgeschafft wurde, können wir heute dafür sorgen, dass Organisationen das Wohl der nächsten sieben Generationen zu ihrer Aufgabe machen.
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