Verbrennerausstieg 2035: Warum eine Lockerung die falschen Unternehmen trifft

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Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
06. August 2026
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Eine neue EMPOCI-Unternehmensbefragung zeigt: Die deutsche Automobilindustrie ist tief gespalten und eine Aufweichung des EU-weiten Verbrennerausstiegs würde ausgerechnet jene Unternehmen bestrafen, die bereits am stärksten in die Elektromobilität investiert haben.

Verbrennerausstieg 2035: Die Debatte und was auf dem Spiel steht

Die EU hat 2023 beschlossen, den Verkauf neuer Benzin- und Dieselfahrzeuge bis 2035 schrittweise einzustellen. Seitdem ist diese Entscheidung politisch unter Druck geraten. Im Mai 2025 wurden die europäischen CO₂-Flottengrenzwerte bereits flexibilisiert, im Dezember 2025 legte die EU-Kommission ein umfassendes „Autopaket“ vor, das den Grenzwert für 2035 von 100 auf 90 Prozent senken soll.

Die öffentliche Debatte erweckt dabei oft den Eindruck, die gesamte Automobilindustrie stehe hinter einer Lockerung. Eine neue EMPOCI-Befragung, durchgeführt von der Universität Sussex gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, zeigt: Das Gegenteil ist der Fall. Die Branche ist tief gespalten. Und wer die Schwächsten schützen will, sollte nicht die Stärksten ausbremsen.

Was die Befragung von 74 Automobilunternehmen wirklich zeigt

Zwischen August und November 2025 wurden 74 Führungskräfte der deutschen Automobilindustrie befragt – überwiegend kleine und mittlere Unternehmen (89,7 % KMU), mehrheitlich Zulieferer aus Baden-Württemberg. Der Transformationsfortschritt wurde auf einer Skala von 1 (noch nicht begonnen) bis 6 (vollständig auf E-Mobilität ausgerichtet) erfasst.

Das Ergebnis: Der Mittelwert liegt bei 3,9 – die Transformation ist in der Breite bereits weit vorangeschritten. Rund 61 Prozent der befragten Unternehmen zählen zu den sogenannten Vorreitern (Skalenwerte 4–6), knapp 39 Prozent zu den Nachzüglern (Werte 1–3). Diese Unterscheidung ist politisch entscheidend, denn Vorreiter und Nachzügler haben entgegengesetzte Präferenzen für die Klimapolitik.

Elektromobilität und Verbrennerausstieg: Warum verlässliche EU-Politik den Wandel treibt

Die quantitative Analyse der Befragungsdaten identifiziert vier Wirkmechanismen, über die das Verbrenner-Aus die Transformation antreibt:

  • Aufmerksamkeit: Es zwingt Führungskräfte, die eigene Transformation als strategische Priorität zu behandeln und Ressourcen neu zu verteilen.
  • Ausschluss: Es reduziert alternative Technologiepfade und konzentriert Investitionen auf die aussichtsreichsten Zukunftstechnologien.
  • Prognose: Ein klares Datum – 2035 – begrenzt die Unsicherheit über den technologischen Wandel auf einen überschaubaren Zeithorizont.
  • Koordination: Es hilft dem gesamten automobilen Ökosystem, auf einen gemeinsamen Zeitplan zu arbeiten, und verhindert Engpässe beim Hochlauf der Elektromobilität.

Diese Wirkmechanismen greifen jedoch nur dann vollständig, wenn die Politik als glaubwürdig wahrgenommen wird. Genau hier liegt das Problem.

Glaubwürdigkeitskrise: Wie politische Kursänderungen die Transformation bremsen

Die Glaubwürdigkeit des deutschen Politik-Mixes hat sich als einer der stärksten Einflussfaktoren auf die unternehmerischen Transformationsaktivitäten erwiesen. Und sie hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert.

Ihren Höhepunkt erreichte die wahrgenommene politische Verlässlichkeit im März 2022, als Tesla seine Gigafactory in Berlin-Brandenburg eröffnete. Seitdem geht es bergab: Die unerwarteten Kürzungen bei der Elektromobilitätsförderung durch die Bundesregierung im November 2023 markierten den Tiefpunkt. Die Reform des Klimaschutzgesetzes im April 2024, die verbindliche Sektorziele abschaffte, verstärkte den Vertrauensverlust weiter. Die neue Bundesregierung hat bislang kaum Boden gutgemacht – der aktuelle Mittelwert für die wahrgenommene politische Stärke liegt bei nur 3,5 auf einer Skala von 1 bis 6.

Die Botschaft der Forschenden ist eindeutig: Glaubwürdigkeit geht schnell verloren und ist schwer zurückzugewinnen. Jede weitere Aufweichung des Verbrennerausstiegs signalisiert Unternehmen, dass politische Ziele nicht verlässlich sind, und schwächt damit genau jenen Transformationsmotor, der bislang am wirksamsten war.

Vorreiter contra Nachzügler: Wer will was?

Der politisch brisanteste Befund der Studie liegt im Vergleich der politischen Präferenzen zwischen den beiden Unternehmensgruppen. Es gibt durchaus einen gemeinsamen Nenner: Alle Unternehmen – Vorreiter wie Nachzügler – sprechen sich nachdrücklich für niedrigere Strompreise und die Förderung von Bildung und Forschung aus.

Bei den zentralen Transformationsfragen aber klaffen die Präferenzen weit auseinander:

Vorreiter – ob groß oder klein – lehnen eine Lockerung der CO₂-Flottengrenzwerte mit Nachdruck ab (Mittelwert 2,1 bis 2,6 auf einer 6er-Skala) und befürworten die Beibehaltung des Verbrenner-Aus (3,9) sowie Maßnahmen zur Stärkung der Elektrofahrzeugnachfrage. Große Vorreiter investieren bereits zu 93 Prozent ihrer Innovationsaktivitäten im Automobilbereich in die E-Mobilität und fahren gleichzeitig Verbrenner-Kapazitäten deutlich zurück.

Nachzügler hingegen präferieren eine Lockerung der CO₂-Grenzwerte (3,7) und stufen die Beibehaltung des Verbrenner-Aus als die unerwünschteste politische Maßnahme ein (2,6). Ihre Innovationsaktivitäten liegen noch mehrheitlich im Verbrennerbereich, Produktionskapazitäten werden ausgebaut statt abgebaut.

Das Dilemma für die Politik: Eine Verlangsamung der Transformation mag den Nachzüglern Zeit verschaffen – doch sie bestraft genau jene Unternehmen, die im globalen Innovationswettlauf um die Elektromobilität bereits führend positioniert sind.

Elektromobilität und Industriepolitik: Was die Politik jetzt tun muss

Aus den Befragungsergebnissen leiten die Forscherinnen und Forscher um Prof. Dr. Karoline Rogge drei konkrete Handlungsempfehlungen ab:

1. Den Vorreitern zuhören, nicht nur den lautesten Stimmen. Die Automobilindustrie ist heterogener als die Lobbylandschaft vermuten lässt. Hochinnovative KMU, die bereits tief in der Transformation stecken, haben andere Bedürfnisse als Nachzügler. Die Politik sollte differenzierte Optionen entwickeln, die Vorreiter nicht belasten und Nachzügler zum Aufholen motivieren.

2. Die Glaubwürdigkeit des Politik-Mixes aktiv wiederherstellen. Das erfordert kohärentere politische Entscheidungsprozesse, klare Kommunikation und flankierende Maßnahmen – etwa eine hochrangige Transformations-Taskforce auf Bundesebene. Und es erfordert das Festhalten an den EU-weiten Ausstiegspolitiken statt deren weiterer Aufweichung.

3. Das Ambitionsniveau der CO₂-Flottengrenzwerte beibehalten und Elektromobilitätsnachfrage stärken. Maßnahmen wie die von der EU vorgeschlagene Pflicht zur Elektrifizierung von Unternehmensflotten sind kein Zusatz, sondern Teil des notwendigen Politikpakets, um sowohl die Klimaziele zu erreichen als auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Fazit: Verlässliche Klimapolitik ist Industriepolitik

Die EMPOCI-Studie liefert einen wichtigen Befund für die aktuelle politische Debatte: Wer den Verbrennerausstieg aufweicht, um die Industrie zu entlasten, trifft die Falschen. Die innovationsstärksten Unternehmen, darunter zahlreiche mittelständische Zulieferer, haben bereits erheblich in die Elektromobilität investiert. Sie brauchen keine Kursänderung, sondern Verlässlichkeit.

Die Studie finden Sie hier zum Durchlesen.

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