Unkraut im Garten – was wirklich weg muss und warum heimische Pflanzen so wichtig sind

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Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
27. März 2026

Was haben wilde Gewächse im Gemüsebeet verloren? Naturgarten-Experte Reinhard Witt gibt eine klare Antwort darauf. Ein Gespräch zum Tag des Unkrauts am 28. März.

Alle Pflanzen erfüllen einen Zweck. Sollte man das Wort „Unkraut“ überhaupt verwenden?

Man darf den Begriff durchaus benutzen. Unkraut heißt: die richtige Pflanze am falschen Ort. Im Gemüsegarten gibt es einige davon. Die Vogelmiere zum Beispiel oder das einjährige Rispengras. Auch der Giersch ist nicht sehr beliebt, ganz zu schweigen vom Ackerschachtelhalm. Dessen Ausläufer kommen von unten, besetzen das Beet und verdrängen die Pflanzen, die wir eigentlich anbauen wollen. Als Unkraut darf man auch die Zaunwinde bezeichnen. Sie rankt sich spiralförmig um Stauden, Gemüse oder junge Pflanzen und erstickt sie. Die Wurzeln gehen bis zu zwei Meter tief und die Samen bleiben jahrelang keimfähig. Aus dem Gemüsebeet sollten wir sie entfernen.

Es heißt, dass Pflanzen ein ökologisches Gleichgewicht bilden, wenn man sie einfach wachsen lässt. Würde das nicht auch im Gemüsebeet funktionieren?

Unkraut heißt: die richtige Pflanze am falschen Ort.

Reinhard Witt

Nein. Ein natürliches Ökosystem mit Pflanzen, die sich gegenseitig in Schach halten, entsteht nur über sehr lange Zeit. Im Gemüsebeet schaffen wir hingegen Flächen für wenige ausgewählte Arten wie Salat, Möhren oder Tomaten. Für Unkraut ist das wie ein gedeckter Tisch, denn es ist darauf spezialisiert, Lücken sofort zu besetzen. Wenn meine Radieschen unter der Vogelmiere verschwinden, kann das nicht die Lösung sein.

Was können wir tun, um Unkraut auf natürliche Weise loszuwerden?

Eine Methode besteht darin, Unkraut immer wieder zu zupfen. Das macht aber keinen Spaß und ist frustrierend, auch, weil man es meist nicht schafft, Beete völlig unkrautfrei zu bekommen. Viel besser ist es, von vornherein mit unkrautfreien Böden zu arbeiten. Dafür wird eine obere Schicht abgetragen und durch saubere Erde ersetzt, zum Beispiel aus unkrautfreiem Unterboden und unkrautfreiem Kompost. Direkt nach dem Anlegen sollte die Fläche dicht bepflanzt werden.

Wächst auf den sauberen Böden kein Unkraut mehr?

Doch, aber viel weniger. Ich kann dieses Unkraut aber mit geringem Aufwand entfernen. Dafür brauche ich nur noch etwa eine halbe Minute pro Quadratmeter und Jahr. Bei einem herkömmlichen unkrauthaltigen Boden muss ich mit etwa 15 Minuten pro Quadratmeter und Jahr rechnen.

Wie wichtig sind wild wachsende Pflanzen für Insekten und andere Tiere?

Für jede heimische Pflanze gibt es Tiere, die sich von ihr ernähren – etwa Blattläuse, Wanzen oder Heuschrecken. Diese Insekten wiederum stehen auf dem Speiseplan vieler Vögel, die zusätzlich Früchte und Samen fressen. So entsteht ein dichtes Geflecht aus Abhängigkeiten. Wie komplex diese Zusammenhänge sein können, zeigt der Zitronenfalter: Während der erwachsene Falter bei der Nahrung flexibel ist, sind seine Raupen auf Kreuzdorn und Faulbaum angewiesen. Fehlen diese Pflanzen, verschwindet auch der Zitronenfalter.

Wie lässt sich in einem Nutzgarten sicherstellen, dass auch Unkräuter ihren Platz haben?

Das ist immer ein Balanceakt. Wenn der Garten groß genug ist, kann es sinnvoll sein, eine Fläche einzurichten, auf der Pflanzen sich frei entwickeln dürfen. Problematisch wird es allerdings, wenn sich dort nicht-heimische Arten ausbreiten, etwa der aus Asien stammende Staudenknöterich. Er wächst mehrere Zentimeter pro Tag, verdrängt einheimische Gewächse und kann sogar Mauern beschädigen. Seine Ausbreitung lässt sich kaum kontrollieren, zudem gibt es hierzulande nur wenige Tierarten, die ihn fressen.

Was raten Sie Menschen, der weder Obst noch Gemüse ziehen will, sondern mit dem Garten einfach ein schönes Stück Natur schaffen möchten?

Heimische Wildpflanzen sind die Basis für alle Lebewesen im Garten.

Reinhard Witt

Das einfachste Rezept besteht darin, Wildpflanzen zu nehmen, die in Mitteleuropa heimisch sind. Es gibt etwa 3000 bis 4000 Arten, die sich eignen. Heimische Wildpflanzen sind die Basis für alle Lebewesen im Garten. Dass wir immer weniger Insekten und Schmetterlinge haben, hat damit zu tun, dass es immer weniger heimische Wildpflanzen gibt. Dafür aber Gewächse wie den asiatischen Kirschlorbeer – eine der häufigsten Heckenpflanzen. Er wird in Deutschland jedes Jahr millionenfach gepflanzt, in so einer Hecke gibt es allerdings kaum Leben.

Welche weiteren beliebten Pflanzenarten sind ökologisch eher wertlos?

Ein Beispiel ist die gelb blühende Forsythie, die bei uns weit verbreitet ist. Durch ihre Farben lockt sie Insekten an, erzeugt aber keinen Nektar und oft kaum Pollen. Dabei gibt es eine heimische Alternative: die Kornelkirsche. Sie bietet Nektar und Pollen, zahlreiche Tierarten fressen ihre Früchte, aus denen man auch Likör und Marmelade machen kann. Auch Weigelie, Thuja, Blumen-Hartriegel oder Rhododendren bieten kaum Lebensraum für Insekten. Ganz anders als heimische Weiden – auf sie sind mehr als 900 Pflanzenfresser angewiesen.

Sie engagieren sich für den „Naturgarten“. Was ist das für eine Organisation?

Wir sind ein Verein und bieten eine Wissensplattform für ökologische Gärten. Wir bringen eine eigene Zeitschrift heraus und auf unserer Website findet man eine Vielzahl von Ratschlägen zum Thema Naturgarten. Unter unseren etwa 15.000 Mitgliedern gibt es Fachleute, die Gärten planen, aber auch bei der Umsetzung helfen. Darunter sind auch Betriebe, die Pflanzen züchten und verkaufen.

Was genau verstehen Sie unter einem Naturgarten?

Unter einem Naturgarten verstehen wir einen Garten mit überwiegend heimischen Pflanzen. Allerdings sind wir nicht dogmatisch. Wir sagen: Zweidrittel der Pflanzen sollten heimischen Ursprungs sein. Wir finden, das eingewanderte Arten nicht zwangsläufig verschwinden müssen, aber der Schwerpunkt soll klar auf Arten liegen, die Insekten, Vögeln und anderen Tieren echten Nutzen bringen. In dem Buch „Wildgehölze“, das ich mit Katrin Kaltofen geschrieben habe, gibt es viele Tipps zu dem Thema.

Auch ein Naturgarten muss geplant werden. Wie sollte er aussehen?

Entscheidend sind die Vielfalt der Strukturen und Standorte: also etwa wenig Versiegelung, heimische Hecken, Teiche oder Regenmulden, trockene Kies- und Sandbereiche, Mauern, Höhenunterschiede oder Totholz. So entstehen unterschiedliche Lebensräume, die zusammen den Naturgarten ausmachen. Das Konzept ist nicht nur für große Grundstücke geeignet, sondern auch für kleine Flächen und sogar für Töpfe. Auch darin können Wildpflanzen wachsen, die sich selbst aussähen und erhalten.

Buchtipps zum Weiterlesen:

Reinhard Witt / Katrin KaltofenUnkrautEX 

Reinhard Witt: Natur für jeden Garten 

Reinhard Witt / Katrin Kaltofen: Wildgehölze

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