Wir wissen alle viel zu wenig über CO2-Emissionen – und ein Spiel macht dies sichtbar
Als der Anruf der Spedition im Jahr 2024 kam, wurde eine langjährige Vision Wirklichkeit:
Die gelieferten 500 kg Kartenspiele vor dem Haus waren mehr als bedruckter Karton. Sie waren die Materialisierung einer Idee, die fünf Jahre zuvor in meinen Klassenräumen geboren wurde. Sie waren eng verbunden mit der Frage, ob eine spielerische Annäherung an das Thema einen positiven Effekt für den Klimaschutz haben könnte.
Doch warum überhaupt ein Klimaspiel?
Wir leben in einer Zeit, in der wir unsere gewohnte Normalität ändern müssen, um unsere Lebensgrundlagen und was wir lieben, zu bewahren. Doch je länger wir eine Gewohnheit haben, desto schwieriger ist es auch, sie zu ändern. Diese Änderungen stören unseren Wunsch nach Sicherheit. Wir brauchen Offenheit, den Austausch vieler Personen und verlässliches Wissen – und das fehlt im Klimabereich häufig. Kann spielerisches Experimentieren uns wirklich helfen, diesen Weg zu meistern?
Hoffnungslosigkeit weicht spielerisch einem Gefühl der Selbstwirksamkeit
In meiner Klima-AG an der Schule erfahre ich immer wieder: Viele Kinder empfinden „Klima-Angst”, können diese Emotion aber selten benennen. Manchmal endet das in Hoffnungslosigkeit. Sobald die Kinder aber spüren, dass sie etwas bewirken können, fühlen sie sich besser und handlungsfähiger und packen am liebsten gleich an. Bei den Erwachsenen scheint das nicht anders zu sein, das zeigt sich bei unseren Workshops in Unternehmen und den Events bei Kommunen.
Und gleichzeitig sehen wir häufig eine riesige Wissenslücke, was Handlungsmöglichkeiten zum Klimaschutz angeht.
Beim Klimaspiel Klimaxo wird vorausgesetzt, dass man akzeptiert, dass CO2-Emissionen verantwortlich für die Klimakrise sind. Kern des Spiels ist, ein fundiertes Gefühl für die Größenordnungen der CO2-Emissionen der gesellschaftlichen und individuellen Handlungen zu bekommen. Während der ersten Runden kann man diese typischerweise nicht gut einschätzen. Nach und nach entsteht beim Spielen ein Gefühl hierfür. Die Überraschung ist selbst bei Expert*innen oft groß und führt nicht selten zu heiterem Gelächter. „Wir wissen alle viel zu wenig von diesem Thema.” ist ein häufiger Kommentar und zeigt: Hier bewegt sich etwas.
Umweltpsychologie: Wir schätzen Auswirkungen auf das Klima systematisch falsch ein
Die Reaktionen sind nicht überraschend. Das Spiel wurde mit Hilfe der Umweltpsychologie der Uni Magdeburg (insbesondere Martin Merten) entwickelt. Ein Wissenschaftszweig, der den meisten Menschen unbekannt sein dürfte. Dort wirdunter Anderem erforscht, welche Auswirkungen auf das Klima wir systematisch falsch einschätzen.
Einige typische Fehlannahmen: ÜBERschätzung des negativen Effekts von Transport auf das Klima (Ausnahme: Flugware). UNTERschätzung des negativen Effektes jeglicher Produkte vom Rind auf das Klima. Hieraus folgt ja: Schon etwas weniger (vor allem Rind-)fleisch und Milchprodukte sind privat ein riesiger Klimaschutz-Hebel.
Es gibt viele weitere Beispiele, bei deren Einschätzung wir intuitiv oft falsch liegen. Die Entdeckungsreise macht Spaß und kann Hoffnung machen. Allerdings kann die Komplexität der Zusammenhänge uns im Alltag auch schnell überfordern. Daher wurden von den Umweltpsycholog*innen einfache Faustformeln entwickelt.
Einfache Faustformeln erleichtern die alltäglichen Entscheidungen
Eine meiner Lieblings-Faustformeln betrifft z.B. den Verkehr: „Möglichst wenig Masse mit sich selbst mitbewegen.“ Plötzlich wird nicht nur deutlich, wie sehr Fahrgemeinschaften dem Klimaschutz helfen. Man fragt sich auch: Warum immer größere Autos? Wie viel zusätzliche Masse wird bei Privatjets und Yachten mit einer Person mitbewegt?
Es wird klar: Zwar können wir alle selbst viel bewirken, aber ohne massive Veränderungen beim Verhalten der Überreichen können wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen.
Hier wird es schnell politisch. Man erkennt: Das Engagement der Mehrheit ist ausschlaggebend dafür, ob wir es „schaffen“. Geben die meisten auf? Oder bleiben wir „dran” und versuchen als Mehrheit, positive Änderungen zu erreichen?
In unseren Rollen beim Job oder mit politischem Engagement können wir alle viel bewirken. Hierfür brauchen wir wissenschaftlich fundiertes Wissen, auf breiter gesellschaftlicher Basis. Dies spielerisch und in konstruktiver Atmosphäre zu verbreiten ist die Idee von Klimaxo.
Nun zurück zur Anfangsfrage: Kann ein Kartenspiel etwas Positives hierzu beitragen?
Gamification und Serious Play werden allgemein immer beliebter. Die Effekte von Gamification auf Transformationsprozesse wurden daher unter Anderem von Ouariachi et al. (2020) untersucht. Es zeigt sich, dass die Effekte von gewissen Voraussetzungen abhängen. Ein Spiel muss als sinnhaft wahrgenommen werden, Herausforderungen bieten, glaubwürdig sein und erreichbare Ziele bieten.
Bei Klimaxo wurden diese Aspekte eingebunden. Die über 10.000 Spielrunden bestätigen bisher die Wirksamkeit. Diskussionen, gemeinsame Erkenntniseffekte, spätere Kommentare wie „Ah, wir haben doch damals zusammen Klimaxo gespielt.“ zeigen Verbindungen und machen Verhaltensänderungen anekdotisch sichtbar. Weitere wissenschaftliche Evaluationen folgen.
Die Grundidee, beim polarisierenden Thema „Klimakrise“ an einem Tisch zu sitzen und auch bei Meinungsverschiedenen im Kontakt zu bleiben statt sich voneinander zu entfernen, kann gesellschaftlich als sehr wertvoll betrachtet werden.
Wohin geht die Reise?
Das Potential der Gamification des Klimathemas hat sich bisher angedeutet. Damit dies noch eine größere Erfolgsgeschichte im Sinne einer gelungenen Transformation wird, befindet sich nun eine zweite, weiterentwickelte Version im Crowdfunding.
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