Solidarität ist nicht nur ein Erfolgsfaktor für eine schnelle Energie- und Klimawende, sie stärkt auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wie eine solidarische Energiewende aussehen kann, wird mit Leitlinien und Beispielen beschrieben.
Was ist Solidarität?
Freiheit, Gleichheit und Solidarität sind seit der französischen Revolution Grundwerte von Demokratien, Grundwerte der europäischen Gemeinschaft und auch der deutschen Gesellschaft. Solidarität ist ein Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens. Sie basiert auf einem Gefühl der Verbundenheit und drückt sich durch gegenseitige Unterstützung aus. Sie kann vom nahen Umfeld bis zur gesamten Menschheit oder allem, was lebt, reichen. Der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas beschrieb Solidarität wie folgt: „Wer sich solidarisch verhält, nimmt im Vertrauen darauf, dass sich der andere in ähnlichen Situationen ebenso verhalten wird, im langfristigen Eigeninteresse Nachteile in Kauf.“ Solidarität ist damit ein Ausdruck des Mitgefühls und der Güte, aber auch eine Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken will, sollte sich für Freiheit, Gleichheit und Solidarität einsetzen.
Was hat Solidarität mit Energiewende zu tun?
Solidarität ist nicht nur ein Wert an sich, der unsere Identität bestimmt, sondern auch ein Erfolgsfaktor für die Energiewende. Aber was ist eigentlich eine solidarische Energiewende? Es geht hierbei darum, Kosten und Nutzen gerecht zu verteilen, z.B. zwischen Menschen mit unterschiedlichen Privilegien wie z.B. Einkommen, Bildung, Geschlecht und sexueller Orientierung, Hautfarbe, Herkunft, gesundheitlichem Zustand und körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung oder aber der Menge an Sorgearbeit, die geleistet wird. Oft sind Menschen mit weniger Privilegien stärker von der Erdüberhitzung betroffen. Eine solidarische Energiewende kann diese Ungerechtigkeit zumindest teilweise ausgleichen. Es geht aber auch um Gerechtigkeit zwischen Regionen und auch zwischen Generationen, also zwischen den jungen und alten Menschen und auch mit denen, die nach uns kommen. Ein wichtiges Element der Solidarität ist außerdem die Verbundenheit. Dies lässt sich in der Energiewende umsetzen durch Dezentralität, also auch kleinteilige, lokale Energiewende, durch Information und Beteiligung, durch die Ermöglichung der Teilhabe vieler Menschen an der Energiewende durch z.B. einkommensorientierte Förderprogramme, aber auch über Bürgerenergiegesellschaften wie z.B. Genossenschaften.
Warum sollte die Energiewende solidarisch sein?
Die Energiewende lässt sich schneller und günstiger umsetzen, wenn die Akzeptanz hoch ist. Eine hohe Akzeptanz lässt sich erreichen über die Nutzung fünf wissenschaftlich fundierter Designprinzipien mit der Abkürzung „WFENG“: Wirksamkeit, Fairness, Einfachheit, individueller Nutzen und Gemeinwohl. Eine faire und gemeinwohlorientierte Energiewende erhält eine höhere Akzeptanz und somit weniger Widerstände. Eine solidarische Energiewende bedeutet auch, dass Haushalte mit geringem Einkommen nicht belastet, sondern besser unterstützt werden. Dies verhindert soziale Spannungen, was letzten Endes auch der Gesellschaft dient. Eine solidarische Energiewende mit Bürgerbeteiligung stärkt ebenso unsere Demokratie und das Vertrauen in diese. Sie stärkt außerdem den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Die fünf Leitlinien einer solidarischen Energiewende
1. Gerechten Kosten- und Nutzenverteilung durch
- soziale Staffelung der Strom- bzw. Energiepreise (Grundbedarf günstiger, Mehrverbrauch teurer)
- ein Klimageld, das Einnahmen aus der CO2-Bepreisung pro Kopf zurück zahlt und somit Haushalte mit geringem Einkommen stärker entlastet als Haushalte mit hohem Einkommen und damit in der Regel höherem Konsumstandard
- gezielte Förderung von Klimaschutz- und Energiewendemaßnahmen wie Sanierung, Heizungstausch, Photovoltaik/Balkonkraftwerken und Mobilität (z.B. Deutschlandticket) bei Haushalten mit geringem Einkommen
- Beteiligung von Kommunen und Bürger*innen (durch Energiegenossenschaften) an Solar- und Windparks und optimalerweise auch an günstigem, regionalem Strom aus diesen Quellen
2. Unterstützung der Teilnahme an der Energiewende durch
- Förderung von Energiegenossenschaften
- Unterstützung von Vereinen u.ä. bei Klimaschutzmaßnahmen
- Unterstützung und Beratung von Mieter*innen und Menschen mit geringem Einkommen (z.B. Stromsparcheck, geschenkte Balkonkraftwerke)
3. Regionale Gerechtigkeit durch Unterstützung des Strukturwandels z.B. in ehemaligen Kohleregionen
4. Demokratische Beteiligung durch Bürgerenergiegenossenschaften und Beteiligungsprozesse
5. Regionale Wertschöpfung und gut bezahlte Arbeitsplätze durch die Energiewende durch die Unterstützung von Umschulung bzw. Ausbildung in den Erneuerbaren Energien und die Unterstützung regionaler Energiewende-Betriebe
Solidarische Energiewende konkret: Der Bremer SolidarStrom und co.
Der Bremer SolidarStrom bringt als solidarische Solarfirma eine solidarische Energiewende voran. Statt chinesischer Solarmodule mit uigurischer Zwangsarbeit in der Lieferkette gibt es hier Solarmodule aus euröpäischer Produktion. Aufgrund hoher sozialer Standards, kürzerer Transportwege und zur Stärkung von Demokratien kommt die Unterkonstruktion auch aus europäischer Fertigung. Wechselrichter und Batterien für Solaranlagen kommen ebenso von europäischen Firmen. Es gibt sowohl bei Solaranlagen als auch bei Balkonkraftwerken ein solidarisches Preissystem, in dessen Rahmen die Kundschaft frei entscheiden kann, was gezahlt wird. Dies ermöglicht einen finanziellen Ausgleich zwischen Haushalten mit hohem und geringerem Einkommen. Menschen mit geringem Einkommen erhalten Balkonkraftwerke geschenkt. Ähnliche Ansätze gibt es bei SoliSolar Hamburg und SoLocal Energy in Kassel. Darüber hinaus werden Solaranlagen im Gemeinschaftsbau installiert. Das heißt, dass Laien freiwillig und unentgeltlich mithelfen – ein Akt praktischer Solidarität, der auch von SoliSolar, SoLocal Energy und anderen Gruppen praktiziert wird. Der Bremer SolidarStrom und SoLocal Energy unterstützen auch SolarCamps, in denen Menschen zu Solarhilfskräften ausgebildet werden. Auch die erleichterte Teilnahme an der Energiewende von Menschen mit weniger Privilegien ist erklärtes Ziel etlicher Akteure. Beispiele dafür sind SolarCamps für FLINTA*-Personen (FLINTA*: Frauen, Lesben, inter*, nicht-binäre, trans* & agender) und allgemein mit einem hohen inklusiven Anspruch, aber auch z.B. die Aktivitäten des Projektes Frauen* für die Energiewende.
Was es jetzt dringend braucht: Klima-Engagement von allen Seiten
Eine solidarische Energiewende braucht vor allem Aktivitäten, die auf strukturelle, z.B. politische Änderungen vor Ort und bundesweit abzielen u.A. durch politische Arbeit, Vernetzung, das freie Teilen von Wissen, Unterstützung anderer Initiativen und durch Klimaklagen. Das Schöne ist: vieles von dem oben Genannten trägt dazu bei. Und auch darüber hinaus gibt es an vielen Orten durch viele sozial-ökologisch engagierte Menschen in Klima-Organisationen oder in Klima-Jobs getragene Aktivitäten in eine solche Richtung. Und die überwiegende Mehrheit der Menschen wünscht sich eine sozial gerechte Klimawende. Möge dieser Artikel weitere Aktivitäten inspirieren.
Quellen:
https://www.blaetter.de/ausgabe/2017/april/europa-neu-denken
Günther Altmann
vor 1 MonatHallo,
sollte eine solidarische Energiewende nicht aus adressieren, dass sich "privilegierte Eigentümer" mit Dach PV Anlage der "solidarischen Finanzierung" der Netze entziehen?
Wie sehen Sie das? Hierzu gibt es ja bereits Vorschläge der BNetzA...