Schwankende Flusspegel – was heißt das für die Wasserkraft?

Jochen Urlich

Leiter Asset Management Produktion Hochrhein naturenergie holding AG

Jochen Ulrich ist Experte im Bereich erneuerbare Energieversorgung und leitet seit 2016 das Asset Management der Naturenergie Holding AG in der Region Hochrhein.

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02. April 2026
Wasserkraftwerk Hochrhein

Der Klimawandel stellt auch die Wasserkraft vor neue Herausforderungen

Weniger Wasser, mehr Extreme: Die EnBW-Tochter Naturenergie betreibt Anlagen am Hochrhein und im Südschwarzwald – und beobachtet die Entwicklung durch den Klimawandel genau. Ein Gespräch mit Asset-Manager Jochen Ulrich. 

Wie stark beeinflusst der Klimawandel heute schon die Wasserkraft?

Am Rhein beobachten wir einen leichten, aber kontinuierlichen Rückgang der Wasserführung – etwa ein bis zwei Prozent innerhalb von zehn Jahren. Das ist ein klarer, wenn auch moderater Trend. Auch beim Jahresgang geben sich Veränderungen. Früher waren statistisch gesehen die niedrigsten Wasserstände im Januar und Februar zu erwarten, heute eher im Oktober und November.  

Auch bei unseren kleineren Anlagen im Südschwarzwald zeigen sich Veränderungen: Die sommerlichen Trockenphasen dauern länger, während im Winter ein gleichmäßigerer Abfluss zu verzeichnen ist.  

Der Klimawandel führt auch häufiger zu Hochwasser. Wie wirkt sich das aus? Laufen Ihre Turbinen dann auf Hochtouren?

Hochwasser bringt zwei Effekte mit sich. Zunächst steigt die Stromproduktion. Das funktioniert aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn bei einem sehr hohen Wasserspiegel verringert sich die Fallhöhe des Kraftwerks. Das drückt die Leistung. Zusätzlich haben wir es mit Holzstämmen und anderem Treibgut zu tun, das wir aus unseren Kraftwerksrechen entfernen müssen.  

Was ist schlimmer für Wasserkraftbetreiber – Trockenheit oder Hochwasser?

Beides lässt sich gut bewältigen. Niedrigwasser nutzen wir gezielt für Wartungsarbeiten an den Turbinen, damit die Stromproduktion nicht oder nur geringfügig beeinträchtigt wird. Auch auf Hochwasser sind wir vorbereitet – Schäden an den Anlagen treten selten auf. 

Arbeiten Sie mit Klimaszenarien oder hydrologischen Prognosen für den Betrieb Ihrer Anlagen?

Ja, wir analysieren relevante Studien zu Klimawandel und Wetterentwicklungen und ergänzen diese durch eigene Auswertungen. Besonders genau betrachten wir Verschiebungen im Jahresverlauf der Wasserstände, um Wartungen optimal zu planen. Bei drohendem Hochwasser treffen wir entsprechende Vorkehrungen. Kleinere Pegelschwankungen gleichen unsere Anlagen automatisch aus. 

Können Sie durch Ihre Anlagen die Folgen von Hochwasser für Anliegergemeinden lindern?

Laufwasserkraftwerke tragen zur Stabilisierung des Wasserspiegels bei. Historisch betrachtet schwankten Flüsse wie der Rhein deutlich stärker. Heute sind diese Ausschläge wesentlich geringer. 

Wie könnte man Ihre Anlagen so umbauen, dass sie mit in Zukunft größeren Schwankungen noch besser umgehen können?

Das ist nicht erforderlich. Unsere Anlagen sind bereits heute so ausgelegt, dass sie auch Jahrhunderthochwasser und extreme Ereignisse sicher bewältigen können. 

Wie fließen Klimarisiken konkret in Ihre Investitionsentscheidungen ein?

Wenn wir davon ausgehen müssen, künftig etwa zwei Prozent weniger Strom zu erzeugen, berücksichtigen wir das selbstverständlich in unseren Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Denkbar ist zudem, Anlagen flexibler zu gestalten, um besser auf die Anforderungen eines dynamischeren Strommarkts reagieren zu können. 

Welche Bedeutung wird Wasserkraft in einem Energiesystem mit sehr hohen Anteilen von Wind und Solar haben?

Wasserkraft nimmt eine besondere Stellung ein: Sie liefert kontinuierlich Strom – unabhängig von Tageszeit und Wetter. Zudem können unsere Anlagen Blindleistung und Regelenergie bereitstellen, was für stabile Stromnetze essenziell ist. Pumpspeicherkraftwerke ermöglichen darüber hinaus, bei Bedarf kurzfristig große Energiemengen zu speichern oder bereitzustellen. 

Spielt die stabilisierende Wirkung der Wasserkraft in Deutschland eine große Rolle?

In Deutschland ist der Anteil an Wasserkraft vergleichsweise gering – anders als in der Schweiz und in Österreich. Dort hat die Wasserkraft eine viel größere Bedeutung. Da wir aber in Europa ein grenzüberschreitendes Leitungsnetz haben, profitieren auch wir in Deutschland von der Wasserkraft unserer Nachbarn.  

In Deutschland sollen neue Erdgaskraftwerke gebaut werden, um den Strombedarf dann zu decken, wenn Wind und Sonne nicht zuverlässig liefern. Könnte man nicht einfach mehr Wasserkraftwerke bauen?

Die Wasserkraft ist in Deutschland bereits weitgehend erschlossen. Zusätzliche Potenziale sind vorhanden, aber begrenzt – der Zuwachs läge nur im niedrigen Prozentbereich.  

Könnten Pumpspeicherkraftwerke eine neue Schlüsseltechnologie des Energiesystems werden?

Pumpspeicherkraftwerke sind äußerst flexibel und bleiben ein wichtiger Baustein der Energiewende.  

Was ist für Sie die wichtigste strategische Herausforderung für die Stromerzeugung aus Wasserkraft?

Wir müssen mit unserer Wasserkraft eine zuverlässige, bezahlbare und stabile Stromproduktion sicherstellen und das Stromnetz durch flexible Einsätze stützen. Wo es möglich ist, müssen wir die Produktion noch weiter steigern. Denn Wasserkraft leistet einen wichtigen Beitrag zu einem nachhaltigen Stromsystem: Sie ist dezentral, klimaneutral und verlässlich.   

 

Das Interview wurde von unserem Redakteur Heimo Fischer geführt.

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