Pro & Contra: Brauchen wir neue Gaskraftwerke in Deutschland?

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Wie soll die Energieversorgung künftig gesichert werden, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht? Eine Antwort lautet: mit neuen Erdgaskraftwerken, die kurzfristig einspringen können und sich später auf grünen Wasserstoff umstellen lassen.

Wie sinnvoll das ist, darüber sind die Ansichten geteilt. In unserem neuen Format „Pro & Contra“ befragen wir zwei Expert*innen.

Kerstin Andreae

Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung und Mitglied des Präsidiums des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Sie hält den Bau neuer Gaskraftwerke für den richtigen Weg. Als Investitionsanreiz schlägt sie einen technologieoffenen Kapazitätsmarkt vor. Zugleich setzt sie sich für den Abbau bürokratischer Hürden ein, um den Umstieg von Erdgas auf grünen Wasserstoff zu erleichtern. Sie ruft zu einer engeren europäischen Zusammenarbeit auf, um Abhängigkeiten in der Gasversorgung zu vermeiden und die Wasserstoffwirtschaft voranzubringen.

Volker Quaschning

Der Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin bezweifelt, dass neue Erdgaskraftwerke eine gute Idee sind. Er hält zwar Back-up-Kraftwerke für nötig, um Schwankungen auszugleichen. Dafür sollten aber lieber die vorhandenen Kohlekraftwerke länger laufen und zugleich der Ausbau von erneuerbaren Energien, Netzen und moderner Speichern vorangetrieben werden. Quaschning weist daraufhin, dass Erdgas klimaschädlicher ist als gedacht und der Umstieg auf Wasserstoff sehr fraglich. Durch den Bau neuer Erdgaskraftwerke würde die Energiewende verzögert,

Hier die ausführlichen Antworten:

Wie dringend ist der Bau von neuen Gaskraftwerken in Deutschland?

Andreae:

Klimaschutz ist unabdingbar für uns und die nachfolgenden Generationen. Erneuerbare Energien bilden deshalb das Zentrum unserer Energieversorgung, erneuerbare und dekarbonisierte Gase sind der Partner. Netze und Infrastruktur sind zwingende Grundlage unseres Energiesystems, Speicher und Flexibilitäten sind wichtig, um Erneuerbare effizient und klug ins System integrieren zu können.

Für ein sicheres Energiesystem brauchen wir neben dem beschleunigten Ausbau Erneuerbarer Energien flexibel steuerbare Stromerzeugungskapazitäten. Dazu gehören Gaskraftwerke, die auf Wasserstoff umrüstbar sind, sowie Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Wichtig ist, dass diese steuerbare Leistung zeitnah zugebaut wird. Da die Ausgestaltung technologieoffener Ausschreibung durch einen Kapazitätsmarktes zu viel Zeit in Anspruch nimmt, sollte ein Kraftwerkssicherheitsgesetz (KWSG) sehr zeitnah eingeführt und die entsprechende erste Ausschreibung für Gaskraftwerke und solche, die auf Wasserstoff umrüstbar sind, durch die Bundesnetzagentur noch in diesem Jahr umgesetzt werden. Es bedarf nur weniger, aber wichtiger Anpassungen am vorliegenden Gesetzentwurf vom Dezember 2024, um ein tragfähiges Investitionsinstrument zu schaffen. Gleichzeitig werden aber auch Speicherlösungen und flexible Verbrauchsoptionen – generell effiziente Flexibilitäten – im Stromsystem immer wichtiger.

Grundsätzlich brauchen wir einen Kapazitätsmarkt, der steuerbare Leistung technologieoffen ausschreibt. Der BDEW hat mit dem Integrierten Kapazitätsmarkt (IKM) einen entsprechenden Vorschlag erarbeitet. Das KWSG nach bisherigem Entwurf und der IKM greifen sehr gut ineinander. Ersteres würde rund 12,5 Gigawatt an Kraftwerksneubauten anreizen, der notwendige Zubau von mindestens weiteren acht Gigawatt könnte über den Kapazitätsmarkt realisiert werden. Ebenso müssen durch die Vorgaben des EU-Emissionshandels alle steuerbaren Kapazitäten bis Ende der 2030er Jahre vollständig dekarbonisiert sein. Hierbei scheint Stand heute für Kraftwerke der Umstieg auf Wasserstoff der sinnvollste Pfad, auch ohne weitere regulatorische Vorgaben. Klar ist: Der Umstieg auf klimaneutrale Brennstoffe sollte immer mitgeplant werden. In Bezug auf Wasserstoff ist zudem wichtig, dass dieser auch verfügbar sein muss – wir brauchen auch hier entsprechende politische Weichenstellungen.

Quaschning:

Wir brauchen zwar weiterhin Kraftwerke, aber keine neuen Erdgaskraftwerke. Um das zu erklären, hole ich weiter aus:  Unsere Energieversorgung wird künftig zu rund 80 Prozent auf Wind und Sonne basieren, was zu Fluktuationen führen wird. Um diese Schwankungen auszugleichen, stehen mehrere Optionen zur Verfügung. Das mit Abstand billigste Instrument ist eine Lastverschiebung über variable Tarife. Also Anreize über den Preis, damit Menschen mehr verbrauchen, wenn viel Strom vorhanden ist und sparen, wenn es wenig Strom gibt. Diese Vorgehensweise würde kaum zusätzliche Kosten verursachen. Eine weitere Option sind preiswerte Batteriespeicher für einen kurzfristigen Ausgleich von Mengenschwankungen. Allerdings lassen sich längere Phasen mit wenig Sonne und Wind nicht mit Batteriespeichern überbrücken. Für diese Fälle brauchen wir tatsächlich Back-up-Kraftwerke.

Ich bezweifele aber, dass der Bau neuer Erdgaskraftwerke als Übergangstechnologie der richtige Weg ist, selbst, wenn sie eines Tages rein theoretisch mit grünem Wasserstoff betrieben werden könnten. Schließlich haben wir in Deutschland noch Bestandskraftwerke mit ausreichend Leistung. Die müssen natürlich in absehbarer Zeit stillgelegt werden. Aber was ist erreicht, wenn ich alte Kohlekraftwerke durch neue Erdgaskraftwerke ersetze? Wir wissen mittlerweile, das Erdgas wesentlich klimaschädlicher ist als wir lange Zeit dachten. Neuere Studien belegen, dass durch Leckagen im Gasnetz große Mengen an Methan in die Atmosphäre gelangen, das über 20 Jahre betrachtet 84 Mal so klimawirksam ist wie CO2. Es ist also besser und auch kostengünstiger, alte Kohlekraftwerke etwas länger laufen lassen, um dann endgültig aus den fossilen Energien auszusteigen.


Wie realistisch ist der spätere Umstieg von Erdgas auf grünen Wasserstoff in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht?

Andreae:

Die Lücke zwischen Angebotspreis und Zahlungsbereitschaft der Abnehmer kann politisch verringert werden. Mit klaren, praxistauglichen Regeln könnten die Produktionskosten sinken und der Förderbedarf deutlich reduziert werden. Dadurch ließe sich die Nachfrage schneller aktivieren. Die Infrastruktur für Wasserstoff ist mit dem Wasserstoff-Kernnetz auf Hochdruckebene bereits in der Umsetzung. Im Verteilnetz – und insbesondere im Speicherbereich – fehlen bisher die politischen Rahmenbedingungen.

Die Wasserstoffwirtschaft ist kein Selbstläufer: Damit Wasserstoff zum Erfolgsmodell wird, braucht es einen realistischen Blick, frei von Euphorie, aber getragen von Entschlossenheit. Jetzt ist die Zeit gekommen, um zu handeln. Drei Stellschrauben braucht es, damit Wasserstoff seine Wirkung entfalten kann. Erstens: Schließung der Preislücke mit dem Ziel wettbewerbsfähige Kosten, durch weniger Regulierung und einen realitätsnahen Ordnungsrahmen. Zweitens brauchen wir gezielte Nachfrageanreize und Absicherungen für Unternehmen, die heute in den Aufbau investieren, damit der Markt morgen funktioniert. Und drittens brauchen wir Rechtssicherheit und einen Finanzierungsrahmen für Infrastruktur, auch außerhalb des Wasserstoff-Kernnetzes – etwa für Speicher und Verteilnetze. Alle drei Elemente sind gleich wichtig und wirken nur im Zusammenspiel. Nur dann entsteht ein Markt, der sich langfristig selbst trägt.

Quaschning:

Auf dem Papier liest das sehr überzeugend:  Neu gebaute Erdgaskraftwerke lassen sich theoretisch so vorrüsten, dass sie später auf grünen Wasserstoff umgestellt werden können. Dafür reicht es allerdings nicht, einen Schalter umzulegen – die Veränderung ist mit einem Umbau verbunden, der Aufwand und Kosten verursacht. Außerdem muss das Kraftwerk an eine Wasserstoffleitung angebunden werden. Zwar laufen die Planungen für ein H2-Kernnetz und vorhandene Erdgasleitungen sollen künftig auf Wasserstoff umgestellt werden. In der Praxis ist das aber nicht so einfach. Denn pünktlich zum Zeitpunkt der Umrüstung muss Wasserstoff durch die Leitungen fließen. Ansonsten bräuchten wir für eine Übergangszeit zwei separate Leitungen – was kaum wirtschaftlich wäre.

Die nächste Frage lautet, woher der grüne Wasserstoff kommen soll. Der Ausbau der erneuerbaren Energien geht in Deutschland so langsam, dass es hier in absehbarer Zeit kein großen Überschussmengen geben wird, um Strom per Elektrolyse in Wasserstoff umzuwandeln. Die benötigten riesigen Mengen müssten also importiert werden. Doch dafür gibt es weder Schiffe noch ausreichend Erzeugungskapazitäten. Daran wird sich bis 2030 wohl kaum was ändern und ob sich die Situation bis 2040 entspannt, ist offen. Vieles spricht also dafür, dass grüner Wasserstoff knapp und teuer bleiben wird. Daran wird auch die technische Entwicklung nur wenig ändern. Anders als bei der Solartechnik, wo sich der Wirkungsrad seit den 1950er Jahren verfünffacht hat, haben Gaskraftwerke bereits eine 100 Jahre lange Entwicklungsgeschichte hinter sich. Rein physikalisch lässt sich da nicht mehr viel rausholen. Lediglich bei der Elektrolyse sind noch Technologiesprünge möglich. Einer Studie von Fraunhofer ISE wird sich der Preis für grünen Wasserstoff bis 2050 halbieren. Für ein tragfähiges Geschäftsmodell müsste er aber noch viel billiger sein.


Sehen Sie die Gefahr, dass neue Gaskraftwerke den Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen?

Andreae:

Strom aus erneuerbaren Energien ist die Grundlage unserer Versorgung und hier gehen wir weiter voran. Damit dieser Strom effizient genutzt werden kann, muss er gut in den Markt eingebunden werden. Dafür ist es wichtig, dass Stromerzeugung, Netze und Verbrauch systemisch zusammengedacht und konsequent Flexibilitätsoptionen gehoben werden. Da Erneuerbare wetterbedingten Schwankungen unterliegen und Kohlekraftwerke geplant aus dem Markt gehen, brauchen wir dringend eine Grundlage, auf der die Unternehmen entsprechende Entscheidungen für die erforderlichen Investitionen in Gaskraftwerke und solche, die auf Wasserstoff umrüstbar sind. Mit ihrer gesicherten Leistung sind sie Partner der erneuerbaren Energien. Kommen Speicher und weitere Flexibilitäten hinzu, ist eine stabile und bezahlbare Stromversorgung möglich. Trotz des Umbaus auf ein klimaneutrales Energiesystem möchten wir das hohe Niveau der Versorgungssicherheit halten, das unseren Wirtschaftsstandort immer ausgemacht hat.“

Quaschning:

Sicher haben Erdgasunternehmen, wenn sie hohe Investitionen tätigen, ein Interesse daran, möglichst lange von den Investitionen zu profitieren. Der schnelle Ausbau erneuerbarer Energien mit Batteriespeichern wäre dabei eine unerwünschte Konkurrenz, die man sicher mit Hilfe politischer Einflussnahme ausbremsen würde. Der Bau neuer Erdgaskraftwerke gibt den Gasunternehmen die Möglichkeit, weiter Erdgas zu verbrennen. Sie kündigen zwar an, Erdgas auf lange Sicht durch Wasserstoff zu ersetzen. Doch sollte das nicht gelingen, würden die Kraftwerke einfach so lange es geht mit Erdgas weiterlaufen.

Für die Erdgasunternehmen ist das wichtig, da sie über kurz oder lang den Wärmebereich verlieren werden. Obwohl 2024 noch gut 400.000 neue Gasheizungen verkauft wurden, ist abzusehen, dass Gebäudeheizungen künftig durch Strom betrieben werden, überwiegend mit Wärmepumpen. Zwar gibt es die Möglichkeit, Biomasse zu nutzen. Doch damit lässt sich in Deutschland maximal 20 Prozent des Wärmebedarfs decken. Der Rest muss aus anderen Energiequellen kommen. Natürlich wird es in Zukunft Bereiche geben, die ohne Gas nicht auskommen, zum Beispiel in der Industrie. Aber mit diesem kleinen Stück vom Kuchen allein will sich die Gas-Lobby nicht abspeisen lassen.


Wie hoch ist das Risiko, dass neue Gaskraftwerke in zehn bis 15 Jahren überflüssig sind und zum Milliardengrab werden?

Andreae:

Um den Strombedarf jederzeit decken zu können, brauchen wir neben Speicherlösungen und anderen Flexibilitätsoptionen auch steuerbare Stromerzeugungskapazitäten. Speicher können für kurzfristige Unterdeckungen einspringen. Im Falle einer längerfristigen „Dunkelflaute“ haben diese allerdings einen geringeren Anteil an der Deckung des Bedarfs. Da in diesen Situationen auch der Stromverbrauch nur zu einem gewissen Grad gesenkt werden kann, sind Gaskraftwerke notwendig. Um diese zu refinanzieren, müssen entweder hohe Strompreise hingenommen oder eine zusätzliche Ertragsquelle für steuerbare Erzeugung, wie ein Kapazitätsmarkt, eingeführt werden. Letzterer hat im Stromsystem die Funktion einer Bereitschaftszahlung. Das Risiko ist also gering, sofern politisch nicht in den Markt eingegriffen wird, wenn es während einer Dunkelflaute zu hohen Preisen kommt, und ein Kapazitätsmarkt eingeführt wird, wie im Koalitionsvertrag angekündigt.

Quaschning:

Die Gefahr besteht, wenn mehrere Faktoren zusammen kommen. Gehen wir davon aus, dass es nicht so einfach sein wird, die neuen Erdgaskraftwerke auf Wasserstoff umzustellen. Dann stellt sich die Frage, ob Deutschland seine Klimaziele einhalten kann. In diesem Fall erwarte ich Klagen und entsprechende Gerichtsurteile. Die könnten dazu führen, dass die Kraftwerke stillgelegt werden müssen. Das sind finanzielle Risiken, die nicht zu unterschätzen sind.

Ein weiterer schneller Ausbau der erneuerbaren Energien und der Batteriespeicher würde zudem die Volllaststunden der Erdgaskraftwerke schnell reduzieren. Auch das bedroht die Wirtschaftlichkeit. Sich darauf zu verlassen, dass die Politik dauerhaft die Energiewende bremst, ist sicher höchst riskant.

Zudem wäre der Bau neuer Erdgaskraftwerke nur ein weiterer Zwischenschritt bei der Energiewende. Den können wir uns aber aus Klimaschutzgründen nicht mehr erlauben. Kraftwerke, die wir jetzt bauen, müssen klimaneutral arbeiten und so wie sie sind langfristig in Betrieb bleiben können.


Wäre es sinnvoller, in Spitzenzeiten länger auf die vorhandenen Kohlekraftwerke zu setzen als neue fossile Kraftwerke zu bauen?

Andreae:

Gaskraftwerke haben gegenüber Kohlekraftwerken den Vorteil, dass sie weniger Emissionen verursachen und flexibler einsetzbar sind, da sie in kurzer Zeit anfahren können, während Kohlekraftwerke deutlich länger benötigen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, langfristig auf klimaneutrale Brennstoffe umzusteigen, indem Wasserstoff genutzt wird. Aufgrund des begrenzten Potenzials von Biomasse ist dies aktuell die naheliegende Option, um langfristig auch den Kraftwerkspark in Deutschland zu dekarbonisieren.

Ein Großteil der Kohlebestandsanlagen ist zudem alt, weshalb diese unabhängig vom Kohleverstromungsbeendigungsgesetz (KVBG) mittelfristig ersetzt werden müssten. Die hohen CO₂-Emissionen sorgen zusätzlich dafür, dass Kohlekraftwerke durch den Emissionshandel (ETS) mittelfristig zu teuer werden und nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können. Daher ist es sinnvoll, in den kommenden Jahren Kohlekraftwerke abzuschalten und Gaskraftwerke und solche, die auf Wasserstoff umrüstbar sind,  zu bauen. Letztere sind hochmoderne Kraftwerke, deren Technologie weltweit als Partner von erneuerbaren Energien zum Einsatz kommen kann. Deshalb sollten wir auch aus wirtschaftspolitischen Gründen in diese Technologie – wie auch auf Elektrolyseure – setzen.

Quaschning:

Wie erwähnt haben wir in Deutschland fossile Kraftwerke mit 70 Gigawatt Leistung, mit denen wir für eine lange Dunkelflaute vorsorgen können. Für mich besteht keine Not, daran etwas mit der Brechstange zu ändern. Ein altes Steinkohlekraftwerk kann doch wenige Jahre länger laufen, wenn wir die Kosten für ein neues Erdgaskraftwerk und die Treibhausgasemissionen des Erdgaskraftwerks sparen und stattdessen beim Ausbau der Solar- und Windkraft mehr Tempo machen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu prüfen, wie wir im Sommer mit den hohen Überschüssen an Solarstrom umgehen, die wir bislang einfach wegwerfen. Statt neuer Erdgaskraftwerke brauchen wir erst mal sehr schnell Flexibilität im Netz und Batteriespeicher sowie Wasserstoffelektrolyse. Erst wenn wir dann ausreichend grünen Wasserstoff haben, sind Gaskraftwerke auf Wasserstoffbasis der nächste logische Schritt.


Rutschen wir in neue politische Abhängigkeiten, wenn Deutschland wieder verstärkt auf Erdgas setzt?

Andreae:

Angesichts der geopolitischen Situation ist es wichtig, dass Politik, Energiewirtschaft und Industrie in einem engen Austausch bleiben. Die Energieunternehmen in Deutschland haben einen großen Beitrag dazu geleistet, dass die Energieversorgung in Deutschland in den letzten drei Jahren auf ein neues Fundament gestellt werden konnte. In kurzer Zeit wurden Lieferbeziehungen zu neuen Lieferländern aufgebaut, Vereinbarungen mit anderen Lieferländern erweitert und in Rekordzeit LNG-Terminals sowie die notwendigen Anbindungsleitungen errichtet. Diesen Weg müssen wir weiterverfolgen und die Diversifizierung der Gasversorgung weiter vorantreiben. Gut 35 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases stammt heute aus Norwegen, gut 40 Prozent aus einer Vielzahl verschiedener Staaten, und der Rest ist LNG-Gas aus den USA (13,3%), Gas aus den Niederlanden (5%) oder stammt aus inländischer Förderung (4,7%).  In diesem Kontext braucht es Klarheit darüber, welche konkreten Auswirkungen sich aus dem jüngst geschlossenen Handelsabkommen von EU und USA ergeben. Generell gilt, bei der Diversifizierung stehen wir im internationalen Wettbewerb und es muss Ziel bleiben, Konzentrationsrisiken und einseitige Abhängigkeiten von einzelnen Lieferländern zu vermeiden, um Produktions- und Lieferschwankungen, seien sie technischer, ökonomischer oder geopolitischer Natur, ausgleichen zu können. Entscheidend ist daher, die Rahmenbedingungen und die Planungssicherheit für die marktliche Beschaffung – zu verbessern. Dazu braucht es einen gemeinsamen strategischen Ausblick und realistische Gasnachfrageszenarien, damit europäische Importeure als langfristige Partner anerkannt werden.

Strategisch wichtig bleiben gemeinsame europäische Anstrengungen, um erneuerbare und kohlenstoffarme Gase, Biogas und Wasserstoff, voranzubringen. Dabei könnte die von uns und dreizehn weiteren Energie- und Wirtschaftsverbänden vorgeschlagene europäische Wasserstoff-Allianz die richtigen Weichen stellen. Die Allianz könnte sich für eine ambitionierte sowie umsetzungsorientierte Wasserstoff-Politik einsetzen. Sie könnte zugleich Vehikel dafür sein, engere Brücken zu strategisch wichtigen Nicht-EU-Partnern, wie etwa dem Vereinigten Königreich und Norwegen sowie weiteren potenziellen Importstaaten, zu bauen

Quaschning:

Das ist ein Punkt, der enorme Risiken birgt, die vielen Menschen nicht bewusst zu sein scheinen. Ein Beispiel: Derzeit kommen knapp 50 Prozent des nach Deutschland gelieferten Erdgases aus Norwegen – über drei Pipelines. An diesen Leitungen hängt also die Hälfte unserer Gasversorgung. Werden sie absichtlich oder versehentlich zerstört, hat das enorme Auswirkungen auf Deutschland. Zudem importieren wir immer mehr Erdgas aus den USA. Wer garantiert uns, dass in der nächsten Krise nicht der US-Präsident uns den Gashahn zudreht und die Preise wieder wie 2022 durch die Decke gehen?

Diskutieren Sie mit

  1. Sönke Tangermann

    vor 4 Monaten

    Ich verstehe die Logik einfach nicht, dass Gaskraftwerke sich strompreissenkend wirken. Jedesmal, wenn ein Gaskraftwerk ans Netz geht explodiert der Strompreis durch Merit-Order. Das wird mit der Umstellung auf Wasserstoff nicht besser, wahrscheinlich deutlich schlimmer.
    Als Lösung sollen jetzt noch mehr Gaskraftwerke gebaut werden. Das ist doch komplett unlogisch. Auch bleibt die Frage unbeantwortet wo der grüne Wasserstoff herkommen soll?

  2. Basketball Bros

    vor 4 Monaten

    Herr Quaschning und Herr Andreae, eine prächtige Debatte über die Zukunft unserer Stromversorgung! Während Herr Quaschning die Kohle etwas länger laufen lassen und uns mit Flexibilität und Batterien (und vielleicht etwas Humor) versorgen will, sieht Herr Andreae in den (zurzeit) flexiblen Gaskraftwerken und dem späteren Wasserstoff-Umbau die Rettung. Ich finds toll, dass wir über Wasserstoffleitungen und die teure Umrüstung philosophieren, während wir im Moment wahrscheinlich einfach die alten Kohlekessel weiterlaufen lassen und uns über die hervorragenden Flexibilitätsoptionen von Herrn Quaschning freuen. Langfristig hoffe ich auf klare Regeln und eine realistische Perspektive – und dass die Erdgaslobby nicht die entscheidenden Schalter in der Politik hält!

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