Während meines Auslandssemesters an der Chinese University of Hongkong (CUHK) hatte ich das Glück, Shiela M. Tebia kennenzulernen. Sie ist Vorsitzende von GABRIELA HONGKONG, einer progressiven Allianz von mehr als 200 Frauenorganisationen, sowie Vizevorsitzende von UNIFIL-MIGRANTE-HONGKONG (United Filipinos in Hong Kong). Bei einem Vortrag an der Universität sprach sie über Migrantinnen, im besonderen Philippinerinnen, im Niedriglohnsektor der haushaltsnahen Dienstleistungen. Sie erzählt Geschichten von unerwarteten Notlagen, die zur Einwanderung nach Hongkong führen, sowie vom langsamen,bis gänzlich fehlenden Strukturwandel des Arbeitsmigrationssystems der Sonderverwaltungszone, die den Alltag der Migrant*innen prägen. Jedoch berichtet sie auch von Progression und Hoffnung, nicht nur seitens NGOs, sondern auch seitens derer, die auf die Haushaltshilfen angewiesen sind.
Flucht vor dem Klimawandel – Das Leben auf den Philippinen
Ein häufig übersehener, aber valider Grund für die Migration vieler Philippiner*innen nach Hongkong und andere Länder dieser Welt ist der Klimawandel. Die Inselkette befindet sich geographisch gesehen im westlichen Nordpazifik. Warme Temperaturen der Meeresoberfläche, die Lage nahe dem Äquator und weitläufige Zirkulationsmuster begünstigen dort die Bildung und Verstärkung tropischer Wirbelstürme. Die durch den Klimawandel immer wärmer werdenden Wasseroberflächen führten so in den vergangenen Jahrzehnten immer häufiger zu sogenannten “Super-Taifunen” – so wie im November 2025 der Taifun “Fung-Wong”. Auch wenn Studien zeigen, dass die Gesamtzahl der Stürme nicht steigt, so verursachen sie durch ihre erhöhte Intensivität nachweislich immer extremere Schäden und betreffen jährlich hunderttausendeMenschen. Zerstörte Häuser, verlorene Ernten, unterbrochene Einkommen und wachsende Verschuldung führen dazu, dass sich wirtschaftliche Unsicherheit verfestigt.
Durch den Einbruch landwirtschaftlicher Lebensgrundlagen und regionaler Wirtschaftsaktivität nach den schweren Stürmen, erscheint die Arbeit im Ausland als vergleichsweise stabile Einkommensquelle. So istdie Entscheidung, eine Beschäftigung im Niedriglohnsektor in Hongkong anzunehmen, häufig nicht nur Ausdruck individueller Ambition. Sie ist das Ergebnis klimabedingter Risiken, welche zu ökonomischenUngleichheiten beitragen. Vor diesem Hintergrund wird Emigration weitestgehend zu einer zentralen Überlebensstrategie vieler Philippiner*innen, die sie dazu bringen ihr Zuhause und ihre Familien zu verlassen,um die nötige Unterstützung bieten zu können.
Ist das schon Ausbeutung ? – Migranten in Hong Kongs Haushaltssektor
Unterkunft für Haushaltshilfe im Badezimmer; Foto: Vanessa Szablata
Das Arbeitsmigrationssystem Hong Kongs ist formal zwar reguliert, die Praxis zeigt jedoch ein anderes Bild. So gibt es strukturelle Grenzen für die Einwander*innen, die an kostenintensive und stark kontrollierteProzesse gebunden sind. Dies beginnt in der Regel bereits bei der Vermittlung, da Arbeitsvermittlungsagenturen trotz gesetzlicher Beschränkungen überhöhte Gebühren verlangen. Das bedeutet für vieleArbeitnehmer*innen bereits vor der Ankunft – und damit auch vor der ersten Lohnauszahlung – eine Verschuldung mittels Kredit, welche sie langfristig an die Agenturen und Arbeitgeber binden.
Doch auch nach der Ankunft setzen sich diese Abhängigkeiten institutionell fort. So schreibt das Gesetz Zweijahresverträge und die sogenannte Live-in-Regel vor, wonach Hausangestellte im Haushalt ihrerArbeitgeber leben müssen oder ihre Unterkunft von diesen gestellt bekommen sollen. Arbeitsplatz, Visum und Aufenthaltsrecht sind direkt miteinander verknüpft. Die Betroffenen müssen daher im Falle einerKündigung das Land innerhalb von 14 Tagen verlassen müssen, sofern sie keine neue Beschäftigung finden. Zwar gibt es Mindestlöhne und Schutzbestimmungen, jedoch gestaltet sich die tatsächlicheDurchsetzung derer oft lückenhaft.
Aus einer Strategie zur Existenzsicherung wird so für viele Migrant*innen ein schmaler Grat zwischen legaler Beschäftigung und struktureller Überlastung – sowohl ökonomisch als auch psychisch. Wer im Haushaltseines Arbeitgebers lebt, ist oft nicht nur arbeitsrechtlich gebunden, sondern auch räumlich und sozial integriert. Dadurch passiert es schnell, dass Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen und die Privatsphäre eingeschränkt wird. Ruhezeiten, so wie von der Gesetzgebung vorgesehen, können nicht eingehalten werden. Empirische Studien zeigen, dass solche prekären Beschäftigungsbedingungen in hohemMaße zu erhöhtem Stress und verminderter Zufriedenheit führen. Daraus können langfristig möglicherweise Angstzustände und Depressionen entstehen.
Die Kraft kollektiver Mobilisierung
Foto: Vanessa Szablata
Hier kommt die Arbeit von Menschen wie Shiela ins Spiel, die neben ihrer eigenen Beschäftigung zusätzlich in Gegenbewegungen migrantischer Selbstorganisation aktiv sind. Sie sind es, die bestehende Machtstrukturen offen in Frage stellen und Reformen fordern – insbesondere die Abschaffung des verpflichtenden Live-in-Status, klare Arbeitszeitregelungen und menschenwürdige Unterkünfte. Durch Demonstrationen, politische Stellungnahmen und Kampagnen wie die „3W-Kampagne“ setzen sie sich für existenzsichernde Löhne, geregelte Arbeitszeiten und Wohlbefinden ein. Shiela berichtet zudem vonSolidaritäts- sowie aktiver Lobbyarbeit, welche zur positiven Veränderung beitragen. Zusätzlich werden die sogenannten MDWs (Migrant Domestic Workers) von Kirchen, NGOs und Community-Gruppen, die Rechtsberatung anbieten und Räume für Austausch und Solidarität schaffen, unterstützt.
Dabei betont sie die Bestärkung durch die Arbeitgeber, die Familien, von denen viele der Einwander*innen durch ihre Arbeit selbst Teil werden. Die Menschen von Hongkong, die sich für ihre migrantischen Hausangestellten einsetzen und ihnen auch zu Krisenzeiten wie beispielsweise während der Covid-19-Pandemie den Rücken freihielten. Denn am Ende ist es die Solidarität, die eine Gesellschaft zusammenhält.
Quellen
https://doi.org/10.1504/IJGW.2016.074307
Asian Development Bank. (2019). The impact of typhoons on economic activity in the Philippines: Evidence from nightlight intensity (ADB Economics Working Paper No. 589). Asian Development Bank. Manila.https://doi.org/10.22617/WPS190278-2
https://doi.org/10.1016/j.tcrr.2025.09.001
https://www.migrants.net/history
https://doi.org/10.1186/s12939-024-02098-3
Tebia, S. M. (2025). MDWs (Migrant Domestic Workers) Philippines [Vortrag]. The Chinese University of Hong Kong, October 15, 2025. United Filipinos in Hong Kong.
https://www.legco.gov.hk/yr13-14/english/panels/mp/papers/mp0227cb2-870-10-e.pdf
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