Der Weltpinguintag erinnert daran, dass die Folgen des Klimawandels selbst die entlegensten Winkel der Erde erreichen. Denn in der Antarktis schmilzt nicht nur das Eis – ein ganzes Ökosystem gerät aus den Fugen. Ein Gespräch mit Dr. Klemens Pütz, wissenschaftlicher Direktor des Antarctic Research Trust (ART). Seit 35 Jahren erforscht er das Leben der Pinguine.
Warum ist ausgerechnet am 25. April Weltpinguintag?
Seinen Ursprung verdankt der Gedenktag einer kuriosen Beobachtung: Forschende an der amerikanischen McMurdo-Station in der Antarktis stellten fest, dass Adélie-Pinguine jedes Jahr am 25. April nach der Brutsaison ihre Kolonien verlassen und zu ihren winterlichen Wanderungen aufs Meer hinausziehen. Für sie wurde dieser Tag zu einem besonderen Tag – der nach und nach weltweit bekannt wurde.
Stimmt es, dass Pinguine nur am Südpol leben – wie wir als Kinder gelernt haben?
Nur drei der 18 Pinguinarten brüten ausschließlich in der Antarktis – also südlich des 60. Breitengrades. Tatsächlich sind Pinguine auf der gesamten Südhalbkugel verbreitet: von den Galápagos-Inseln über Feuerland an der Südspitze Südamerikas bis nach Namibia, Neuseeland und Australien.
Warum spielen Pinguine im Ökosystem so eine wichtige Rolle?
Sie spielen eine Schlüsselrolle, weil sie an der Spitze der Nahrungskette stehen. Deshalb gilt: Fühlen sich die Pinguine wohl, ist das ein gutes Zeichen für das gesamte Ökosystem. Geht es ihnen schlecht, deutet das darauf hin, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Wie geht es den Pinguinen im Moment?
Etwa zwölf der 18 Pinguinarten gelten derzeit als gefährdet – wenn auch in unterschiedlichen Abstufungen. Hauptursachen sind der menschengemachte Klimawandel, Überfischung, Umweltverschmutzung und der Verlust ihres Lebensraums.
Welche Gefahren bringt der Klimawandel für die anderen Pinguin-Arten?
Nehmen wir die Königspinguine: Sie leben in der Subantarktis, etwa auf den Crozet-Inseln im südlichen Indischen Ozean. Von dort aus legen sie gewaltige Strecken zurück – oft wochenlang und über Hunderte Kilometer hinweg Richtung Antarktis, um Nahrung zu finden. Mit gefülltem Magen kehren sie schließlich zurück und füttern ihre Küken. Doch die Erderwärmung verschiebt die Polarfront weiter nach Süden – genau jene Zone, in der sich besonders viel Nahrung konzentriert. Für die Tiere bedeutet das längere, kräftezehrendere Wege. Die Folge: Immer weniger Energie bleibt für den Nachwuchs, die Brutbedingungen verschlechtern sich, und Populationen wie auf Crozet geraten unter Druck.
Die Erderwärmung wirkt sich auch auf Meeresströmungen aus. Was für Folgen hat das für die Pinguine?
Die Erderwärmung verändert die Dynamik der Ozeane – mit spürbaren Folgen für Pinguine. Meeresströmungen sind für sie so etwas wie Versorgungsadern: Entlang dieser Ströme sammeln sich Krill und Fisch, also genau die Nahrung, auf die viele Arten angewiesen sind. Mit den Strömungen verschieben sich auch die Nahrungsgründe. Für zahlreiche Populationen bedeutet das längere Wege und höheren Energieaufwand bei der Jagd. Die Tiere müssen weiter schwimmen, finden mitunter weniger Beute – und können ihren Nachwuchs schlechter versorgen. Gleichzeitig gibt es auch Gewinner dieser Entwicklung: Einige Arten profitieren davon, dass sich ihre Nahrungsgebiete näher an die Brutkolonien heranschieben. Unterm Strich aber gerät ein fein austariertes Ökosystem aus dem Gleichgewicht, das sich über Millionen Jahre entwickelt hat. Pinguine gibt es schließlich seit der Zeit, als noch Dinosauriern gelebt haben.
Der Klimawandel führt auch zu extremen Wetterphänomen. Inwiefern bedeutet das eine Gefahr für die Pinguine?
Der zunehmende Regen setzt den Adélie- und Eselspinguinen an der antarktischen Halbinsel stark zu. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen: Seit 35 Jahren reise ich regelmäßig in die Antarktis – früher hat es dort praktisch nie geregnet. Heute kann der Niederschlag tagelang anhalten. Vor allem die Küken sind dem schutzlos ausgeliefert. Ihr flauschiges Jugendgefieder bewahrt sie zwar vor Kälte, aber nicht vor Nässe. Hinzu kommen heftige Stürme, die den Tieren schwer zusetzen – ganze Kolonien habe ich so verschwinden sehen. Auch weiter nördlich geraten Pinguine unter Druck: Dem Humboldt-Pinguin machen die vermutlich durch den Klimawandel verstärkten El Niño-Ereignisse zunehmend zu schaffen. Zu allem Überfluss ist dort unten auch noch die Vogelgrippe ausgebrochen, an der sich auch Pinguine anstecken.
Gibt es unter den Pinguinen auch Gewinner des Klimawandels?
Eselspinguine sind sehr anpassungsfähig. Sie kommen auch mit eisfreien Flächen gut zurecht und verlagern ihren Lebensraum immer weiter nach Süden. Aber wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Die Adélie-Pinguine, die ihren Lebensraum bislang dort hatten, werden immer weiter zurückgedrängt.
Wagen wir einen Blick in die Glaskugel. Wie sieht die Zukunft der Pinguine in drei Jahrzehnten aus?
Für jede der insgesamt 18 Arten zeichnet sich ein eigenes Zukunftsszenario ab – für etwa die Hälfte sind die Aussichten eher düster. Der Klimawandel begünstigt zudem die Ausbreitung invasiver Arten auf subantarktischen Inseln. Schon heute beobachten Forschende, dass Mäuse und Ratten Albatrosküken angreifen und töten. Die Tiere könnten sich zwar wehren, haben dieses Verhalten jedoch nie gelernt. Bei Pinguinen wäre das auch denkbar, ist bislang aber noch nicht beobachtet worden.
Gibt es auch hoffnungsvolle Beispiele?
In der Magellanstraße vor Chile hat sich inzwischen wieder eine Kolonie von Königspinguinen angesiedelt – an demselben Ort, den sie schon einmal bewohnt haben, bevor sie vor mehr als 100 Jahren von dort verschwanden.
Klemens Pütz ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Pinguinforscher. Seit Jahrzehnten bereist er regelmäßig die Antarktis und die subantarktischen Inseln, um das Verhalten und die Lebensbedingungen der Tiere zu untersuchen. Im Zentrum seiner Arbeit stehen Fragen rund um Klimawandel, Ernährung und Brutverhalten – und wie sich all das auf die Zukunft der Pinguinpopulationen auswirkt.
Als wissenschaftlicher Direktor des Antarctic Research Trust verbindet er Forschung mit Naturschutz: Seine Studien liefern Grundlagen, um Schutzmaßnahmen für bedrohte Arten zu entwickeln. Pütz gilt als genauer Beobachter – und als jemand, der die Veränderungen in den Polargebieten aus erster Hand dokumentiert.
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