Wirtschaft und Beschäftigte im Stresstest
Durch die internationale und nationale rezessive Wirtschaftsentwicklung hat die Mehrzahl der Firmen nur wenig vorbereitet existenzielle Probleme. Die Umsatzrückgänge bewirken einen drastischen Einbruch des Gewerbesteueraufkommens bei den Städten und Gemeinden und schränken deren Handlungsfähigkeiten und Vorsorgeleistungen ein.
Die Beschäftigten haben nicht mehr ihre gewohnte Sicherheit des Arbeitsplatzes und als Pendler zunehmenden Stress durch die Defizite im Verkehrsgeschehen und mit den ÖPNV-Leistungen. Daher nehmen auch die Pkw-Zulassungen weiter zu und nicht, wie politisch gewollt ab, und bewirken eine deutliche zeitliche Verlängerung der Zielhorizonte zur Klimaneutralität.
Das Landeskonzept Mobilität und Klima im Umbruch
Das Verkehrsministerium Baden-Württemberg hatte mit dem Landeskonzept Mobilität und Klima den Fahrplan für die „Verkehrswende 2030“ definiert und kurzfristig bis zum Jahr 2023 von 55 % gefordert. Dies hätte für die einzelnen Verkehrsträger und die jeweilige Verkehrsteilnahme l.t. Landeskonzept folgende Veränderung bedeutet (Zitat):
- Verdopplung des Öffentlichen Verkehrs (+ 100 % ÖPNV).
- Ein Fünftel weniger Kfz-Verkehr in Stadt und Land (- 20 % Kfz-Verkehr).
- Jedes zweite Auto fährt klimaneutral (50 % klimaneutrale / elektrische Pkw).
- Jede zweite Tonne fährt klimaneutral (50 % klimaneutraler Güterverkehr).
- Jeder zweite Weg selbstaktiv zu Fuß oder mit dem Rad (50 % aller Wege zu Fuß oder per Rad).
Seit längerem zeigt sich aber in der Praxis und untermauert durch Befragungen wie BaWüCheck 2023 (IfD Allensbach) und DAT Report 2026 (Deutsche Automobil Treuhand), dass diese Mobilitätsstruktur zu abstrakt und daher nicht realistisch ist – und auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht erreicht werden wird.
Die im Grundsatz zu unterstützenden Ziele und Hebel zum Erreichen der Klimaneutralität in Gewerbegebieten, in kommunalen und regionalen Raumschaften und als Ergebnis im Land Baden-Württemberg sollten daher von einer neuen Landesregierung überdacht werden. Der Mobilität kommt dabei weiterhin eine entscheidende Rolle zu, die aber auf einer enger abgestimmten Partnerschaft mit der Wirtschaft basieren muss.
Mobilität aus Sicht der Wirtschaft
Baden-Württemberg ist nach wie vor eine der stärksten und erfolgreichsten Wirtschaftsregionen in Europa, steht damit aber auch in harter internationaler Konkurrenz und in ständigem Wettbewerb mit anderen Wirtschaftsmetropolen. Den erreichten Wohlstand – übersetzt heißt das hohe Lebensqualität, finanzielle Ressourcen für Forschung, Entwicklung, Bildung, Sozialleistungen, Gesundheitswesen, Kultur und Klimaschutz – möchte niemand missen. Daher sind mehr denn je wettbewerbs- und erfolgsorientierte Wirtschaftsinitiativen notwendig.
Mobilität und Klimaschutz sind Teil dieses ökonomischen und ökologischen Prozesses und können nicht isoliert oder herausgelöst behandelt werden, wenn keine weiteren Verwerfungen entstehen sollen. Für die Fortentwicklung einer nachhaltigen Mobilität ist dabei zu beachten:
- Für eine Verkehrswende 2030 gibt es aktuell mehr restriktive als förderliche Bedingungen.
- Für die Berufspendler und insbesondere für den Güterverkehr bleibt die Straße nach den beim BMV vorliegenden Vorausschätzungen der dominante Verkehrsträger und wird eher noch höheren Belastungen ausgesetzt.
- Für die Gewerbestandorte müssen daher leistungsfähige Verkehrsinfrastrukturen geschaffen werden, um im Ranking der großen Wirtschaftsräume zu bestehen.
- Für Verhaltensänderungen in der Verkehrsteilnahme – hin zur Intermodalität – zeigen unsere Befragungen, dass die Motivationen der Pendler zur Wahl des Verkehrsmittels erkannt und berücksichtigt werden müssen.
- Für die Realisierung von Mobilitätsmaßnahmen muss fakten- und nachfrageorientiert gehandelt werden. Das kommunalpolitische Prinzip, mittels Infrastrukturvorgaben die gewünschte Nachfrage zu erzeugen, hat sich in der Praxis als wenig erfolgreich und wenig ökonomisch gezeigt.
Die Dimension der Pendler-Mobilität für den Klimaschutz nutzen
Aus einer Gesamtbetrachtung der vorhandenen statistischen Daten für Baden-Württemberg wird die große Dimension der Pendler-Mobilität mit folgenden Zahlen deutlich:
| Firmen- und Pendlerstruktur in BaWü | |
|---|---|
| Unternehmen über alle Branchen | 437.000 |
| Beschäftigte über alle Branchen | 4.322.000 |
| Einpendler in den großen Stadt- und Landkreisen | 1.857.000 |
Es ist erstaunlich, dass diese große Anzahl an Berufspendlern bisher nicht als Basis und als Potential für Klimaschutzeffekte zur Erreichung der hochgesteckten Ziele der Klimaneutralität in Regionen und im Land gesehen und herangezogen wird. Denn allein die Aktionen des KISS-Projektes im Stuttgarter Synergiepark mit Befragungsdaten von 42 Firmen und rd. 4.500 Pendlern haben gezeigt, dass mit einer effizienten Organisation der Pendler-Mobilität durch die Firmen beachtliche Effekte für den Klimaschutz zu erreichen sind, was mit den nachfolgenden Ausführungen demonstriert wird.
Die mögliche Skalierung dieser Ergebnisse sollte daher möglichst flächig und systematisch mittels einer Road Mapp (RM) als Aktionshilfe für die Firmen und für derenMaßnahmen und Ziele zum Klimaschutz genutzt werden.
Das Projekt KISS als Demonstrator
Ziel des dreijährigen (2022 – 2024) Projektes KISS „Klimaschutz Impulse für SynergiePark Stuttgart“ war es, wirkungsvolle Beiträge zur Klimaneutralität der Stuttgarter Gewerbegebiete mittels betrieblichem Mobilitätsmanagement (BMM) zu entwickeln und diese mit Firmen und ihren Beschäftigten in der Praxis umzusetzen. Das Projekt wurde von der Landeshauptstadt Stuttgart im Rahmen des Klima-Innovationsfonds gefördert und von der Wirtschafts- und Industrievereinigung Stuttgart e.V. als Projektträger durchgeführt. Prof. Sabow war für die Projektleitung, Prof. Schönharting für den Bereich Mobilität verantwortlich.
Ausgangspunkt im KISS-Projekt war eine Pendlerbefragung 2019, an der 42 Unternehmen aus dem Synergiepark der Landeshauptstadt mit insgesamt 4.500 Befragten teilgenommen hatten.
Im November / Dezember 2022 und im Februar 2023 wurde wegen der erkennbaren Veränderungen in der Pendlermobilität eine Ergänzungsbefragung von Beschäftigten innerhalb des KISS-Projekts durchgeführt. Auf dieser Grundlage konnten Mobilitätsveränderungen zwischen 2019 und 2022/23 diskutiert werden.
Im Ergebnis zeigte sich, dass sich die Mobilitätsstruktur der Pendler im Hinblick auf die genutzten Verkehrsmittel verändert hatte.
- Der Wegeanteil mit Pkw ist zurückgegangen.
- Der Wegeanteil mit dem Öffentlichen Verkehr ist zurückgegangen.
- Der Anteil an Pendlerwegen, die mit dem Fahrrad / E-Bike zurückgelegt wurden ist angestiegen.
- Der Mitfahreranteil ist angestiegen, allerdings auf niedrigem Niveau.
Aus der Mobilität der Beschäftigten lassen sich mit den Komponenten „Präsenzzeiten je Woche“, „benutzte Verkehrsmittel“ und „Pendlerdistanz“ die CO2-Emissionen abschätzen. Bei den Beschäftigten der einbezogenen Firmen ergab das einen durchschnittlichen Rückgang der CO2-Emissionen um 6,8 [kg CO2/ Person und Woche] bzw. einen Rückgang von 26,5%.
Die Ursachen für diesen starken Rückgang liegen in
- der Verringerung der Präsenzzeiten 2022/23, da die Anzahl der wöchentlichen Pendlerwege pro Beschäftigten deutlich abgenommen hat.
- dem Umstieg vom Verbrenner auf Fahrzeuge mit Elektroantrieb.
- dem Anstieg des Radverkehrsanteils bei den Pendlerwegen.
- umfangreichen firmenseitigen Investitionen zur Förderung des Radverkehrs sowie der ÖV-Nutzung.
Wie werden sich diese vier Komponenten zukünftig entwickeln?
Bei den Präsenzzeiten besteht nach dem Ende der Corona-Pandemie seitens der Unternehmensleitungen die Tendenz zu einer Erhöhung der Präsenzpflicht. Das wird sich in einer unmittelbaren Erhöhung der CO2-Emissionen für das Pendeln auswirken.
Der Umstieg vom Verbrenner mit fossilen Energien auf nachhaltige Antriebe wird sich fortsetzen, auch aufgrund der Bundesförderung. Auf längere Sicht ist diese Komponente eine wirkungsvolle Möglichkeit auf dem Weg zu einer klimaneutralen Mobilität.
Damit der Radverkehr weitere Marktanteile bei Pendlern nachhaltig gewinnen kann, sind infrastrukturelle und finanzielle Maßnahmen Voraussetzung. Es muss ein nachhaltiges Netz an bequem und schnell zu befahrenden Radwegen geschaffen werden. Außerdem sind sichere und geschützte Abstellplätze notwendig. Das Job-Rad-Angebot muss ausgeweitet werden.
Ziele und Auswirkungen einer effizienten Pendlermobilität
Mit einer effizienten Pendlermobilität können, wie in Abschnitt 2 erläutert, die Wirtschaft gestärkt, die Beschäftigten unterstützt und der Klimaschutz gefördert werden.
Die Stärkung der Wirtschaft
Dies betrifft erstens die Firmen selbst, da sie durch die Mobilitäts-Betreuung ihrer Beschäftigten einen Imagegewinn erzielen, eine stärkere Bindung und Zugehörigkeit der Mitarbeiter zu Firma und Standort erreichen und damit Standortvorteile für die Gewinnung neuer Fachkräfte haben. Mit einer effizient organisierten Pendler-Mobilität erhalten die Firmen außerdem Daten und Einflussmöglichkeiten, die CO2-Bilanz des Unternehmens zu steuern und nachhaltig zu entwickeln.
Dies betrifft zweitens den Wirtschaftsstandort, der infolge Klimaschutz-orientiert agierender Firmen in seiner Qualität und Wettbewerbsfähigkeit gestärkt wird – eine Zielsetzung, die durch die kommunale Wirtschaftsförderung sowohl genutzt, als auch gefördert werden kann.
Die Unterstützung der Pendler
Hier sind den Firmen diverse Möglichkeiten gegeben, ihre Berufspendler informativ mit Verkehrsdaten / finanziell mit dem D-Ticket oder der Parkierung / organisatorisch mit Fahrgemeinschaften / infrastrukturell mit Fahrradeinrichtungen / motivierend mit Benefits für Klimaschutzeffekte zu unterstützen.
Förderung des Klimaschutzes
Da sich die Verkehrsmittelwahl jedes einzelnen Pendlers positiv oder negativ auf seine individuelle CO2-Bilanz auswirkt (vgl. Tabelle 3), kann – nach unseren Erfahrungen aus dem KISS Projekt – durch das Mobilitätsmanagement jeder Firma wesentlich auf das Verkehrsverhalten, auf die Intermodalität, die MIV-Minderung und im Ergebnis auf die CO2-Reduktionen durch die Berufspendler Einfluss genommen werden.
Pendler-Mobilität effizient organisieren, Wirtschaftsförderung beteiligen
Eine effiziente Pendlermobilität bedarf eines organisierten Informationsflusses zwischen den maßgeblichen Beteiligten, nämlich den Unternehmen und ihren Beschäftigten sowie den Institutionen der Wirtschaftsförderung, die ihrerseits die Kommunikation mit den für Mobilität zuständigen Verwaltungen und regionalen Verkehrsträgern übernehmen.
Die für den Klimaschutz notwendigen Effizienz-Impulse ergeben sich dabei
erstens: seitens der Pendler durch die Spiegelung, Analyse und ggfls. der daraus abgeleiteten Anpassungen ihrer Wegeketten und ihrer Verkehrsteilnahme;
zweitens: seitens der Firmen durch deren organisatorische und materielle Unterstützungsmaßnahmen;
drittens: durch gezielte Impulse zur Erzielung von Synergien zwischen den Unternehmen;
viertens: durch die integrative Beteiligung der Wirtschaftsförderung mit Anreizen und Benefits für Synergien und für die Initiativen und Maßnahmen der Firmen zur Förderung des Klimaschutzes.
Initiative zur Effizienzsteigerung der Pendlermobilität starten
Es wurde aufgezeigt, dass für die Stärkung der Wirtschaft, für die Unterstützung der Berufspendler und für die Förderung des Klimaschutzes konsequenter Handlungsbedarf erstens geboten und zweitens möglich ist.
Die Dimension der Pendler-Mobilität – d.h. die große Anzahl der Firmen und die Vielzahl der Pendler – erfordert allerdings ein entsprechendes strategisches Vorgehen.
Erstens: Die namhaften Wirtschaftsorganisationen und Verbände wie IHK‘en, Unternehmer Baden-Württemberg, Technologie Region Karlsruhe, Metropolregion Rhein-Neckar, Schwarzwald AG, Wirtschaftsförderung Region Stuttgart sowie die kommunalen Wirtschaftsförderungen müssen sich mehr als bisher mit dem Komplex der Pendler-Mobilität befassen und ihren Mitgliedern bzw. Firmen dazu die Rolle, Ziele, Effekte und Vorteile vermitteln.
Zweitens: Es wäre schon im Ansatz ineffizient, wenn an jedem Standort, in jedem Gewerbegebiet, von jeder Firma eigene individuelle Aktionen durchgeführt würden. Vielmehr muss den Firmen zur Vergleichbarkeit von Pendlerdaten und zur Erzielung von Standort-Synergien die Struktur der Pendler-Mobilität, sowie die Organisation und der Verfahrensweg von Firmen-Aktionen mittels einer „Pendler Mobilität Road Map“ vorgezeichnet werden.
Drittens: Für die zu erzielenden Effekte kommt es entscheidend auf die kommunikative Wechselwirkung und den Datenaustausch zwischen Firmen und ihren Pendlern sowie zwischen Firmen und der Kommunalverwaltung und den regionalen Verkehrsträgern via Wirtschaftsförderung an.
Viertens: In Strategiegesprächen mit den o.g. Organisationen und insbesondere mit den kommunalen und regionalen Wirtschaftsförderungen kann die Initiative zur Entwicklung und der Erprobung und Evaluierung einer PM Road Map diskutiert und optimiert werden.
Fünftens: In drei zentralen Veranstaltungen in Baden-Württemberg kann mit Firmen und Unternehmen die Initiative „Effiziente Pendler-Mobilität“ vorgestellt und im Weiteren in einem mehrjährigen Wettbewerbsverfahren multipliziert werden.
Quellen:
Amt für Umweltschutz der Landeshauptstadt Stuttgart (Hrsg.): Klima-Bericht 2020, Seite 7. Landeshauptstadt Stuttgart, Stabsstelle Klimaschutz, Stuttgart (o.J.)
DAT Deutsche Automobil Treuhand (Hrsg.): Report 2026. Ostfildern 2026.
Fraunhofer IBP: IBP-Bericht WB 198/2017 Masterplan 100 % Klimaschutz der Landeshauptstadt Stuttgart, Stuttgart 2017
IfD Institut für Demoskopie Allensbach (Hrsg.): Mobilitätsmonitor 2023, Allensbach, 2023.
Sabow, G. & J. Schönharting: Behörden-Seminar mit Verkehrsministerium BW am 07.05. 2025.
Sabow, G. & J. Schönharting: Interessantes Ergebnis zu Pendlern im Synergiepark. Stuttgarter Zeitung vom 22.02.2025.
Sabow, G. & J. Schönharting: KISS fürs Klima. mfg Magazin Stadtwerke Stuttgart /1 2025.
Sabow, G. & J. Schönharting: Pendler gezielter unterstützen – mit betrieblicher Mobilität zu mehr Umweltschutz. DIE NEWS — Fachzeitschrift für Familienunternehmer /04 2025.
Schönharting, J.; Haag, G., Wolter, St., Rizwan, H.-S.: KISS betriebliche Mobilität, 2. Zwischenbericht aktualisiert, Stuttgart, März 2023 (u.v.)
Stadt Stuttgart, Amt für Stadtplanung und Wohnen,
Verkehrsverbund Stuttgart: Umweltrechner, zuletzt abgerufen 6.Mai 2022, https://www.vvs.de/umweltrechner/
WIV (Hrsg.): SynergiePark Stuttgart und benachbarte Gebiete im Südraum Stuttgart, Mobilitätsbefragung; Ergebnisbericht. Stuttgart, Februar 2020.
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