Klimaretter oder Meeresverkauf?
Viana do Castelo, Nordportugal. Der Wind peitscht hier mit einer Verlässlichkeit
über die Mole, die Touristen die Tränen in die Augen treibt und Energieplanern Dollarzeichen. Draußen auf dem Atlantik, kaum sichtbar im Dunst, drehen sich die Rotoren von WindFloat Atlantic. Es sind nur drei Turbinen mit insgesamt 25 Megawatt (MW), verankert in Tiefen, in denen keine festen Fundamente mehr greifen. Sie sind Pioniere. Und wenn es nach der portugiesischen Regierung geht, sind sie erst der Anfang einer industriellen Revolution. Portugal plant Großes: Bis zu 10 Gigawatt (GW) Offshore-Windkapazität sollen künftig vor den Küsten installiert werden. Das ist keine marginale Ergänzung, das ist ein Systemwechsel. Zum Vergleich: Das Land verfügt derzeit über knapp 5,7 GW Onshore-Windkraft (Camilo et al., 2023). Das Ziel ist klar definiert: Die Abhängigkeit von volatilen fossilen Importen und der wankelmütigen Wasserkraft, die im Dürrejahr 2022 dramatisch einbrach, soll beendet werden. Die Erzählung vom „sauberen Strom für alle“ bekommt Risse. Kritiker fürchten eine „Kolonisierung“ des Meeresraums durch multinationale Konzerne, bei der lokale Ökosysteme und Küstengemeinden unter die Räder kommen. Die zentrale Frage, die sich hier am äußersten Rand Europas stellt, ist globaler Natur: Ist dieser massive Ausbau der Retter der Energiewende oder der Beginn einer rücksichtslosen „Verwertung“ des öffentlichen Gutes Meer? Die Literatur zeigt, dass Portugal aufgrund seines schmalen Schelfs und der großen Wassertiefen fast ausschließlich auf schwimmende Windkraftanlagen (Floating Offshore Wind) angewiesen ist (Díaz et al., 2022). Diese Technologie ist reif für den Sprung von der Demonstration zur Kommerzialisierung, aber sie ist teuer und flächenintensiv. Die Entscheidung für 10 GW ist also nicht nur energiepolitisch, sondern geografisch brisant: Wir reden über die Umwidmung riesiger Meeresflächen von einem Gemeingut zu exklusiven
Industriezonen.
Die Auktionen: Wer kauft sich den Atlantik – und zu welchen Bedingungen?
Um diese gigantischen Kapazitäten zu realisieren, setzen Portugal und Europa auf ein Instrument, das Effizienz verspricht, aber Risiken birgt: Auktionen. Der Mechanismus klingt simpel. Der Staat schreibt Flächen aus, Investoren bieten einen Preis, für den sie den Strom produzieren können. Wer am günstigsten ist, gewinnt. Doch die Realität ist komplexer, wie Jansen et al. (2022) in einer umfassenden Analyse globaler Offshore-Auktionen zeigen. In den letzten Jahren hat sich das Design dieser Auktionen radikal gewandelt. Waren früher feste Einspeisevergütungen (Feed-in Tariffs) die Norm, dominieren heute Differenzverträge (Contracts for Difference, CfD) oder sogar „Null-Cent-Gebote“, bei denen Betreiber gar keine staatliche Förderung mehr verlangen, sondern auf hohe Marktpreise wetten. Ðukan et al. (2023) warnen jedoch: Offshore-Windprojekte, insbesondere mit schwimmenden Plattformen, sind kapitalintensive Hochrisiko-Investments. Wenn Investoren in Auktionen extrem niedrig bieten („Zero Bids“), steigt ihr Risiko, was wiederum die Kapitalkosten (Cost of Capital) in die Höhe treibt. Diese Risikoprämien zahlen am Ende oft die Stromkunden oder der Steuerzahler, wenn Projekte scheitern oder nachverhandelt werden müssen. Für Portugal ist das Auktionsdesign entscheidend. Ein reines Preisrennen könnte dazu führen, dass nur die größten Player, wie Ölkonzerne und internationale Energieversorger, mithalten können. Der Atlantik würde zur Spielwiese von Kapitalgiganten, die Verluste aus der Portokasse decken, um Marktanteile zu sichern. Roldan-Fernandez et al. (2021) weisen darauf hin, dass die Einspeisung großer Mengen Offshore-Windstrom durch den Merit-Order-Effekt die Börsenstrompreise senken kann, in ihrer Modellierung für die Iberische Halbinsel um bis zu 45 Euro pro MWh eingespeister Offshore-Energie. Das klingt verlockend für Verbraucher. Doch diese Rechnung geht nur auf, wenn die Auktionen nicht so gestaltet sind, dass sie die Projektierer in spekulative Geschäftsmodelle treiben, die am Ende die Versorgungssicherheit gefährden. Kritisch zu hinterfragen ist auch, ob das Auktionsdesign ökologische und soziale Kosten eingepreist. Wenn der Staat den Meeresboden quasi an den Meistbietenden verpachtet, wird der Ozean zur Handelsware reduziert. Qualitative Kriterien in Auktionen, etwa Bonuspunkte für Umweltverträglichkeit oder lokale Wertschöpfung, sind möglich, werden aber oft als sekundär behandelt (Jansen et al., 2022). Das Risiko besteht, dass Portugal seinen wertvollsten Rohstoff, den Zugang zum Atlantik, zu billig und zu schnell verkauft, ohne die langfristigen Kosten für das marine Ökosystem einzukalkulieren.
Der Atlantik ist Schutzgebiet, Arbeitsplatz und Industriezone
Der Blick auf die Karte täuscht. Der Atlantik wirkt unendlich, doch der nutzbare Raum ist eng. Salvador et al. (2018) haben für das benachbarte Galizien gezeigt, wie massiv rechtliche und technische Restriktionen, von Schifffahrtsrouten über militärische Übungsgebiete bis hin zu Naturschutz, die tatsächlich verfügbaren Flächen einschränken. In Portugal ist die Lage ähnlich. Die 10 GW müssen in einen Raum gequetscht werden, der bereits intensiv genutzt wird. Hier prallen Welten aufeinander. Auf der einen Seite die Offshore-Industrie, die Planungssicherheit und exklusive Zonen fordert. Auf der anderen Seite die Fischerei, die um ihre Existenzgrundlage fürchtet. Studien aus Großbritannien zeigen, dass die Koexistenz von Windparks und kommerzieller Fischerei oft ein frommer Wunsch bleibt; in der Praxis werden Fischer verdrängt (Szostek et al., 2025). Boussarie et al. (2023) mahnen in ihrer Analyse zur marinen Raumplanung (Marine Spatial Planning, MSP), dass eine faire Verteilung der Lasten oft vernachlässigt wird. Wenn Schutzgebiete (MPAs) und Windparks ohne Rücksicht auf historische Fischereirechte ausgewiesen werden, droht ein „Ocean Grabbing“, eine Aneignung des Meeresraums durch mächtige Interessen zulasten traditioneller Nutzer. Die ökologischen Unsicherheiten sind dabei keineswegs ausgeräumt. Zwar können Fundamente theoretisch als künstliche Riffe dienen, doch die kumulativen Effekte von Lärm, Vibrationen und elektromagnetischen Feldern riesiger schwimmender Parks auf marine Ökosysteme sind noch unzureichend erforscht (Abramic et al., 2021). Hinzu kommt das Problem der „Verfahrensgerechtigkeit“ (Procedural Justice). Oliveira
et al. (2025) kritisieren am Beispiel Portugals scharf, dass die öffentliche Beteiligung oft zur Farce verkommt. Das Online-Portal „Participa“, über das Bürger Einwände erheben können, sei technokratisch und schließe vulnerable Gruppen faktisch aus.
Der Widerstand wächst: Nicht nur Fischer, auch lokale Umweltgruppen fühlen sich übergangen. Die Frage „Wer entscheidet, wofür der Atlantik genutzt wird?“ wird zunehmend nicht in Küstengemeinden, sondern in Lissabonner Ministerien und den Vorstandsetagen internationaler Konsortien beantwortet. Es droht eine Situation,
in der der Atlantik parzelliert und industrialisiert wird, während die lokalen Anwohner lediglich die visuelle Beeinträchtigung am Horizont und mögliche negative Umweltauswirkungen tragen, ohne von den Gewinnen zu profitieren. Dies ist der Nährboden für massive Akzeptanzprobleme, wie sie bei Onshore-Projekten bereits
bekannt sind (Lennon et al., 2019).
Wer gewinnt, wer bleibt draußen?
Die politische Rechtfertigung für den 10-GW-Plan ruht auf zwei Säulen: Klimaschutz und Industriepolitik. Die Vision einer „Offshore-Fabrik Portugal“ wird beschworen, Häfen wie Aveiro oder Viana do Castelo sollen zu Hubs werden, Werften sollen Plattformen schweißen, tausende grüne Jobs entstehen. Doch ein Realitätscheck anhand der Literatur dämpft die Euphorie. Van Der Loos et al. (2022) analysieren die globalen Wertschöpfungsketten der Offshore-Windindustrie und kommen zu einem ernüchternden Schluss: Entwickler neigen dazu, ihre etablierten, globalen Zulieferer mitzubringen. Für komplexe Komponenten wie Turbinen oder Kabel greifen sie auf den Weltmarkt zurück. Lokale Anbieter kommen oft nur bei technologisch weniger anspruchsvollen, markt-koordinierten Dienstleistungen zum Zug, oder wenn der Entwickler selbst aus dem Land stammt. Da Portugal jedoch kaum eigene Hersteller von Großturbinen hat und viele Projektierer international sind, droht ein Szenario, in dem die Wertschöpfung abfließt. Es besteht die Gefahr einer „Filialisierung“ der portugiesischen Wirtschaft: Die großen Gewinne und das High-Tech-Know-how bleiben bei den Mutterkonzernen in Nordeuropa oder Asien, während vor Ort lediglich Montage- und Wartungsarbeiten durchgeführt werden. Díaz et al. (2022) betonen zwar die Chancen für die lokale Hafenwirtschaft, doch ohne die strikte Verpflichtung, einen gewissen Anteil der Wertschöpfung lokal zu erbringen, könnte der versprochene Job-Boom ausbleiben. Solche Klauseln sind jedoch im EU-Binnenmarkt rechtlich diffizil und treiben potenziell die Kosten, was wiederum dem Ziel günstigen Stroms widerspricht (Van Der Loos et al., 2022). Die Spannung ist offensichtlich: Investoren wollen möglichst wenig Auflagen und freie Lieferantenwahl, um die Kosten zu drücken. Wenn Portugal hier nicht extrem geschickt verhandelt und gezielt in Ausbildung und Forschung & Entwicklung (F&E) investiert, wird der Atlantik zwar voller Windräder stehen, aber die industrielle Basis des Landes kaum gestärkt sein.
Wichtige Kriterien zur Erreichung des 10 GWh-Ziels
Angesichts der massiven Eingriffe und Risiken wäre ein pauschales „Weiter so“ beim
10-GW-Ziel unverantwortlich. Aus der analysierten Literatur lässt sich ein Kriterienkatalog ableiten, der als Test für die Pläne dienen muss. Ein „Nein, so nicht“ ist rational begründbar, wenn:
• Die Standortwahl rein investorengetrieben erfolgt, ohne kumulative ökologische Wirkungsprüfungen, die über das einzelne Projekt hinausgehen. Wie Salvador et al. (2018) und Abramic et al. (2021) zeigen, müssen Ausschlusszonen (No-go-Zonen) für Biodiversität und kulturelles Erbe (Schiffswracks, Landschaftsschutz) Pflicht sein.
• Die lokale Bevölkerung und Fischerei übergangen werden. Wenn „Partizipation“ nur das Abhaken von Online-Formularen bedeutet (Oliveira et al., 2025), ist der soziale Frieden an der Küste in Gefahr. Ohne substanzielle Kompensationsmechanismen und echte Mitsprache verlieren die Projekte ihre Legitimität.
• Die Wertschöpfung exportiert wird. Wenn Portugal nur als Standort dient, aber Technologie und Gewinne abfließen, degradieren wir den Atlantik zur reinen Ressourcenquelle.
Ein „Ja, unter Auflagen“ erscheint jedoch möglich und notwendig, um die Klimaziele zu erreichen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:
• Die Nutzungskonflikte müssen durch eine dynamische und datenbasierte marine Raumordnung gelöst werden, die Fischerei und Naturschutz nicht als Hindernis, sondern als gleichberechtigte Partner sieht (Boussarie et al., 2023).
• Statt nur auf Wind zu setzen, sollten Synergien genutzt werden. Costoya et al. (2022) zeigen das enorme Potenzial von kombinierten Offshore-Wind- und Solarparks, um die saisonale Variabilität auszugleichen und die Netzauslastung zu optimieren. Das würde die Versorgungssicherheit erhöhen und den Flächenverbrauch relativieren.
• Ehrliche Kostenrechnung: Auktionsdesigns müssen die Systemkosten (Netzausbau, Reservekapazität) und die Kapitalkosten ehrlich abbilden. Ein „Race to the Bottom“ bei den Preisen gefährdet die Realisierung der Projekte (Ðukan et al., 2023). Stattdessen sollten Contracts for Difference (CfD) genutzt werden, die Risiken fair zwischen Staat und Betreiber teilen und stabile Rahmenbedingungen schaffen.
• Es braucht Modelle, die über bloße Akzeptanzbeschaffung hinausgehen. Bürgerenergie-Modelle oder direkte Gewinnbeteiligungen für Küstenkommunen, wie von Lennon et al. (2019) diskutiert, könnten den Windparks echte lokale Wurzeln geben.
Die 10 GW Offshore-Wind sind mehr als ein technisches Infrastrukturprojekt. Sie sind ein Testfall dafür, ob Portugal, und exemplarisch Europa, Klimapolitik als demokratisch kontrollierte Gemeinwohlstrategie begreift oder ob der Ozean zum nächsten Schauplatz eines rein profitgetriebenen „grünen Meeres-Business“ wird. Wenn der Atlantik verkauft wird, dann bitte nicht unter Wert, und nicht ohne die Menschen, die an seinen Ufern leben.
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