Not in my Backyard - Was bedeutet das?
In einem früheren Artikel habe ich bereits das hawaiianische Energiesystem beschrieben: eine Inselregion, die noch immer stark von fossilen Importen abhängig ist, gleichzeitig aber das ambitionierte Ziel verfolgt, bis 2045 vollständig auf erneuerbare Energien umzusteigen (Hawaii State Energy Office, o. J.). Doch trotz der Dringlichkeit und der offensichtlichen Vorteile für Umwelt und Klima stößt der Ausbau von Wind-, Solar- und Geothermieanlagen auf Widerstand. Das bekannte Phänomen des „Not in my backyard“ (NIMBY) zeigt sich auch hier – allerdings in einer besonderen kulturellen Ausprägung.
Naturverbundenheit und kulturelle Werte
Die hawaiianische Gesellschaft ist stark von einer tiefen Naturverbundenheit geprägt. Begriffe wie aina (Land) und kai (Meer) stehen im Zentrum des traditionellen Weltbildes. Rituale, gemeinschaftlicher Dienst (community service) und der Respekt vor natürlichen Kreisläufen prägen das Selbstverständnis vieler Hawaiianer. Diese enge Verbindung zur Natur führt jedoch nicht automatisch zu einer uneingeschränkten Zustimmung für jede Form der „grünen“ Energie, wie ich im Gespräch vor Ort erfahren habe.
Wie im Interview mit Kirk Kamanu, Superintendent of Operations bei Hawaiian Electric, deutlich wurde, sind es oft kulturelle und emotionale Aspekte, die über Akzeptanz oder Ablehnung entscheiden. Besonders bei Geothermieprojekten auf der Big Island stoßen Vorhaben auf Widerstand, da viele Einheimische die Vulkangebiete als heilig betrachten – ihre Erschließung wird als Eingriff in spirituelle Räume empfunden (Malia, 2021). Ähnliche Spannungen entstehen auch bei Offshore-Windparks oder Wellenkraftanlagen, da diese potenziell in traditionelle Fischereigebiete und kulturell bedeutsame Meeresräume eingreifen können. Studien des Bureau of Ocean Energy Management (BOEM) zeigen, dass insbesondere traditionelle Fischerei, Navigationsrouten und andere kulturelle Ozeannutzungen der Native Hawaiians durch Offshore-Energieprojekte beeinträchtigt werden könnten (BOEM, 2024).
Bild 1: Community Service – Gemeinsames Reinigen einer Taro-Plantage, North Shore, Oʻahu, Hawaii (26.11.2024)
Interview mit Kirk Kamanu: Zwischen Technik, Kultur und Akzeptanz
Im Gespräch betonte Mr. Kamanu, dass der technische Fortschritt allein nicht ausreiche, um die Energiewende erfolgreich umzusetzen. Die gesellschaftliche Akzeptanz sei der entscheidende Faktor. Er verwies auf Konflikte rund um Windparks auf Oʻahu, wo Anwohner sich über Lärm, visuelle Beeinträchtigungen und Auswirkungen auf heimische Vogelarten sorgten. Diese Einwände ähneln stark den Debatten in Europa, wo Windräder oft ebenfalls als Störfaktor empfunden werden.
Besonders interessant war seine Beobachtung, dass sich viele Einheimische trotz ihrer direkten Betroffenheit von den Folgen des Klimawandels – Küstenerosion, steigende Meeresspiegel, extreme Wetterereignisse – weniger aus ökologischer Überzeugung, sondern stärker aus ökonomischen Gründen für erneuerbare Energien einsetzen. Die hohen Strompreise auf Hawaii und die Abhängigkeit von Ölimporten schaffen einen praktischen Anreiz: Wer Solarpanels auf dem Dach installiert, spart Geld – und tut „nebenbei“ etwas fürs Klima.
Klimawandel als sichtbare Realität
Kaum irgendwo sind die Auswirkungen des Klimawandels so deutlich spürbar wie auf Hawaii. Korallenbleiche, Stürme und der Verlust von Küstenflächen machen die Dringlichkeit des Handelns greifbar. Man könnte annehmen, dass dies automatisch zu einem überragenden intrinsischen Interesse an erneuerbarer Energie führt. Doch die Realität zeigt: intrinsische Motivation allein genügt nicht. Zwischen kultureller Sensibilität, wirtschaftlichen Interessen und landschaftlicher Ästhetik entstehen Zielkonflikte, die nur durch Dialog und faire Beteiligung gelöst werden können
Lehren für die deutsche Energiewende
Was lässt sich daraus für unsere eigene Energiewende ableiten?
Erstens: Akzeptanz entsteht nicht allein durch moralische Appelle. Selbst in einer Region, die unmittelbar unter den Folgen des Klimawandels leidet, werden erneuerbare Projekte kritisch hinterfragt, wenn sie in kulturelle oder wirtschaftliche Lebensräume eingreifen.
Zweitens: Kosten- und Effizienzfragen bleiben entscheidend. Nur wenn die Energiewende für breite Bevölkerungsschichten finanziell attraktiv ist, kann sie auf Dauer erfolgreich sein.
Und drittens: Partizipation und Respekt sind unverzichtbar – Projekte müssen frühzeitig kommuniziert, kulturelle Bedenken ernst genommen und lokale Gemeinschaften einbezogen werden.
Die hawaiianische Erfahrung zeigt: Nachhaltigkeit ist kein rein technisches Ziel, sondern ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Die deutsche Energiewende kann von dieser Haltung lernen – indem sie Menschen nicht nur als Konsumenten, sondern als Mitgestalter einer gemeinsamen Zukunft begreift.
Quellen
Hawaiʻi State Energy Office. (o. J.). Clean Energy Vision.
https://energy.hawaii.gov/clean-energy-vision
(Abgerufen am: 19.11.2025)
Malia, K. (2021). Cultural resistance to geothermal development in Hawaii.
Journal of Indigenous Perspectives, 12(3), 45–56.
(Abgerufen am: 19.11.2025)
Bureau of Ocean Energy Management (BOEM). (2024). Studies Development Plan 2024–2025.
https://www.boem.gov/sites/default/files/documents/environment/environmental-studies/SDP_2024-2025.pdf
(Abgerufen am: 19.11.2025)
Diskutieren Sie mit