Es ist zweifelsfrei wichtig, sich als Gesellschaft sowie individuell mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Zunächst sollte der Begriff Nachhaltigkeit einmal sauber eingeordnet werden. Als Definition hat sich aus dem sogenannten Brundtland-Bericht aus 1987 durchgesetzt: Als nachhaltig gilt eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen“ (Our Common Future, 1987, S. 43). Es geht also um Generationengerechtigkeit, die Erhaltung von Lebensgrundlagen und die Erfüllung von Bedürfnissen. Bei letzterem sollen insbesondere die Grundbedürfnisse der ärmsten priorisiert werden. In der Realität erreichen die öffentliche Diskussion und getroffene Maßnahmen gerade diese Gruppe jedoch häufig nicht. Dies wurde mir in Lima gleich nach meiner Ankunft vor Augen geführt.
Eine Stadt der Gegensätze: Soziale Ungleichheit auf den ersten Blick
Foto: Christopher Rauen
Der Flughafen liegt im Norden der Stadt, die Gegend dort erscheint auf keinem Reiseführer oder Instagram-Beitrag. Ich hatte mit Freunden, die bereits ein paar Tage vorher angekommen waren, ein Airbnb gemietet. Also habe ich mir gleich ein Uber dorthin bestellt. Mit dem Verlassen des Flughafengeländes durchfuhr ich Callao und beim Blick links und rechts abseits der Hauptstraße wurden mir die ärmlichen Verhältnisse, in denen viele Menschen in Lima leben, eindrucksvoll vorgeführt. Der Fahrer hat mir erzählt, dass diese Gegend nichts für Touristen ist und Uber-Fahrer nicht einmal dorthin fahren würden, da es zu gefährlich sei. Die Leute leben dort in selbst gebauten, teils heruntergekommenen Hütten und es liegt vielerorts Müll herum. Dort leben viele mit einfachsten Mitteln. Von nachhaltiger Entwicklung ist dort wenig zu spüren. In den Vierteln habe ich keine LED-Straßenlaternen gesehen und auch keine Recycling-Stationen.
Die Stadt Lima steht also vor großen sozialen Herausforderungen. Die Befriedigung der Grundbedürfnisse vieler Menschen ist nicht gegeben oder unzureichend gegen Gefahren wie Erdbeben abgesichert. Dem entgegen stehen moderne, hoch entwickelte Stadtviertel mit Einkaufszentren, schicken Parks und natürlich die Promenade entlang der beeindruckenden Steilklippen am Meer.
Plastik: Recycling trotz fehlenden Bewusstseins?
Foto: Christopher Rauen
Die Gegensätze könnten kaum größer sein. Es gibt durchaus Entwicklungen und Ansätze für mehr Nachhaltigkeit, jedoch erreichen diese bei weitem nicht alle Einwohner Limas. Die Deutschen werden mitunter als Recycling-Weltmeister bezeichnet und so fiel auch mir gleich das hervorragende Mülltrennungssystem in einigen Teilen Limas auf. Auf den Straßen wird meist Plastik von Papier, Glas und Restmüll getrennt, ähnlich wie in Deutschland. In den Einkaufszentren gibt es große Recyclingstationen und auch an manchen Supermärkten lassen sich vergleichbare Sammelstellen finden. Dabei wurde ich von der Granularität, mit der hier getrennt wird, positiv überrascht. Neben den oben genannten Abfallkategorien sind hier auch Behälter für Kleidung, Elektrogeräte und Bücher eingerichtet und Aluminiumdosen werden hier, anders als bei uns, getrennt von Plastik gesammelt.
Bei letzterer Station wird das Plastik sogar noch weiter unterteilt in Hartplastik und PET. Dabei habe ich in unzähligen Situationen in Peru erlebt, dass der bewusste Umgang mit Plastik nach meinen Eindrücken bei vielen der Menschen noch nicht angekommen ist. Für allerlei Artikel werden dort Plastiktüten verwendet, teilweise werden Produkte gleich mehrfach in Plastik eingepackt.
Es scheint, als fehle bei vielen das Bewusstsein für die Bedeutung von Recycling und die Folgen der extensiven Ressourcennutzung für den Planeten. Plastik wird aus fossilem Erdöl hergestellt und gilt als biologisch kaum abbaubar. Es zerfällt zu Mikro- und Nanoplastik, verbleibt als dieses in der Umwelt und stellt für Ökosysteme sowie die Gesundheit von Mensch und Tier eine erhebliche Bedrohung dar. Im Hinblick auf die Generationengerechtigkeit, die als Kern nachhaltiger Entwicklung definiert wurde, ist dies durchaus kritisch.
Wandel ist das Bewusstsein der Bevölkerung und dafür wiederum benötigt es Aufklärung und Bildung. Von lokalen Verantwortungsträgern wird knappes Budget jedoch häufig als Grund für fehlende Aufklärung und Sensibilisierung beispielsweise zur Kreislaufwirtschaft angegeben. Es braucht also Lösungen auf verschiedenen Ebenen.
Der Regierung scheint das Problem bekannt zu sein. Dafür sprechen die gezeigten Recycling-Ansätze. Speziell für die Sammlung von Plastik finden sich auch Sammelbehälter beispielsweise am Meer.
Gamarra: Wirtschaftsmotor mit Schattenseiten
Foto: Christopher Rauen
Zum Abschluss möchte ich noch von einem weiteren Ort erzählen, der Ausdruck der Gegensätzlichkeit von Lima ist. Gamarra ist das Herz des Shoppings von Lima und gilt als echter Wirtschaftsmotor. Dies jedoch nicht als modernes Einkaufszentrum mit Läden von bekannten Marken, sondern als turbulente Einkaufsstadt in der Stadt mit sogenannten Mikrounternehmen. Gamarra ist ein riesiger Markt für Textilien aller Art, Schmuck und vieles mehr. Es ist laut, es ist voll und Händler sprechen einen von allen Seiten an, um gefälschte Markenklamotten, Fußballtrikots, Schmuck, Haushaltswaren und noch mehr zu Schnäppchenpreisen zu verkaufen. Oft ist die Qualität der Waren überschaubar und hier wird womöglich kein großer Wert auf nachhaltige Herstellung der Textilien gelegt. Dies steht natürlich im Widerspruch zu den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft und zeigt einmal mehr, dass in Lima noch ein weiter Weg hin zu einer zirkulären Wirtschaft zu gehen ist. Andererseits schafft Gamarra Arbeitsplätze und ermöglicht vielen Leuten, sich ein kleines Geschäft aufzubauen. Schätzungen zu Gamarra gehen von bis zu 49.000 Geschäften in Gamarra aus, die rund 350.000 Arbeitsplätze bieten. Diese sind jedoch größtenteils informell und somit fehlt es an sozialer Absicherung, Versicherung und Arbeitnehmerrechten.Gamarra ist also für viele Menschen überlebenswichtig, doch bringt auch Probleme mit sich – sozial wie ökologisch.
Die unzähligen Eindrücke aus Lima nehme ich mit nach Deutschland. Ich habe dort vieles gelernt und bewundere die Gastfreundschaft, die Wärme und die Herzlichkeit, die mir die Menschen dort entgegengebracht haben. Das Land hat mit vielen Problemen zu kämpfen und für viele Menschen ist das Leben dort hart. Doch das Potenzial ist groß und es gibt viele Schritte in die richtige Richtung. Mit Entwicklungszusammenarbeit lässt sich der Verkehr nachhaltiger gestalten. Bildung und Sensibilisierung ist zentral für die Bekämpfung sozialer wie ökologischer Probleme. Entscheidend wird es dabei in Zukunft sein, möglichst viele der Einwohner zu erreichen und die Befriedigung der Grundbedürfnisse abzusichern, um gemeinsam einen Wandel zu einer nachhaltigeren Gesellschaft zu schaffen.
Quellen:
Alvarez-Risco, A., Rosen, M. A., & Del-Aguila-Arcentales, S. (2022): Circular Economy and Recycling in Peru. In: Towards a Circular Economy. CSR, Sustainability, Ethics & Governance. Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-030-94293-9_16
DW (2025): Sismo de magnitud 6,1 causa un muerto en la capital de Perú. URL: https://www.dw.com/es/sismo-de-magnitud-61-causa-un-muerto-en-la-capital-de-per%C3%BA/a-72919574
Global Citizen (2016): Liste der besten und schlechtesten Recycling-Länder der Welt. URL: https://www.globalcitizen.org/de/content/best-and-worst-recyclers-in-the-world/
Moreno Chinchay et al. (2025): Influencia de la conciencia ambiental en los emprendimientos sostenibles del Emporio Comercial de Gamarra, Lima-Perú. URL: https://ve.scielo.org/pdf/prcsh/v7n3/2665-0169-prcsh-7-03-186.pdf
SPDA (2025): Lima: 70 % de las viviendas son altamente vulnerables a un gran terremoto. URL: https://www.actualidadambiental.pe/lima-70-viviendas-vulnerables-terremoto/
World Commission on Environment and Development. (1987). Our common future. Oxford University Press. URL: http://www.un-documents.net/our-common-future.pdf
WWF Deutschland (2020): Mikroplastik in der Umwelt. URL: https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Hintergrundpapier-Mikroplastik.pdf
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