Alpen am Limit – wie viel Urlaub verträgt die Natur?
Die Berge locken jedes Jahr rund 120 Millionen Menschen auf der Suche nach Abenteuer und Erholung. Der Massenandrang schadet oftmals der Umwelt. Dabei geht es auch anders, sagt der Alpen-Experte Georg Bayerle. Ein Gespräch zum UN-Welttag des zukunftsfähigen Tourismus am 17. Februar.
Überfüllte Hütten und plattgewalzte Pisten – kann man noch mit gutem Gewissen Urlaub in den Alpen machen?
Man sollte das sogar tun. Die frische Luft, das saubere Wasser, die weiten Ausblicke und endlich mal keine Hausfassade vor der Nase – das alles macht uns frei und schärft unsere Sinne. Es gehört seit langem zu meinem Beruf, diese Faszination zu vermitteln. Je mehr ich mich mit den Alpen befasse, desto mehr spüre ich, wie sehr ich als Mensch von dieser Erlebniswelt profitiere und wie wichtig es ist, sie zu erhalten. Es kommt also sehr stark darauf an, wie wir in den Alpen unterwegs sind.
Wo richtet der Tourismus Schaden in den Alpen an?
Überall dort, wo zu viele Menschen am selben Ort sind und die Komfortansprüche steigen. Ein Beispiel: Angesichts der Folgen des Klimawandels ist der alpine Skitourismus mittlerweile abhängig von künstlich erzeugtem Schnee. Ich schätze, dass es über die ganzen Alpen hinweg 100.000 Schneekanonen gibt, die viel Strom brauchen für Pumpen, Kompressoren und Kühlung. Um ein Skigebiet künstlich einzuschneien, benötigt man allerdings drei Tage lang möglichstTemperaturen unter minus sechs Grad. Da das immer seltener vorkommt, steigt die Zahl der Schneekanonen weiter. Inzwischen wurden über 1000 künstliche Stauseen angelegt, um den Wassernachschub zu sichern. Das führt zu massiven Eingriffen in die Natur.
Welche schädlichen Entwicklungen des Alpentourismus gibt es im Sommer?
Im Sommer ist es vor allem der Fahrzeugverkehr, der gigantische Ausmaße annimmt. Ein Beispiel sind die Dolomiten, wo schon an normalen Sommertagen unglaublich viele Ausflügler im Auto unterwegs sind. Hinzu kommen besondere Events mit Motorrädern oder Oldtimern, die die Straßen noch mehr belasten. In so manchem Alpental ist in der Hochsaison mehr los als auf dem Hockenheimring – um es mal bildlich zu sagen.
Käme es ohne den Tourismus nicht zur Landflucht in abgelegenen Alpentälern?
Im vergangenen Jahrhundert war der Tourismus sicher ein wichtiger Faktor, um Menschen in entlegenen Naturräumen ein Auskommen zu geben. Wir müssen uns fragen, ob das heute noch genauso gilt: In beliebten Urlaubsorten können sich immer mehr Einheimische keine Wohnung mehr leisten, weil Miet- und Grundstückspreise so stark gestiegen sind. Davon abgesehen, dass es nicht so attraktiv ist, an einem Ort zu wohnen, an dem Hunderttausende Touristen ständig kommen und gehen. Gerade junge Menschen entwickeln zunehmend eigene Lebensentwürfe und empfinden es nicht mehr als selbstverständlich, den elterlichen Hotelbetrieb weiterzuführen. Das Thema Landflucht muss unter diesen Bedingungen neu bewertet werden.
Welche Zukunft sehen Sie für alpine Urlaubsorte?
Die Struktur des Tourismus muss sich ändern. Es geht aber nicht darum, Seilbahnen abzureißen oder Skilifte zu demontieren. Vielmehr ist es wichtig, Wege zu erschließen, die nicht noch mehr Ressourcen verbrauchen. Die Veränderungen in der Natur durch den Klimawandel führen zu Katastrophen wie im Lötschental, wo ein ganzer Ort verschüttet wurde. Kleinere Ereignisse geraten schnell aus dem Blickfeld. In Frankreich wurden im vergangenen Sommer zwei Menschen getötet, als sie im Auto auf der Nationalstraße am Montblanc von einem Bergsturz begraben wurden. Auch am Brenner gab es extreme Unwetterzellen, auch dabei kam es zu Todesfällen. Die Tourismusbranche vermarktet die Alpen aber weiterhin als heile Welt. Auf Dauer wird sich diese Diskrepanz nicht aufrechterhalten lassen.
Wie kann man in den Alpen nachhaltig Urlaub machen?
Ein gutes Beispiel ist der Nationalpark Berchtesgaden mit seiner beeindruckenden Natur rund um den Watzmann und den Königssee. In diesem Gebiet wird nicht mehr gebaut und es werden keine neuen Straßen oder Anlagen erschlossen. Tiere und Pflanzen können sich dort ungestört entwickeln. Trotzdem besuchen jedes Jahr etwa 1,6 Millionen Menschen diese Natursehenswürdigkeit. Obwohl es keine Partyorte gibt, kommen besonders viele junge Menschen dorthin.
Welche Rolle spielen Bergsteigerdörfer, die für sanften Tourismus stehen?
Die Bergsteigerdörfer, wie in Ramsau bei Berchtesgaden, gehören zu einer Initiative von Alpenvereinen aus mehreren Ländern. Sie haben sich verpflichtet, ihre alpine Landschaft, Kultur und Tradition besonders zu schützen. Statt Massentourismus konzentrieren sie sich auf Bergsteigen, Wandern und Naturerlebnis. Mittlerweile gibt es knapp 40 Bergsteigerdörfer, darunter Namen wie, Schleching, Hüttschlag, Sankt Jodok am Brenner und Valle di Mello.
Wie beurteilen Sie politische Initiativen wie die Alpenkonvention, die acht Staaten 1991 unterzeichnet haben?
Sie ist ein wichtiges Vertragswerk und setzt sich für Natur und Biodiversität ein. Weitere Ziele sind die Koordination von Verkehr, Tourismus und Raumplanung, aber auch die Sicherung der Lebensgrundlagen im Alpenraum. Die Konvention wird allerdings nicht ausreichend durchgesetzt, da es dafür in der Politik an Leidenschaft und Initiative fehlt.
Gibt es für die Alpen einen Weg für Wohlstand jenseits des herkömmlichen Tourismus?
Dafür gibt es eindrucksvolle Beispiele – etwa im Bregenzerwald in Österreich. Die Holzwirtschaft prägt die Region seit Jahrhunderten. Lange galt Holz als Baustoff für einfache Verhältnisse. Das hat sich grundlegend verändert: Heute ist der Holzbau zu einem Trend moderner Architektur geworden. Diese Dynamik trägt zum wirtschaftlichen Wohlstand der Region bei. Die alpine Architektur, die im Bregenzer Wald entstanden ist, hat sich zu einem Tourismusschlager entwickelt. Und wir reden hier nicht von Gartenlauben, sondern von mehrstöckigen Wohnhäusern und Verwaltungsgebäuden.
Wo ist Ihr Lieblingsort in den Alpen?
Meine Großeltern hatten ein Haus am Eingang zum Lechtal. Dort habe ich als Kind viel Zeit verbracht. Die Gegend ist sozusagen meine Bergheimat. Die Landschaft ist wild und die Natur intakt. Seilbahnen zu bauen oder die Region irgendwie zu erschließen, macht überhaupt keinen Sinn. Dafür sind die Felsen zu steil und zu schroff. Die Berge zeigen gewissermaßen ihre Zähne. Das gefällt mir sehr.
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