Am 2. Februar ist Welttag der Feuchtgebiete. Sylvia Pilarsky-Grosch, Vorsitzende des BUND Baden-Württemberg, erläutert die zentrale Funktion der Wasser- und Kohlenstoffspeicher für Umwelt und Natur.
Warum sind Feuchtgebiete so wichtig?
In der Natur sind Feuchtgebiete von großer Bedeutung, weil Amphibien, Vögel, Insekten und Säugetiere einen Lebensraum finden. Aber auch viele geschützte Pflanzen sind dort zu finden. Zum Beispiel Torfmoose, Sumpfgladiole oder Wasserschwertlilien. Vor allem Moore gehören zu den artenreichsten und zugleich am stärksten bedrohten Lebensräumen.
Welche Rolle spielen Moore für den Klimaschutz?
Moore sind natürliche Kohlenstoffspeicher, bedeckt mit einer dicken Torfschicht, wo sich Jahrtausende alte Pflanzenreste unter Abschottung von Sauerstoff ganz langsam zersetzen. Trocknen diese Flächen aus, löst sich das darin seit Jahrtausenden gespeicherte CO2, steigt in die Atmosphäre, wo es die Erderwärmung verstärkt. Wie gravierend dieser Effekt ist, zeigt sich daran, dass Moore nur drei Prozent der Erdoberfläche bedecken, aber rund 30 Prozent des weltweiten Bodenkohlenstoffs speichern.
Warum trocknen Moore aus?
Seit es Menschen gibt werden Moore und andere Feuchtgebiete trockengelegt, um sie als Acker oder Weide zu benutzen. Die Forschung geht davon aus, dass in den vergangenen 300 Jahren die Flächen für Feuchtgebiete weltweit um rund ein Drittel zurückgegangen sind. In den vergangenen Jahrzehnten hat der Abbau von Mooren und die Trockenlegung von anderen Feuchtgebieten wie Sümpfen, Auen und Mangroven besonders stark zugenommen.
Wie stark trägt der Kauf von Blumenerde zum Abbau von Torfmooren bei?
Global gesehen ist der Anteil natürlich gering. Aber man sollte den Effekt nicht unterschätzen. Denn auch das, was die einzelne Person tut, kann zu einer Bewusstseinsänderung beitragen, die dann wiederum auf den Handel einwirkt und die Politik beeinflusst. In Deutschland zum Beispiel wird nur noch sehr wenig Torf für Blumenerde abgebaut. Im Baltikum hingegen sind die Mengen nach wie vor hoch.
Wenn ein Moor entwässert wurde, wie lässt es sich renaturieren?
Die Böden werden wieder vernässt, indem man Entwässerungsgräben schließt, Wasser gezielt staut oder umleitet oder Gräben auffüllt. So steigt der Wasserstand wieder – oft mit einfachen Dämmen oder natürlichen Barrieren, wie sie etwa Biber bauen. Das Problem ist der Zugriff auf die entsprechenden Flächen, die sich oft in viele Parzellen teilen und verschiedene Eigentümer haben.
Wird in Deutschland genug getan, um Feuchtgebiete zu schützen?
Es gibt den politischen Willen zum Umdenken und wichtige Entscheidungen sind getroffen. Unter der vorigen Bundesregierung wurde zum Beispiel beschlossen, Moore wieder zu vernässen und Photovoltaikanlagen darauf zu bauen. So lässt sich die Fläche gewinnbringend nutzen, ohne klassische Landwirtschaft zu betreiben. Im Prinzip eine gute Idee. Die dafür notwendige Förderung lässt jedoch auf sich warten.
Welche Probleme gibt es bei der Förderung von Photovoltaik auf wieder vernässten Flächen?
Die Vorgehensweise ist sehr teuer. Wer Photovoltaikanlagen auf wieder vernässten Mooren errichtet, der benötigt eine höhere Förderung als sie für herkömmliche Freiflächenanlagen vorgesehen ist. Die dafür nötigen Beschlüsse fehlen aber noch.
Welche Rolle spielt Paludikultur, also der Anbau von Pflanzen in Feuchtgebieten?
Das ist interessanter Ansatz, der erforscht und in ersten Pilotbetrieben getestet wird. In Oberschwaben wird zum Beispiel Pferdefutter in Paludikultur angebaut. In der Viehhaltung wird mit Wasserbüffeln experimentiert, also mit Arten, die sich wohl fühlen, wenn sie im Wasser stehen. Auch Baustoffe wie Reet lassen sich so gewinnen. Derzeit steht der Aufwand allerdings in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ertrag. Bis zu einer breiten kommerziellen Nutzung der Paludikultur dürfte es noch ein langer Weg sein.
Warum helfen Feuchtgebiete beim Hochwasserschutz?
Feuchtgebiete wirken wie natürliche Schwämme. Sie speichern große Mengen an Wasser. Der Boden saugt sich also schnell voll, gibt das Wasser aber langsam wieder ab. Auen und andere Feuchtgebiete wirken wie natürliche Regenrückhaltebecken. Bei Starkregenfällen schützen sie Siedlungen. In Baden-Württemberg soll zum Beispiel das integrierte Rheinprogramm dabei helfen. Gemeinsam mit dem Nachbarn Frankreich sollen Rückhalteräume geschaffen werden, um die Hochwassergefahr einzudämmen. Technisch ist das zum Beispiel mit einer Deichrückverlegung möglich. Dadurch bilden sich aus trockenen Flächen Auen – was nicht nur den Hochwasserschutz verbessert, sondern oft auch das Landschaftsbild verschönert.
Diskutieren Sie mit