Mobilität in Deutschland: „Es gibt eine Tendenz, sich vom Auto zu befreien.“

Andreas Knie

Verkehrsforscher

Andreas Knie ist Professor für Soziologie an der Technischen Universität Berlin, leitet die Forschungsgruppe "Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung" am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und war Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel. Er gehört zu den renommiertesten Verkehrsforschern Deutschlands.

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26. November 2025
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Der Berliner Verkehrsforscher Andreas Knie ist überzeugt, dass die Menschen in Deutschland auf Fahrten im eigenen Wagen verzichten könnten. Ein Gespräch zum Welttag des nachhaltigen Verkehrswesens am 26. November. 

 

Kann Deutschland nachhaltig mobil sein?

Ich halte es für ungerecht, dass Leute mit Auto mehr Platz eingeräumt bekommen als die ohne Auto.

Andreas Knie

Redaktion: Ausgefallene Fernzüge, verspätete Regionalbahnen und die Elektromobilität kommt nicht in Fahrt. Kann man in Deutschland nachhaltig mobil sein, wenn man nicht zu Fuß gehen will? 

Andreas Knie: Die Versorgungsqualität ist tatsächlich schlecht, da gebe ich Ihnen Recht. Das gilt für die Verkehrsträger Straße, Schiene und Luft gleichermaßen. Zu Fuß zu gehen, ist daher die einfachste Art sich fortzubewegen, wobei man natürlich einschränken muss, dass die Reichweite begrenzt ist.  

Redaktion: Treffen die Einschränkungen alle Menschen gleichermaßen oder gibt es Unterschiede? 

Andreas Knie: In Studien lässt sich nachweisen, dass ärmere Schichten in Deutschland nicht benachteiligt sind, wenn es darum geht von einem Ort zum nächsten zu kommen. Unterschiede bestehen eher in der Qualität. Wer Geld hat, kann sich zwischen mehreren Verkehrsträgern entscheiden, also zum Beispiel ein privates Auto, öffentliche Verkehrsmittel oder Carsharing nutzen. Ärmere Menschen sind hingegen monomodal unterwegs und meist auf Busse, S- und U-Bahn angewiesen. Mit anderen Worten: Reiche sind schneller am Ziel.  

Redaktion: Geht es im Verkehrswesen gerecht zu?  

Andreas Knie: Ich sehe eher ein Verteilungsproblem. Rund 80 Prozent der öffentlichen Straßenflächen in Städten sind für fahrende und parkende Autos reserviert. An Orten wie Berlin ist das Auto aber nur an 20 Prozent der Wege beteiligt. Öffentlicher Raum wird also für das Privileg Weniger reserviert und steht Anderen somit nicht mehr zur Verfügung. Ich halte es für ungerecht, dass Leute mit Auto mehr Platz eingeräumt bekommen als die ohne Auto.  

Der Deutschen liebstes Hobby: das Auto

Bis in die 1950er Jahre waren wir ein Eisenbahnland. Das hat sich danach verändert.

Andreas Knie

Redaktion: Warum haben Autos in Deutschland so einen hohen Stellenwert? 

Andreas Knie: Wir haben uns zu lange auf das Auto fokussiert – etwa mit steuerlichen Vergünstigungen oder einem einseitigen Ausbau der Infrastruktur. Diese Entwicklung fing 1933 im Nationalsozialismus an und ging bis weit in die 1980er Jahre. Viel zu spät haben wir erkannt, dass es auch die Schiene gibt.  

Redaktion: Ist das Auto noch immer ein Liebling der Deutschen? 

Andreas Knie: Das ändert sich. Es gibt eine Tendenz, sich vom Auto zu befreien. Es wird weniger genutzt und zumindest privat auch weniger gekauft. Problem ist, das es keine Alternativen gibt. Zumal die Deutsche Bahn, aber auch die Verkehrsbetriebe vieler Kommunen in einem Sanierungsstau stecken.  

Redaktion: Sehen Sie politische Bestrebungen, die Abkehr vom Auto zu fördern? 

Andreas Knie: Egal, welche Partei in den vergangenen Jahren an der Regierung beteiligt war, es gab keine substanzielle Schwächung der Vorrechte des Autos. Weder beim Dienstwagen-Privileg noch bei der Dieselsubventionierung oder der Entfernungspauschale. Wir haben weiter das Auto im Fokus.  

Redaktion: Worauf führen Sie die Vorherrschaft des Autofahrens zurück? Ist es die viel gescholtene Lobby der Hersteller? 

Andreas Knie: Ich glaube, deren Einfluss ist geringer als viele glauben. Es liegt an uns allen. Bis in die 1950er Jahre waren wir ein Eisenbahnland. Das hat sich danach verändert. Der Gedanke, dass wir immer mehr Autos brauchen und die Fahrzeugindustrie unterstützen müssen, der ist uns irgendwie in die Gene gerutscht und lässt die Politik darüber hinwegsehen, dass wir tatsächlich weniger Auto fahren als früher. Ein Selbstbetrug. 

Fehlt der Mut zur nachhaltigen Veränderung?

Wenn weniger gefahren wird, können die Privilegien des Autos abgeschafft werden, was rund 100 Milliarden Euro bringen würde. Das Geld könnte in andere Bereiche fließen – wie zum Beispiel Klimageld.

Andreras Knie

Redaktion: Gibt es auch Einigkeit beim Tempolimit auf der Autobahn? 

Andreas Knie: Alle Umfragen belegen, dass die Mehrheit der Deutschen ein Tempolimit begrüßt. Aber keine Regierung traut sich, diese gesellschaftlichen Veränderungen aufzugreifen, weil sie glaubt, wir würden damit gegen unsere Natur arbeiten.  

Redaktion: Das Auto steht für die individuelle Mobilität. Könnten wir einfach darauf verzichten?  

Andreas Knie: Die Individualität im Verkehrswesen wächst. Das Auto hat die Tendenz lange beflügelt, ist aber längst abgelöst worden und zwar durch die Digitalisierung. Mit meinem Smartphone kann ich Verkehrsmittel individualisieren, in dem ich mir aussuche, ob ich Auto fahre, U-Bahn, Sharing-Modelle oder ein Taxi nutze. Die Digitalisierung erlaubt uns, überall dort unterwegs zu sein, wo die physischen Grenzen des Autos kein Weiterkommen erlauben.  

Redaktion: Allerdings erlaubt uns das eigene Auto, spontan überall hinzufahren, wo wir wollen.  

Andreas Knie: Das war lange die Schokoladenseite des Autofahrens. Aber mit der Zeit hat uns diese Freiheit dazu gebracht, auch überall hinfahren zu müssen – weil wir es können. Die Zwänge der Pandemie haben uns dazu gebracht, diesen Lebensstil zu überdenken. 

Redaktion: Das bedeutet, die nachhaltigste Reise ist die, die gar nicht stattfindet? 

Andreas Knie: Auf jeden Fall. Ein Elektromotor ist zwar besser fürs Klima als ein Verbrennungsmotor. Aber noch besser ist es, zu Hause zu bleiben oder zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs zu sein. Mit Hilfe der Digitalisierung verzichten tatsächlich immer mehr Menschen auf Reisen. Das wird auch am Flugverkehr deutlich. Wir sind 2025 erst bei 72 Prozent des Niveaus vor Corona. Das hat mit dem Erfolg der digitalen Kommunikation zu tun, aber auch mit einem veränderten Bewusstsein. Viele Menschen spüren, dass Fliegen nicht gut ist, zumal es immer schwieriger wird, in ein Flugzeug zu steigen – durch Sicherheitsbestimmungen oder auch Flugausfälle.  

Redaktion: Dennoch: Fast ein Drittel der CO2-Emissionen in Deutschland entstehen mittlerweile im Verkehrsbereich. Was soll eine Regierung tun, um die Verkehrswende voranzubringen? 

Andreas Knie: Sie sollte vor allem die Stimmung und das Verhalten der Bevölkerung zur Kenntnis nehmen und ihre Maßnahmen danach ausrichten. Dabei geht es auch um ein neues Bild von Modernität. Es gibt nach wie vor die Haltung, dass nur ein Volk, das viel fliegt, auch ein modernes Volk ist. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Die für 2026 geplante Senkung der Luftverkehrssteuer geht am Zeitgeist vorbei. Eine ähnliche Situation sehen wir auf der Straße. Wenn weniger gefahren wird, können die Privilegien des Autos abgeschafft werden, was rund 100 Milliarden Euro bringen würde. Das Geld könnte in andere Bereiche fließen – wie zum Beispiel Klimageld. Mehrere Erhebungen belegen, dass eine Mehrheit der Deutschen ein hochentwickeltes Umweltbewusstsein in Sachen Mobilität hat. Ich bin sehr zuversichtlich, dass solche Maßnahmen erfolgreich sein würden.  

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch.  

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